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Max Kommerell: Mit gleichsam chinesischem Pinsel

Mit gleichsam chinesischem Pinsel

 

 

 

Eine Zeichnung

 

Er wollte deine Reinheit malen

Und ließ in geisterhaft und leis

Gehauchten Nebeln einen schmalen,

Dem Zweige leichten Vogel weiß —

 

Kein Umriß — nur ein weißer Schatte.

Ein Umriß wäre viel zu hart.

So wurdest du auf seinem Blatte,

Du Ungreifbare! Gegenwart.

 

 

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Die Laute zur Äolsharfe

 

Ach ich — wohl reich an Tönen,

Aber jeder

Menschlichen Fingers ein Griff

Auf mir —

Straße ich der Hände,

Tausendmal begangene ...

Du aber, aufgehangene

Über den Häuptern

Empfängst im Zucken der Luft

Niemand weiß welch Lied,

Nur atmend wenn

Das gestaltlos Reine

Tönen will.

 

 

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Wiedergeburt des Geistes einer Birke

 

Es bog und bog die Birke

Mir Tag um Tag

Ihr Haupt ihr zartes herein zum Fenster

 

Und atmete mir Hilfe,

So oft am Tisch

Ich Haupt, das schwere, vergrub in Händen.

 

Auf einmal nicht mehr. Wer hat

Die Axt gedurft

Ans Leben legen der lieben Schwester?

 

Nicht weinend und beweint nicht

Schied sie. Die Luft

Weiß keine Spur. Nur das Herz hat Heimweh.

 

Nun trittst am Tag des Todes

Der Birke du

Herein und neigest dein Haupt, dein zartes.

 

So weiß ich gleich: hinüber

Geglitten ist

Ihr Geist, ihr scheuer, in deinen Leib jetzt

 

Und tut mir jetzt in dir,

Dem Menschen Mensch,

Was mir der Baum tat, ein andres Wesen.

 

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Lebenslauf

 

Weiß wie sie

Ist der Pflaumenblüte

Das Tödliche.

Ihr zartes Haften

Am schwarzen Zweig wird dünn,

Wenn Flocke kommt um Flocke

Aus einem Himmel, den sie nicht mehr kennt;

Selbst Flocke, gleitet die Gelöste

Durch die schon heitre Luft

Und ruht,

Weiß auf Weißem.

Aber unter ihr

Am vollen Strahl

Schmolz das Verderbliche,

Und eine Weile scheint sie

Der Blumen eine

Auf grünem Grund.

 

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Spiegelung der Sonne zwischen Seerosenblättern

 

Gewundne Stengel hoben

Das runde Blatt nach oben

Der Blüte nur zu lieb,

Damit die köstlich neue

Am Lichte sich erfreue.

Doch keine Blüte trieb,

Und auch der Himmel blieb

Heut abend ohne Bläue.

 

Schon glänzt von Wolkenrändern

Ein tröstliches Verändern.

Und zwischen Blatt und Blatt

Als Spiegelbild von oben

Der Feuchte eingewoben

Vertraulich winkend hat

An der Seerose statt

Die Sonne sich geschoben.

 

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Kamelie in weißer Porzellanvase

 

Erde — nicht die Krume

Die dich trug, noch gestern,

O Kamelie — nein:

Erde, die durchscheinend ward und klingt,

Hält als Gefäß

Dich, von deiner Schwestern

Keinem Laube mehr umringt,

In dein zweites Sein:

Form, der Blume

So gemäß,

Daß sie gestillt in deinen Frieden steigt.

Aber du,

Mit allem was du bist,

Tödlich rein

In dich gehend,

Fügest, leise dein Haupt geneigt,

Einem Menschen zu,

Daß Blume und Gefäß als eins verstehend,

Er weise ist.

 

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Berg und Wolke

 

So möchte ich den Geistern gleichen

Wie jetzt sich Berg und Wolke gleicht.

Die Wolke wird mit satten, weichen

Vertiefungen, und mit Bereichen,

Die sanft erglühen im Erbleichen,

Ein Land, das durch die Lüfte streicht,

Nicht für die Menschen, doch vielleicht

Für müde Vögel zu erreichen.

 

Der Berg, vom Abend angetönt,

Scheint seine Strahlung durchzulassen —

Der veilchenfarbene gewöhnt

Die fast unkörperlichen Massen

Allmählich um nach jenem blassen

Umriß der Wolke, die ihn krönt:

In seiner Festigkeit gelassen,

Doch mit der leisen Luft versöhnt.

 

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Regentropfenjuwel

 

Heißest du «Demut», Gewächs?

