Seiten der Dichtung

Max Kommerell:
Leichte Lieder

 

Immer rede ich mit einem

Daß lebendig ein Gesicht

Immer singe ich und singe

Manche Dinge leben lang

Zwei Saiten sind gemacht

Wessen hat Gewalt die Flöte?

Wort in das ich mich verbrämte

Ach! ich sprach nicht euch zu rühren

Augen warum weint ihr nimmer?

Du warst in meinem Land

Und fremde Füße laufen um

Manchem ward ein schöner Lied

Das entzückendste der Lieder

In die Kammer wo ich sann

Eine halbbewußte Haft

Wenn ich diese Beere schmecke

Ich singe — doch wer hört mich an?

Du hast mich umgewöhnt

Daß ich ferne war —

Als das Schreckliche geschah

Weiterleben will ich zwar ..

Als wir gingen aus dem Tal

Ein ungeheurer Streit

Eingeschüchtert und umstellt

Da die schwere Wolke wich

Alles ist für ihn bereitet

Wenn du dem Schutzgeist dich ergabest

 

 

Ins Netz gestellt am 20. April 2015

Originalausgabe 1931

 

 

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Max Kommerell: Leichte Lieder

Max Kommerell

 

Leichte Lieder

 

 

Immer rede ich mit einem

Den ich niemals sprach und sah

Und von etwas Ungemeinem

Das noch nie geschah.

 

Was auch mich umgibt von Lieben

Läßt noch eine Lücke leer

Und ich gehe umgetrieben

Durch die Häuser quer

 

Les' in tausenden Gesichtern:

Ist es jenes ist es dies

Wie es angestreift von Lichtern

Sich mir flüchtig wies ?

 

Und ich bin mir kaum im Klaren

Ist es Mann ists Kind ists Frau

Dem ich jene unnennbaren

Dinge anvertrau?

 

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Daß lebendig ein Gesicht

Beim Erwachen mir begegne

Und der Traum noch weiterregne

In das leuchtend wahre Licht:

 

Dies erbat ich. Denn es machen

Seelen die zur Liebe sind

Sich zuerst zum Angebind

Aneinander aufzuwachen.

 

***************

 

 

Immer singe ich und singe

Mir Besänftigung ins Blut

Singe mich voll guter Dinge

Wie das Kind im Walde tut

 

Den es sehr allein begehn muß

Abends oder gar zur Nacht.

Und es singt, daß es nicht sehn muß

Wie das Strauchwerk bange macht.

 

Wie die böse die bemooste

Föhre nach ihm streckt den Arm.

So sing ich mir selbst zum Troste —

Nur wer ganz verstummt ist arm.

 

Es beschirmen sich im Gange

Lied und Mund geschwisterlich

Und solang ich sing solange

Glaube ich und liebe ich.

 

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Manche Dinge leben lang

Andre Dinge sterben früh

Aber seltne Dinge

Gehen noch den zweiten Gang.

 

Willig blühe und verblüh!

Dich zu wandeln sei bereit!

Keinem Schmetterlinge

Glaubst du mehr die Larvenzeit

 

Und doch ruhte eingesargt

Der den Sommer schmücken soll!

Denke dich bescheidend

Wenn dein Leben an dir kargt

 

Daß du von demselben Ast

Draus die süße Lotos quoll

Dir die Flöte schneidend

Noch statt Blüten Klänge hast.

 

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Zwei Saiten sind gemacht

Für einen Ton der drauf entstehe

 

Auch finden sich durch weite Nacht

Zwei Münder zwei von Sehnsucht wehe.

 

Gott hat ihren Kuß gedacht

Der will geküßt sein und gibt acht

 

Daß eins den Weg zum andern gehe.

 

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Wessen hat Gewalt die Flöte?

Zu dem Sturme spricht sie «steh»

Aber Menschennöte

Macht sie linder nur.

 

Wessen hat ein Herz Gewalt?

Flügelschlagend überm Meer

Findets land- und liebewärts

Denn es weiß die süße Spur!

 

Doch mein Herz an deinem Herz

Hat Gewalt daß widerhallt

In dir all mein Tiefes

In mir all dein Lindes.

 

Das begehrte Unterpfand —

Du weißt wohl: dir schlief es

Ich weiß wohl: ich find es

In der kindlich kleinen Hand.

