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Konrad Weiß

Zum geschichtlichen Gethsemane

Erstausgabe: Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1919

Diese digitalisierte Fassung basiert auf der 1945 als privater Nachdruck erschienenen Ausgabe von „Zum geschichtlichen Gethsemane. Gesammelte Versuche“ (Josefs-Druckerei, Bigge-Ruhr).

Herausgeber dieses Digitalisats: Wilfried Käding. Einige offensichtliche Fehler in der Zeichensetzung wurden vom Herausgeber korrigiert. Eine Reihe von Stellen, an denen ich das Gefühl hatte, daß sich dort sinnentstellende Fehler eingeschlichen haben, blieben unangetastet. Ihre (etwaige) Korrektur muß einer späteren kritischen Ausgabe vorbehalten bleiben.

Ins Netz gestellt am 3. Februar 2016

Konrad Weiß: Zum geschichtlichen Gethsemane

Unsere Kraft wurzelt in unserem Leidvertrauen.

Dies ist das alte Grundgut des Gedankens, in dem die folgenden Versuche, des neuen Kunstgefühls als eines neuen und doch nur des erlösungsbedürftig alten Weltwesens voll überpersönlich geschichtlicher Spannungen habhaft und teilhaft zu werden, immer weniger gedanklich, immer erfahrungsbereiter, geistbesorgter, als in der eigentlichsten, Geschichte begründenden Erdenwahrheit anwurzeln mußten. Er selber ist durch die Versuche mehr gewachsen als diese durch ihn und steht ihnen nun als ein nicht erfüllter Vorsatz, als eine persönliche Stufe der Erfahrung, hinab in die Krypta der Zeit, voraus.

Dieser Gedanke, zuerst nur ein dem Kerne des modernen Daseingeistes zugeneigtes Gefühl der harten Abhängigkeit von allem Dinglichen und Menschlichen, mußte sich in seiner eigenen Verstrickung immer mehr abkehren von der geistig kritischen Überheblichkeit, die Welt und als ihren Ausdruck die Kunst durch ein bloßes Spielen zwischen Inhalt und Form, Stoff und Geist unbeteiligt, rein menschlich begreifen zu wollen, beurteilen zu dürfen, er hat sich unter dem religiösen Stachel der neuen wachsenden Naturbedrängnis immer mehr zugekehrt dem Willen, statt eines logischen zeit- und wirkungslosen, im Innersten toten Verstehens das organische fruchtbare Gebundensein in Zeit und Geschichte zu erfahren, und er hat sich durch die Erfahrung seiner selbst, durch die Ohnmacht des unfleischlichen Wortes zu sich selbst, verkehrt in den Glauben, daß das Rätsel der Kunst wie der Geschichte nur eine Lösung hat, den Weg zum geschichtlichen Gethsemane und von Gethsemane her in die harrende Weltform des Geistes, deren Zwiespalt in der Einzelseele gelöst, geschichtlich aber geblieben, gesellschaftlich als Weg des Verderbs fortdauernd, kultürlich und künstlerisch nur gelöst werden kann, in dem Maße, wie eben dieser Zwiespalt zwischen Natur und Übernatur von der Seele des Einzelnen für seine zeitliche Menschengleichheit und gegenwärtige Geschichtsform empfunden, aus sich gebracht, der durch das fleischgewordene Wort einmal erfüllte, aber zeitlich offengebliebene Schlund zwischen Gott und der Seele geschlossen werden kann. In dem Maße, wie die Fülle der Zeit immer neu erharrt wird, nicht als eine kommende, sondern als eine gewesene, in dem Maße, wie der Plan der Geschichte Fleisch und Blut, Bild und Wort wird. Der Gedanke mußte von seinem geschichtlichen Kern durch die innere Linie und Grenze der Ebenbildlichkeit in die zeitgebundenen Formen immer weiter entfernt, immer kleiner werden, immer mehr nur naturhafte Zelle, um die Kraft seiner letzten Speisung zu erfahren, wie die Knospe sich ans Mark setzt, die durch den ganzen Baum von der Wurzel getrennt ist.

Der heimliche Kern dieser in einer zwar nicht äußeren, aber immer wissentlicher innerlichen Abgeschlossenheit angereihten Versuche neuen Kunstdenkens, das in der jungen katholischen Kulturbewegung zum mindesten den deutlichst sichtbaren Erfolg und Zieltrieb, allerdings wie etwas Fremdes im Schoße der katholischen Kulturmeinung begleiten durfte, der heimliche Kern dieser mehr aus der Zeit und ihrer Entfaltung empfangenen als bewußt in sie gegebenen Beiträge, die den mannigfachen Widerspruch, den sie erfuhren, ertragen mußten in dem Willen, daß die äußerliche Erkenntnis in dem Maße, als sie innere Erfahrung wurde, ausgesprochen werden sollte, in dem Wissen und Erfahrenmüssen, daß sich in der seelischen Wiederherstellung der Menschheit das Organische vor dem Logischen, ja scheinbar gegen dieses herstelle, in dem Vertrauen, daß der unvollkommenen zeitlichen Prägung eine unbewußte Wahrheit eben aus der Teilnahme an dem Willen des Fortschritts als am Plane einer höheren Fügung mitgegeben werde, in der immer mehr bewährten Einsicht schließlich, daß der Erziehungsgedanke, je mehr sich selber vergötternd, desto mehr zu Innigkeit und Höhe unfähig, in selbstzwecklicher Verkümmerung aller geschichtlichen Beladenheit die Naturen und Kreaturen nimmt — der heimliche Kern in all diesen Erhebungen und Quälungen war der Gedanke, daß die Weltkraft und die Weltform und die Kunst vor Christus eine andere sein müsse als Welttrieb, Bewußtseinsquelle und Geschichtsform nach Christus, die neue Zeit in innerster Wesenheit der alten entgegengesetzt sein müsse.

Müssen wir nicht, da wir unser Leben beginnen in einem Punkte der laufenden Geschichte, die uns im ganzen nährt und auch die Form unseres Geistes im Grunde und der Neige ihrer eigentümlichen Kelchgabe für uns, in dem uns gegebenen Berufungsaugenblicke hat, müssen wir nicht unser ganzes Denken anwurzeln an ihrem innersten Kerne, anschlingen an einem Punkte, der dieses ganze Maß der Geschichte bestimmt und begrenzt, anders als die Spinne, da unser Netz zugleich die Nahrung unseres Geistes ist. Müssen wir nicht an unserem Daseinspunkte immer härter werden durch die Geschichte hindurch, um immer inniger eins zu werden mit jenem ihrem innersten Lebenspunkte.

In jener Scheidung der Zeit ging alles Geistige über von gebundener Abhängigkeit in bindende Sorge. Wir haben keine größere Freiheit, als an jener Scheidung teilzunehmen. Der Einzelne, indem er Mensch wird, bekommt mit der Menschheit und der Geschichte nicht mehr gemein, als was ihn aus ihr trennt. Das ist seine zeitliche Beladenheit. Sie wurzelt im Charakter der Erlösung. Die Kunst, indem sie den Menschen seiner Freiheit inne werden läßt, vollzieht an ihm das Drama des Erlösungscharakters. Er empfängt mehr, als er gibt, wird um so mehr der höheren Form verantwortlich, je mehr er sich aus ihr trennt, ihrer bewußt wird.

