Seiten der Dichtung

Francis Jammes:
Almaïde d'Etremont

 

Vorbemerkung des Übersetzers

 

An Almaïde d'Etremont

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

 

 

Ins Netz gestellt am 25. August 2012

Francis Jammes: Almaïde d'Etremont





FRANCIS JAMMES

 

ALMAÏDE D'ETREMONT

oder

Die Geschichte eines leidenschaftlichen jungen Mädchens

 

 

 

 

AN ALMAÏDE D'ETREMONT

Warum, und aufgrund welchen mysteriums, bist du gekommen und hast dich mir zur seite gesetzt?

sage mir warum deine antikische anmut und deine schwarzen ringellocken mich verwirren und an ein fernes gewitter denken lassen? und warum nehme ich dich nur in der vergangenheit wahr? und warum leide ich sosehr, wenn du, deine schattenaugen auf immer in meine getaucht, mir mit unendlicher bitterkeit und liebe einen fehler vorzuwerfen scheinst, den ich gar nicht kenne?

 

 

I

Almaïde d'Etremont sitzt mit aufgestütztem ellenbogen auf einer bank; sie kann ihre schwermut, die das lasten dieses traurigen, lang vergangenen nachmittags noch steigert, nicht vertreiben.

der schatten auf der sonnenuhr aus schiefer der in der sonne schillert zeigt drei uhr. alles trägt bei zur melancholie dieser seele, die der schmerz um einen schlecht gelebten traum verdüstert. ah! warum widert der duft des anemonenbaums das junge mädchen so an? da sie sein eigenartiges aroma doch liebte an den tagen als sie mit den freundinnen ihrer kindheit in der dunklen allee federball spielte.

o ferne zeit! nichts ist übrig von den tagen der großen ferien die das sterben der herbstsonne in purpur tauchte. o Almaïde d'Etremont! stellst du dir heute, in der verdrossenen träumerei dieser siesta, das blattwerk vor, das einen von jahr zu jahr feierlicheren schatten auf den sand des pausenhofs breitet? siehst du die gefühlvolle wieder vor dir, die du schon warst als man dich an den tagen der preisverleihung dazu erkor, im frommen duft der frischen girlanden die Elegie vorzutragen die du selbst verfaßt hattest? denkst du an die begräbnisse deiner eltern? oder erinnerst du dich an jene gefährtin deiner jugend die ein glühender und reiner wahn zu tode brachte? entsinnst du dich daß für jene Clara d'Ellébeuse die glocke in der flüssigen luft weinte und daß eine kurze weiße prozession, an der du teilnahmst, wie eine armee von lilien zu dem flammenden friedhof schwankte?

wieviele nachmittage sind seitdem vergangen! Almaïde d'Etremont ist fünfundzwanzig jahre alt. sie kennt die einsamkeit und den schatten den die toten über den rasen breiten wo sie weilten. die eintönigen tage fliehen ohne daß etwas die waise zerstreut, die allein geblieben ist auf dem zu großen gut, allein mit einem bejahrten, gebrechlichen und schweigsamen onkel. kein pilger ist am gitter stehengeblieben, eines abends im mai, um im duft des schwarzen flieders diese turteltaube zu pflücken. vergeblich lauert Almaïde, am teich sitzend, dem karpfen der sage auf, der aus der grünen tiefe den ehering bringt. und nichts antwortet ihren träumereien als das schreien der pfauen die in der trauer der eichen hocken. und nichts tröstet ihr grübeln wenn nicht ihr grübeln. und nichts legt sich auf ihren mund, der glühender ist als eine passionsfrucht, als der durstige wind, der auf die fleischigen lippen der kastanien bläst.

ihre augen enthalten keine sanftheit, sondern eine heiße und hochmütige melancholie, eine flut schwarzen lichtes über der beweglichen und schmalen nase. und ihre wangen und ihr kinn bilden einen so vollkommenen bogen daß jeder kuß seine harmonie zerstören würde. unter einem großen mit klatschmohn geschmückten strohhut hervor fließen in dunklen ringellocken ihre haare über den runden glanz der schultern. und ihr ganzer körper ist nichts als eine träge anmut die sich über die bank beugt von der Almaïdens hand unachtsam einen brief fallen läßt.

... es ist ein schreiben von Eleonore de Percival, einer freundin aus dem pensionnat die sie ab und zu wiedergesehn hat, und die ihr ihre verlobung mitteilt und sie zur hochzeit einlädt:

o Almaïde, schreibt sie, ich spürte daß mein herz zerspringen würde... ich hatte niemals den Frühling so schön gefunden wie dies jahr... vielleicht wollte der Himmel, um mir einen vorgeschmack meiner wonne zu geben, die Natur noch mehr schmücken... nie war die wiese so zauberhaft und die pfeifensträucher verströmten, wenn sie meine locken streiften, einen duft der mir die besinnung raubte. o Almaïde! ich bitte den Lieben Gott für dich daß er dir eine solche trunkenheit schickt. wenn du wüßtest... neulich abend, als ich am arm meines verlobten spazierte, begann eine nachtigall zu singen... ich war überwältigt, mir schien daß meine brust aufbrechen würde und daß ein neues leben in mir erstünde... als ich mich allein in meinem zimmer wiederfand, fühlte ich mich so bewegt von dankbarkeit dem Himmel gegenüber, und mein glaube war so glühend, daß ich mich jenen altarleuchtern verglich die nichts können als sich für Gott verzehren. ich verstand in jenem augenblick daß ich, wenn René mir nicht von der vorsehung geschickt worden wäre, die welt verlassen hätte um in der göttlichen begeisterung Ewigen Brautstands zu leben. o Almaïde! bete für mich. und daß ein gleiches glück dich überflute!... wenn ich tot gewesen wäre... ah! dann hättest du wählen müssen...

Eleonore ist glücklich, sagt sich Almaïde... wie selbstsüchtig man ist wenn man nicht leidet! man breitet seine freude vor den augen der verlassenen aus... ich werde allein bleiben. ich werde unterm warten altern. jeder tag des jahres wird dem vorigen gleich sein...

arme Almaïde! ihre augen schwimmen in tränen, ihre kehle ist zugeschnürt. sie streckt den arm aus, pflückt eine rose und küßt sie voll trauer, als mache sie sie zum zeugen ihres kummers.

dann, sich aufrichtend: gehn wir, denkt sie, fliehn wir diese öde stätte.

sie tritt bei sonnenuntergang aus dem park und geht durch den weiler, in dem man nichts hört als die schläge eines schmiedehammers.

das schloß derer von Etremont erhebt sich im verborgensten winkel eines "wonnigen tales". in dieser landschaft fassen das silbrige smaragdgrün der wiesen, das blaue wasser des himmels und die grüne helle der gipfel abwechselnd den schnee der herden und der wasserfälle, die gelben ernten des sommers und die sich rötenden buchen des prunkenden herbstes ein.

einmal steigt Almaïde die ersten ausläufer des frühlingsgebirges hinan, träumerisch, und pflückt den ersten enzian oder die narzisse zu ihren füßen, dann wieder streift sie über die ebene, tritt in die blauen lauben des sommers ein, gelangt an eine quelle und taucht hinein.

so kommt sie diesen abend, auf der flucht vor ihren verdrießlichen gedanken und dem brennenden august, in den wald der Aldudes. sie kennt seine geheimen pfade. dort war es, wo sie als kind saß und wo ihre mutter, die eine spanierin aus der familie derer von Alcaraz war, ihr geschichten von Granada erzählte, sich selbst an ihren erinnerungen begeisternd.

die mutter starb als Almaïde dreizehn jahre alt war; und das junge mädchen dachte an das kerzenerleuchtete zimmer zurück in dem ihr vater sie in die arme schloß als sie eilig aus der klosterschule heimkehrte, das totenbett auf dem Guadelupe de Alcaraz ruhte, weißgekleidet und geschmückt wie eine Jungfrau von Almeria.

und seit jenem tag hatte ein verhängnis auf dem gut gelastet. herr d'Etremont starb einige zeit danach in einem irrenhaus in das man ihn hatte bringen müssen. die vormundschaft über seine tochter wurde einem gebrechlichen und schweigsamen onkel übertragen der seinen vorteil darin fand die güter seiner nichte zu verwalten und sie möglichst von der gesellschaft entfernt zu halten.

... Almaïde dringt tiefer und tiefer in den wald der Aldudes ein. ihr kleid aus weißer gaze wellt sich im zephir der beim sonnenuntergang aufkommt. sie erreicht einen wasserlauf, zieht sich aus und taucht entzückt in die versteckteste tiefe des flusses ein. sie sieht vor dem zittern ihrer bezaubernden beine das helle blinken der aufgeschreckten fische fliehen. sie fröstelt als sie nach und nach ganz in die grüne und flüssige frische steigt darin der schatten der erlen schwankt. es benimmt ihr den atem als sie völlig eingetaucht ist. schweigen herrscht über dem wasser.

auf dem kies sitzend fühlt sie sich froh, weit weg vom schloß zu sein das sie verabscheut, weit von jenem park in dem jede blume ihr traurig zu sein scheint. oft kommt sie in der abenddämmerung hierher, um die süße der wasser an ihren glatten und runden busen zu drücken. sie weiß daß niemand in diesen winkel seinen weg nimmt, und außerdem war sie nie besonders schamhaft. in der klosterschule schalt man sie, weil sie lachend und kaum bekleidet mitten durch den schlafraum lief.

aber heute abend, als sie sich in ihren träumen wiegt und sich damit vergnügt den überschwenglichen brief Eleonorens in der strömung untergehn zu sehn, hört sie am flußufer ein geräusch. sie schaut, unter blättern verborgen...

es ist ein hirte von vielleicht fünfzehn jahren, mit nacktem oberkörper, seine hose aus blauem leinen bis über die schenkel gekrempelt, der die furt überquert, zwei ziegen vor sich hertreibend. er verschwindet ohne Almaïde zu bemerken, aber sie errötet ihn gesehen zu haben.

als sie an jenem abend nach hause kommt, fühlt sie sich etwas von fiebriger schwermut bedrückt und geht ziemlich früh schlafen, nachdem sie ihrem onkel, der zu den mahlzeiten nicht mehr sein zimmer verläßt in dem er den ganzen tag ausgestreckt liegt, gute nacht gesagt hat. Almaïde kann nicht einschlafen. das bad war kalt, denkt sie. sie stellt sich das wasser vor das der schatten vergoldet, den brief Eleonorens der sich auf der flut die ihn forttrug hob und senkte, die lebhaften weißfische, den kleinen hirten der das wasser durchquerte... er hatte ein lustiges gesicht und beine so rund wie der mais bei der ernte, und eine kleine gewölbte brust... geht er oft daher? noch nie hatte Almaïde ihn getroffen. wie herzig doch dies kind ist... er pfiff gut und seine beiden ziegen waren schwarz.

