Seiten der Dichtung

Oskar Loerke:
Der Steinpfad

 

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Ins Netz gestellt am 4. September 2012

Oskar Loerke: Der Steinpfad

DER STEINPFAD

 

Wer weiß? Ein Strauß, am Acheron gepflückt,
Ob er den Raum hier oben auch wohl schmückt ?

 

 

1

 

Ich steige, wie der Steinpfad steigt.

Wir enden bald und ohne Ziel.

Ich kehre um, er kehrt geneigt -

Es ist ein Spiel und ist kein Spiel.

 

Im Winter schwärzt sich, seinem Anfang nah,

Der Dornenkranz der Pergola.

Im Sommer führt zu ihrer Rosenuhr

Die gleiche Schrittzahl ohne Spur.

 

Am Ende ist ein Steinquadrat,

In einer Ecke steht ein Pfirsichstamm.

Der Weg hinauf ist mir mein Freundschaftspfad.

Mir folgt die Welt, ein junges Lamm.

 

Ich frage: sprichst du? - »Deine Rede!«

Die Pfirsichkugeln glühn Urfehde.

 

 

2

 

Hier dieses ist der junge Raum,

Der alte ist verschollen.

Wenn seines Jenseit-Meeres Brecher rollen,

Zeigt sich am Himmel eine stille Flocke Schaum.

 

Am Wege liegt des Nachbarkindes Puppe

Mit starren Gliedern auf dem Rücken,

Die Augen auf der fernen Flocke,

Als banne sie ein Furcht-Entzücken:

Nie netzt das Jenseits meine Locke, -

Auch ich bin jenseits! - nie die Fingerkuppe.

 

 

3

 

Der Stein ist hier zu End, hier treibt die grüne Kraft.

Du wünschst, dort stehe eine Steinlaterne,

Chinesisch, großer Meister zu gedenken,

Und nahe gegenüber ihrem Schaft

Ein niedrer Sitz zum Sichversenken.

Am Fuß ihm liegen Pfirsich-Purpurkerne,

Vom Fleisch entblößt, noch naß vom Saft.

Gehackt hat eine Amsel, ein Häher gescholten,

Dann gilt nicht mehr, was eben hat gegolten.

Nach unten siehst du Wüsten unter dem Rasen,

Nach oben Wüsten hinter den Wolkenoasen;

Wüsten endet ein Pflasterpfad und mündet

In einem Viereck aus schweren Platten.

Wo mag das sein? - Ein fremder Mann entzündet

Die heimische Laterne aus Basalt.

Wirklich ist er: er wirft einen Schatten.

Mein Schatten aber hat Baumes Gestalt,

Ich rage sausend über der Abendleuchte.

Der Mann im weiten Kittel aus schwarzer Seide

Erhebt das Auge, das verzückungfeuchte.

Von Weisheit voll und also leer von Leide,

Nimmt er den Wipfel, der über ihm weht,

Tief in sein Schweigen, bevor er geht.

 

 

4

 

Wer wir sind, die dir, du Dummer,

Trübend vor der Sonne liegen? -

Nur ein Knirschen, nur ein Kummer

Aus den uns verlornen Kriegen;

Gute Knechte.

 

Damals hast du Schweiß vergossen,

Grimme Saat wie Drachenzähne;

Daraus sind wir aufgeschossen,

Blecken, Schakal und Hyäne,

Deine Knechte!

 

»Meine Knechte? -

Aus dem Licht mit schlappen Ohren!

Daß die Flächen voll sich sonnen!

Jene Kriege, euch verloren,

Sind seit heut für mich gewonnen.«

 

 

5

 

Jetzt pfeift ihr, junge Brut! Es ist kurzher.

Vom ältern Tage trennt den Tag ein Meer.

Ein Rotschwanz stürzte aus dem wilden Wein,

Sein Auge starb in meine Hand hinein.

 

Ein zweiter ließ des ersten Sonne gehn.

Ihm reicht der Kehle und der Flügel Schlag

Nicht übers Meer von ein zum andern Tag,

Weils die am andern Ufer nicht verstehn.

 

 

6

 

Wann läßt du Schön und Häßlich, Feig und Kühn,

Wie diese tun und diese tun: sie blühn.

Sie blühen ohne Tiefsinn, ohne Scham,

Weil ihnen niemals ein Besucher kam.

 

Petunie, Glockenblume, Fingerhut,

Sind so sie selbst, daß dich ihr Name schreckt.