Es wird deutlich, daß dieser eine und gleiche Gedanke, der nur durch eine stete organische Einfügung in die Gegenwart als eine in der Erlösung vorausgenommene, von dort her mit Plan und Maß begnadete Seelenspanne wahr werden kann, mit der heutigen, auf klassizistischen formalen Begriffen fußenden und sich logisch darin zersetzenden Ästhetik gar nichts zu tun hat, daß er aber auch über sie hinaus mit dem bloßen allgemeineren Gegensatz von Natur und Geist nichts gemein hat als die feste Grenze beider, die dem Menschen in der Erlösung, der Menschheit in der Form ihrer Geschichte, deutlicher, in der Kunst als dem Zeiger des geschichtlichen Wirkungsgrads der Erlösung gegeben ist. Was als ein heimlicher Kern aller, aber gerade dieser Zeit wieder immer stärkere Triebe treibt, was in der Natur der gegenwärtigen Seelen immer mehr den Boden rührt, sie aus ihrer Schöpfung in ihre Geschaffenheit hebt, das soll nun auch als ein öffentliches Geheimnis der Geschichte neu versucht werden. Das soll ausgesprochen die offenbaren, sichtbaren Formen der Kunst sinndeuten und uns durch sie dem Hergang und Ziel der Geschichte einverleiben.

Der stille Gedanke, daß die Menschwerdung in der „Fülle der Zeit“ eingetreten eben diese Menschwerdung aus der Fülle der Geburten und natürlichen Ereignisse heraus zu einer geschichtlichen Weltform, zu der entscheidenden geschichtlichen Grundform machte, daß sie die Geschichte in zwei Hälften und Zeiten teilte und selber als drittes Element, wichtiger, erfüllender als alle logischen Fundamente und Scheidemittel der Wissenschaften, eine organische Dreiheit über Natur und Geist in der Welt und Menschheit herstellte, an der alles geschichtliche Geschehen als ein plantragendes gemessen werden muß, da es durch den Grad seines Anteils an dieser organischen Planung seine eigene Beseeltheit, das Maß seiner Entfernung, die Kraft seiner natürlich-übernatürlichen Wahrheit und Weiterschickung wirklich und durch diese innere unausweichliche Begrenzung verbürgt erhält, dieser Gedanke ist der lebendige Kern jeglichen Kulturbegriffs. Er ist so ungeheuer fruchtbar, daß daraus unvergleichlich größere Verstrickungen drohen, als aus aller vorchristlichen Schicksalstrauer, die als klassische Tragik bis heute noch, gelegenheitsartig, — denn auch unsere letzte deutsche Klassik ist im Blick dieser Beladung nur eine Ruhegelegenheit mit abgelegten Lasten — unser kultürliches Fassungsvermögen, wenn auch im tiefsten Kerne immer unfruchtbarer, so doch noch als dichterische Blüte einer idealoptimistischen Ethisierung unserer neuzeitlichen Menschheitsreise begeistete. Wir können fortfühlend aus eigener Berufung nichts wissen von dieser Tragik, die nimmer auf unseren wirklichen Grund führt, außer wo sie durch das christliche Geschehenmüssen geklärt und verschärft, aus der verschlossenen Tiefe heraufgehoben, in dem Zwiespalt der Seele wirklich empfangen wird, der Seele, die eine ist und für alle an der Menschheit teil nimmt. In dieser Kreuzung des Einen durch Alle leben wir. Leid ist der Kern aller Kulturverdichtung, aber das christliche Leid, das Maß auf den Einzelnen abgewogen, ist ein ganz anderes als das vorchristliche Schicksalsgeheimnis, in dem die Trauer allgemeines Erbgut war. Auch das neue Seelenglück ist durch ein geschehenes Leid, durch einen verfügten Schmerz, entrungen der unfügsamen, unter die Natur gestuften Freiheit erkauft und dadurch erst seelisches Glück möglich geworden. Es ist abgehobene Schuld, die im Seelischen gelöst, im Geschichtlichen für die Menschengesamtheit ungelöst, auch durch keine Form des Einzelnen für sie im Ganzen lösbar ist.

Der Mensch findet weder im Natürlichen noch im Kultürlichen eine Vollkommenheit als sein Ziel. Das Ziel der geschichtlichen Form, des Kultur- und Kunstwillens liegt nur im vorausgebildeten Verhältnis des Einzelnen zur Gesamtheit als in der Kreuzung und Kreuzigung, die die Natur durch die Geschichte mit der Übernatur verbindet. Seit der erfüllten Zeit ist das Verwirklichte in ihm, in dem Bewußtwerden der Seele um ihre Geschaffenheit in eine geschichtliche Bedingnis, aus der sie die Freiheit ihrer Erlösung empfing. Die Verwirklichung in der Geschichte, die Form der Geschichte daraus ist ihre Aufgabe, ist die innerlich begrenzte Form der Kunst. Diese von und nach innen starke, zerfurchte Form gegenüber der von und nach außen, durch ein freiwilliges Maß abgerundeten klassischen Formtypik ist die Vollkommenheit der christlichen Kunst, eine Vollkommenheit, die im Maße ihres Opfers, in der Kraft ihrer innerlichen Ausfurchung wächst. Sie ist nie absolut. Absolute Kunst gibt es nie und nimmer, und selbst dieses Wort voller Irrnis und Verdeckung sollte vermieden werden. Außer dem Sakrament, das in die natürliche Ordnung eingreifend durch die Natur des Einzelnen in die Geschichte wirkt, gibt es in der Geschichte nur den vorgesehenen Plan, dessen Vollkommenheit in der „Fülle der Zeit“ in die Erde gesenkt wurde. Dies ist das erste und letzte Symbol, dessen Wachstum oder Abnahme wir unwissend oder willentlich gestalten. Die Kunstformen sind Maße dieser Gestaltung. Keine Kulturform in gesellschaftlicher Gesamtheit kann dieses Symbol schlackenlos erfüllen, sowenig wie sich die Seele in der Natur kummerlos verfangen kann.

Wir sind in eine Richtung gebracht von Anbeginn. Unsere Seele ist das Maß aller Dinge, aber nicht in unbegriffener Selbstbehauptung, sondern in unbegreifbarer Verlassenheit; so in sich gewendet; nicht in dem rastlosen Neid des letzten Verzagtseins, sondern durch die stete Sicherung der Erlösung; so in die Geschichte gewendet; nicht einmal im Empfangen der Gaben, sondern nur in willigem Dienen um die Empfängnis; so für die Form aller Mensch geworden. So ist die Kunst nicht allgemeinster, typischster, sondern eigenster, erfahrener Menschenausdruck, und alle Dinge sind diesem Erfahrungswillen hörig. Je mehr selbst geläutert, um so mehr gibt er ihnen Schönheit, die er selbst nur als Sinn der Unvollkommenheit in der Seele bildet. Dieser Sinn wächst unendlich durch Vertrauen und formt die Welt nach seinem Bilde. So ist die Seele das organische Dritte, das sie erst durch die Menschensohnschaft werden konnte, die Erlösung eine eigentliche Schöpfung, Befreiung im Geiste zur Ebenbildung seiner und der Natur nach der Bestimmung. Gethsemane ist der Garten, in dem sich zwischen Natur und Willen das Schicksal der Seele vollzog. Alles Vorbild ist von da an Nachbildung geworden. Alle Gedanken, die sich dort nähren, führen auf seelische Formen, die der Geschichte als Grundformen von nun an lösbar eingezeichnet sind. Die Kunst aber zeigt die Grundformen in der Gestalt ihrer zeitmöglichen Verwirklichung, ohne sie je im Geiste vollendet zu haben, ja gerade durch die Größe des Mangels die Größe der Vollkommenheit ahnen lassend. Keine hat mehr als die deutsche Kunst in Freiheit ihrer Bestimmung dies zu fassen vermocht.