 

 

II

Almaïde d'Etremont liebt es, sonntags nachmittags den tänzen zuzuschauen, die die dorfbewohner bei der alten kirche aufführen. hirtinnen und hirten tanzen heute einen langsamen rundtanz. die jungen mädchen tragen die blutrote haube des Ossau, und ihre busen wölben sich unter dem brusttuch auf das weizenähren und die blauen und roten blumen der berge gestickt sind. sie haben das schwarze kleid mit blauen streifen an, das hinten geschürzt ist und die himmelblau geränderten flügel der schmetterlinge nachahmt. und langsam dreht sich der rundtanz, so langsam, von einem so langsamen singsang begleitet, daß alle vor mattheit bei ihrem gesang einzuschlafen scheinen. diese gebirgler haben einen gesichtsausdruck der so unbewegt ist wie dinge. nur ihre augen, die achaten gleichen, bezeugen ein machtvolles und sanftes leben.

während Almaïde das drehen des reigens betrachtet und diesen liedern lauscht die so ruhig, so traurig sind daß es nicht sagbar ist wie ruhig und traurig, erkennt sie den kleinen hirten der am abend vorher die beiden ziegen vor sich her durch das goldene wasser trieb. sie weiß nicht wer er ist, obwohl sie seit langer zeit die meisten kennt die hier wohnen... dies kind ist bezaubernd, sagt sie sich. und sie lächelt weil er so würdevoll tanzt, die hände zwei hübschen mädchen reichend deren wangen leuchten wie äpfel unterm tau. es belustigt Almaïde, daß sie ihn gestern mit aufgekrempelten hosen gesehn hat, fast so nackt wie einen neugeborenen kleinen schäferhund, und ihn hier mit dem wams der hirten bekleidet wiederfindet, wie er schritt und stimme dem klagenden gesang anpaßt.

— wer bist du, kleiner? woher bist du? zu wem gehörst du?

— ich bin Klein-Wilhelm von den Arramoun, Fräulein.

— aber wo warst du? ich habe dich nie im dorf gesehen...

— ich bin wiedergekommen um die stelle meines bruders einzunehmen der fortgegangen ist.

— aber wo warst du?

— im tal von Gavarnie, Fräulein.

— was tatest du dort?

— ich flocht schnüre für sandalen und ich lernte den beruf des führers bei meinem onkel.

— du bist recht jung fürs gebirge. wie alt bist du?

— sechzehn jahre, Fräulein.

der gesichtsausdruck des kleinen jungen bleibt ruhig. er ist keineswegs eingeschüchtert durch ihre fragen. er hat ein hübsches gesicht, glatt wie dicke milch, augen die brombeeren gleichen, zähne so weiß wie die eines häschens, Iippen von rosigem geißblatt.

seine mutter nähert sich Almaïde:

— Sie reden mit meinem jungen, Fräulein?... Klein-Wilhelm, nimm deine mütze ab... Sie kannten ihn nicht?

— nein... lassen Sie ihn zum tanzen zurückgehn. das ist ein hübsches kind.

— hübsch, ja, Fräulein. aber nicht immer klug. und dann macht es mich lachen, daß er hier mit diesen geißhirtinnen tanzt die größer sind als er. was für eine dreistheit!

der reigen und der singsang fangen wieder an, vereinigen sich mit himmlischer sanftheit, wie weihrauch steigen die stimmen zu den purpurnen bergen auf. es ist die stunde da sie sich vergolden wie eine frucht oder wie eine kirche, da das weinige licht der sonne die rhododendron und die bärentrauben überzieht, da sich das nächtliche blau der tannen in verschwommenen schatten auflöst.

Almaïde d'Etremont kehrt in das trübsinnige schloß zurück, in der tiefe ihres herzens bedauernd daß sie nicht teil hat an den freuden dieser schlichten gebirgler. ah! warum ist sie keine hirtin? warum wohnt sie nicht am grunde der schlucht, wo das blaue lebermoos bebt, in der hütte dieser hirten? sie würde in der grünen quelle den krug füllen der im sommer knistert. sie würde im dorfgarten lilien, rosmarin und lauch anpflanzen. nicht mehr der düstere ruf der pfauen würde sie wecken, sondern der strahlende hahnenschrei. in der guten jahreszeit ginge sie jeden tag ins gebirge, ihrem kleinen bruder das essen bringen. alle beide würden sie von den früchten des erdbeerbaums kosten. sie würden die brunnen lachen hören, sie würden die lippen des rhododendrons küssen. sie würden das geweihte wasser der felsen trinken. sie würden, mit ihren grünen stecken, den schnee der lämmer auf die blühenden weiden geleiten. sie würden die heiseren glocken der herde auf der höhe läuten hören...

stattdessen wird sie wie gewöhnlich heimgehn und den immergleichen ekel vor diesem leben ohne hoffnung ertragen müssen. arme Almaïde! zwischen zwei traurigen dienern und diesem anspruchsvollen und grillenhaften verwandten ist sie die gefangene eines verwunschenen gutes. wie schwester Anne auf der spitze des turms nimmt sie nichts wahr außer dem staub den die fügsamen schafe auf der straße aufwirbeln. sonst nichts! nicht einmal, wenn sie traurig ist, die lust auf dem papier den ausdruck ihrer melancholie festzuhalten, wie sie in der klosterschule zu tun pflegte.

sie beginnt zu träumen in ihrem zimmer. sie sitzt und stellt aus blumen, die um sie verstreut liegen, einen strauß zusammen. der zur neige gehende tag erhellt ihre linke wange, der körper bleibt im schatten. sie langweilt sich. eine unbestimmte erregung, wie weiß nicht was von unbefriedigtsein, eine bedrücktheit die sie verscheuchen möchte, eine beklemmung gleich der die sie manchmal beim erwachen überfällt, quälen sie. und nur einen augenblick den druck ihres ellenbogens auf ihrem knie zu spüren regt sie so auf, daß sie vom sessel aufspringt in dem sie ausgestreckt ist. sie macht eine runde durchs zimmer ohne ihren strohhut abzunehmen. ihr kleid aus mousseline das nur leicht raschelt läßt sie verschmachten, das gleiten des leichten stoffes auf ihrem runden und heißen fleisch beunruhigt sie.

wie schön ist Almaïde d'Etremont so! ihre augen, von ringen umschattet, im schatten, ihre blässe im vergehenden tag gelöst, ihr kraftvoller und anmutiger gang der sie nach jedem schritt sich umwenden läßt, bezeugen genugsam die mütterliche herkunft, das blut das von der sonne des glühenden Granada heiß war.

sie legt ihren strauß auf die gewölbte kommode mit den glänzenden kupferbeschlägen und nimmt von der wand eine gitarre, der sie einige akkorde entlockt. und nun sitzt Almaïde mit übereinandergeschlagenen beinen, das eine handgelenk mit gespannten sehnen unter dem hals des tönenden holzes dessen stumme saiten sie zupft, und fängt an zu singen.

durchs fenster taucht ihr blick in die blaue nacht die im kommen den teich mit glanz überzieht. die fledermäuse, freunde wurmstichiger dachböden, kreisen, zögern, rascheln, klappern und gleiten in der flüssigen luft. wie schwarzer rauch wogen die belaubten äste der eichen im nächtlichen azur, der über der finsteren allee zu fließen scheint wie ein strom aus perlmutt.

die gitarre gleitet vor Almaïdens füße. den kopf nach hinten gestreckt, mit hängenden armen, starren augen, bebenden nasenflügeln zittert sie einen augenblick. denn sie glaubt — flüchtige erscheinung — im licht des aufgehenden mondes das wie ein bach flimmert einen halbwüchsigen ziegenhirten zu sehen, der stehenbleibt und ihr lachend die erdbeeren seiner brust entgegenhält.

 

 

III

das ist die sechste hochzeit der Almaïde seit ihrem abgang von der klosterschule beiwohnt. sie wacht schon bei tagesanbruch auf, in dem zimmer das man auf dem schloß der Percival für sie hergerichtet hat, und denkt traurig daran, daß es immer noch nicht sie ist die heute ihr herz und ihre hand dem lange erwarteten bräutigam geben wird.