Kein Wesen rings hat seinen Kopf bedeckt,

Und alle Wesen gehen unbeschuht.

 

 

7

 

Lautlos ging die Rosenuhr.

Rote Blätter lagen

Auf der Treppe vor dem Flur

Zu dem Haus der Sagen.

 

Auf den Stufen der Augur,

Knie um Knie geschlagen,

Schlief beim Gang der Rosenuhr -

Längst aus allen Tagen,

 

Längst schon ein Gerippe nur,

Los von Milz und Magen,

Unter grüner Stachelschnur -

Ohne daß der Himmelswagen

Aus dem Weltraum weiterfuhr.

 

 

8

 

Fühlst du dich fremd auf deinem Pfade,

So flehe nicht um Fremdlings Gnade,

Denn Fremde sind wir, die da grünen,

Die niemals sich zu dir erkühnen

Wie du zu uns. Alldonner schallen -

Verlassen bist du von uns allen.

 

Wir Bäume reden nur als Bäume,

Mißhöre nicht für dich: nun säume!

Wir rollen unsern Kronenschatten,

Wie wir ihn ohne dich schon hatten,

Und schwenken unsre Düfteschwaden

Für uns: nicht deine Kameraden.

 

Wenn deine Ohren uns beschleichen,

Meinst du in unser Reich zu reichen,

Berührst das Borkige und Harte

Und meinst, wir flüsterten: ich warte!

Und glaubst, wir wären da, die Fernen.

Wie willst du unsre Sprache lernen?

 

Was hörst du aus der Wurzeln Kammern?

Es greint? — Das ist dein eignes Jammern!

Und hättest du sie ausgegraben

Und könntest ihr Geflecht beschaben,

Du ahnst nicht, was ihr Fuß erklommen,

Wohin sie gehn, woher sie kommen.

 

 

9

 

Im Fugenzickzack wuchs das Buch der Jahre;

Ich las bei Traum und Fieberschweiß.

Da drangen aus der Welt drei Unsichtbare

In meinen sonnenstillen Kreis.

 

Sie drängten durch die Gatterpforte,

Die Steine glänzten regenblank.

Am Glanz vorüber, ohne Worte,

Vertauchten sie im Schattengang.

 

Dort sprachen zwei, und jeder wußte besser,

Was irdische Verstrickung, was Verhängnis sei.

Der dritte schwieg und schwang das Schlächtermesser,

So schien es, über einem jener zwei.

 

Und wie sich der mit Klagen wehrte,

Der andere mit ihm nach Weisheit floh,

Der dritte schwieg, - erschrak ich: ich begehrte

Mein Schattenlos zurück, der Sonne nicht mehr froh.

 

Erste Stimme:

Vom Leben bin ich ausgeweiht.

Ich diene schwach und hilfelos,

Da nimmst du mir ein wenig;

Du tust mir mit dem kleinen Stoß,

Vergiß es nicht, ein großes Leid.

Du nahmst mir immer nur ein wenig,

Darum ist auch dein Glück nicht groß,

Es freut dich nur ein wenig,

Was du mir nahmst, ich blieb bereit

Und hielt mit Hundepfoten wahrhaft

Den abgenagten Knochen Zeit,

Und sieh, er war nicht nahrhaft.

Es rettet mich kein Wille mehr

Und keine List und Gegenwehr.

Vom Leben bin ich ausgeweiht.

 

Zweite Stimme:

Ach glaube nur, was einem Menschen angetan wird,

Wird allen Menschen wehgetan.

Und wenn die Schar der Enkel aus der Bahn irrt,

So leidet noch der eine Ahn.

 

Erste Stimme:

Zum Ahngreis machst du mich, um mich zu trösten?

Willst du die Kette mir auch rückwärts schmieden?

Der Spott posaunt und nicht der Frieden,

Nennt man die Toten die Erlösten.

 

Der Dritte schweigt.

 

Zweite Stimme:

Es zuckt mein Mund, er mag nicht sprechen,

Denn was ich denke, hast du vorbedacht.

Zu beugen bist du nicht, nur zu zerbrechen,

Doch bricht man dich, zerbrichst du jede Macht.

 

Erste Stimme:

Ich weiß. Die Macht von einst zerbricht, nur heute nicht die Scham.

Ich habe immer Gäste gehabt,

Die Sorge, den Kummer, den Gram.

Sie waren gescheit und waren begabt

Und wollten essen, und jeder nahm.

Ich werde mit künftiger Macht gelabt,

Und meine Gegenwart ist Scham.