Worin dieser Gedanke und die Art, ihn zu denken, von der bloß begrifflichen Denkart sich scheiden will, so wie die Kunst in ihrem Hingange von der üblichen Ästhetik als dem Versuch, ihre geschichtliche Gliederung in logischen Begriffen wahrzunehmen, geschieden ist, das ist der Wille, die Tatsache des Gedankens und die Form des Denkens zugleich die Nahrung sein zu lassen, durch die Seelen gespeist werden. Der Sinn der Kunst ist ihre Form. Sie ist ein stetes Zeugnis seelischen Mangels, seelischer Erfülltheit. Auch die Form des Gedankens soll ein stetes Zeugnis sein der Seele, in welchem Grade sie sich einfügen kann in die Geschichte ihrer Gegenwart, nicht indem sie ordnend zu herrschen meint, sondern indem sie dienend sich von dem Plane, der in der Gabe ihrer Zeit waltet, erfassen läßt, um nicht nur ihrer natürlichen, sondern ihrer kultürlichen Geschaffenheit, um der Nähe oder Ferne von dem Quellpunkte ihres Daseins inne zu werden und zu bleiben. Muß nicht auch die Art zu denken sich trennen wollen von einer Denkweise, die durch Abstraktion von den Zeitformen nur kategorienhaft ist? Hat nicht auch die Denkzelle einen neuen Kern? Dieser Gedanke will sich möglichst an einem anderen Keim entfalten als die vorchristliche Denkweise, sucht erfüllter zu sein, gläubiger durch die bewahrheitete Menschlichkeit, organisch mit dem schlagenden Herzen der Geschichte verbunden, im Leibe der Weltlichkeit mitfließend. Er will durch das Blut der Berufenheit in seine Zeit aus dem nährenden Urgrunde, mit dem fleischgewordenen Worte wachsen. Daß doch die jungfräuliche Einheit von Wort und Gedanken in jeder Wirklichkeit möglich wäre, so wie die Kunst ein Spiegel ist und mehr sein, ein Ebenbild sein will des innersten Wesens der Dinge. In Gethsemane verwandelte sich die ohnmächtige Anschauung der Zeitlichkeit in die innerste Erfahrung, und nun wird alles, was aus Menschheit und Natur auf die Seelen wirkt, eine Folge von Seelen, die der Geschichte eine innere Grenze in innerer Bewahrung geben, nein, nur erhalten. Statt des Sehnens nach einer äußeren vollkommenen Erhaltung wächst nun das Zeugnis einer inneren dauernden Erlösung, das Merkmal einer inneren Kraft, die überging vom Bild für die Menschheit in das Wort für die Einzelseele. In der Kraft des Übergangs von der äußeren zur inneren Grenze, von Bild zu Wort liegt von nun an der Wert der Kunst. Die Kunst nähert sich durch die Seele der Natur. Natur bekommt einen inneren Kern.

Natur wird nun in innerer Bewegung Fleisch und Sättigung des Wortes. Malerei und Lyrik werden die neuen starken Kunstkräfte. Und nun will auch der Gedanke, indem er eine falsche Vollkommenheit aufgibt, am Wesen des Wortes teilhaben; und die Art zu denken will sich nicht enthalten von der Art zu sein, von dem Zeugnis des geschaffenen, zur Erlösung getriebenen Daseins.

Wie das Heidentum ein absolutes Bild suchte, indem es der Gesellschaftsgesamtheit eine Typik, eine leibseelische Grenze statt der übernatürlichen geben wollte, ein freies Maß der Reinheit, so konnte durch das Christentum das Suchen nach einem inneren absoluten Wert beginnen, indem der Mensch in der Naturverbundenheit der Seele eine unsterbliche innere Keimkraft, ihre innere Grenze begreifen wollte als eine selbstruhende Geschaffenheit. Jenes Suchen nach Ausgleich, nach einem bildlich wie gedanklich vollkommenen Körper ergibt das klassische Ideal, die zwecklose Schönheit der Form wie ähnlich die Vernunft in der selbstzwecklichen Wissenschaft. Diese Mühe der Innewerdung geht durch das christliche Schicksal hindurch, ähnlich wie sich die Seele aus der Gesamtheit trennen muß, um wahr zu werden. Die Trennung geht ohne Kirche bis zur Verlassenheit, geht ohne die ganze Findung und Spannung der Geschichte bis zum Ende der Kunst. Wo nicht die stete Kraft der Wechselwirkung der Seele mit der Geschichte bewahrt wird, so wie durch die äußere Kirche das Seeleninnere seine ganze Weite und Ausreckung behalten muß, da flüchtet sich der Gedanke scheinsuchend zu jenem Ideal und erstarrt geistig, die lebende Seele glüht, nach außen vergehend immer mehr nach innen, der Mensch fühlt sich immer naturgebundner, unfaßlicher dem Menschentum gegenüber. Das war das Schicksal des künstlerischen Erlebens bis in unsere Generationen her. Unsere Gegenwart, wie sie sich so vielfach aus dem Leib und der inneren Seelenfolge der Geschichte schied, hat hier in der Verkümmerung noch ihren besten Kern. Aber man will vergeblich in der reinen Geschaffenheit Fuß fassen, wenn man ihren Urgrund dabei verschmäht.

Indem wir uns mit dem Kerne unserer Gegenwart willentlich verbinden, aber ausgereckt bleiben durch die Spanne der Herkunft aus dem geschichtlichen Mittelpunkt, haben wir in uns das Herz der Zeit, das seinen ewigen Mangel mit der ganzen Glut seiner unschaffbaren Natur fühlt. Wir teilen die Angst unserer Zeitseele, ihrer nicht inne zu werden, und indem wir sie in der Erfahrung häufen, in der Spanne unseres Lebens als in einer Wiederholung der Geschichte prüfen, zeigt sich uns der Weg, der auf der inneren Grenze vor- und rückwärts führt. In der Selbstversicherung, daß wir uns nicht verlieren können, wenn wir jede Aneignung geschichtlicher Wesenheit als ein Opfer empfinden, gegenwärtig vollziehen, fangen wir an zu dienen. So wohnen wir immer sicherer in der Geschichte wie im Bau der Hoffnung.

In diesem Gedanken wird Kunst immer mehr zu einem gesellschaftbildenden, gesellschaftprüfenden, gesellschaftrichtenden, geschichteformenden Element. Es ist Leid in diesem Gedanken, daß das Eigenste des Einzelnen im Ausbau, das kultürliche Wesen der Seele nur groß und sichtbar werden kann durch Mittragen an der Last der Geschichte, an der bleibenden Beladenheit, aber in diesem Mitleiden ist die größte Kraft der Kunst aufgespeichert, und sie wird nur fruchtbar im Maße der Anteilnahme. Der Künstler ist so der innerste Mensch seiner Zeit, der aus keiner Form trennbar das Maß der Seele erkennen läßt und in ihrem Mangel das Drama seiner gegenwärtigen Menschheit vollzieht. Die Kunst ist ein stetes Gericht, das in der Freudigkeit der Teilnahme, je größer man es anruft, um so mehr Verantwortung auflegt, bis sich die Angst des natürlichen Versagens in der Zuversicht der endlichen Erfüllung erstarkend aus der wachsenden Erfahrung löst. Nicht der Einzelne, aber die Menschheit ist zu dieser Größe verpflichtet, sie kann ihr nicht entrinnen. Wie Israel muß sie immer neu um den Segen ringen, und der Künstler als ihr innerster Mensch tut es am meisten. Er gestaltet die Erfahrung der Menschheit.