... dabei wäre es gerecht gewesen daß ich vor Eleonore heiratete. sie ist drei jahre jünger als ich, und doch bin ich schön... aber niemand fragt nach mir, niemand interessiert sich für mich, mein onkel will niemanden sehn... ich leide. warum ist das kleid dort das ich anziehn soll nicht das brautkleid?... es tut mir weh dieser hochzeit beizuwohnen. ich werde keinen hunger haben. ich werde nicht tanzen. das langweilt mich... wenn ich ihren bräutigam getroffen hätte bevor sie ihn traf, hätte er genausogut mich gewählt... warum nicht? auf der welt ist alles zufällig, aber ich habe kein glück... und dann sagt man daß sie sehr reich ist und ich wenig vermögend bin... und mein vater starb in einem irrenhaus... aber ich bin doch nicht verrückt?— wenn man einen onkel wie den meinen hat, hindert einen das am heiraten... wenn man nicht reich genug ist, heiratet man nicht. man schaut dem glück der andern zu. das ist blöd. das ist ärgerlich und traurig... sie werden nach Spanien reisen. meine mutter war Spanierin, und ich bin es die nach Spanien reisen sollte, verheiratet. sie werden in Fontarabie station machen, hat sie mir gesagt. ich kenne Fontarabie. sie werden zusammen schlafen. ich habe lust mit jemand zu schlafen. sie werden das rauschen des meeres hören. es ist blau und gleißt in den himmel. sie werden alles tun wozu sie lust haben. sie werden sich in irgendeiner herberge verstecken wo es maultiertreiber gibt. die mädchen werden blüten vom granatapfelbaum im haar haben. auf der dicken gartenmauer werden levkojen wachsen. Eleonore wird ins grüne tal gelangen. sie werden sich ins moos legen... dies bett ist unbequem. ich muß aufstehn.

 

schon ist das schloß von geräusch erfüllt. was für ein fröhlicher tag! der ganze himmel ist ein einziges vergißmeinnicht, und von seinem kelch ist der rasen umschlossen. o licht heller als der regen! o fernes laub! warum verdüstert ihr die seele Almaïdens d'Etremont noch mehr als sonst?

sie setzt sich auf ihr bett bevor sie aufsteht und betrachtet mit einem gefühl bitteren stolzes die vollkommenen rundungen ihrer arme. das schwarze licht ihres blickes liebkost sie, sie zieht ihren etwas raubtierhaften geruch ein, und plötzlich ist ihre brust von schluchzern geschwellt.

aber wie schön ist sie erst angezogen! in ihrem festlichen rosa kleid das die farbe offener feigen hat und von der krinoline gebauscht ist, sieht sie aus wie eine umgekehrte blüte, wie eine feurige tollkirschenblüte die auf den staubblättern steht. der braune rücken springt aus dem oberteil vor, umfasst wie ein kelch die basis dieser tollen blume. und es ist als ob Almaïde bei jedem schritt den sie auf der spitze ihrer rosa stiefeletten durchs zimmer macht nackt aus den glühenden blütenblättern hüpfen wolle.

währenddessen schluchzt die hochzeitsglocke in der himmlischen luft und schwere wagen rollen in den hof. das sind die familien aus der umgebung die eintreffen. da sind die Limereuil. da die Demonville. da der alte marquis d'Astin der zittert und mit seinem holzbein hinkt, auf seinen freund d'Ellébeuse gestützt. man beachtet stets die schönheit seiner weißen haare, er hat ausnahmsweise den ledersessel verlassen in dem er die Äneis übersetzt und oft an das kaiserreich China zurückdenkt das er bereist hat. man sagt daß tragische vorfälle sein leben erschütterten und daß er sich am abend seines daseins bereitmacht, wie Robinson bei der rückkehr von seiner insel, in frieden ins land Gottes einzugehn. von ihrem fenster aus sieht Almaïde ihn vorbeikommen. sie erkennt sein ausgeprägtes profil und die kummerfurche die die wange des greises durchschneidet. zwei frische junge mädchen am fuß der treppe machen ernst ihren knicks vor ihm. er grüßt sie ohne sie anzulächeln.

der galopp zahlreicher pferde rasselt auf dem kies. das sind die bauernburschen aus dem tal die die braut begrüßen kommen. sie bringen ihr eine sanfte mit efeu bekränzte färse, und dörflerinnen in weiß tragen einen weidenkorb mit zwei verschreckten turteltauben darin. der weg ist mit lorbeer, buchs und schwertlilien bestreut, und die glocke, der plötzlich die beiden tauben antworten, gurrt unaufhörlich in den überirdischen morgen. und stimmen junger mädchen, zarter als heckenrosen, entblättern sich in den echos des hauses. sie sind ganz früh am morgen aufgewacht, in dem schlafraum den man für sie neben dem zimmer der braut improvisiert hat, sie lachen und heben ihre mageren nackten arme an ihre noch schlafenden haare.

bald formt sich der zug. die braut erscheint mit wiegendem gang. sie ist wie eine lilie die andere blumen schmücken, weißer flieder und orangenblüten bekränzen ihr glattes schwarzes haar von dem ein schleier fällt der so leicht ist daß er wie der flügel einer mücke schillert. sie hält die lider gesenkt, lider die auf der dunkel-enzianfarbenen iris flattern wie schwarze schmetterlinge. das oval des gesichtes ist länglich, fast zu sehr; und die nase so schmal daß es ein wenig beunruhigt, wie schwach der lebenshauch ist der sie erhält, wie ausgeprägt die krümmung über den zusammengekniffenen und blassen lippen. wie aus einem maiglöckchen hebt sich der schulteransatz aus einer spitzenkrause. und die seltsam kleine hand die aus dem weiten mit bändern verzierten ärmel hervorschaut liegt ein wenig verkrampft auf dem arm des vaters.

Almaïde d'Etremont küßt Eleonore, dann, nachdem sie den gruß von herrn de Landelaye, dem zukünftigen gatten, erwidert hat, nimmt sie den arm von herrn de Soulère, der sie begleiten wird. diese wahl ihres partners gefällt ihr nicht allzusehr. er ist witwer und genießt den ruf viel und belanglos von sich selbst zu reden... er hätte besser in die Charaktere von La Bruyère gepaßt, sagt sich Almaïde, als hierhin... ich werde ihn reden lassen.

alle gehen zu fuß zwischen den roten brombeerhecken zur kirche. die hundstagshitze lastet. alles schweigt. nur ein frosch quakt einen augenblick lang in einem verkrauteten und feuchten graben.

im innern des kirchenschiffes verteilt sich das licht in dicken strahlen die von den fenstern gefärbt sind, und die schleppe der braut, über die kühle der fliesen gebreitet, nimmt die farben des regenbogens an. die kapelle ist einer honigwabe vergleichbar, umsummt vom schwärmen des fleißigen bienenvolks. ein duft von wald, weihrauch und engelwurz verzaubert diese heilige stätte. das ächzen eines kleinen harmoniums wird laut, dehnt sich bis unters gewölbe, rührt die gesammelten seelen.

Almaïde d'Etremont, auf den knien, das gesicht in den händen, sieht aus als bete sie: aber sie sucht in dieser haltung vor allem ein mittel sich abzusondern, in ihr herz ein wenig von jenem frieden eintreten zu lassen den die stille gebiert die man in sich schafft. sie ist bezaubernd so: als ob der körper, durch das knien gespannt, seine schale durchbrechen und sich zögernd wie eine reife frucht aus den palmblättern des haars lösen wolle.

bald hebt Almaïde den kopf und sieht, durchscheinend in einem fenster, Johannes den Täufer als kind, mit fellen bekleidet und an einem bach stehend. da denkt sie an Klein-Wilhelm der auch hirte ist und die furten der flüsse überquert:

... wie war sie doch gesegnet, jene zeit als herren und knechte nichts als eine einzige familie waren...! das war das goldene zeitalter, denkt sie. Ruth las bei Boas ähren der sie zur frau nahm. der mohn blutete im schatten der garben. ein schwerer saft schwellte die violetten trauben von Kanaan... die frauen gebaren im schatten der dromedare. die jungen stammesführer beteten in der wüste.

... o mein Gott, sagt Almaïde d'Etremont bei sich... mein Gott erhöre mich, ich will lieben, ich bin so traurig... so unglücklich... mein Gott ich muß jemanden lieben... ich rufe zu Dir...

aber nichts antwortet dem jungen mädchen als das kleine harmonium das seine dünne melodie fortsetzt, die der stimme des abendwindes über den wassern gleicht.

der zug formiert sich aufs neue und die kirche leert sich. und der duft des schon welken grüns ist in der mittagssonne noch stärker. in der scheune deren mauern mit laub bedeckt sind hat man zwei tische aufgestellt. an den einen sind die bewohner des dorfes geladen. das mahl hat begonnen. die geräusche des tages draußen verstummen. die türe ist zu. man hört nichts als das leise klirren der gabeln auf den tellern. der schatten rieselt auf den frieden der seelen. herr d'Astin erhebt sich und sagt:

ich freue mich, mein liebes liebes kind, meine gute Eleonore, über Ihr glück nachzusinnen, nun da die sonne für mich bald im reich der Schatten aufgehn wird. ich bin wie der pilger der seine heimatstadt wiedergewonnen hat, und der nichts mehr verlangt als bald in frieden unter der schönen eiche zu ruhen die das grabmal seiner ahnen beschattet. ich bin gleich Odysseus der nach der rückkehr an seinen herd es liebt sich des stürmischen meeres und der kämpfe zu entsinnen. ich bin wie eine hundertjährige ulme deren freude es ist in ihrem letzten laub das bezaubernde nest Eurer jugend und anmut zu bergen.