 

Dritte Stimme lacht, schweigt.

 

Der Dritte schwieg, der Zweite und der Erste fochten,

Bis ihre Stimme mit dem Leben floh,

Wie Flammen sich an ungenährten Dochten

Ins Dunkel winden: ach, wir dürsten so!

 

 

10

 

Auch ich lustwandelte mit einem Gaste.

Er war verborgen, doch nicht fremd.

Nun glühte meine Achsel durch das Hemd.

»Verzeih, wenn ich nach deiner Schulter taste.

 

Laß uns ein wenig in der Sonne bleiben!«

Es war, als ob er niedersitze,

Mit eines Zittergrashalms Spitze

Auf heiße Kalksteintafel aufzuschreiben:

 

»Was hülf es dir, wenn du die Welt gewönnest

Und nähmest Schaden« - hieß es Wort um Wort,

»An deiner Seele. - Wenn du heut begönnest

Und wüschest tausend Jahr, das wüschest du nicht fort.«

 

Dann hielt er ein und schrieb nicht mehr.

» Sieh, über uns das blaue Herz ist offen.

Sind alle Qualen darin eingetroffen,

Das blaue Herz bleibt qualenleer.«

 

 

11

 

Habt ihr eure Kehle heiser,

Euren Rachen wundgeschrieen?

Wahrheit! Wahrheit!

Aber wurden in der Sonnenklarheit

Grüne Zweige kahle Reiser,

Habt ihr vor ihr ausgespieen.

 

Kann kein Traum auch überstrahlen,

Was die Hände traumlos greifen, -

Älter, jünger ist die Wahrheit

Als die Hand. Es kann die Sonnenklarheit

Lavatuff zu Mehl zermahlen,

Tote Nacht mit Frührot streifen.

 

Was da ist, auf vielen Stufen

Hat es Gott vermannigfaltigt,

Und es bleibt die gleiche Wahrheit,

Näher, ferner vor die Sonnenklarheit

Seherfröhlich aufgerufen,

Doch von ihr unvergewaltigt.

 

 

12

 

Manchmal hast du nicht genug geglaubt.

Dann war er dem Geiste unerlaubt.

 

Freilich stand er deinen Sohlen frei,

Auch dem Blick auf Sternen-Goldgeweih.

 

Trauer kam dir: Stein, der drunten lag,

Läge über deinem jüngsten Tag.

 

Freude kommt dir, wenn dein Abschied glaubt,

Daß er keinen Stein der Erde raubt.

 

 

13

 

In ihrem langsamen Verwittern gleichen

Die Steine den geschwinden Wolkenseelen:

Die ewig dünken, werden auf ein Zeichen

Auf Erden und am Himmel ewig fehlen.

 

Als habe drunten schon der Wink befohlen,

Zerscherbt Verfallsgeröll mir an den Füßen.

Und graue Zukunft haftet an den Sohlen.

Die wandern noch dem Bittern nach, dem Süßen.

 

Doch wolkig steigt das Süße und das Herbe,

Läßt mich in Wüsten wie Johann den Täufer,

Und während ich Gewölk im Psalm umwerbe,

Wirds vom Vergehn ereilt, dem guten Läufer.

 

Geschloßnen Auges taste ich zum Wissen,

Wie sich der Erdgeist meiner auch versichert,

Wie durch Gefels voll Schluchten und voll Rissen,

Darin ich einsank, Charons Wasser kichert.

 

 

14

 

Wer nicht zum ersten Male, zum andern, zum dritten,

Sich selbst wie die Erde dem Leichnam begegnet,

Der ist nur gelitten,

Doch nicht gesegnet.

 

 

15

 

In Kiefernnadelfeuern

Bringt sich ein Opfer dar:

Nie soll sich mehr erneuern

Bestandene Gefahr.

 

Ich hatte Güte, Ehre

Gesucht,- der Hohn war groß,

Als schnitte eine Schere

Mich von mir selber los.

 

Ich traf mich in der Hölle

Und nahm mich bei der Hand.

Dort kroch durch Tiergewölle

Noch blinder Weltenbrand.

 

Es knackte rings, die Hitze

Zerspliß das Trommelfell.

Wie bald, so fegten Blitze

Den Weg »Nie wieder« hell.

 

Ich riß am Handgelenke

Und schüttelte es wach.

Da schlug am Steingesenke

Der Fuß ein zages Ach.

 

Vorher war es dem Ohre

Wie stumm. Nun schrie die Klamm.

