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Konrad Weiß: Zum geschichtlichen Gethsemane

Der katholische Kulturwille und die neue Kunst

Offener Brief an P. Desiderius Lenz

Hochverehrter, lieber Herr Pater!

Indem ich Ihnen von einem neuen Kunstwillen, dessen bewußte Zeitgenossen man noch fast vergebens sucht, Rechenschaft ablege, will ich Sie nicht in einen Streit der Meinungen hereinziehen, über den Sie durch Ihre der Gegenwart überhobene Gestalt und Ihr unbeirrtes Wirken erhaben sind, sondern ich will Sie ehren als den Schöpfer einer katholischen Kunstform und den Ergründer einer katholischen Denkweise, die im heutigen katholischen Kulturbereich ihresgleichen nicht hat. Niemand hat so wie Sie in seiner Zeit mit einem katholischen Kunstwillen wirklich Ernst gemacht und die Sinne seines Denkens und Formens alle in eine einheitliche, so praktische wie mystische Fläche der Anschauung eingeordnet, von der er überzeugt war, daß sie einfach die göttliche Weltidee widerspiegeln müsse, deren Bild und Inhalt also nicht erfunden, sondern nur wiedergefunden werden könne. Denn alle Kunst kämpft um einen Verlust, müht sich ab, eine verlorene Vollkommenheit nicht zu ersetzen, so doch ahnen zu lassen, ist der Ausdruck eines Mangels. Während in der Zeit Ihres ersten Suchens nach der ursprünglichen Harmonie der Weltruhe rings um Sie eine theatermäßige, schaustellerische Kunst sich auftat, die im Zusammenhang mit nationalen und parteiischen Absonderungen geschichtliche Zufälle verherrlichte und Geschichte verdarb, während dann, als Sie ihre Formenstrenge dem benediktinischen Geiste liturgisch untertan machten, der stoffliche Anreiz der Natur und die Macht der gesellschaftlichen Elendzustände über die nationalen Grenzen hinweg die allgemeine Geistesrichtung an sich bannte, das persönliche Empfinden zwar verschärfte, aber das höhere Kulturbewußtsein zersetzte, während so durch eine niedere stoffliche Gegenwart die alte Tradition der Menschheit, die schon seit Jahrhunderten geschwächte, vollends aufgelöst wurde, während eine pathetische Neuklassik in scheinbarem Ausgleich dieser Erniedrigung Humanität vortäuschte und die klassizistische Kunsttheorie sich durch Unfruchtbarkeit konservierte, wo ist in diesem halben Jahrhunderts der katholische Kulturwillie geblieben? Nicht bloß ein Wille, der Anschluß an Volk und Wirklichkeit suchte und an einem zeitlich bedingten Kunstgute teilhaben wollte — denn wir Katholiken können hieran nicht paritätisch teilhaben —, sondern ein Wille, der in dem Bewußtsein, daß eine unendliche Form aller Natur und Menschheit vorausgebildet ist, diese Form sucht — diesen Willen hatten Sie, Herr Pater — ein Wille, der in der Geschichte das Abbild eines in die Zeit übersetzten ewigen Planes glaubt, in jedem Augenblick des zeitlichen Geschehens das Ebenbild ersehen und den unendlichen Hauch erfühlen will, und der jede Gegenwart auch im Niedergang stets neu berufen und verantwortlich für die ganze Weltform annimmt und liebt, — wo ist dieser aktive Kunstwille geblieben?