Das du blütenlos

Auf geringem Stiel

Dich in zweimal sechs

Schmalen Blättern zur Rosette

Auseinanderlegst —

Des Regens soviel

Dir wurde fassend

Zu einem groß

In dir angewachsenen Juwele —

Seine Glätte

Durchgitterst,

Im Schliff dich hinterlassend —

Als deine Seele

Es für eine Stunde trägst

Und nicht zitterst?

 

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Der Badende

 

Ja du bist dasselbe Wasser,

Wenn du dich, vom blauen Mittag

Funkelnd, Welle dich um Welle,

Lust um Lust ans Herz mir legst —

 

Oder wenn du grau und glatt mich,

Grau und schläfernd nimmst des nachts:

Ohne Schmerz wie das Vergessen,

Wie das letzte Schweigen rein.

 

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Plötzlich zugewehtes Andenken

 

Ja, ja

Ich becherte,

Ihr närrisch-Weise!

Mit euch. Ihr hüpftet

Drollig-feierlich

Wie Kraniche im Kreise

Um mich rund.

Mich lächerte.

Ihr schenktet Wein

Aus Ianghalsiger Kannen

Seladon

In Lotosblätter; und ich

Schob den Stengel in den Mund.

In mich rannen

Lichte Schauder.

Ich schlief ein.

Ihr entschlüpftet —

Nein!

Wir starben.

Nicht ein Mal. Schon

Hundert Mal.

Jetzt aber hat

Mein Schlaf wie Glas geklungen.

Entwürfe

Sind sicher

Erinnerungen!

Wieder wehen Bärte über großem Blatt.

Auf überweises Geplauder

Köstliches Gekicher.

Jadefarben

Perlt der dünne Strahl.

Ich schlürfe.

 

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In den Himmel hören

 

Fächerdolden.

Blüten, klein, weiß, tausend.

Um jede lebt

Gesumm.

Flug, der Melodie,

Flügel, der Diamant ist.

Alles stumm.

Jetzt bebt

Golden

Sausend

Eine Saite, die

Vom Himmel zur Erde gespannt ist.

 

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Das Maß der inneren Stille

 

Licht scheint durch Beeren

Halb grün halb rot —

Es duftet der Dill.

O Wind in den Gräsern, Stimme

Leis genug, mich zu lehren!

Ich bin so still

So innig tot

Daß ich am Kelchrand saugen hör' die Imme.

 

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Wiederkehr des ersten Gefühls

 

Wie selig! Doch —

Ich warte.

Wer weiß die Spur,

Wo ich den Schlüssel dreh,

Durch Kraut

Die Stufen hoch,

Die schrägen, geh ?

Ich und der Abend nur...

Die Pforte knarrte.

Schritte, leis,

Wie Regen.

Wo? Sie weiß.

Wann? Sie errät.

Von einem alten

Großen Schwur

Den schwersten Laut

Mit Lächeln spät

Erfüllend —

Aus Falten

Des Abends, weiß,

Mir entgegen

Sich enthüllend —

Ist sie wieder Braut!

 

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Der Gelehrte

 

Tag. Das Fenster. Im Quadrat

Mir genug des Weltgesichtes.

Hohe Blumen, schlanke Tiere,

Bild der Wolke, Gang des Lichtes:

Was da in den Rahmen trat,

Wird geheim und innerlich,

Und ich reinige und ziere

Seinen Aufenthalt: mein Ich.

 

Nacht. Die Lampe. Wo ihr gelber

Lichtkreis schwebt auf dem Papiere,

Reden mich die Lettern an:

Tote, die ihr Schweigen brechen.

Meine Lippen ahmen ihre

Sprache leise nach. So kann,

Ach wie bald gestorben, selber

Mit den Lebenden ich sprechen.

 

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Ausgerissene Baumwurzel im Gebirge

 

Wurzelgewirr

Gerauft aus dem Schoß

Der Erde — wie bloß

Ragt es dort oben ins Leere!

Einst ein stetes

Stumm und irr

Zwischen Steinen

Erdnachtschürfendes Lecken,

Schicht um Schicht

Unsichtbar

Durchstemmendes ...

Jetzt ein Recken,

Ein ins Licht

Aufwärts gedrehtes,

Ein den feinen

Wolken ihr Haar

Kämmendes!

 

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Der Tod des Buckligen

 

Der Bucklige,

Der fünf gerade Söhne zeugte,

Ging solang schief,

Bis sein Rücken waagrecht lief

Wie bei einem Roß.

Aber aufrecht sprach

Sein Gesicht,

Das eisenfarbene, das klargeäugte,

Mit dem Licht:

Groß, heiter,

Tief

An Güte.