In der letzten Generation war das Geschichte formende, ihr dienende Element des Geistes verkümmert wie nie vorher. Innerhalb einer dem bloßen Dasein verhafteten Menschheit mit dem bloßen Ziel nutzbarer Vergesellschaftung suchte die Kunst den ganzen Umkreis ihrer Eigenschaften in der Natur zu erfahren. Indem man die Erfahrungen der Seele abschneidet, indem man die Last, das Gebäude, von der eigenen Geschaffenheit und der Seele über uns errichtet, abträgt, sinkt die Kraft in uns hinab und wird unter unseren Füßen stark. So ist das geistige Wesen der Kunst ganz naturhaft in die Gegenwart gekommen. Die Eigenschaften der Seele suchen sich im Bilde der Natur und suchen hier alles Geschehene und Werdende zu erleben. Es ist ein Wille, ganz Mensch zu bleiben, ohne an der Geschichte verantwortlich wirkend teilzunehmen. Van Gogh sprach es aus, indem er die Impression des Angstgefühls erleben wollte, „ohne gleich geradenwegs auf das historische Gethsemane loszusteuern.“

Aber die Natur ist nicht so schaffbar, daß sie für alles Geschehen in Mensch und Schöpfung den ausreichenden Spiegel der Seele gibt. Sie ist durch uns nur empfangend und nicht durch uns wirkend, sie ist nur unser Widerhalt, selbst unser Schild zur Vergewisserung, unsere Einsamkeit in der trostlosen Vergesellschaftung, aber nicht Trägerin der Eigenschaften, die unsere ganze Ebenbildlichkeit in Raum und Zeit gebannt herstellen. Wir müssen die innere Grenze der Menschheit gegen Gott fortsetzen, wir können nicht in ihr als hinabgesunkener Naturkern ruhen bleiben. Wir sind selbst des Kernes unserer inneren Geschaffenheit nur teilhaftig, indem wir in Treue seiner menschheitdauernden, Geschichte gewordenen Erlösung immer durch unsere ganze Mitmenschheit nahen. Die Menschheit ist in uns schaffbar, und sei es nur so, daß einer zu seiner Zeit ihren ganzen Mangel empfinde, und in der Form des ganzen Kraftmaßes seiner Zeit darstelle. Wir müssen unsere seelische Reichweite wieder verebenbildlichen.

Wir müssen dem geschichtlichen Gethsemane zusteuern.

Als unsere Generation Fuß zu fassen begann, als sie eintreten sollte in ihre zeitliche Spanne der geschichtlichen Ebenbildlichkeit, in ihre Versubstantiierung des Weltplanes, in die Ebenbildlichkeit, in der im Mittelalter die christliche Menschheit durch ihre eigenen und nächsten Personen die erlöste Geschichte erleben, tragen sehen und glauben konnte, da war nirgends Boden und Richtung. Oder doch: es war der Boden bereitet in dem Willen, Gethsemane in der Natur zu erleben, in der harten Einsamkeit im Widerspruch gegen die Gesellschaft. Aber er war bereitet gegen die Richtung, ihn zu verlassen. Die Natur fordert die Eigenschaften der Einsamkeit, aber sie braucht nicht die Eigenschaften der Gemeinsamkeit, sie läßt diese verkümmern, um so stärker, je stärker die Treue zu sich selber ein Ausgleich zu sein scheint gegen die Treue an der Menschheit und ein Ersatz des geschichtlichen Charakters durch die Heftigkeit eines natürlichen Erlebnisses erreichbar. Es schien eine Natur-Geistordnung möglich, die nicht gekreuzt war durch eine geschichtliche.

Wie war es nun doch möglich, daß aus dieser Schlucht ein Weg, ein erschütterter Gang in die gemeinsamen Triften hinaufführen konnte. Man mochte doch denken, daß schon vor hundert Jahren von einer Künstler- und Dichtergeneration auf einer höheren Stufe im Anschluß an das Mittelalter ein Weg und Fortgang versucht worden war. Da zeigt sich nun das organische Gesetz der Geschichte, das auch ein Gesetz der seelischen Erfahrung ist, daß alles, was zugelassen ward, eben in seiner innersten Form- und Zulassung den Gegenpol der Ebenbildlichkeit hat und mitführt. Die Gegenbildung muß im innersten Grunde beginnen. In der Seele waltet das Geheimnis der Gnade hier unerforschlich; aber die geschichtliche Form ist deutlicher und in ihrer Beharrung nahbarer, ihr Plan durch die Kunstformen sichtbar; er ist in der Teilnahme an der Geschichte, in der Kreuzung des Einen durch Alle stets erreichbar. Hier wird die Schöpfung zur Geschaffenheit, die verschlossene Natur zur freien Seele. Jener Wille war noch nicht mit der zeitlichen Bewegung des angefaßten Schwergewichtes der Natur an seinem Ende angekommen, war noch nicht in die natürliche Verlassenheit herabgesunken. Man glaubte noch, an einem wählbaren zeitlichen Vorbilde mehr als an seinem eigenen Innen- und Gegenbilde anknüpfen zu können. Der Mangel des unbeherrschten Daseins schien noch in der Erkenntnis ausgleichbar. Denn wie die Völker noch ihre äußere Geschichte vertraglich fesseln zu können glaubten, so glaubte auch ihr kultürlicher Sinn, sich in gewesenen Formen erkenntnismäßig oder doch wahlmäßig Hilfe und Erhöhung schaffen zu können. Es war das Maß, das jenen Menschen genügen mußte, das schön war in seiner ganzen Ahnung bei den einzelnen Geistern, aber noch nicht scharf in der Not der Erfahrung eines ganzen Geschlechtes. Noch war nicht auferlegt die Kraft zur Tiefe gegen die Kraft zur Höhe vollends in sich auszugleichen. Im besonderen das deutsche Volk suchte noch alle Umwege zu seiner Innewerdung, ehe es zu einer neuen verantwortlichen geschichtlichen Einheit versammelt war.

Die Natur spiegelt den Menschen immer näher, aber sie nimmt ihn nicht auf, so daß seine zeitliche Unruhe immer weiter wächst. Ebenso ist die idealistische Klassik ein Spiegel, der den Schein einer gedachten Gesellschaft, aber nicht den wirklichen Menschen enthält. Zwischen diesen beiden Spiegeln durch Kants Apriorismus für das Denken unserer Zeit auseinandergehalten, auf diesem Vernunftstrahl, der die freiwillige Reichweite des letzten Jahrhunderts einleitete, ohne bis an sein Ende dringen zu können, auf dieser gedachten Aufrichtung des Pflichtmenschen, die nicht vor die Wirklichkeit Gottes und nicht in die volle Dinglichkeit reichte, vollzog sich der Abwärtsgang der Menschheit dieser Zeitspanne. Denn die Natur, in scheinbarer Geistigkeit überwunden, ist schließlich immer doch ein wirkliches Gewicht im Menschen und durch ihn in der Menschheit. Sie wird Gewicht bleiben und Formrichtung bestimmen bis ans Ende der Tage. An dem Schwerpunkt, den sie nach abwärts erreicht hat, müssen wir stets ansetzen, an der Kraft seiner ebenbildlichen Ermangelung. Kulturgegensätze können in Wirklichkeit nicht ohne ihre letzte Vertiefung vermittelt, können nur aus ihrem innersten Kern in ihre Ausmaße und Reichweiten getrieben werden. Die Ordnung von Natur und Geist, Seele und Gott muß durch die geschichtliche Ordnung des Einen für Alle in ihrem zeitlichen Schwerpunkte gekreuzt werden, durch die Dauer des Opfers, das ein Herz nicht nur empfindet, sondern wirklich trägt. Aus der Verhaftung in die Natur beginnt ein Aufweg durch opferndes Dienen an der Geschichte, durch den Willen, die Geschaffenheit zu erfahren, die uns von Natur und Geist entzweit.