Im Nazarenertum und in der Romantik war er lebendig, wieder lebendig. Er hat zu erlöschen angefangen, als die Romantik sich aus ihrem geschichtlichen Weltsinne auf nationale Eigmtümlichkeiten zurückzog. Sooft der Deutsche in seinem Volkstum egoistisch wird und sich begrenzt, verliert er das Gefühl für die große Verhundenheit des Weltganzen und mit dem Willen zu ihr auch die weite Form, die seine Charakterverhärtung künstlerisch auflösen muß. Sie, Herr Pater, suchten diese Form zu erhalten durch den kontemplativen Geist, der, schon vorchristlich, die Menschheit in dem Bewußtsein ihrer Freiheit gegen die Natur bestärkte; Sie geben die Kunst der Geschichte nicht hin, und die Gotik, die in die Zeit hingegebene deutsche Kunst der christlichen Innewerdung ist Ihnen darum fremd. Sie suchen die Welt vor dem Falle, trennen die geschichtliche Kraft von der vorzeitlichen Gnade, und der Teufel hat in Ihrer Kunst keinen Platz. Wir aber leben in der Gegenwart, sind durch die Geschichte in unsere Jahrzehnte verbannt, und selbst indem diese Geschichte unserem Verstande die Form des Weltplanes enthüllen will, belastet sie unsere Kraft durch den Stoff, den sie uns zuträgt. Wir sind Abendländer, und die Ruhe des Orients ist uns nicht gegeben, wir sind Deutsche und Spätlinge der Geschichte, und es fehlt uns der sichere, unfehlbare Sinn, der in Rom die Welt in der Wage hält. Unser Kulturwille ist schwerer als der anderer Rassen. Aber sooft und so sehr der deutsche Geist im Philistertum verstockt und verknöchert, wir wissen, daß kein Kulturwille seelisch reicher ist als der deutsche. Unsere Geschichte bringt nach der stärksten Berufung zum Christentum die stärkste Abfallbewegung. Aber wir müssen unsere Geschichte lieben; denn wir spüren aus ihr die Kraft, die reinste und innerste Kunstform zu erschaffen, eine Form, die dem Gefühle der christlichen Auflösung aller Bindungen am nächsten kommt, eine Form, die schon in der Vierung des gotischen Domes nicht Gestalt, sondern Schwebung angenommen hat.

Ich schreibe Ihnen, Herr Pater, über die neue Kunst, obwohl ich weiß, daß der Gegensatz zwischen Ihrer Kunstanschauung und dem Kunstwillen, auf den wir hoffen, nicht größer sein kann. Sie suchen den Anfang, wir suchen das Ende im Fortgang. Sie glauben an die Idee, deren Form schon feststeht, wir an die Form, die endlich der unendlichen Idee doch nicht ausweichen kann, wie auch die Zeit dem Menschen Freiheit gibt und doch die Geschichte ihren Gang zu Ende gehen muß. Sie sind konservativ vor der Geschichte, wir wollen konservativ werden durch die Geschichte. Sie leben der Geschichte entgegen, wir leben der Geschichte zuvor. Aber Sie haben eine Katholizität der Form gesucht, und auch wir hoffen auf eine neue Katholizität der Form. Ihre Kunst ist uns kein Weg, aber Ihre Absicht ist uns ein Ziel. Die Kunst kann nur dann zur Liturgie werden, wenn der Stoff geopfert ist.