Bald zuckte Licht im Tore,

Ein dicker Hahnenkamm.

 

Wir stiegen aus dem Rachen.

Jäh kräht es, daß es gellt:

Uns schüttelte das Lachen

Der grünen Oberwelt.

 

Sein Geist befiel die Lungen,

Die Röhren des Gebeins.

Dann war die Not bezwungen,

Und ich war wieder eins.

 

 

16

 

Aus dem Bergwerk meiner Seele

Schwer ans Licht beschworen,

Klagtet ihr mit meiner Kehle,

Münder, stumm geboren.

 

Da, als ihr für euch geworben,

Wars um euch geschehen.

Ich, ich hätte euch verdorben,

Und ich möge gehen.

 

Wie ihr, daß euch niemand sähe,

Still das Grab euch machtet!

Mein Gesicht in bittrer Nähe

Hat euch nachgetrachtet.

 

Da habt ihr euch umgewendet,

Steiger aus den Zechen.

Nun wart ihr noch nicht vollendet,

Lerntet wieder sprechen.

 

Aus den Worten zeigen Fernen

In das Land Vergebens.

Ich will besser schweigen lernen

Für den Rest des Lebens.

 

 

17

 

Die Winde stöbern im Genick,

Das rote Laub fährt auf und lacht:

Es sind Geschick und Mißgeschick

Nicht mehr als eine bunte Tracht.

 

Ein Wirbel hat aus Flick und Flick

Mir fast ein Flügelkleid gebracht.

Weit draußen blieb der böse Blick,

Der meine Mühsal grindig macht.

 

 

18

 

Ein Flittern geistert durch die Hecke.

Es jagen, Diebe mit dem Hort,

Vor mir die Wolkenschattenflecke

Auf Siebenmeilenstiefeln fort.

Es ist, als ob die Leere

Einkehre.

 

Im Winde turnen Kiefernzapfen,

Sie knallen auf das Laubendach

Und hinter mir in meine Tapfen

Und hüpfen fast ihr Totes wach.

Dann liegen sie, als ob die Leere

Erst ganz in sie einkehre.

 

Am Fuß vergraben sich die Käfer,

Die Würmer mahlen nächtig tief.

Das späte Jahr ist wie ein Schäfer,

Dem seine Herde weit entlief.

 

Er kommt des Weges ohne Trauern.

Bespricht er mich? Er sagt mir dies:

»Es überrieselt dich ein Schauern,

Es wächst dir bald ein weiches Vlies,

Womit ich dich in meine Herde

Einreihen werde.«

 

 

19

 

Mich preßt ein Traum. Der Frost ist schwerer Groll,

Der Himmel eine fahle niedre Stirn,

Der weiße Weg wie eine Windung Hirn -

Das Weltall weiß nicht, wo es bleiben soll.

 

Es schwirrt heran im Weltlauf ohne Lauf

Der schwarze Vogel Rok. Er späht nach Saat

Und läßt sich nieder auf dem Steinquadrat.

Er schluckt. Ich sah nicht, was. Er schluckt es auf.

 

Das All füllt nun ein Vogelaugen-Rund.

Sein Sinnen ist der Paarung fern und starr.

Im Schnabelkeil verstarb das Brunstgequarr;

Mit schiefem Schlag behackt er bös den Grund.

 

Es scheint, der Fels zieht in das Auge ein,

Die Härte wächst, die Lebensglut verschlackt.

Nichts ist mehr da als nur des Hornkeils Takt,

Und der ihm nicht barmherzig ist, der Stein.

 

Wie Laster, die uns nicht barmherzig sind,

Berauben mir die Schläge das Gehirn -

Bis es erwacht ist. - Draußen schneits gelind.

Es glänzt der Weg, ein unberührter Firn,

In einer lauen Weihnacht ohne Wind.

 

 

20

 

Es schwankt, die Knorren dehnen sich,

Es reißt im weißen Pelze.

Kristalle öffnen, sehnen sich

Nach Wandlung in der Schmelze.

 

Aus jedem Schritt entspringt ein Quell,

Weltein sich durchzuschlagen.

Was weiß ich hell und überhell

Und weiß es nicht zu sagen?

 

Im Schnee mein schwarzer Spurenstrang

Hat Funkeln aufgefangen,

Als wär den Hin- und Wiedergang

Ein lichter Geist gegangen.

 

Er löste sich von mir zum Tanz

Ins golden Frühlingsreine.

Und eine Brücke in den Glanz

Erwölbt der Pfad der Steine.

 

Oskar Loerke