Uns in der Menschensohnschaft als in einer geschichtlichen Mittelung und Mitteilung zu erfahren, ist die Mittelung, Mitteilung, der Sinn der Form für uns. Es ist darin etwas Untrügliches.

Man soll über Kunst nicht anders denken als durch erfahrene Formen. Die einfachsten und stärksten Formen des geschichtlichen Ausdrucks sind: Kelch und Kreuz. Wenn man den Tassilokelch noch aus dem ersten christlichen Jahrhundert oder einen späteren romanischen Kelch vergleicht mit einem Kelch aus der Zeit des Rokoko und der Aufklärung, wie stark ist der Fuß, wie stark der Knoten und wie vollkommen die Schale in dem alten Kelch, eine Spannung in harten Maßen von unten nach oben, und der Knoten ist als Ausdruck des geschichtlichen Mittelpunktes unter der Mitte aufs kernigste und herzhafteste erfaßt und erfahren, die Form in Erkenntnis und Wille gleich einig. Die Wandung von Fuß und Schale kann ohne Störung die Bilder und Symbole der weltlichen Vergleichung um sich tragen, die erkennende Geistestätigkeit geht in die Form der Geschichte auf. In dem Kelch der neuen Zeit ist der Knoten verflüchtigt, nach oben, aber mehr nach unten ausgewuchert, vielmehr verloren, die Erfahrnis der unteren und der oberen Kräfte nicht mehr in einem Herzen versammelt, der geschichtliche Charakter hat sich besonders dem Fuße zu in Stofflichkeit oder ihr formales Gegenteil verwandelt, die Schale ist vertieft, aber sie ist einer unterschobenen Fassung eingesenkt, der Opferkelch, absichtlicher erfunden, ist nicht mehr organisch dem Gebilde entstiegen. Vernunft und Pietismus hatten den geschichtlichen Charakter dieser Menschheit zerstört. Vergleicht man, um noch ein deutlicheres äußeres Zeichen zu nehmen, ein romanisches Kreuz mit dem Jansenistenkreuz, so ist in jenem die Grundform des römischen Kreuzes, das die Welt umspannt, der aufrechte Stamm der geistnatürlichen Ordnung von dem Balken der Geschichte über einer Höhe durchschnitten, die nicht nur gedacht, die aus dem Leibe des Erlösers als einem auch natürlich zureichenden für die Geschichte gebildet ist und alle Kraft demnach nach allen Maßen enthält. Beim Jansenistenkreuz ist das Bezeichnende der hohe Stamm mit dem ganz kurzen, hochsitzenden Querbalken, die hohe Geistigkeit aus seelischer Insichsenkung aufsteigend, die Freiheit höher tragend als aus dem steten Maße der Geschichte, das doch ein naturhaftes, körperlich geheiligtes ist und bleiben muß, eine Kreuzung im Geiste in einer Demut, die Selbstbehauptung mit Ehrfurcht noch zu verbinden sucht, aber mehr die eigene Kraft der Einsicht als die geschichtliche Kraft der Ehrfurcht verwirklicht. Die Dreifaltigkeit der Form verliert sich immer mehr, je mehr sich die Persönlichkeit in gedachter Freiheit bewußt wurde und der Mensch nicht sich als dienenden, sondern seine Vernunft als eine ihn selbst beherrschende der Gesellschaft als ein absolutes Maß vorgab.

Wer in unserer Zeit über Kunst als gesellschaftbildenden, geschichteformenden Wert, als einen Nachwert eines geschichtlichen Vorbildes und Gleichnisses, als Ausdruck der Kräfte, die die Planerkenntnis verraten, denken wollte, hatte kaum eine Hilfe. Es sind keine Formen in menschheitliche Eigenschaften umgedacht, mit der Absicht einer solchen geistigen Folge, wie die Seele ihre Freiheit in der Notwendigkeit des Dienens erfährt, um aus sich selber zu kommen, also in dieser innersten Grenze des Weltplanes. [1] Es ist nicht die stete Kreuzung verfolgt, die die geist-natürliche Ordnung durch die geschichtliche, die in sich gebundene Erkenntnis durch einen in die Zeit gebundenen Willen erfahren muß; es ist nicht das christliche Drama der Stellvertretung für alle statt des heidnisch schicksalmäßig noch in unaufgeschlossener Geistnatur belassenen angenommen. Im Gegenteil hat gerade die Ästhetik, sich immer mehr aus einem geschichtlichen Denken trennend, in einem klassischen Zentrum, dem vernünftigen Spiegelbild einer gleichgedachten Gesellschaft, einen absoluten zwecklosen Ruhepol in reiner Schönheit festzustellen versucht. Da sie dabei von der lebendigen Entwicklung immer mehr verlassen wurde, hat sie selber immer leerer nur mehr äußerliche Merkmale der Verständigung kategorienhaft festzuhalten begonnen. Dahingegen hat das künstlerische Leben den Trieb und Herabgang der Geschichte zur Natur stürmisch verfolgt, Verbindlichkeit außer in eigenseelischen heftigen Lebensempfindungen immer mehr verloren oder nur in der engen Sphäre des Sozialen zu erhalten gesucht, mit einer sittlichen Einfühlung, die seelisch und organisatorisch von Mensch zu Mensch, aber nicht organisch in die Geschichte reicht. Das Sittliche hat nicht Bild und Gleichnis in sich. Es ist in der Form nur als Menschliches, nicht als sichtbarer Plan, nicht als in Erscheinung tretende Offenbarung, oder nur durch die menschliche Annahme dieser enthalten. Auf das Sittliche allein, das in seinem natürlichen Grunde nichts Trennendes und den Charakter einer bestimmten Weltanschauung Offenbarendes, kein erfülltes Gesetz hat, dem die Kunst nachgestalten könnte, ist eine Kunstform nie begründbar, sowenig wie auf die bloße Natur des Menschen.

