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Versuche und Aufzeichnungen

Der Unterschied zwischen Erde und Porzellan
oder
Leben und Kunst
oder
Erfüllung und Betrachtung

eine blume steht auf dem felde und blüht still vor sich hin. eine andere blume steht in einer vase und blüht. beide fußen in erde (porzellan ist aus einer besonderen art erde), aber die eine lebt, die andere stirbt. in beiden situationen kann es passieren, daß ein dichter der blume begegnet und ein gedicht darüber schreibt. von zweien solcher gedichte soll im folgenden die rede sein: von Fritz Usingers Eine Blume und Max Kommerells Kamelie in weißer Porzellanvase. beides sind gute gedichte, aber das von Usinger hat mehr wahrheit, das von Kommerell mehr schönheit.


Fritz Usinger: Eine Blume

in Fritz Usingers gedicht Eine Blume geht es um die erfüllung im sich-verschenken, um das einzige irdische glück: das des werdens und vergehens im einklang. es ist ein scheinbar einfaches gedicht, das eine irdische und menschliche wahrheit im bilde sinnfällig macht.

 

EINE BLUME

 

Einmal zu blühen! einfach eine Blume

Aufschlagen groß und weiß

Über dem dunklen Grund der Krume,

Mit einem Dufte leis —

 

Und niemand weiß, wer ihn geschaffen hat.

Aber ich habe ihn

Still so wie Stiel und Blatt

Und schenke ihn hin.

 

Nehmt! Nehmt! Ich zähle nicht

Die Gabe,

Die aus meinem Kelche bricht,

Glück, das ich zu tragen habe.

 

Denn wer sie mir zubereitet hat,

Kann ich euch nicht sagen.

Ja, ich trage sie an Herzens statt.

Warum soll ich fragen?

 

Wenig ist es! Eurem Auge nicht

Sichtbar. Doch es muß

Einmal ein unnennbar Angesicht

Mir genaht sein und mit einem Kuß.

 

Und nun quillt das himmlische Arom

Aus mir seit der Zeit:

Aus der Armut solch ein Strom

Von Unirdischkeit.

 

In den Gräserwald gebückt,

Unscheinbar,

Wachsend und verzückt

Daure ich mein Jahr —

 

Das ist alles: Nichts als aus der Krume

Steigen und bestehen in der Wesen Kreis.

Einmal zu blühen! Einfach eine Blume

Aufschlagen groß und weiß!

 

die ersten beiden verse der ersten strophe werden in den letzten beiden versen der letzten strophe wiederholt. in diesen beiden strophen spricht der dichter, sie stehen im optativ und bilden den rahmen für die inneren strophen, in denen die blume spricht. der übergang von der dritten person zur ersten ist etwas unvermittelt, doch gewinnt das gedicht dadurch, daß die blume selber spricht, an unmittelbarkeit.

in der ersten strophe wird das thema angeschlagen. das thema heißt nicht: "Einmal zu blühen!" — dann wäre dieses gedicht lediglich eine feier der schönheit und um eine ganze dimension ärmer. es ist aber eine feier des lebens, des vergänglichen lebens, und der erfüllung des lebens durch seine steigerung ins geistige. das thema heißt: "Einmal zu blühen [...] mit einem Dufte leis", aus der verhaftung im irdischen einmal zur fülle des lebens gelangen und sein innerstes verwandelt, vergeistigt dahingeben: sich mitteilen. das wichtigere ist nicht das blühen, sondern der duft, das geht aus den folgenden strophen hervor, in denen die blume spricht, und in denen ausschließlich vom duft der blume die rede ist. dieser duft ist eine gottesgabe, eine gnade, er ist "himmlisch", "ein Strom von Unirdischkeit". es geht nicht nur um die vollendung, die im blühen liegt, es geht vor allem um die teilhabe an "der Wesen Kreis" durch das verschenken des eigenen innersten wesens, welches allein mit irdischen mitteln nicht möglich wäre. so sieht es Usinger, und das ist vielleicht eine weitere schwäche dieses gedichtes, daß es nicht ohne eine überirdische instanz auskommt. ein leben der blume, in dem ihr leibliches wie ihr geistiges als gleichermaßen irdisch aufgefasst würde, wäre ein noch größeres wunder, und das gedicht wäre womöglich noch wahrer dadurch, wenn man eine solche steigerung zulassen will.