 

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Wort in das ich mich verbrämte

Täuschte euch ich sei der Art

Daß ich mich zu bitten schämte

Gnügsam in mir selbst verwahrt.

 

Aber traf ein Auge ich

Tief befragend.. wunderbar

Antwort wissend und geheimen

Ähnlichseins erinnerlich

 

Will sich gleich auf Demut reimen

All mein Wesen wie ein still

Hingehaltnes Händepaar

Auf die Hand die schenken will:

 

Ob in diesem Blick mich lädt

Ein beredsames Erkennen

Ob sich diese Lippen trennen

Zu dem Laute der errät.

 

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Ach! ich sprach nicht euch zu rühren

Sprach nur daß ich aus mich spräche.

Ach! Statt daß der Zauber bräche

Eilt er andre zu verführen!

 

Seht ihr nicht den Kreis, den schon

Geisterhände um mich zogen?

Hätte Liebe fast zum Lohn

Tödliches in sich gesogen!

 

Doch die Stimme wenn sie warnt

Scheint euch umso rührender

Und der Ruf: ich bin umgarnt

Lockt euch nur verführender.

 

Ihr antwortet willig blind:

Süß wird Untergang zu zweien! —

Euer Kuß ist viel zu lind

Um ein Haupt dem Blitz zu weihen.

 

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Augen warum weint ihr nimmer?

War doch sonst sich euer Schimmer

Allzeit willig zu beschlagen!

Werdet doch nicht etwa sagen

Daß ich euch auf Leid ließ harren?

 

«Nein! vor Schmerz nur sind wir trocken.

Jene die zu weinen locken

Sanften Leiden schickst du nicht

Sondern solche daß erschrocken

Wir und weit dem Leben starren

Ins entsetzliche Gesicht.

 

Willst du aber die gebückte

Seele neu mit uns betauen

Laß uns etwas Schönes schauen!

Was uns früher nur entzückte

Wird nun Weh und rührt und schwellt!

Nicht mehr lange wird es währen

Daß du reicher daß durch Zähren

Du erblickest deine Welt.»

 

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Du warst in meinem Land

Ich aber war dir fern.

Da nahm es an

Von dir etwas.

 

Wie ein einfältig rauher Mann

Gar manches spricht nach Art des Herrn

Der vor ihm stand:

So trägt das Gras

 

Die Spur von deiner Vornehmheit.

Und sprech' ich mit den Dingen dort

Scheint es: du bist

Dabei und hast

 

(Du Feiner Ferner!) deinerseit

Etwas an dir in Gang und Wort

Was kindlich fast

Wie Heimat ist.

 

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Und fremde Füße laufen um

In Garten Hof und Estrich ..

Der Fensterrahmen ist so stumm

So sonderbar so gestrig!

 

Und all das Flußtal ist als hätt

Jemand gerückt daran

Zu klein — so wie sein Kinderbett

Dem der heimkommt als Mann.

 

Wenn unter dies nun fremde Dach

Ich selbst auch kehrte ein

Es sah mir ob im Schlaf ob wach

Doch an: ich bin nicht sein.

 

Dich Wehmut-Weg von Kindesschuhn

Gewöhnt an meinen Tritt

Steig ich und lasse drunten ruhn

Was nie mehr wandelt mit.

 

***************

 

 

Manchem ward ein schöner Lied

Aber dies ist meines

Wenn auch kargen Scheines

Ohne Stolz und Unterschied

Du vernimmst es kaum.

 

Wie ein Raum den selbst ich rüste

So wie mirs genehm

Wie ein Mund den oft ich küßte

Meinem Mund bequem —

Ob ich auch so Mund als Raum

Reicher noch und schöner wüßte.

 

Ach in jenen kleinen Falten

Die sie schalten

Hat mein Leid sich eingedrückt

Und in jenem holden Stocken

Halb erschrocken

Schrak ich selbst — wie tief beglückt!

 

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Das entzückendste der Lieder

Singt ein jeder nie!

Kaum zu atmen unterfängt

Sich die Freude wenn sie wie

Ungeschlagenes Gefieder

Über blauem Abgrund hängt.

Selber wird sie sich Gedicht

In der Rast von Wort und Wille

Denn ihr Wohlklang ist die Stille

Die ein leiser Laut schon bricht.