Ich fing an zu denken, in welcher Weise die Bildform als die Form der Ebenbildlichkeit einer zeitlichen Menschheitsspanne von ihrer Menschheit getrennt und doch gerade in der Trennung mit ihr vereint sei. Die innere Bindung liegt in einer dauernden, stets nachschauenden, nachprüfenden Weltsorge, in einer Aufgabe, sich mehr als bloß persönlich zu erfüllen, weil eine mehr als persönliche Erfüllung wie eine heimliche Offenbarung schon in die Zukunft gelegt ist. Nie nimmt aber die geschichtliche Form den ganzen zeitlichen Menschen auf. Die innere Grenze ist zugleich eine Trennung, ist im Maß des Organischen ein immer deutlicheres Bewußtwerden einer in der Weltform harrenden Spaltung, einer irdisch unerfüllbaren Einheit. Dieses Innewerden wieder, dieses Verdeutlichen des menschheitlichen Mangels stärkt die eigene Innewerdung; der Zwiespalt wird zu einem organischen Zeugnis und die Größe dieses Zeugnisses, am stärksten gewesen in der altchristlichen Kunst, der basilikale Bau der Wahrheit gegen den bloßen natürlichen Menschen, ist wie ein liturgisches Aufheben der geschichtlichen Notwendigkeit, ist wie eine natürlich-geistige Lösung, aber nun nicht mehr in willkürlicher Ordnung, sondern in einem Vorwegnehmen des Endes der Geschichte. So ist der Kunst trotz und gegen die Geschichte eine stete Gegenwart in einer geahnten wie gewesenen Erfüllung gegeben.

Die folgenden Versuche — nur vielfach bedingte Zeugnisse einer kritischen Mühe um einzelne zeitmächtig gewordene Kunsterscheinungen, — die sich über bald zehn Jahre erstrecken, enthalten ein noch ganz unzulängliches, langsames, anfangs noch in der üblichen Denkweise mitbefangenes und auch weiter noch mehr geahntes als begriffenes Erfassen dieser Gedanken, ein Erfahren, das in die eingeschlagene Bahn kam, weil in der Zerstreuung aller Formen die eigene Beladenheit des Menschen in seiner Zeit, die Sohnschaft in der Geschichte nicht Gültigkeit werden konnte, ohne sich dem innersten Kern der Selbstversicherung in der vollsten Zeitlichkeit nahen zu müssen, Gültigkeit werden mußte, um die Berufenheit in der Gegenwart als unverlierbares Erbe aller vergangenen Zielrichtung wieder finden zu können, gültig werden wollte als eine stete Wiederherstellung aus dem erfahrenen Seelenschicksal.

Es ist ein eigentümliches Bemühen, in der Kunst nicht die wirklichste Lebenswahrheit gelten lassen zu wollen, christliches Fühlen, mystisches Leben denken und gestalten zu wollen, ohne die wahrste christliche Vergangenheit ganz mit einzuschließen. In der Kunst, in der dem Menschen das Maß seiner Zeitlichkeit gegeben wird, gilt nicht der Wille für das Werk. Ein geringeres bestimmtes Wort ist besser als ein allgemeiner unbestimmter Wille. Sichtbar, spürbar ist eine geistige, eine religiöse Kraft gerade nur in der geschichtlichen Bedingtheit, in der errungenen und angewandten Gegenkraft, sie zu tragen, in dem auf sich genommenen Zeugnis der göttlichen Spur. Es ist eine sonderbare, immer wieder lockende Verkehrtheit, absolute geistige Werte dadurch retten zu wollen, daß man ihre geschichtliche Charaktermischung als zeitliche Bedingtheit lieber unterdrückt, daß man nach einem äußerlich vermittelnden Schönheits- und Geistigkeitsideal oder einem bloß resthaft notwendigen Sittlichkeitsmaße, — von einem Scheinziele getäuscht und schließlich immer auch selber zum Allgemeinnatürlichen in einer kultürlichen Konvention herabsinkend, — die Seele zu retten meint, indem man die begriffliche Reinheit der Idee pflegt. Diese ist ja nicht Mensch geworden, sondern etwas der Seele viel erbarmungsvoll Verwandteres, das doch unendlich über ihr bleibt. Selbst in der seligsten Sättigung mit Naturfülle wie bei den Gotikern und in der stärksten Zeugniskraft wie bei Grünewald bleibt die unendliche Nichterfüllung gerade um die ganze Fülle und für das ganze Zeugnis erhalten. Nicht Abstraktion und Wille zu zeitloser Größe, nicht ein äußerlich objektives Weltbild ist ein wahrhaftes Ziel (wie ich in den ersten Versuchen noch glaubte). In der Zeit des Modernismus sprang man allzuleicht in den Gegensätzen einer falschen Äußerlichkeit und einer falschen Innerlichkeit hin und her. Es fehlte die wahre, an die in uns wirkliche Gottmenschspaltung gebundene Stete, die stete Mitte, in der das harrende Herz mehr vertraut als fordert. Jener vorschnelle Eifer war im katholischen Kulturdenken, dessen untätige formale Unbewegtheit er brechen wollte, ein Element, das mit einer ähnlichen, wenn nicht gefährlicheren Verhärtung, (da es seine Begriffspflege der altchristlichen Berufungsunmittelbarkeit gleichsetzen zu dürfen glaubte — schon der basilikale Renaissancebau entstand in seiner formreinen Absicht als scheinbare Fortsetzung der alten Basilikareinheit und doch mit entgegengesetztem Resultat) eine seelische Erweichung verband, sich darin vor sich selbst entschuldigend. Es war eine verspätete Bewegung in unserem Kulturdenken, deren Vorbild schon beim barocken Protestantismus in dem Gegensatz vor der rationalistischen Verweltlichung und der pietistischen Verkirchlichung gegeben war. Künstlerisch, damals hauptsächlich lyrisch konnte jener Protestantismus in den ganz engen Grenzen fruchtbar werden, die sich der Seele als neue Erfahrung fühlbar machten. Uns Heutige, uns Katholiken führen diese Spuren — da der weiter angelegten Seele selbst die für sich gute Enge schädlich ist, — nicht mehr aus toten Geleisen.

Der Übergang von Mensch zu Menschheit nimmt durch die in steter Eigenbildung für die Geschichte geforderte Tat nicht ab, seine Kraft und Spannung nimmt zu. Wie sich in der Gotik die Pfeiler aus der Wand lösen, so geht in der organischen Geschichts- und Kunstform die Beladung auf den Einzelnen über, ohne daß der Raum der Zeit und Seele geringer würde; er wird nur um die Abnahme der allgemeinen gesellschaftlichen Tragkraft in jedeinzelnen zu stärkerer und stärkster Spannung. Diesem Schicksal kann nicht durch eine allgemein veredelte Menschlichkeit, sozusagen zwischen Wand und Pfeiler ausgewichen werden, es kann auch nicht naturhaft verkleinert werden. Es bleibt im Raume der Zeit, für deren Maß unsere Seele bewußt und verantwortlich wird.

Der Mensch möchte die Vollkommenheit der Form für sich zeugen lassen; aber er kann sie, sich in ihr nur dienend vollenden. Menschentum und Christentum sind keine Wesenheiten nebeneinander, die mit Absicht als gleich freie ineinander geleitet, einander wahlweise ergänzen, so wie man aus zwei Gefäßen ein drittes füllt. Christentum ist ein neues Menschentum, ist ein neuer Mensch. Das sind keine Angleichungen im Geiste, das ist eine neue Beschaffenheit aus der Natur, ein Bruch und eine Wiederherstellung durch die Geschichte, das ist der Zwang zu einem inneren Fortschritt der Form. Jede Geburt ist ein weiterer Weg in der Zeit. Jene Angleichung würde dem Geiste die Willkür geben, das Maß des Weges zu beschränken. Die Aufgabe kann aber nicht gegen die Zeit beschränkt, nur das Widerlager der wachsenden Vielfältigkeit der Geschichte kann in der Seele verstärkt werden.