die letzte strophe ist eine abgewandelte wiederholung der ersten und gibt damit dem gedicht eine fassung; beide strophen stehen, wie ich eingangs sagte, im optativ, in ihnen spricht der dichter, der seinen wunsch ausdrückt, es der blume gleichtun zu können. dieser wunsch läßt sich auf zweierlei weise verstehen: auf der menschlichen ebene als verlangen nicht nach einem 'schönen leben' (das wäre nur die blüte), sondern nach einem erfüllten leben; auf der künsterischen ebene als hoffnung, der gnade des gedichtes teilhaftig zu werden. diese hoffnung war nicht vergebens, denn das gedicht Eine Blume beschreibt in sinnbildlicher form sich selbst im prozess seiner entstehung und ist damit gleichzeitig die erfüllung des wunsches, den es äußert.


Max Kommerell: Kamelie in weisser Porzellanvase

In Kommerells gedicht geht es um die vereinigung von natur und kunst und ihre gegenseitige steigerung im ästhetischen objekt. Kamelie in weißer Porzellanvase ist ein makelloses gedicht, von vollkommener übereinstimmung von form und gehalt, edel, elegant, kurz: ein perfekter kunstgegenstand — und so leblos wie das arrangement, das es beschreibt.

 

KAMELIE IN WEISSER PORZELLANVASE

 

Erde — nicht die Krume

Die dich trug, noch gestern,

O Kamelie — nein:

Erde, die durchscheinend ward und klingt,

Hält als Gefäß

Dich, von deiner Schwestern

Keinem Laube mehr umringt,

In dein zweites Sein:

Form, der Blume

So gemäß,

Daß sie gestillt in deinen Frieden steigt.

Aber du

Mit allem was du bist,

Tödlich rein

In dich gehend,

Fügest, leise dein Haupt geneigt,

Einem Menschen zu,

Daß, Blume und Gefäß als eins verstehend,

Er weise ist.

 

die vase, ehemals erde, ergibt im verein mit der kamelie, ehemals lebend, einen vollkommenen gegenstand der bewundernden und bedenkenden betrachtung.

die vase, zum kunstwerk veredelte erde, ist "durchscheinend", nicht mehr dumpf und ungeformt, sondern durchlässig für das licht und verständlich, und sie "klingt". sie hat durch die schöpferische hand des künstlers eine form und einen ausdruck bekommen. man kann das durchaus als analogie zur schaffung des menschen aus einem klumpen lehm auffassen. allerdings klingt sie nur, wenn man daran schlägt — der unterschied zum lebendigen wesen.

die kamelie, zwecks beförderung in den rang der kunst (das "zweite Sein") entleibte blume, "steigt" "gestillt" in den "frieden" der vase: den frieden des grabes. sie ist "Tödlich rein", versetzt in einen leidlosen und leblosen zwischenzustand, der nur dazu dient, dem betrachter dieses arrangements einen augenblick ästhetischer befriedigung zu verschaffen sowie die zweifelhafte weisheit, die sich aus der einsicht gewinnen lässt, daß natur und kunst in ihrer vereinigung mehr sein können als die summe ihrer einzeleigenschaften. der haken bei der sache ist, daß das gesteigerte sein, das aus der vereinigung von natur und kunst resultieren kann, nicht von dauer, daß diese vollkommenheit die vollkommenheit des todes ist.

das gedicht ist damit ein später nachfahre des l'art pour l'art. Kommerell interessiert nicht die blume an sich, sondern die blume als objekt der bewunderung und betrachtung, als mittel, um im übergang vom leben zum tod die höchste erreichbare formale vollendung betrachtend zu genießen.

das arrangement von vase und blume ist eine sehr geistvolle, abgehobene, aber sterile angelegenheit, makellos schön aber ohne anteil zu erwecken. ganz das gleiche läßt sich auch von dem gedicht selbst sagen.