Ja das frohste seiner Lieder

Singt ein jeder nie!

 

Das bedrückendste der Lieder

Singt ein jeder nie!

Denn es liegen wie in wider-

Hallendem Gewölbe die

Schlimmen Dinge allzuwach

In dem Irrsal unsrer Seele

Und bei noch so leisem Ach

Das sich durch die Lippen stehle

Dröhnt es bis sie tief ergrausend

Steht als eine gegen tausend.

Ja das bängste seiner Lieder

Singt ein jeder nie.

 

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In die Kammer wo ich sann

Kam ein Mann der wie ein Abend war

Dessen Blick mir tief begabend war

Dessen Wort von Rätseln rann.

 

An mein Lager wo ich litt

Trat ein Knabe der ein Morgen war

Und an dem mein Haupt geborgen war

Daß ein Jahr als Stunde glitt.

 

Und ich merkte daß sofort

Mir der lange wie verstoßen war

Voll Gesänge und voll Rosen war

Meine Straße — damals — dort...!

 

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Eine halbbewußte Haft

Wie sie uns im Traum erschlafft

Macht mich wenn

Ich zu schöner Leidenschaft

Mich ermanne ungewiß —

Oder nenn'

Es den ersten aber bis

Heute nicht verschmerzten Riß!

 

Denk' dir: einem jungen Schwan

Der gerad zur ersten Bahn

Sich erhob

Fuhr ein Pfeil (er war vertan)

In die Schwinge. Zwar sie heilt —

Aber ob

Je so munter so beeilt

Wieder er die Lüfte teilt?

 

Als zuerst ich suchte wo

Ich mich opfern dürfte — o

Ich und er! —

Tat mir ein Verschmähen so

Daß der Schreck noch nicht verscholl.

Drum begehr'

Nicht daß jetzt ich groß und voll

Wort und Tat vollbringen soll.

 

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Wenn ich diese Beere schmecke

Fällt mir bei

Ganz genau mit Beet und Hecke

Jener alte Baum der zwei

 

Monate vorher voll gelber

Kleiner Pinsel pflegt zu blühen

Und ich selber

Mit dem blassen frühen

 

Kindlichen Gefühl davor ..

Und die heut gegessene

Frucht beschwor

All dies längst Vergessene!..

 

Wenn mich heut dein Atem streift —

Sag! ergreift

Mich dabei Verflossenes

Dessen ich mich kaum entsinne

Oder Unerschlossenes

Das ich erst mit dir beginne?

 

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Ich singe — doch wer hört mich an?

Ein alter Mann

Und noch ein Kind vielleicht!

 

O gelänge mir ein Laut

Der bezwingend und vertraut

Jedem an die Seele reicht!

 

Wenn man eine Glocke goß

Warf ein Bräutigam den Stein

Seines Ringes und ein Held

Warf sein Schwert.. ihr Gürtelschloß

Warf die junge Frau hinein —

Jemand Reiches Gold und Geld

Kinder Bernstein und Koralle

Aber die die Schönste war

Tat von ihrem schönen Haar

Zum geschmolzenen Metalle ...

 

Wenn dann vom Turm die Glocke sang

Sprach eins zum anderen: so klang

Dein Glück so mein Verscherzen!

So jubelt Ruhm so schluchzt Gebet! —

Mit seiner eigenen Sprache geht

Sie jedem Herz zu Herzen.

 

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Du hast mich umgewöhnt

Vom Wald der Welt

Zu deiner Hürde

 

Wie sich die Würde

Des Rehs versöhnt

Mit einer Hand. Bestellt

 

War ihm das Wilde

Mit Quell und Kraut.

Doch nun ist ihm bestimmt

 

Die Hand die traut

Ihm duftende und milde.

Es aber nimmt. —

 

Was und wieviel

Geschieht: für mich geschah es

Nicht blind — vielmehr

 

Als menschliches und nahes

Gebärdenspiel

Das zu mir her

 

Gekommen war

Von deiner Hand. Sie bricht

Mir jedes Brod.

 

Vielleicht gewinnt sogar

Durch dich der Tod

Ein Angesicht.

 

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Daß ich ferne war —

(Sagte ich) ich sühn' es

Land! und leide

Alles mit was dir geschieht

Für ein volles Jahr.