Dies ist der ganz und gar andere Grundsinn und Sinngrund der christlichen Form. Ihn durch den Hergang der geschichtlichen Formen zu begreifen, in denen er immer deutlicher wird, je mehr die Menschheit die gemeinsame Gleichheit der höheren Lebensformen verliert, ist unsere erste, letzte und tiefste Aufgabe.[2]

Ich habe das Glück gehabt, den christlichen Gedanken verfolgen zu dürfen, als die Kunstbewegung nach dem Anfang unseres neuen Jahrhunderts den Boden der bloßen, nicht zur Verantwortung drängenden Natürlichkeit verließ, und konnte den Drang und Trieb zur neuen Geistanschauung an den Werken eines Künstlers miterleben, in dem die Verdichtung am stärksten zu christlichen Symbolen, zu den Eigenschaften der Geschichte trieb. Hatte eine zu langsame geistige Bewegung die Gefahr des trägen Verlorengehens, — die Bewegung in unserer Jugendzeit hatte diese lauernde Gefahr, wo im Zwiespalt der Erkenntnis mit dem mangelnden Vermögen und Vertrauen zu geschichtlicher Hingabe der Wille zur sicheren Richtung stockte — so wächst in der Zeit neuer Erfüllung mit den bewegteren Gedanken auch die Verantwortung, die neuen Formen in ihrer vollen schweren Reife erstehen zu lassen, sie nicht als eitles Treibgewächs um die Frucht zu bringen, die der alten Sendung unseres Volkes würdig ist.

So viel wir weiteren Weg unter uns fühlen, um so viel weniger wird uns jene noch in der Sicherung des Gedankens ruhende Geistigkeit Friedrich Schlegels, des stärksten Denkers christlicher Kultürlichkeit unter unseren noch unmittelbaren geistigen Erbahnen, beschieden sein, jene ruhige Gewißheit, die den Sinn des Mittelalters rankend fortsetzte, so lange in der neuen Zeit selber die Erfüllung noch knospenhaft verschlossen war. Was für uns nun viel härter in die Wirklichkeit gebannt ist, die geschichtliche Not und Aufgabe, die vor und gegen einer bloß geistnatürlichen Erkenntnis Opfer verlangt, das letzte Problem von Notwendigkeit und Freiheit, wie es schon zeitheftiger in der französischen Romantik, aus größerer Geschichtsnähe dumpfer und schärfer, kühner und resignierter (bei Delacroix) empfunden wurde, das wird uns mehr wie schnell gerade auch das scheinbar stammhaft gemeinsam bleibende engere deutsche Kunstwesen unserer letzten deutschen Künstlergeneration nur als ein sehr zeitbeschränktes Zeugnis unseres umständlichen Empfindens, aber nicht einmal (oder nur in der Problematik Marées) als einen Kern eines künftigen Wollens und Müssens erkennen lassen. Daß gerade der Deutsche in seiner Kunst so selten mehr sein will als bloßer Empfinder! Und daß gerade die konservative Gesinnung sich damit so oft am verantwortungslosesten beruhigen zu dürfen glaubt! Wir müssen unsere Weltspanne über das engere Deutschtum hinauslegen. Das deutsche Wesen will wieder der Pfeiler im Abendland werden, der mit dem anderen Pfeiler im Morgenlande die geschichtliche Spannung der Welt trägt und die Höhe der christlichen Kuppel in seiner Stärke vorbildet.

Wie schwer es ist, den wirklichen Menschenkern im Innersten seiner verfließenden Zeitlichkeit in ein Werk zu fassen, ebenso schwer ist die erkennende Formel, den selbst erlebten Weg des künstlerischen Geschehens nachzuprägen. Ich sah die Stetigkeit der unvertilglichen christlichen Geschichtskraft wieder neu erwachen und suchte in der Empfindung die Formel von der „künstlerischen Ruhelosigkeit des Christentums“, um dem gerecht zu werden, was der Erkenntnis in ihrer Formel von der „Geschichte als der Menschwerdung der Ideen“ beweglich, drängend, unbegreiflich im Begrifflichen so unmittelbar lebendig wurde. So sehr in diesem Zusammenhang die Menschwerdung von dem starren, der geschichtlich notwendigen Brechung, der seelischen Einmaligkeit der Geburt feindlichen Hegelianischen Geschichtsprinzip getrennt ist, das die organische Ebenbildung in ein logisches Fortschreiten zuspitzt, so daß gerade das Mark des geschichtlichen Stammes verletzt, vernichtet, das Geheimnis der einzelseelischen Knospe zerstört wird, der innerliche Strang, auf dem sich die Rückkehr im Fortgang, die Wiederherstellung aus den Zweigen vollzieht, kein Leben hat, so war doch auch hier die einfache Menschwerdung noch nicht ausgesprochen.

Es ist das Schwerste, die Menschenwirklichkeit so zu erfahren, daß man in ihrem Mangel das Stück zeitliche Spanne erkennt, für das man Freiheit hat zu einer ahnenden Vollendung. Das ist in der eigenseelischen Form dann die mehr als eigene Vollendung.

In dem Zwiespalt zwischen Notwendigkeit und Freiheit, Erkenntnis und Erfahrung, ehe er sich in der inneren Grenze der Geschichte löst, in dem Gefühl, den Altersgeist der Menschheit anrufen zu müssen, um die gegenwärtige Ruhelosigkeit zu überwinden, erschien die Ordensidee wie eine glückliche, stets offene Oase. War der franziskanische Geist in den Jahren einer natürlicheren Seelenstillung neu geliebt worden, so trug die Empfindung von einer härteren geschichtlichen Dauer zu dem älteren benediktinischen Geiste. Das innerste Erfahren mußte in der Freiheit den Halt der Regel lieben lernen, bis es ihn in neuer Form im Bekenntnis zur steten Bereitwilligkeit am Plan der Geschichte neu erfassen lernte. Der Versuch des benediktinischen Paters Desiderius, die künstlerische Form des Christentums in einem Kanon zu regeln, war da wie das richterliche Hineinragen unbeirrbarer Geistigkeit in das Ungenügen nie vollendbarer zeitlicher Formen. In der Regel, die seine Kunst beherrscht, spricht ein Glaube, der als Sehnsucht jede Erkenntnis treiben muß, mehr als sich zu suchen, und der ein ehrwürdiges Zeugnis bleibt in dem Verfall des christlichen Stilgefühls unserer Zeit.

Die christliche Kunst ist ein Sondergebiet geworden aus Glaubensarmut, aus dem Versagen vor der geschichtlichen Notwendigkeit, weil man der steten zeitlichen Erfahrung des geschichtlichen Ganges, dem geschichtlichen Gethsemane ausgewichen ist, und darum auch selbst nicht gegenwärtiger Mensch geworden ist. Es scheint fast, als hätte man nirgends schneller die leere Scheidung von Inhalt und Form angenommen, als im heutigen christlichen Kunstdenken, mit dem ganz äußerlichen Gesichtspunkt des christlichen Stoffes in stilistischen Konventionen. Kaum irgendwo ist heute darin der Versuch gemacht, ein eigenes Leben der Formen, die sichtbare Struktur eines religiösen Weltverhältnisses in seinen bestimmten Gesetzen zu ergründen. Man scheint davon gar nichts zu wissen. Man denkt gar nicht daran, daß die Form nicht etwas willkürlich angemessenes, sondern ist wie das äußere Zeichen einer inneren Gnade; und daß sie zugleich das Maß unserer Entfernung enthält, in dem wir den Abstand unserer Zeitlichkeit vom ewigen Bilde messen müssen, als Stärke unserer Verwirklichung. So sehr man sein christliches Sondergebiet betont, so wenig hat man ein Eigenleben der Formen, von dem man sagen könnte, hier sei nun die Reichweite des heutigen christlichen Weltverhältnisses durch alle guten Kräfte der Zeit mit der Schwere der ganzen Aufgabe empfunden und zu gestalten versucht.