am ende so vieler und verschiedener ereignisse die meine abenteuernden schritte vom strand des kaiserreichs China zu den ufern des nebligen Albion trieben, halte ich die augen zum himmel gerichtet, auf den göttlichen stern vertrauend, der die chaldäischen Weisen so gut wie den Kapitän von Genua ihrer bestimmung zuzuführen wußte.

so viele gewittrige sommer haben mein gesicht mit unauslöschlichen furchen gezeichnet! der reif so vieler winter hat auf meiner stirn etwas von dem ewigen schnee hinterlassen der mich gemahnt daß ich bald zu den ersten gipfeln eines anderen Himmelreiches gelangen werde.

mein liebes liebes kind, Sie sind nun für immer an der seite des edlen den Sie gewählt haben. seine vornehmheit wird Sie stolz und seine güte glücklich machen. und Gott wird Euch in Eurer nachkommenschaft segnen.

ach meine freunde, warum habe ich nicht wie Ihr getan? der Schöpfer, unter den goldenen früchten des irdischen paradieses, wollte daß der mann eine gefährtin habe. erlaubt einem greis der bald ins grab steigen wird die innere einsamkeit seines lebens zu bedauern.

sicher ist es schön zu reisen! es ist fesselnd die robe eines mongolischen stadtoberhaupts anzulegen, als lama verkleidet in einen obstgarten einzudringen, auch wenn man von diesem ausflug mit einem holzbein wiederkehrt! es ist angenehm die astronomie in gesellschaft der Jesuitenpatres von Peking zu studieren, und bei einem gesitteten volk den festen des vierten mondes beizuwohnen!

... aber wieviel schöner ist das dasein dessen der im Herrn gelebt hat und wie der landmann des Fabeldichters stirbt, die hände in den händen seiner kinder.

meine freunde, erlaubt, daß ich, bevor meine stimme verstummt, euch den talisman anvertraue den ich von meinen pilgerfahrten mitgebracht habe. vielleicht wird er euch vor manchen gefahren bewahren: lebt nicht zu sehr in träumen. der traum zeugt schwermut. ich kannte eine junge Tartarin die sich ähnlich wie das schlafende Dornröschen von träumen verzaubern ließ, bis sie nach sieben jahren des schlafs aus kummer erwacht zu sein starb.

kümmert euch um euer hauswesen. züchtet geflügel. baut nutzpflanzen an. besucht die armen in der gegend. flößt den söhnen und töchtern die euch geboren werden die liebe zur wahrheit und zur natur ein, denn im werk des Schöpfers wohnen unsere freuden und tröstungen.

nun, o meine kinder, sage ich euch lebtwohl. nicht ohne rührung betrachte ich, zweifellos zum letzten mal, die buchenallee dieses parks in der vor fünfundsiebzig jahren teure Schatten sich verlobten. doch ersehne ich auch nicht ohne sanftmut nach so unendlicher mühsal die ewige ruhe und bin überglücklich daß der Allmächtige mir noch die gnade erwies in euch eine teure vergangenheit erstehen zu sehn.

 

als er seine rede beendet hat, setzt sich herr d'Astin mit mühe wieder hin. ein ehrerbietiges schweigen, dann applaus nehmen diese beredten worte auf. neben dem redner bebt eine schwarze gestalt. das ist die alte frau d'Étanges, die großmutter der armen Clara d'Ellébeuse, die in ihre durchäderten und knotigen hände schluchzt. und plötzlich, in einer einnehmenden und trauervollen haltung, streckt sie, eine hand über den augen behaltend, die andere ihrem alten freund d'Astin entgegen, der ihre finger küßt an denen die alten ringe zu weinen scheinen.

 

und Almaïde d'Etremont, schön wie die nacht in ihrem glühenden kleid, sagt sich, indem sie den alten edelmann anschaut der zitternd sein glas hebt:

— wie gut er doch ist!... ich ziehe ihn dem ehemann vor...

und zur großen freude Almaïdens kommt herr d'Astin nach dem essen auf sie zu:

— ich habe Sie recht lange nicht gesehn, mein schönes kind... ich verlasse so selten mein haus... wie befindet sich Ihr onkel? immer noch schrullig? na ja!... ah! Ihre teure mutter, Ihr vater, die waren liebenswürdig! wie kommt es, daß Sie, hübsch wie Sie sind, nicht heiraten? erröten Sie nicht... ah! ja? ich verstehe... der onkel?... das dachte ich mir...

am ende — schließt herr d'Astin lächelnd — dauert nichts ewig... die granatäpfel sind dazu da gepflückt zu werden. und wenn Ihr Argus von einem onkel den baum zu sehr bewacht, wird man sie ihm stehlen, meine liebe... und ich bedaure wirklich, nicht mehr jung genug zu sein... was?... Sie langweilen sich dort unten? Sie gehen nie aus? wann kommen Sie mich besuchen?... am dienstag sehe ich freunde bei mir, werden Sie kommen?

Almaïde antwortet:

— Sie sind sehr gut, herr d'Astin... ich würde so gerne, aber ich kann nicht. mein onkel, obwohl er mich kaum sieht, kann es nicht leiden daß ich mich von den Aldudes entferne um leute zu besuchen... heute ist es mir ausnahmsweise erlaubt... danke, herr d'Astin, danke...

— nun gut, meine tochter, erwidert der edelmann halb lustig, halb traurig, ich stifte Ihrem onkel die schönste eiche meiner wälder für seinen sarg!

er sagt das stehend, über seinen stock gebeugt, feixend nach art des herrn Voltaire. doch eine große güte spricht aus seinen augen obwohl er sich über die verlegenheit zu amüsieren scheint, die er bei dem jungen mädchen, das errötet, hervorruft. er mustert sie mit dem nachsichtigen skeptizismus eines würdigen greises der den kult der schönheit noch pflegt, aber für die illusionen der jungen leute sich ein lächeln mitleidigen bangens bewahrt.

 

 

IV

einige tage nach der hochzeit Eleonorens, als Almaïde d'Etremont sich dem fluß nähert der den wald der Aldudes durchfließt, findet sie nicht weit vom ufer in einem dichten gebüsch Klein-Wilhelm der auf der flöte spielt.

sie bleibt stehn und lächelt ihm zu:

— ist es sehr schwierig so zu pfeifen?

und sie nimmt das dreieck aus buchsbaum und streift mit ihren glühenden lippen seinen rand.

— nein, nicht so, Fräulein. man muß die flöte von links nach rechts gleiten lassen und dann von rechts nach links indem man über die zwölf löcher bläst.

der abend zittert sanft im gedanken an einen schauer der vor die sonne zieht. dicke weiße wolken fliehen über das klare und reine blau. das grüne wasser, auf dem die tränen der blauen erlen sich zu lichten kreisen erweitern, trübt sich stellenweise ein wenig, da wo vom grund blasen aufsteigen die an der luft platzen.

— komm, gehen wir näher ans ufer? fragt sie. setzen wir uns dorthin, willst du?

das kind setzt sich Almaïden zu füßen, rückt seine pfeife an die lippen und bläst aus vollen wangen in den hohlen tönenden buchs.

— wer war die hübsche ziegenhirtin mit der du neulich tanztest?... die mit den lackierten holzschuhen und den lila strümpfen?

— das ist meine kleine freundin, Fräulein.

— wie, deine kleine freundin?

— meine geliebte, Fräulein.

Almaïde errötet und fragt ihn:

— wie heißt sie?

— Mailys.

— seid ihr verlobt?

— oh! verlobt... wir sind zu jung.

dann, spitzbübisch:

— wir amüsieren uns im gebirge.

— womit amüsiert ihr euch?

— wir lieben uns, Fräulein.

Almaïde errötet und schweigt einen mornent, dann:

— wie liebt ihr euch?

... und als sie das fragt, pocht ihr herz und ihre ohren dröhnen. sie weiß nicht ob sie es bedauert gesprochen zu haben. sie streckt den arm aus und fühlt durch den mousseline des ärmels die brennende wange des kleinen hirten. einen langen augenblick bleiben sie so, stumm, unbeweglich, verwirrt von der aufkeimenden begierde und dem betäubenden duft der roten minze.

— meiner treu, was solls, sagt sie sich, es ist gut so zu sein...

aber als sie unmerklich, fast ohne es zu wollen, den kopf des jungen näher zu sich heranzieht, streckt dieser sich ein wenig nach art der ziegen die an hecken naschen und pflückt einen mund der süßer und wärmer ist als eine frucht deren fleisch auf der zunge zergeht.

jetzt erst erhebt sich das junge mädchen und geht, ohne ein wort zu sagen, davon.