Es ist schwer, unter Katholiken über die neue Kunst in einer Sprache zu reden, die die gegenwärtigen Kunstprobleme und die ganze katholische und geschichtliche Weite zugleich umfaßt; denn wir Katholiken haben in künstlerischen Dingen keine eigene Sprache mehr. Unsere Gedanken befinden sich innerhalb der allgemeinen liberalen Bildungskonventionen in einer Diaspora, und wir können einander nur schwer verstehen, weil unsere Sprache nicht die übliche sein kann; ja es hat oft den Anschein, als wollten wir einander nicht verstehen, weil wir instinktiv fühlen, daß die Dinge viel schwerer werden, wenn wir sie in eine eigene Sprache und katholische Denkweise aufnehmen wollen, während wir sie scheinbar mit den Mitteln der liberalen Denkweise leicht beherrschen und so einen ausreichenden Kulturanschluß zu gewinnen glauben. Die konservative und katholische Kulturkritik unterscheidet sich meist nur dadurch von der anderen, daß sie einige inhaltliche Bedenken und prinzipielle Kautelen anbringt, und — in der übrigen Charakterhaltung schlechter ist. Denn es ist natürlich, daß man nur mit halbem Herzen und Glauben bei einer Sprechweise und einer Beurteilung sein kann, der man nicht selber Inhalt und Richtung gegeben hat. Die Kunst ist heute in der Öffentlichkeit eine linksliberale und radikale Sache, und es wird dort viele ehrliche Arbeit geleistet. Diese Arbeit ist aber nicht unsere Arbeit, und jene Ehrlichkeit ist für uns nicht Wahrheit. Aber auch der protestantische Kulturwille, der übrigens im Schöpferischen immer mehr zurückbleibt und sich nur durch Verhärtung und Vereinsamung erhält, hat für uns keinen Wert mehr, wenn wir das Weltbild wieder in unserem Sinne künstlerisch formen wollen. Ihm fehlt gerade das, womit wir wirken müssen, Geschichte, das heißt ein geistiger Organismus, dessen Kraft und Erfahrung von Anfang bis zu Ende reicht, der ebenso Vergangenheit wie Gegenwart und Zukunft ist. Er hat sich aus diesem Organismus abgetrennt und mit der Vergangenheit auch die gegenwärtige Kraft für die Zukunft immer mehr verloren. Seine letzte künstlerische Kraft liegt noch im Gemüt. Das Gemüt, als ein künstlerischer Rest verstanden, reicht aber nicht über die einzelne Seele hinaus; es ist nicht fähig, verantwortlich für eine überzeitliche Gesellschaft zu bauen, und seiner Inbrunst haftet oft ein peinlicher Mangel an Größe an. Es ist ein schönes Bekenntnis, aber von einem strengen Kunstwillen muß mehr verlangt werden. Es ist zeitlich und persönlich wie eine religiöse »Konfession«. Aber Konfession reicht heute nicht mehr aus. Gemüt und Konfession müssen der neuen Kunst gegenüber rückständig werden, denn in ihr wird eine weltanschauliche Abstraktion und Eindriniglichkeit erstrebt, die über die bloße seelische Gestimmtheit und eine bloß geschichtlich gewordene Religionsstimmung weit hinausgeht.

Ich denke noch mit Freuden an meinen Besuch bei Ihnen, hochverehrter Herr Pater, und wie wir davon sprachen, daß Kunst doch viel mehr sei als ein schönes seelisches Interesse oder ein sittliches Ideal. Sie ist die höchste Bewußtheit des Weltzusammenhanges und die geheimnisvollste geistige Klarheit, die sich dem einfachen echten Wahrheitstriebe gefangen gibt und vom schärfsten Geiste nicht ausgedacht werden kann, gerade wie ein Dogma.[1] Wortkonventionen fassen ihr Wesen nicht und persönliche Empfindungen nicht ihre Größe. Kunst ist ganz Wesen, und der Wille, sie zu begreifen, muß ganz von ihr selber zehren. Sie offenbart sich in ihrer Geschichte und ist doch stets mehr als ihre Geschichte. Sie ist der stets gegenwärtige, unbestechliche Gradmesser unseres Weltverhältnisses, über das sie das Urteil fällt, gleichzeitig indem sie seine Form schafft, dessen Freiheit sie im gleichen Augenblicke aufhebt, da sie seine Reichweite entstehen läßt. Denn nach unserem Glauben erschöpft sich der Sinn von Kunst und Kultur nicht in unverbindlichen »psychischen Relationen«, sondern das Ausmaß ihrer gesellschaftlichen und einzelseelischen Reichweite ist mit einer absoluten Verantwortung verbunden. In jedem künstlerischen Werk entsteht die ganze Verantwortung neu. Wie sollte es nicht schwer sein, Kunst von den Werken loszulösen und mitzuteilen, so daß auch im Denken etwas von der Fülle und geschichtlichen Gedrängtheit des Werkes und seiner rätselhaften Weltverbundenheit nachwirkt. Im Anfang der Kirche haben sich Konzilien mit der Kunst beschäftigt, im Fortgange und der Reformation hat man Kunst gestürmt und Bilder zerschlagen. Als eine solche starke Macht und dann dem engen religiösen Gefühl unheimliche Sache wurde die Kunst empfunden. Und heute sollten wir Katholiken, die wir von der Kunst das Höchste verlangen, uns mit den Brosamen abspeisen lassen, die von den Tischen der eben Besitzenden fallen. Die radikalen Denker von Kant bis heute haben mehr über Kunst nachgedacht als wir, und wir müssen unser Denken erst wieder neu erschaffen gleichwie die künstlerische Form, durch die wir unser selbst gegenwärtig innewerden und diese Innewerdung verewigen..