Den Händen nach,

Wenn er goß,

Oder beim Mähen,

Schien er ein Koloß.

— — — — — — — — —

Der Kirschbaum vor dem Schuppen steht in Blüte.

Sein Weib hält die Leiter.

Er steigt, schaut.

Zwei Krähen

Flattern träge

Aus dem weißen Versteck.

Er lacht laut,

Steigt, ist hinweg.

Nur ein Rand noch

Vom Holzschuh, nur die Hand noch

Mit der Säge.

Er ist blind

Vor Weißem.

Blüten, mehr Blüten neigen

Sich über ihn im Takt

Wehenden Geruchs

Und mit dem Hauch

Von etwas Schnellem, Heißem,

Küssen ihn, haben

Nie genug.

Er ist ein Knabe, schön, nackt.

Andere, auch schöne, auch nackte Knaben

Werfen sich im Flug

(Er sieht das zwischen Zweigen)

Aus blauem Wind in blauen Wind.

«Siehe, so!

Versuch's!»

«Jetzt — Ich — Auch —

Oh!...»

Sie denkt: «Spricht er eigen!»

Sie ruft. Ein Fall. Im Liegen

Lächelt er,

Als würf' er eine Last ab.

«Keine Leiter mehr!

Ich kann fliegen.

Säge wer

Anderes den Ast ab!»

 

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Die versäumte Begehung

 

Den Untergang des Lichtes zu verehren

Stieg ich den Waldpfad, bis gebietend ihn

Ein Urfels mir verlegt, und andre, deren

Geringere Gestalten sich wie Schüler

Am Moose seines milden Ernsts erziehn;

Und Tannen stehn so dicht, daß ich in kühler,

Blaugrüner Dämmerung gefangen schien,

 

Und doch war nur ein Schritt noch zur Terrasse,

Wo Grenzenlosigkeit den Geist ergriff,

Ein Schritt nur — den ich freilich unterlasse!

Weil so wie öfter wohl, und doch betörend

Wie nie zuvor, jetzt eine Amsel pfiff.

Ja, das so alt ist wie die Welt — sie hörend

Ward das granitene, ward jenes Riff

 

Beinahe geistig. O wie schön! Jetzt eben

Zu schön! Die Lust erdunkelt und wird bang.

Nein — daß ein kleines, unbewußtes Leben,

Das Vogel heißt, die Töne in der Brust hat,

Nach denen ich, und stets vergebens, rang!

Die Seele springt. Wie sie sich nie gewußt hat —

Sie, neben sich, sie, noch einmal: als Klang!

 

Und je nachdem bald mächtiger die Klage

Des Vogels schwillt und bald ersterbend bricht,

Wird Fels und Moos, wie ich mir selber sage,

Hauch-rosa oder purpurn angerötet.

Ist solcher Rosen zauberisches Licht,

Auf einmal aus dem Fels hervorgeflötet,

O Amsel! dein entzückendes Gedicht?

 

Schräg auf dem Felsen aber lag ein Schatte,

Ein veilchenfarbener. Er überkroch

Der Rosen Licht, das sterbende und matte,

Und sog die letzten Klänge auf. Wie nüchtern

Das Grau! Das Grün wie ernst! Die Kühle roch

Nach Ewigkeit. Ich schrecke auf. Und schüchtern

Betret' ich das zuvor vermiedne Joch.

 

Noch um den Hingang wehen letzte Flore.

Doch wagt der Himmel nicht zu trauern mehr,

Das Sternbild prüft mich, dem ich jetzt gehöre.

Versäumt ist der Belehrung untre Stufe.

Läßt man mich zu in höherem Verkehr,

Der ich dem Echo folgte statt dem Rufe?

Ich schweig' und harre — seltsam leicht und schwer...

 

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Trost eines Menschen ohne Kindheit

 

O Schmerz, der aufweint:

Daß in dies alternde Jahr

Kein frühes Ich dir herauf scheint!

Anderen war

Es reichlich,

Kommt über sie

Wie Gebet,

Unvergleichlich,

Unverwechselbar!

Warst du's nie?

Vergaßest du's?

So warte, bis dein Auge — nicht

Wie Menschen sagen: «bricht» —

Nein: nach innen steht!

Kein Raum kein Fuß:

Du bist Raum, bist Fuß der in ihn geht.

O Boden erlesen

Von allen Böden —

Er tönt!

O der noch blöden

Schritte neues Glück,

O Gehen über Tasten!

Gewesen

Zählt sich zurück

Zum heilig-Alten.

Welche Rasten!

Von Ton zu Ton

Ich mit mir versöhnt!