 

von diesem tag an treffen und lieben sie sich. das warme grummet der letzten augusttage birgt ihre zärtlichkeiten die keiner ahnt und die nichts stört. sie umschlingen sich, gewiegt vom lachen der fließenden bäche und von dem gleichmäßigen geräusch das die knorrigen ziegen beim rupfen machen. manchmal gehn sie ins heidekraut. welche wonne sich arm in arm in diese heißen blütentrauben zu verkriechen! wie vergehen sie vor wollust wenn die glut des nachmittags den ocker der wege gespalten hat und die ersten tränen eines gewitters plötzlich auf das laub prasseln! oh! der langsame heimweg durch die hohen reben wenn die zwitschernde drossel vergeblich die verschwundenen trauben ruft; und die halte unter dem feigenbaum wenn Almaïde, soviel goldener trunkenheit erliegend, nur noch stöhnend mit den wimpern schlagen kann...

bald kommt der herbst, und sie verstecken ihre liebe im gebirge.

die leidenschaft Almaïdens wächst im maße in dem sie in den armen des kleinen fauns erfahrener wird. sie gibt sich ohne rückhalt hin, ohne furcht, ohne reue, ohne schuldgefühl. sie schmeckt im erfrischenden brennen der küsse die pfeffrige würze einer roten frucht die in all ihre glieder dringt. sie füllt den einst so düstren park mit der erinnerung an ihre umarmungen, der schrei der pfauen umtrauert nicht mehr die schattenplätze, sondern schrillt in der sonne, blendend und freudig. die launen ihres onkels lassen Almaïde, ebenso wie die neuigkeiten die Eleonore ihr mitteilt, unbewegt, beinah spöttisch. und stunden der lust und der erwartung sind es jetzt die der scharfe schatten der schönen reifen sonne auf der sonnenuhr anzeigt.

gemeinsam erklettern sie die steinigen pfade und gelangen zu den verlassenen schäfereien. die buchen verlieren noch nicht ihre blätter die rot sind wie im feuer geröstete kupferspäne. die weichheit der blauen, immer nächtlichen stille unter den tannen liebkost die schläge ihrer wimpern und sie vergnügen sich am flug der schneehühner der die leere weckt und zittern macht.

niemand im dorf wundert sich sie beinah jeden tag zusammen weggehn zu sehen. man weiß daß Almaïde diese spaziergänge mag, von denen sie blühende zweige mitbringt. und es hat nichts erstaunliches daß sie einen führer nimmt: es ist gefährlich allein im gebirge umherzuirren.

o wasserfälle die der rasche sturz unbewegt erscheinen läßt! himmel aus vergoldetem purpur! raubvögel die ihr in die schlünde taucht wo das rauschen schläft! höhlen vom flüssigen saphir reiner wasser ausgewaschen: seht zwei liebliche kinder vorbeigehn!

bald lädt der dunkle seidelbast sie ein sich auszustrecken, bald empfängt und wiegt eine wiese sie die grüner ist als das tal in dem die hirten des Cervantes vor liebe starben.

Almaïde d'Etremont trägt bei diesen gängen ins gebirge die haube und das brusttuch des Ossau. sie selbst hat auf die rauschende, leuchtende seide die ihr busen wölbt eisenhut, mohn und herbstzeitlose gestickt. und Klein-Wilhelm liebt sie so nur umso mehr, denn sie scheint ihm nicht mehr das fräulein von den Aldudes zu sein, sondern die schwester der ziegenhirtinnen die er verließ und die aus der strahlenden weiße der sonnenuntergänge den harmonischen schatten der herden heimtreiben.

wie gut ist es daß die schwermut Almaïdens sich endlich löst! oh! das scheußliche leben das sie bisher geführt hat! jetzt verfliegen sie, der überdruß ihres früheren daseins, der herbe und irnmergleiche schmerz der ihre seele mit widerwillen füllte, das unrecht von niemand geliebt zu werden, sie, deren herz von bitterkeit und würgender eifersucht überfloß, wenn auf den dächern der höfe die gurrenden tauben ihre flügel mischten.

der tod; sie hätte den tod einer rückkehr in ihr früheres leben vorgezogen; den tod den sie einst ersehnt hatte, wenn sie nachts durch das offene fenster, von ihrem bett aus, den gewitterwind in den blättern des dichten feigenbaums rauschen und verebben hörte — wenn sie nichts außer diesem ächzen vernahm.

— liebst du mich? sag daß du mich liebst, Klein-Wilhelm, verlangt sie.

und die elsternaugen des jungen blitzen in die des mädchens der er kaum anders antwortet als mit liebkosungen die sie zählt. dann schließt er die lider vor begierde wie ein satyr vor einem bienenschwarm, und berauscht sich am duft dieser waldblume.

— wo warst du gestern? gestern hab ich dich nicht gesehn. sag mir wo du warst. ich will wissen wo du warst.

— gestern habe ich touristen zu den Fünf Bergen geführt.

— das ist nicht wahr. ich wette daß du deine kleine ziegenhirtin besucht hast... du warst bei Mailys. geh weg, ich mag dich nicht mehr.

— ich war nicht bei ihr. ich war auf den Fünf Bergen.

— du lügst. küß mich!

und Almaïde läßt dies bergeichhörnchen auf sich spielen. sie gibt sich ihm rückhaltlos hin. sie die man in der klosterschule mit recht beschuldigte zu sehr den stolz ihrer rasse hervorzukehren, sie reicht den küssen des kleinen hirten das reglose und vollkommene oval ihrer wangen, das an die stille verachtung, den sinnlichen ernst einer düsteren Marie-Antoinette erinnert.

wie wenig bedauert sie jetzt nicht geheiratet zu haben! wie kommt es daß sie vor wenigen tagen noch von einem dasein träumte wie dem von Eleonore de Landelaye? was kümmert es Almaïde in dieser stunde, daß ihre freundin am arm eines schwächlichen und blassen gatten nach Spanien gereist ist? alle heißen gegenden sind im herzen Almaïdens, und all ihre weine, und all ihre granatäpfel, und all ihre lieben, und all ihre lieder. ah! hundert und tausend mal zieht sie dem vollkommensten edelmann diesen schwarzen bock aus dem tal vor, der sie mit seinem blühenden mund küßt.

sie lieben sich. die zeit flieht. nach dem schwarzen sommer und dem blutroten herbst kommt der winter. und im winter ist es eine lust für Almaïde sich an die blauen wälder zu erinnern die zuerst ihre liebe schützten, an die bäche die die taube La Fontaines geliebt hätte, an die libellen über dem grünen bach der Aldudes, an das geräusch der dreschmaschinen das vom gurren der turteltauben und dem schweigen der küsse begleitet wurde. sie denkt auch an die schäfereien des september zurück, die das weiße feuer des mittags umschloß, an die zärtlichkeiten die durch und durch gingen, den gewölbten roten krug aus dem sie wasser tranken das in dem porösen ton knisterte.

 

 

 

V

mittlerweile ist es februar und Klein-Wilhelm muß heute drei touristen, die am vorabend in der herberge angelangt sind, auf den paß führen.

bevor er zu ihnen geht, und obwohl es sehr früh am morgen ist, hat er sich in den park des gutshauses bis unter die fenster Almaïdens geschlichen. sie hat das südfenster ein wenig geöffnet. und er ist auf den ästen des feigenbaumes zu ihr gestiegen, in ihr zimmer.

— pst! sei schön leise... das ist lieb daß du gekommen bist. ich warte seit einer stunde auf dich. du bist kalt. schau... hier ist es gut...

 

man hört auf dem taubenschlag die wetterfahne knarren.

 

— ...es wird wind geben.

— sie wollen trotzdem aufbrechen.

— wieviele sind es?

— drei.

— wie spät ist es? drei uhr?

— halb vier.

— sei vernünftig. du mußt gehn... hör, in den lorbeeren... es wird doch keine lawinen geben?

— nein.

— so...

— ja...

— ade.

er steht vor der kirche. es schlägt vier, mit heiserem, sanftem und brüchigem klang, der zittert und schluchzt. die touristen treffen ein.

Klein-Wilhelm übernimmt die führung. er geht mit gleichmäßigen,langsamen schritten und gebraucht den bergstock beim aufstieg selten, doch läßt er den fuß jeweils eine sekunde auf dem steinigen pfad haften, um sich zu vergewissern daß die steine fest liegen.

sie erklimmen die ersten steigungen, passieren die furten reißender sturzbäche. die brüllenden wasser zerstäuben ihren feinen schaum an den felsen, kreisen, stauen sich, fließen einen moment langsam zwischen kieseln hindurch, dann schlagen sie hoch und rauschen spritzend auf.

Klein-Wilhelm verkündet:

— es wird sturm geben auf dem paß.

dann setzt er mit nachdenklicher miene seine träumerei fort die das gleichmäßige klopfen der pickel auf dem granit im takt wiegt. er denkt an das junge mädchen das er zurückgelassen hat, und bebt im gefühl, solange in seiner achselhöhle die liebkosung aufbewahrt zu haben, die Almaïdens sanfte und runde schulter vor kurzem dorthin gebettet hat. er sagt sich: diese herren hier haben sicher keine so hübsche freundin...

und er stellt sich den feinen mund Almaïdens vor, die bewegliche, schmale, gebogene nase, das schmachten der augen, die geschmeidige wärme ihres busens, die schimmernde anmut der beine unter dem mousseline.

am horizont tritt plötzlich grell der umriß des gebirges hervor. da und dort durch den nebel stoßend erscheinen, wie adern des himmels, die dunkelblauen grate, die von schneestreifen gefurcht sind. im maß in dem man höher steigt und seine position verändert scheinen die gipfel, die in stufen hintereinander aufragen, sich zu verschieben, ihre kämme die gestalt zu verändern.

sie tauchen in die blaue nacht der tannen ein. noch immer hört man die schiefen stöcke auf der seite wo nicht der abgrund ist den steinigen boden abtasten. da kommt der erste schneeplacken... achtung!

Klein-Wilhelm bahnt den weg. er zögert, dann stapft er entschlossen durch den schnee der ihm bis an die knie reicht. die löcher die so entstehen, und in die jeder der touristen nacheinander die füße setzt, haben den grünlichen schimmer eines tiefen flusses.

— sehen Sie dort unten?

— ja, es schneit...

— ja, und es stürmt... vorsicht! legen wir uns hin... diese graupeln verbrennen gesicht und hände. als ob es funken wären... halt!... ein marder, da unten... sehen Sie diesen marder?...