Ich schreibe Ihnen, Herr Pater, über die neue Kunst auch deshalb, weil in dieser Kunst heimlich eine eigenartig gegensätzliche Verwandtschaft zu einer persönlichen und geschichtlichen Askese lebendig ist, eine Art Anachoretentum, wie es einem primitiven Ordensgedanken entsprechen könnte. Die Kunst, die sich vor nun mehr als hundert Jahren ein Lessing oder Goethe dachten, war in einer schönen Menschlichkeit befangen; man kann sich denken, ihre Ideale wären am besten in Schriften und Versammlungen gleichgesinnter Männer einer selbstverwalteten Welt, in Freimaurerzirkeln vorgetragen worden. In der Romantik dann war die Kunst ein Gedankenaustausch von Jünglingen, die zwischen Erde und Äther jene ganze Spannung der Menschheit zu erfahren suchten, die sie ahnten, aber geschichtlich nicht erfahren konnten, und die sie dann in ihnen liebe Zeiten übertrugen. Dann wurde die Kunst zu einer öffentlichen Angelegenheit, eine Einrichtung des bürgerlichen Gegenwartsstaates, und weniger konnte sie nicht werden. Sie wurde Gegenstand der Presse und geriet schließlich wie alles, was bloß von der Öffentlichkeit und Presse lebt, in Opposition. Der Naturalismus drang in das Volkstum und die Kunst wurde gegenüber der zweifelnden Gesellschaft von fortschrittlichen Volkstribunen adoptiert. Man darf sagen, daß die konservativen Volkskreise schon lange keinen schöpferischen Anteil mehr an ihrer Gegenwartskunst haben. Sie wehren sich gegen jede neue Richtung, um nach einigen Jahren stillschweigend nachzukommen; aber von vornherein auf eine innerliche,fruchtbare Auseinandersetzung, bei der sich ihre eigene alte Kraft stärken und erneuern müßte, lassen sie es nicht ankommen. Sind denn die alten wahren Kräfte der Welt schwächer geworden? Sie, Herr, Pater, glauben, daß der der Menschheit mitgegebene Sinn für Harmonie verloren gegangen und verdorben sei, und daß man die fertige Idee der Form wiederfinden müsse. Wir stehen vor dem Geheimnis, daß die sich stets erneuernde Kraft der Kunst schon seit langer Zeit immer weniger einer weltweiten Wahrheit zugute kommt und eine weltweite Wesenheit sucht, sondern das Individuum immer mehr auf sich allein anweist. Aber wir glauben, daß das, was an allgemeiner Größe verloren geht, an jedeinzelner Eindringlichkeit wieder zurückerhalten wird, daß, was die Welt an Wahrheit im ganzen verliert, dem einzelnen immer mehr zur Verantwortung wird. Die neue Kunst hat keine gesellschaftliche Beziehung mehr; sie will aus aller bloß sozialen und zeitgeschichtlichen Einstellung getrennt sein und nur Kunst sein, nur in ihrem eigenen Ausdruck leben. Sie hat etwas Einsiedlerisches — Cézanne lebte ganz für sich abgeschlossen, Gauguin ging nach Tahiti, um zu malen — und zugleich — van Gogh hegte einmal diesen Gedanken — etwas klösterlich Gemeinsames, Arbeitsgemeinschaftliches. Es kommt ihr nicht auf phantastische Erfindung und Eigengefühligkeit an, sondern nur auf die Kraft, den Stoff im Innersten zu erfassen und aufzulösen und so eine möglichst geistige, übertragene Form zu erschaffen. Gewiß, diese Art von Geist ist nicht dienend aber sie ist selbstlos, wie die Kunst schon lange nicht mehr war; diese Form ist frei und verlangt nichts weiter als die Kraft, sie auszugestalten.