Du lagst brach.. gabst Grünes

Gabst Getreide

Unvermerkt wie Sterngang zieht.

 

Nun es Herbst ist laß

Noch des Weines Töne

Allem Laube

Das ihn zärtlich hielt in Hut!

Reich zum Zeichen daß

Ich dich ganz versöhne

In der Traube

Süße Erde! mir dein Blut.

 

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Als das Schreckliche geschah

Hat der Schreck mich nicht versteint.

Als ich um mich weinen sah

Hab ich selber nicht geweint.

 

Alles Nahe klang mir sehr

Ferne bis es ganz verhallte.

Plötzlich wurde ein bisher

In mir Stummes wach und lallte.

 

Ich erbebe im Gebeine.

Ist so schauerlicher Gang

Denn vonnöten ehe eine

Seele findet ihren Klang?

 

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Weiterleben will ich zwar ..

Ob ich es vermag, bleibt offen.

Zwischen kaum gewagtem Hoffen

Und Verzweiflung welches Jahr!

 

Böses ist mir schwer verwindbar.

Dem der bis zum Abgrund bloß

Fußbreit hat ist leiser Stoß

Beinahe als Mord empfindbar.

 

Fester haftet das Gewährte:

Jede Hand die damals dies

Haupt gestreichelt hat — sie ließ

In der Seele tiefe Fährte!

 

Wenn sich meine Not verringert

Suche ich dereinst vielleicht

Nach dem Kind das dort im Wingert

Mir die Traube hat gereicht.

 

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Als wir gingen aus dem Tal

Das ich nie besucht vordem

Deuchte mir mit einemmal

Daß ich von ihm Abschied nehm..

 

Nicht von ihm — auch nicht von dir

Der du mich begleitet hast —

Von weit mehr! Von allem fast!

Wie ein träumerisches Tier

 

Sah mir noch die Landschaft nach:

Blaue Schatten eingerieft

Zwischen Gold das sich gemach

In ein weiches Braun vertieft.

 

Wenn ihr alles reif und still

Und vollkommen wird versteht

Es die Seele — schaudert.. will

Danken.. sieht sich um und geht.

 

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Ein ungeheurer Streit

In tiefer Stille —

Ihr geht mit mir

Und merkt ihn nicht.

Ich bin allein.

 

Sei denn mein Stern mein Wille!

Ich bin geweiht

Zum Opfertier

Und mein Gesicht

Wird Bild aus Stein.

 

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Eingeschüchtert und umstellt

Von Geschicken — fliehbar keines —

Flehe ich zum hohen Zelt

Um ein wissendes ein reines

Sternenauge dem der Zwist

Meines Lebens einfach ist.

 

Und es sprach: Vom Berge sieh

Manches schlicht was wirr geschienen!

Doch auf Sterne steigt man nie.

Blicke auf bis du von ihnen

Als verwandelter erfaßt

Selbst ein Sternenauge hast.

 

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Da die schwere Wolke wich

Schon um Haupt und Schulter, rage

Ledig auch die Lende! Ich

Werde für mich selbst zur Sage.

 

Wenn es mir auch schien als sende

Mich zur Tiefe dein Geschick

Bleibt der innig tiefe Blick

Den ich noch auf dich verwende.

 

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Alles ist für ihn bereitet

Tisch und Bettstatt unberührt.

Sei kein anderer geleitet

Zu dem Platz der ihm gebührt.

 

Doch er kommt nicht und die leere

Stelle hält ihn so geheim

Daß es unsre Runde beim

Essen und beim Trunk beschwere.

 

Seinen Namen auszusprechen

Scheint uns allen zu gewagt.

Noch ist er nicht totgesagt

Und sein Herz hat noch zu brechen.

 

Dennoch hängt an seinen Dingen

Geisterhafte Gegenwart.

Ihm kein Näpfchen herzubringen

War gedankenlos und hart.

 

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Wenn du dem Schutzgeist dich ergabest

Legt jeder Abend jedes Land

Dir seine Seele in die Hand

Daß du an ihr ein Kleinod habest.

 

So trägst die Stirne du getrost

Durch alle Netze. Sie beladen

Dich nur wie ein Marienfaden

Der im Zergehen dich liebkost.

 

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