— rühren wir uns nicht mehr!

sie bleiben unbeweglich, das gesicht gegen den boden gekehrt, an ihre stöcke geklammert, aus angst vom wind weggeweht zu werden.

schließlich gehen sie weiter. bis zum rand des himmels sieht man nichts als eine einzige ungeheure gelbe oder weiße wölbung über der nichts existiert, keine bewegung, kein geräusch. es scheint daß eine fliege, so tödlich ist die einsamkeit, genügte um in ihrem flug den horizont zum einstürzen zu bringen. sie können wegen der stärke des orkans die paßhöhe nicht erreichen und müssen wieder hinabsteigen.

die rutschpartien fangen an. Klein-Wilhelm setzt sich als erster auf den beschneiten hang und läßt sich gleiten, die rasende fahrt manchmal mit seinem stock abbremsend. die andern folgen ihm lachend, ihre rücken von haufen kugeligen schnees angehoben, und lernen bei dieser art beinah waagrechten flugs das gefühl des schläfers kennen der auf dem rücken ausgestreckt träumt er schwebe.

bald werden sie den firnschnee hinter sich haben und wieder in sicherheit sein. schon sieht man da unten schäfereien wo man wird essen können. Klein-Wilhelm denkt daß es mit Almaïde dort gut wäre... aber die berge sind gegenwärtig zu böse. in der schönen jahreszeit werden sie dorthin gehen können. er wird frisches farnkraut auf dem boden ausbreiten... sie werden die zwei ziegen mitnehmen. sie werden lachen über den versuch die blaue milch in seinen strohhut zu melken, wie voriges jahr... sie war schön, am sonntag, als sie vom vespergottesdienst kam... sie ist gut... alle kleinen mädchen des weilers schenken ihr schneeglöckchen, dicke sträuße von schneeglöckchen. das macht Klein-Wilhelm manchmal traurig, denn sie scheint ihn für einen busch blumen zu vergessen. im sommer wird er ihr blaue disteln bringen...

 

— sagen Sie mal?

— was?

— wo ist der führer?

— aber er war da... ich sehe ihn nicht mehr...

 

am folgenden nachmittag zog man den leichnam Klein-Wilhelms aus einer gletscherspalte. unter seiner mütze war ein faden bluts hervorgelaufen der seine brust gefleckt hatte wie die eines rotkehlchens.

 

 

VI

als der schloßgärtner Almaïde vom tod Klein-Wilhelms benachrichtigt, zeigt sie keine bewegung, so schrecklich ist der innere schock. sie sagt.: ah! was für ein unglück... und geht, um sich zu setzen, zu der bank die neben der sonnenuhr steht. sie sieht auf einmal nicht mehr richtig. die trauerweide fängt an sich zu drehen. ihr scheint daß sie ziffern zählt, daß sie einen schlechten traum hat aus dem sie erwachen will, der aber fortdauert...

Almaïde fühlt sich unwohl. sie merkt nicht wie sie mit dem kopf auf die lehne der bank aufschlägt. sie sackt zusammen und kommt erst am ende einer langen viertelstunde wieder zu sich.

 

sie erträgt alles mit fassung: den besuch bei den leidtragenden, den anblick der leiche Klein-Wilhems. die mutter sitzt reglos neben dem lager auf dem ihr kind ruht, mit eingefallenen nasenflügeln und weiß von jener blauen weiße die nur, an winterlichen spätnachmittagen, der schnee der gipfel annimmt den noch nicht die schwellende flut des schattens erreicht.

auf der schwelle zur küche, die zum totenzimmer verwandelt ist, gluckt eine henne furchtsam, einen fuß in der luft, nach ihren verstreuten küken. die flamme der kerze zittert, rötet sich, wird dünn und raucht über dem kruzifix und dem teller mit weihwasser in dem ein schwarzer lorbeerzweig liegt. an der wand hängen ein quersack und eine feldflasche. die katze vor dem erloschenen herd putzt sich behutsam. eine alte bäuerin in schwarzem umhang betet, hustet und geht wieder. die schönen mädchen aus dem tal knien nur einen augenblick nieder, erschreckt durch das unbegreifliche: die reglosigkeit dieses kindes, dessen gelenkigkeit sie vielleicht einmal überrascht hatte.

Almaïde d'Etremont wirft sich nieder. sie sagt sich: diese braune mütze und diesen anzug trug er an den tagen da er mit den hirtinnen tanzte...

sie versucht zu beten, aber sie kann nicht. sie grübelt weiter: mit den hirtinnen... da er mit den hirtinnen tanzte... er hatte genau dieselbe locke, damals als er mich traf... als ein zweig mich an der stirn gekratzt hatte. die tiere waren davongelaufen. ich glaube es ist die dunklere die meckert... es ist zeit von hier wegzugehn. oh! wie ich leide...

sie erhebt sich.

— es ist lieb daß Sie gekommen sind, Fräulein. er hatte Sie so lieb... sehen Sie: man hat seinen stock wiedergefunden... es war blut an der spitze.

Almaïde bleibt kalt und fragt:

— wann ist morgen die beerdigung?

— um neun uhr, Fräulein.

— Sie können im schloß holen lassen was Sie brauchen.

sie kehrt heim, legt sich hin ohne gegessen zu haben und versinkt in ihren traurigen träumereien. sie vergegenwärtigt sich die idylle dieser fünf monate. sie vergißt jeden moment, so frisch sind ihre erinnerungen, daß Klein-Wilhelm tot ist. wiederholt passiert es ihr daß sie sich sagt:

... übermorgen werde ich ihn wiedertreffen, an der furt bei den weiden; die hainbuchen sind jetzt kahl; die blätter verstecken uns nicht mehr, wir müssen aufpassen...

dann denkt sie: gibt es nichts das mich hindert ihn wiederzutreffen?...

und noch bevor sie die antwort formuliert hat, daß nämlich Klein-Wilhelm in einen abgrund gestürzt ist und jetzt dem toten blassen schnee gleicht, steigt ein anderer einwand in ihr auf den sie schon verdrängen will... aber wie kommt es daß sie seit zwei monaten nicht daran gedacht hat?...

... und plötzlich schießt das blut ihr heiß ins gesicht, sie unterdrückt einen schrei der scham...

 

sie wohnt am nächsten morgen der beerdigung des kleinen hirten nicht bei und bleibt während der folgenden tage wie gelähmt vor bestürzung. schwanger! sie ist schwanger...

 

was tun? arme Almaïde! wie eine frucht wird ihre schönheit reifen, frucht einer leidenschaft in der alle versprechen schöner tage enthalten sein würden. trotz der trauer und der angst wird ein kräftiges leben, diesem boden entsprossen, seinen glühenden saft zu Almaïdens herz drängen.

 

tage vergehen. sie fängt sich wieder. nicht etwa, daß die tödliche unruhe sie verläßt, aber die zähe energie die in ihr schwelt wächst in dem maße wie der mütterliche instinkt sich ausbildet. sie ist zu sehr frau als daß sie sich nicht mit aller kraft verteidigte, und die erste verteidigung ist die sorgfalt mit der sie ihren zustand verbirgt. sie bejaht ihn im grunde ihrer seele mit einer art bitterer, düsterer und leidenschaftlicher resignation. aber diese wilde sünderin ist ihrer frucht genausogut wie eine blume verbunden. und niemals käme dieser gesunden und schönen natur der gedanke, daß man in den bergen böse feen finden kann, die an den flanken unfruchtbarer schluchten schwarze lilien pflücken deren duft die ungeborenen kinder tötet.

 

 

VII

so vergehen zwei monate, und ein neuer trauerfall ereignet sich der Almaïde kaum berührt: der tod ihres onkels, der eines morgens vom schlag getroffen entseelt in seinem bett gefunden wurde.

Almaïde, von ihrem schrecklichen kummer verstört, nimmt wie im traum an der beisetzung teil, ohne auf die zudringlichen zu achten deren neugier schon den nahen ruin des schlosses der Aldudes berechnet hat. allein auf der welt, was soll sie tun?...

Eleonore de Landelaye kommt nach der zeremonie zu ihr:

— liebe Almaïde, sagt sie zu ihr, wie bist du zu bedauern. glaube nicht daß wir nicht oft an dich denken... du bist René sympathisch; er hat an dich gedacht... ich weiß wie heikel es ist, unter solchen umständen von diesen dingen zu sprechen... aber diese gelegenheit ist vielleicht die einzige und bietet sich nicht wieder... du bist jetzt allein auf der welt, ohne einen stützenden arm...

Almaïde beginnt zu ahnen was ihre freundin ihr raten wird. es kommt ihr vor als gerinne in ihrer brust ein strom von blut der sie erstickt. aber eher als reue ist es eine dumpfe gereiztheit die sie spürt.

— nein... laß mich... laß mich, sagt sie.

— nein, meine liebe Almaïde, erwidert Eleonore, ich werde nicht schweigen. es ist zweifellos dein kummer der dich so zu mir reden läßt, aber hör zu...

— nein! schweig!

— doch; hör mich an; ich will es... René hat mir gesagt ich soll darauf bestehen... du kennst herrn Soulère... er leistete dir bei meiner hochzeit gesellschaft... herr Soulère ist frei... er ist reich... er liebt dich.