Es gibt allerdings keine Kunst, die in ihrem eigenen Ausdruck lebt. Denn gerade der Ausdruck, der innere Organismus der Form äußert sich als eine zeitlichseelische, mehr gesellschaftliche oder persönliche Reichweite. Und diese kann gar nicht abgeschnitten werden. Aber sie kann und muß aus der bloß gesellschaftlichen Welt herausgelöst werden; denn diese zeitliche Umwelt gibt ihr nur die allgemeine Kulturform, nicht das innerste Verdienst. Sie, Herr Pater, schalten die geschichtliche Gesellschaft und ihre Tradition, soweit sie nur Erfahrungssammlung ist, von vornherein aus, denn in ihr vollzog sich eben der Niedergang der ideellen Form, und Sie suchen nach der absoluten Form, die die Welt sozusagen unerschaffen enthält und jeden wie auch geschaffenen Menschen aufzunehmen weit genug ist (denn Sie wollten das, was man von ihrer benediktinischen Kunst heute aussagt, die hieratisch-monastische Ausschließlichkeit, gerade nicht). Die neue Kunst müht sich um die innerste Geschaffenheit der Dinge und um das Verdienst der innersten Erfahrenheit. Auch sie hat den Willen, sich aus aller gesellschaftlichen Bedingnis herauszulösen und, soviel man ihr neue Namen gibt —, und so viel Tolles und Abgeschmacktes seit einigen Jahren ihren tieferen Sinn verstört — das Wesen der neuen Kunstentwicklung ist ein stets heftigeres Ringen gegen die unhieratische Vergesellschaftung und gegen die Stofflichkeit der Zeit. Freilich der Kampf vollzieht sich in so engen Grenzen und mit so gleichen Mitteln, daß man zwischen Sieg oder Niederlage noch kaum unterscheiden kann. Das aber ist gewiß: Seit einigen Menschenaltern steht die alte Richtung, die jeweils verdrängt wird, uns keineswegs näher als die neue Kunst, die kommen will. Im Gegenteil. Je mehr die neue Kunst bloß Kunst sein will und den Ausdrucksorganismus einer uns doch eigentlich feindlichen Gesellschaftsstimmung dabei ablegt, desto mehr eignet sie sich für einen Kulturwillen, dem die Kunst Ausdruck einer zugleich auch übernatürlichen und überzeitlichen Wirklichkeit sein soll.

In dem modernen Kulturwillen oder radikalen Kulturunwillen lebt ein heftiges asketisches Wesen. Es ist — ich sehe von zahlreichen Mitläufern ab, die durch ihr Vordrängen den Unsicheren die Augen blenden — fast flagellantisch anarchisch und doch die Unruhe einer Zeit, die nicht nach sich sondern nach einem Punkt der Ruhe sucht. Das ist das tiefste Wesen der neuen Kunst, die vor unseren Augen nach Form sucht: sie ist bedingungslos Und haltlos an Raum und Zeit überantwortet, sie will im Raum zurückfühlen bis dahin, wo die Schöpfung anfing, und darum erschüttert und zerstört sie die Natur und überträgt sie in primitive Flächen, sie will der Zeit und Geschichte vorauseilen wie ein Mensch, der das Ende der Natur vorwegnimmt, und darum ist ihr der Augenblick eine äußerste Bewegung. In ihr lebt ein der gotischen Innewerdung und ornamentalen Auflösung verwandter Geist wieder auf und sucht sich zugleich ein abstrakter geistiger Raumsinn zu verfestigen. Dieser Raumsinn ist keine ganze Weltform, aber er kann Ihnen, hochverehrter Herr Pater, nicht ganz fremd sein. Sie wollen den Gehalt eines ganzen Baues hinstellen, während hier die Impression einer einzelnen Fläche empfangen wird. Hier entsteht mit geschichtlicher Notwendigkeit ein Stück von dem, was Sie als Regel und Raum in durchgeführter Ordnung vorausnehmen. Hier erscheint die erschütterte Größe eines Augenblicks, während Sie die unerschütterte Ruhe einer Allezeit festhalten wollen. Hier äußert sich ein Fanatismus räumlicher Abstraktion (bei Cézanne) und zugleich jener von Ihnen mit der Gotik abgewiesene Ausdruck nordischer »Tribulation« (bei van Gogh), der beidesmal Selbstzweck, aber in seiner Reinheit der Form und Echtheit des Instinkts nicht weit vom Dienen an einem bewußt erhobenen neuen Lebensbau entfernt ist. Während Sie die Hieratik eines ganz auf eine Idee hin geordneten Daseins anstreben, findet sich die neue Kunst zu den ersten rudimentären, geistigen und triebhaften Gebilden eines Bewußtseins von höherem Leben, zu Formen wie Hieroglyphen und Fetische zurück. (Dadurch gewinnt Gauguin Raum für eine triebhafte Legendenstimmung). Die neue Kunst will alles Lebensgefühl auf die einfachste und dabei stärkste Ausdrucksform zurückbringen, sie will größte Kraft im kleinsten Maße. Kommt nicht diese Form einem Kulturwillen entgegen, der, was er an räumlicher Katholizität verloren hat, an geistiger Katholizität zurückholen will?