Die erste Note jahrlang ausgehalten.

Nun die Stelle —

Grün um Kristall —

Wo ich dem All

Entquoll.

Nun der Schwelle

Reines Moll.

 

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Kinder spielen Ball — Ein Großer schläft

 

Sieh den goldnen Ball im Grünen liegen!

Warfest ihn nicht weit genug!

Noch einmal in deine Hand sich schmiegen,

Noch einmal und weit durchs Blaue fliegen

Will er in gekrümmtem Flug!

 

Andre Hände, eifrig ihn zu fangen!

Schlanke Füße auf den Zeh'n!

Körper, die zu fliegen selbst verlangen!

Eifer, glühender, auf allen Wangen!

Dies zu sehn — und nichts zu sehn

 

Liege ich im Gras, der leider Große!

Zwei, drei Bälle sind es schon —

Kugeln, funkelnde und makellose,

Ohne, daß ein Ball den andern stoße —

Bläuer wird das Blau davon!...

 

Was so unermüdlich hüpfen konnte,

Schlummert nun und rührt sich nicht.

Und die Wolke dort, die erst besonnte,

Neigt sich rosenrot zum Horizonte.

Hesperus! Du großes Licht!

 

Von so lieben Stimmen so beschwichtet,

An der Stille dann erwacht

Habe ich mich endlich aufgerichtet.

Sterne flüstern ein; die Seele dichtet;

Zeuge ist allein die Nacht.

 

Und indem an diesem reinen Ziele

Ich mir selber gütlich tu,

Werfen sich in namenlosem Spiele

Namenlose Hände viele, viele

Kugeln durch das Dunkel zu.

 

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Der Heilige während eines Erdbebens

 

Feuer, blau

Aus Bodenspalten fauchendes,

Ist ihm heimlich vertraut.

Rings kein Hauchendes,

Das nicht vom Stich

In die Sohle — das krank

Von dem fremden, großen Laut,

Nicht an ein Hauchendes sank.

Er, wachsend an Schau,

Denkt sich.

Denn der Flammen Spiel,

Der fromm gewordnen,

Um seinen Fuß, dem die Klaue

Wuchs vor Alleinsein,

Formt den Stiel

Eines Lotos, und der Rauch lernt klein sein,

In genaue

Guirlanden sich zu teilen

Und aus sieben immer breitern Zeilen

Die Lotosblüte zu ordnen,

Die den Unbeschreiblichen

Über die wellenschlagende Erde

Langsamwachsend in die Ruhe trägt.

O das Verwildern

Des Gesichts vor zu viel Braue,

O das Verstummen

Des noch gleichsam Leiblichen!

Nur das Kleid, das sich zu krummen

Gezackten Würfen auseinander schlägt,

Hat Gebärde,

Zu schildern,

Wie er innen jetzt sein Wachstum prägt!

— — — — — — — — —

Felsstühle wanken unter Berg-Asketen.

Sie prophezein

Aus Feuern, die wie Wasser

Übertreten.

Aber er

Wird sich selber zum Zeichen

Und lernt

Das neue, leisere Sein.

Alles wie vorher:

Nur blasser —

Stufenweis durch einen weichen

Duft entfernt,

Fast gering,

Aber im reinen Beziehn

Unverwesbar;

Viel Raum!

Ding um Ding,

Wie vom Pinsel, der kaum

Aber sicher im Fliehn

Die Seide trifft,

Hingezaubert, wird Schrift:

Zart, lesbar.

 

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Sonne und Mond zugleich

 

Der Berg des Westens aber hält

In einer blütenweißen Flocke

Die Sonne auf, daß weich sie fällt.

Die Sonne, kaum darin empfangen,

Tritt durch die Flocke, groß und rot;

Und diese ist noch kaum zergangen

In reiner Mitglut, als die Glocke

Des Himmels bis zum Aufgang loht.

 

Der Berg des Ostens, angeschlagen

Von klingend weichen Lüften, bricht

Sein Schweigen. Rein emporgetragen

In den gestillten Raum entsteigt ihm

Der Mond, der volle, dunkelgelbe,

Der staunende. Die Sonne zeigt ihm

Ihr nie gesehenes Gesicht.

Sie schaudern. Denn sie sind dasselbe.

 

Der Mensch steht auf dem Berg der Mitte.

Bei der Verständigung der Nacht

Ist mit dem Tage er der Dritte,

Den die von einem seltnen Lose

Vereinigten Gestirne weiden.

Er sagt zur Sonne: meine Rose,

Zum Mond: o Lilie! Und lacht,

Im Schlafe wach, und spielt mit beiden.