Almaïde antwortet ihrer freundin nur durch ein schmerzliches gelächter. in wenigen sekunden, wie, so sagt man, einer der ertrinkt, sieht sie zahllose bilder. sie stellt sich den langweiligen menschen vor den man ihr vorschlägt, eine geste von ihm, eine verbeugung, die sie am tag von Eleonorens hochzeit ärgerten. ah! diesen mann, fast ohne ihn zu kennen, haßt sie... sie haßt ihn mit all ihrer kraft, mit einem unsinnigen und bezaubernden jungmädchenhaß... dann plötzlich spiegelt sich in ihren vom wahn geweiteten augen das gebirge wieder und gleichzeitig füllt das pochen ihrer adern ihre ohren mit dem rauschen eines wasserfalls... dann glaubt sie Klein-Wilhelm zu sehen, aufgebäumt wie eine magere ziege am rand eines abgrunds. er gleitet über das gras, das weiß ist... er stürzt. er ist gestürzt. er ist tot. er liegt in seinem bett, mit einer braunen baskenmütze über den augen. oh! wie heiß waren seine küsse!

sie ruft: nein.... ich flehe dich an... geh... ich flehe dich an... geh... laß mich in ruh.

herr d'Astin kommt auf sie zu: meine liebe Eleonore... wollen Sie uns einen augenblick allein lassen?...

... mein kind, sagt er zu Almaïde, Sie leiden, nicht wahr?

— oh! oh! ja, ich leide...

— mein kind, Sie müssen sich gründlich erholen... ich bitte Sie, haben Sie vertrauen zu mir. Sie werden einige zeit in meinem schloß wohnen. wir werden allein sein und nichts wird Sie stören... ich weiß nicht warum, meine liebe, aber mir scheint als sei es der wille Ihrer lieben eltern der in mir spricht. sagen Sie, wollen Sie kommen?

— ja, antwortet sie leise.

— gut, Sie sollen diesen ort noch heute abend verlassen. ich werde meinen verwalter hierher schicken, damit er aufpaßt daß nichts abhanden kommt. ruhen Sie sich einen augenblick in Ihrem zimmer aus. wir werden in zwei stunden losfahren. mein wagen steht da. wir werden in den nächsten tagen holen lassen was Sie nicht sofort brauchen.

 

Almaïde d'Etremont hat sich bei herrn d'Astin eingerichtet. so viele ereignisse trüben manchmal die schärfe ihres denkens, so sehr, daß sie in gewissen augenblicken ihren zustand vergißt. bisweilen ist es ihr möglich, eigenartigerweise, dank dieser abwesenheiten den zauber des frühlings zu genießen der das alte gut zu schmücken beginnt.

in ihr ist etwas wie das rauschen einer quelle im gras. dann sagt sie sich: beruhige dich; es gibt nichts was dich stört.

aber bald wacht sie aus diesem traum auf, und die wirklichkeit durchbohrt sie dann wie eine klinge deren kalten stich sie zu spüren glaubt, dort, sagt sie sich, wo das herz sein muß. vom duft des flieders wird ihr schlecht bis zum ekel. jeder geruch verstärkt sich in ihr.

herr d'Astin läßt sie soviel allein wie sie möchte. sie ergeht sich auf den rasen, mit unendlicher zärtlichkeit den flachen schädel des alten hundes der ihr folgt liebkosend. sie spricht zu ihm: oh! wie gut du bist... wenn du wüßtest...

und sie fühlt ihren schmerz wachsen wie einen dornstrauch, sekunde um sekunde.

dieser zustand des jungen mädchens beunruhigt herrn d'Astin der ihr väterliches erbe nur zu gut kennt und der weiß welchem mystizismius mehrere der Alcaraz verfielen.

manchmal versucht er Almaïde zu zerstreuen. er zeigt ihr das alte anwesen das vollgestopft ist wie ein abenteuerroman. der duft einer anderen welt liegt darüber. wenn man die gegenstände betrachtet, die er aus China mitgebracht hat, denkt man an Sindbad den Seefahrer. im salon gibt es eine sänfte in der eine große puppe aus dem Reich der Mitte sitzt, die ihre hand zum fenster herausstreckt und eine rote hibiskusblüte hinunterhängen läßt. wenn man näher herangeht, kann man das himmelblaue kleid dieser zauberhaften puppe bewundern, deren nach hinten gelehnter kopf einem wie eine ewige rose das ein wenig abschätzige lächeln des mundes hinhält.

da und dort stehen seltene möbel, mit perlmutt eingelegte stühle oder sessel deren bezüge so dünn sind daß man durch sie hindurch die fleischfarbenen päonien erkennt die auf der rückenlehne blühen. die füße eines dieser sessel stecken in so kleinen, so hübschen babuschen daß es an Aschenputtel erinnert. und an den wänden sieht man heitere gemälde, glänzend wie porzellan, auf denen mongolische prinzessinnen blumen kaufen oder um sie feilschen, mit kleinen zurückhaltenden gesten.

eines abends als Almaïde düsterer als gewöhnlich ist, und herr d'Astin merkt daß er nicht länger gegen diese rätselhafte traurigkeit ankämpfen kann, die er nicht auf den tod eines egoistischen und mürrischen onkels zurückführen kann, fragt er sie:

— meine liebe, Sie scheinen einen großen kummer zu haben?...

sie bleibt stumm im schatten der lampe.

er setzt sich neben sie und nimmt ihre hände:

— sagen Sie, was ist los?

die stimme des edelmanns ist so sanft und gut, daß sie das junge mädchen wie unter einem liebenden hauch erschauern läßt. lange, wie jemand der gleich zu weinen anfängt, zieht sie die luft eines unterdrückten seufzers ein. ihre augen füllen sich mit tränen, ihre nasenflügel beben.

schließlich sinkt sie auf dem teppich in die knie und legt weinend, ihre feuchte und brennende wange in die alten runzligen hände schmiegend die sie mit verkrampften fingern festhält, ihre beichte ab.

 

 

VIII

am morgen nach diesem schrecklichen abend läßt herr d'Astin Almaïde in sein zimmer rufen.

— mein kind, sagt er, setzen Sie sich mir gegenüber... ich habe die ganze nacht an Sie gedacht. ich muß mit Ihnen reden.

er sagt das leise und ernst, in seinen sessel gestreckt, den fuß auf einem schemel und in ein chinesisches frauengewand gehüllt, das er in seinem zimmer oft anzuziehn liebt. seine arme liegen flach auf den sessellehnen, die hände umklammern jede einen der eichenknaufe. der körper ist ein wenig vornübergebeugt. die weißen haare, nach hinten geworfen, wallen. die vergißmeinnichtblauen augen fixieren den boden auf dem der schein des feuers zittert. güte erhellt das schmerzliche antlitz.

herr d'Astin fährt fort:... ich habe die ganze nacht an Sie gedacht...

und er verstummt aufs neue, zögernd.

draußen bläst ein maiwind. ein zartgrünes licht dringt durch die kleinen scheiben. vor der glut summt eine kaffeekanne. Almaïde versucht ängstlich ihre blicke auf die dinge zu heften, die dies zimmer schmücken das sie noch nie betreten hat. rechts hängt eine seekarte, braun geworden wie eine alte muschel. darunter liest man: Indischer Ozean. und da und dort an den wänden oder auf regalen sieht man waffen, seilenden, ausgestopfte vögel und präparierte schmetterlinge, straußeneier. im hintergrund hängen zwei große gemälde.

eines stellt eine junge braune frau dar die ein krankes und schmachtendes aussehen hat. sie hat einen traurigen und sehnenden blick. die eine hand hält einen schal, die andere spielt mit einem kolibri. und zu ihren füßen gekauert räumt eine kleine negersklavin gelbe blüten die früchten gleichen und rosa früchte die blüten gleichen in einen korb.

das andre gemälde stellt eine elegante und sehr reizende chinesin dar. die über der konischen stirn hochgebundenen haare halten spangen und blumen. die augen sind äußerst klein und lächeln seitwärts, sinnlich. die nasenflügel sind zwei blütenblätter von nelken, sozusagen. der mund, klein und rund wie eine kirsche, verrät den festen willen geschlossen zu bleiben, die bereitschaft vielleicht sich nur dem kuß zu öffnen, behutsam, wie eine bonbonniere aus koralle — über dem ovalen und fleischigen elfenbein des kinns. sie trägt ein grünes kleid von derselben farbe wie das gewand des herrn d'Astin und einen lila gürtel der hinten geknotet ist und an den seiten absteht wie große schmetterlingsflügel.

 

die ganze nacht, und einen teil des morgens, fährt herr d'Astin fort, habe ich an Sie gedacht, mein kind. hören Sie zu.

ich bin im leiden wohlbewandert. das alter hat mich erfahren gemacht. jeder mensch der viel gelitten und gelebt hat wagt nicht mehr zu verdammen, vielleicht weil er selbst bald die barmherzigkeit Gottes nötig haben wird...

meine liebe, Sie haben geliebt weil Sie lieben mußten. Ihr gefühl war nicht niedrig. Sie haben mit einer natürlichen liebe geliebt, und nicht mit dieser liebe die man heute durch eine auf vorteil gegründete ehe kauft oder verkauft, und die bewirkt daß der göttliche drang sich im herzen eines jungen mädchens nach belieben herstellt. den stein der weisen, die transsubstantiation die die alchimisten suchten, man hat sie gefunden, mein kind! die mehrzahl der väter und mütter treten ihre tochter dem könig midas ab. glauben Sie daß Gott diese simonie der seelen ohne zorn mitansieht? nein... die frau ist für den mann geboren und der mann für sie. alle geschöpfe, alle dinge wollen sich freiwillig einander schenken. betrachten Sie das frühlingstal. der schneehahn sucht seine gefährtin, die blüte des lebermooses neigt sich gegen die blüte des lebermooses, der ginster duftet nur so süß weil seine stempel befruchtet sein wollen.