Die neue Kunst will geistige Wirklichkeit sein, während die ihr vorausgegangene Kunst nur eine der Phantasie oder Stimmung angepaßte stoffliche Erfindung oder Wirklichkeit war. Die neue Kunst will den stofflosen künstlerischen Organismus, der stets in aller Kunst war, in einem räumlichen und zeitlichen Extrakt zur Anschauung bringen, sie will reiner Raum oder reine Bewegtheit sein. Kaum je hat Kunst der schöngeistigen Absicht so wenig und dem geschichtlichen Willen so viel geboten. Und seit das Christentum tatsächlich nicht mehr die höchstformende Macht der Kunst ist, war keine Kunst so wenig mit menschlichen Absichtlichkeiten belastet, so von jeder bloß äußerlichen Schönheit entkleidet, die den Geist gefangen hält, wie die Kunst unserer Gegenwart. Sie ist einem schönseligen Dasein so gut wie abgestorben, eine Form losgelöster Erfahrungsenergie, der nur die Weite des christlichen Lebensorganismus fehlt. Vielleicht wollten die Schöpfer dieser formalen und instinktiven Energie diese seelische Erweiterung ihres Werkes nicht, noch nicht; sie wollten nicht gleich »geradenwegs auf das historische Gethsemane lossteuern«, um die Impression eines Angstgefühles zu erleben, wie van Gogh schrieb. Er selber besaß eine anarchische Intensität des Gefühls, dazu eine große Scheu, den biblischen Stoffen gerecht zu werden. Einmal glaubt er sich auf dem Wege. »Hätte ich damals die Kraft gehabt, auf meinem Wege weiterzugehen, ich hätte Heiligengestalten, Männer und Frauen, nach der Natur gemalt. Sie hätten wie aus einer anderen Zeit ausgesehen. Es wären Menschen von heute gewesen und hätten doch etwas von den ersten Christen gehabt.« Er hofft wieder auf eine Zeit »monumentaler Gesellschaftsordnung«, wo jedes Individuum ein Baustein wäre und alles sich gegenseitig hielte, und hat ein gewisses Vertrauen auf die Zukunft des Sozialismus. Die neue Kunst zeigt zunächst deutlicher als alles andere die innere Anarchie unserer Gegenwartskultur und enthält doch schon alle die Keime eines neuen, im Fortschritt wirksamen konservativen Geistes, den wir auch sonst so vielfach wahrnehmen. Man muß aber den Willen haben, tiefer sehen zu wollen als auf altgewohnte Bilder und darf sich durch Nebenreden nicht beeinflussen lassen. Unsere Zeit ist uns näher, als wir glauben, wir müssen nur die Stunde erkennen und die Art des neuen Geistes.

Ich habe Ihnen, hochverehrter Herr Pater, den Glauben an eine neue Kunst unterbreitet, der bei uns noch nicht viele Anhänger hat, an eine Kunst, die wieder unsere ganze durch das Christentum geschaffene Weite einschließen soll. Sie wollen eine Form schaffen, Herr Pater, die die ganze Welt in Größe und Kleinheit einschließt, weil sie das Individuum ausschließt. Aber diese Form setzt eine Einheit des Wesens voraus, die durch die Geschichte immer mehr zerstört wird. Sie lehnen die Gotik ab, wie Sie die Geschichte ablehnen, anerkennen jedoch ihre außerordentliche gefährliche Größe; nur ist sie Ihnen keine dauernde Form der Ordnung und des Beharrens. Wir Katholiken der Gegenwart aber haben zur Gotik kein wahres Verhältnis, sonst müßten wir, die wir in der Welt leben, diese christliche Weltkunst über alles lieben. Verstünden wir wirklich die Eindringlichkeit und den so oft schmerzlichen Geist unserer alten gotischen, besonders der plastischen Werke, so könnten uns auch die Formen der modernen Kunst nicht so fremd sein, und wir würden uns bemühen, die alten gotischen Probleme neu lebendig werden zu lassen, während sie jetzt von anderer Seite erweckt werden.

Sie, Herr Pater, haben Ihr Werk geschaffen im festen Glauben an eine Art Dogma der künstlerischen Form, und die Geschichte muß diesem Glauben recht geben, selbst wenn die Form nicht verwirklicht werden kann. Sie haben das Bewußtsein einer offenbaren Harmonie für sich, wir haben das Geheimnis der Geschichte für uns, die einem vorausbestimmten Wege nicht ausweichen kann. Unser Ziel ist ein gleiches; aber während wir eine Richtung einschlagen, haben Sie schon ein Ende erreicht und Ihr Verdienst gesammelt. Sie haben die Hand an den Pflug gelegt und nicht zurückgeschaut. Mögen wir Ihrer und unserer Aufgabe wert werden.

In Verehrung

Konrad Weiß
(Mai 1914)

 

Anmerkungen

[1]Ich habe auch hier das Wort »Dogma« für die Stufung der Kunstform und ihrer Entfaltung gebraucht, wie dann noch deutlicher in dem Einleitungsversuch »Zum geschichtlichen Gethsemane«, um dem organischen Fluß der Geschichts- und Kunstform den stärksten, unverletzlichen äußeren und inneren Haltgedanken zu bewahren und überzuordnen, der ihm besonders unter der Gefahr des deutsch-eigentümlichen idealistischen und relativistischen Denkens und unserer darauf fast allgemein fußenden Gegenwart bewahrt und neu gegeben werden muß. Was ich aussprechen wollte, ist nichts anderes als »der Primat des Logos über das Ethos«, wie ihn Romano Guardini im Schlußkapitel seines Bändchens »Vom Geist der Liturgie« ausgesprochen hat. In dieser der bloßen Logisierung überhobenen Naturgeistordnung liegt das ganze Kulturproblem kernhaft beschlossen, das dann in der Fleischwerdung des Wortes aus dem Bilde, in der Berührung der Erfahrung mit der Anschauung, der Natur durch die reine Jungfrauschaft mit Gott im geschichtlichen Gethsemane, also im Plane der geschichtlichen Ordnung gekreuzt, lebendig und seelisch einzelhaft wird, das die Kirche dann wieder in ihrem Bilde bewahrt, um es der Seele wirklich zu vermitteln. In dieser Anschauung gibt es nicht die Trennung der beiden Teile Form und Inhalt, Typik und sittliches Erleben, wie in der idealistischen logizistischen Ästhetik, die beides in einer falschen Freiheit wieder vereinigen muß, sondern es entsteht im Willen zu diesem Wege eine dauernde Geschaffenheit, die keine absolute begriffliche Form, sondern etwas viel Tieferes, so sehr übergeschichtliche Wahrheit wie innerseelische Einmaligkeit der Berufung und Empfängnis ist. In dieser Einmaligkeit strebt jedes Kunstwerk mangelhaft und ahnungsvoll, eine überpersönliche Gegenwart vertretend. Wie auch die Liturgie dauernde Form und Behältnis der Einmaligkeit ist. Die heutige Bereitschaft zum Liturgischen wird kultürlich erst fruchtbar durch das geschichtliche Prüfungselement, das in der Kunstform als ein überpersönlicher Gradmesser seiner geschichtlichen Berufenheit und gesellschaftlichen Anlage, Reichweite und Zeitbewußtheit sichtbar und deutbar ist. Vgl. »Ecclesia orans« hrsgeg. von Abt Ildefons Herwegen. 1. Bdchen. Freiburg 1918