... mein kind, ich kenne die qual der einsamen herzen, den hunger nach liebe, den schmerz der die verlassenen seelen von tränen schwellt... meine liebe, schluchzen Sie nicht so, beruhigen Sie sich. sind Sie meine freundin? ich bin Ihr freund und kann über Ihr unglück nur mitleid empfinden. Ihre handlungsweise ist nicht sträflich. doch wehe einer gesellschaft die ein junges mädchen ohne vermögen oder beziehungen meist zur furchtbarsten einsamkeit verdammt. nicht Sie sind schuldig, Almaïde, sondern die selbstsüchtige und voller laster steckende gesellschaft, die einem armen kind verweigert was sie den tieren erlaubt, was sie den vögeln in ihren käfigen gönnt. in der heuchelei wurzelt jedes übel. es müßte so sein, daß jede jungfrau, deren herz sich einsam verzehrt, das recht hätte sich den zu wählen dem sie sich geben will; und daß dies recht unbedingt gälte; und daß es bestand hätte unabhängig von konventionen, verträgen und eltern. es wäre gut wenn eine die ein ungerechtes schicksal zum zölibat nötigt das recht hätte es zu brechen, und mit all denen zu brechen die ihr wegen dieser tat vorwürfe machten, um so ihrer heuchlerischen verachtung zu entgehen; und daß sie ihnen, am tage da sie sich mutter werden fühlte, sagen könnte: ich gehe dahin wo es mich gutdünkt, da ihr mir einen platz im hundezwinger verweigert.

 

die stimme herrn d'Astins zittert und erhebt sich. so wohl wird er in seiner jugendzeit seinen worten den überlegenen ton gegeben haben den alle jene zu gebrauchen wissen die dem schmerz und den gefahren gebieten.

— seien Sie nicht so bewegt, liebes kind, fährt er fort. geben Sie mir die hand, und haben Sie vertrauen.

und indem er sich gegen das porträt der kreolin wendet das die hintere wand des zimmers schmückt, weist er Almaïde mit einer kopfbewegung darauf hin:

— das war die freundin eines freundes. sie starb als opfer der scham die diese heuchlerischen vorurteile in ihr erregten. sie nahm laudanum, und ihr tragischer hingang verwirrte für immer die gedanken dessen der sie liebte. sie hieß Laura Lopez.

dann, indem er auf das porträt der chinesin zeigt:

— sie hieß Li Tse und war die tochter eines mandarins. er widersetzte sich ihrer heirat. sie gab sich mir hin. ich verlangte nichts als sie immerfort zu lieben und das kind das sie mir versprach zu hegen. doch ihr vater entdeckte unsere beziehung, und da er fand sie habe sich durch den verkehr mit einem christen entehrt, ließ er sie den schweinen vorwerfen. und so verlor ich die lieblichste der geliebten und die blüte eines ganzen Frühlings.

herr d'Astin sammelt sich, die stirn in einer hand. man hört das geräusch des feuers und das des windes im park, desselben windes vielleicht der einst über den chinesischen garten wehte, wo in einem dichten gebüsch der junge marquis Li Tse, geschmeidiger und sanfter als einen blühenden quittenzweig, sich unter ihn schmiegen fühlte.

Almaïde kniet zu füßen des greises der zum zeichen des segens seine hand auf sie legt und sagt:

— machen Sie sich keine sorgen. ich bin gerührt wenn ich denke daß meine arme Li Tse nie das glück erlebt hat das Sie erleben werden: das, mutter zu sein. Sie werden stolz auf Ihr kind sein, da Gott es Ihnen schickt. wenn ich noch einige monate lebe, wird es mich an das erinnern dessen man mich beraubte... ja, Gott schickt es uns. wir werden es aufnehmen. die lage in der ich es zurücklassen werde — ich habe keine natürlichen erben — wird gut sein. und Ihr reichtum wird Sie wohl vor unannehmlichkeiten bewahren. meine freundin, Sie werden dies kind durchaus nicht insgeheim großziehen, und auch seine herkunft nicht verleugnen, was leicht wäre. sondern Sie werden es den augen der welt zeigen, die zu verachten man lernen muß indem man laut erklärt: dies ist der sohn oder die tochter des Fräulein Almaïde d'Etremont und eines kleinen hirten aus dem tal.

Almaïde, immer noch auf den knien, die hand in der hand des edelmanns, spürt wie eine unendliche zärtlichkeit sie erfüllt. sie hebt schließlich den kopf und heftet, mit hochaufgerichtetem oberkörper und gelöstem haar, ihre glühenden augen in denen tränen brennen auf die des greises, die blauer und reiner sind als ein aprilhimmel. sie legt ihre schönen arme um den hals Herrn d'Astins und flüstert: mein freund, wie gut Sie sind. ..

 

 

IX

der sommer, bekränzt von oregano und blauen brunellen, kam und ging.

und als der september zu ende war, füllte sich der park des schlosses d'Astin mit jener röte der dämmerung die das ende des tages einem obstgarten voll reifer früchte gleichen läßt. alles wird purpurn, alles wird golden. die dunklen und roten zweige, noch nicht von blättern entblößt, breiten sich schwer über die rasen. kein wind weht über die rostigen wasser der becken. und in den lila schwaden der allee scheint eine nackte marmorstatue, eine jagende Diana vielleicht, über ihrer stirn eine unsichtbare girlande zu flechten.

am fuß der freitreppe auf seinem liegestuhl ausgestreckt sieht der herr marquis d 'Astin, der seinen stock zum spaß seinem spaniel zugeworfen hat der ihn ihm apportiert, vom ende der allee Almaïde auf sich zukommen.

sie setzt sich neben ihn, ihr kind im arm das an die weißen schwellenden früchte die sie ihm hinhält seine feuchten anemonenlippen legt.

herr d'Astin betrachtet sie lange; dann:

— wie schön ist es heute abend, meine freundin! das sterben des nachmittags ist sanft und gesammelt. möge mein dasein so sich enden, und möchten die wolken des hingangs meine augen nur deshalb einen augenblick verschleiern um mir dann den reinen azur der himmlischen gefilde zu enthüllen... seien Sie nicht traurig, mein kind, über diese worte. Sie machen mir noch freude... aber ich würde das leben nicht noch einmal beginnen wollen.

... dies ist zweifellos der letzte herbst da ich mich meiner entsinne. ich werde eines abends erlöschen wie die sonne die die märchenhaften wälder dieser hügel vergoldet. in ihrem heidekraut fand ich als jüngling die liebe der hirtinnen wie Sie die eines hirten. es gibt keinen unterschied zwischen Ihrer jugend und meiner vergangenen, außer in den augen der welt. alle dinge gleichen sich. diese hügel wogen wie das meer, und sie hüten in den tiefen ihrer täler, wie das meer am grund seiner wellen, die überreste vieler stürme...

schauen Sie, dort unten, nah bei dem weißen glockenturm, ruhen in frieden Clara d'Ellébeuse, die Ihre freundin war, und Laura Lopez, von der ich Ihnen am tag nach Ihrem bekenntnis sprach. alle beide starben an liebe, wenn auch die selbstsucht der menschen vorgibt daran sterbe man nicht.

die eine war keusch, die andere leidenschaftlich, was oft dasselbe ist. die eine erlag ich weiß nicht mehr welchem reinen wahn, und die andere dem entsetzen sich hingegeben zu haben. mit einem wort, sie scheinen an der selben krankheit gestorben zu sein, als opfer ererbten stolzes.

was Sie betrifft, mein kind, so rettete Sie, daß Sie frühzeitig der erziehung beraubt wurden. alle dinge gleichen sich, sagte ich Ihnen — und alle wesen. welchen unterschied soll man zwischen unseren rotkäppchen der berge machen, die der liebe ebensowenig widerstehen können wie die haseln dem steigen des saftes, und fräulein Almaïde d'Etremont? ich bin von vielen heucheleien abgekommen die auch der redlichste mensch mit mühe los wird. ich kann diese meinungen umso eher äußern als mein alter sie mir erlaubt und als ich seit vielen jahren verstanden habe die schönheit nicht zu entweihen und in jenem zustand der reinheit lebe der einzig dem alter würde verleiht indem er es der jugend annähert. aber, kind, lachen Sie: ich weiß daß, wenn ich als junger mann in Ihrer nähe gelebt hätte, ob als hirt oder marquis, und wenn es mir nicht möglich gewesen wäre Sie zu heiraten, ich versucht hätte Sie zu nehmen, und daß, wenn es mir gelungen wäre, ich mich für einen schurken gehalten hätte, wenn der gedanke Sie nun zu verachten in mir aufgestiegen wäre.

ich weiß ebenso daß jedes traurige jungmädchenherz, daß zur einsamkeit verdammt ist, das beständig durch den anblick der freude seiner freundinnen verwundet wird und geschwellt ist vom bedürfnis seine liebe zu verschenken, sich hinzugeben und zu opfern, der kleinsten zärtlichkeit erliegen muß die ihm bestätigt daß es fähig ist glück zu schenken. und wo ist die glückliche frau die von der frucht eines reichen gartens gekostet hat und wagen würde, Almaïde zu tadeln, die am grund der schlucht eine armselige erdbeere gepflückt hat?

herr d 'Astin verstummt. er nimmt in seine hand die freie hand Almaïdens, die immer noch träumerisch ihre vergißmeinnichtfarbene bleiche brust, aus der der weiße tau des lebens quillt, ihrem kind zuneigt:

— ich fühle daß Sie gottwohlgefällig sprechen, doch wer sonst spricht wie Sie?

sie hebt den kopf in erwartung einer antwort die nicht kommt.

der herr marquis d'Astin ist in den Ewigen Frieden hinübergeschlafen.

 

 

ende von

Almaïde d'Etremont