Das ist an sich keine Frage größerer oder geringerer Modernität. Gerade die modernen Formen, wo sie ohne den seelischen Fortgang ins Geschichtliche versucht werden, verdecken oft nur die im Grunde gleichgebliebene Unkraft und können durch den Reiz des bekennerhaften Eifers nicht lange täuschen. Die christliche Form ist die wahrste Prüfung starken Künstlertums; denn sie verlangt stärksten Wirklichkeitssinn. In ihr muß der Künstler die Probe geben, ob er die neuen Formen nur als Reizungen seines eigenen Ungenügens wählt und dieses demnach nur pathetisch vergrößert und stilistisch verklausuliert — wozu gerade in der gegenwärtigen Kunstbewegung die größte Gefahr ist — ob er also nur an der Unruhe des allgemeinen sittlichen Triebes teilnimmt und beim leeren Selbstzeugnisse stecken bleibt, oder ob er ein wirkliches Zeugnis von der christlichen Daseinsform geben kann. In der christlichen Kunst erhält jede Form ihren Sinn und ihr Ziel.

Der Eingang in die Geschichte muß mit dem Willen geschehen, der über dem sittlich Gemeinsamen das eigentümlich weltanschaulich Trennende zur Grundkraft macht. Der idealistische Gedankenkreis der reinen Vernunft und Menschlichkeit, dem als eigentlicher Trieb nur das Sittliche blieb, hat im letzten Jahrhundert den christlichen, in der Geschichte lebendigen und durch sie immer auf dem Wege zu Gott und den Dingen auf und ab in Bewegung befindlichen Zusammenhang an sich gezogen und abgebrochen. Da sind dann überall die Stockungen eingetreten, in einer zu abstrakten Geistigkeit oder in einer zu natürlichen Natur. Der Sinn der Schöpfung ist verschwunden. Die Menschheit wird heute in den schrecklichsten Erfahrungen von dem Strom ihrer unentrinnbaren Geschichte fortgerissen. Sie muß das Zeugnis einer geschichtlichen Ordnung um so heftiger geben, je mehr sie es in sozialen Organisationen und in einem spirituellen oder ethischen Optimismus vereinen zu können glaubte. Der sittliche Gedanke, der sich den Zusammenhang allein zu retten vermaß, kann das Geheimnis der zweiten Schöpfung im Gethsemanegarten nicht bewahren und in Erfüllung verwandeln.

Überschaut man die Kunstformen seit dem gesellschaftlichen Zerfall, der in der französischen Revolution seinen Ausbruch hatte und an dessen Narbe, an dem zerstörten Verhältnis des Einen zu Allen, wir noch heute tragen, seit der Zeit, da sich der Sinn der Form und der Sitte des dienenden Wesens entschlug, so erkennt man als Hauptmerkmal den Mangel des steten Abstandes von einem höheren Bilde. Die Form im höheren Sinne ist dadurch verloren gegangen; willkürliche Wiederherstellungen in Angleichung an die verschlossene Schönheit unerlöster alter Formen haben sie nicht retten können. Das Geistige wurde ein Selbstbehaupten, das Dingliche ein Nachahmen, statt daß das Dingliche ein Neuschaffen, ein Sinnerfüllen und daß das Geistige ein Dienen wäre. Kunst konnte das Nachbilden eines höheren Seins in mehr als persönlicher Stärke immer weniger erreichen. Kunst wurde, bald mehr unter dem Zwang eines geistigen, bald mehr eines naturhaften Ideals, immer seltener und in den Besten nur noch kämpfend und ahnend eine freie Schöpfung. Sie reichte in keine wirklichen, nur noch in gedachte weltanschauliche Verhältnisse, da auch ihr innerster Kern kein im Zwiespalt gerne und mit letztem Willen bekannter mehr ist. Sind wir aber heute angesichts der Natur, deren Spiegel keine mehr als eigenen Formen mehr annimmt, in dieser Erkenntnis zur Selbstversicherung gekommen, so muß sich ein neuer Weg öffnen. Die Selbstversicherung war diese, daß wir in dem rastlosen Punkte der Natur die Form der Stetigkeit, die in der Kunst als einer geschichtlichen Form liegt, nicht anders finden können, als durch das Bekenntnis zu einer neuen seelischen Aufgabe, als durch das Eingehen in eine neue ebenbildende menschheitliche Form. Diese Selbstversicherung war im Gethsemane unserer Zeit.

Vor dem Gericht, das die Kunstform immer unter uns ist, muß als nächste Aufgabe immer bewußter werden, den wahren Punkt ihrer geschichtlichen Schwerkraft und Scheidung zu begreifen. Wie die Kirche solche Gebilde, die nicht in ihrem Keime die ganzen Größen und Ausmaße des Notwendigen vorgebildet enthalten, von sich scheidet, so müssen wir alle bloß vermittelnden, nur ersatzmäßigen, nicht trennendes, sondern nur in halber seelischer und geistiger Kraft vereinendes enthaltenden Bildungen von uns tun. Sie haben geschichtliche Schwerkraft nicht in sich. Wir müssen uns von eigenster Seele in die Geschichte finden. Wollen wir die Sache des neuen Geistes treiben, so müssen wir unsere Sache treiben.

Es ist, vielleicht nicht für die grundsätzliche Entfaltung, aber in der heutigen Notlage, endlich ganz zu unserer eigenen Innewerdung, zur wirklichen welt-christlichen Form zu kommen, zunächst die Grundanschauung zu vollziehen, daß das Sittliche nur Trieb, nicht aber Anfang und Ziel einer Form sei. Es ist der Drang zum Bilde, aber nicht das Bild. Ja dieser Drang wächst erst in wahre Reinheit durch die Erkenntnis des gegebenen Bildes. Ich war immer versucht, das erste höhere Element der Form über dem Sittlichen das Dogmatische zu nennen. Darf man wagen, was lehrhaft bestimmt ist, auf das Rätsel der geschichtlichen Form als der Entfaltung eines uns zugedachten Planes anzuwenden? Indem man die Stufung der Formen erkennt, sieht man Zusammenhänge, die durch die sittliche Freiheit und Verantwortlichkeit in Einzelformen gelöst, zu Werten herausgenommen werden, die aber an sich bleiben als gegebene Maße zur Erfüllung unserer Ahnungen. Sieht man diese Zusammenhänge in ihrer alten ruhenden Größe, mit einem sinnhaften Worte: ihrer Räumlichkeit, verglichen nun mit den eilenderen Erscheinungen einer heftigeren Zeitlichkeit, den Weg vom Raum zur Zeit über die Völker und durch die Geschichte verteilt, so erschaut man ein Gesetz, das, in jeder Seele grundgelegt, größer ist als der Wille des Menschen, es gleichzugestalten. Er wird dieses Gesetzes in der Erkenntnis mächtig, aber erst durch die selbstvollzogene Tat seiner Zeitwerdung. Das Maß seiner Geschichtsspanne ist gegeben, aber die Kraft wächst durch das Erkennen des Maßes. Die Erkenntnis schlummert in der Kraft, aber sie ist größer als die Kraft. Das will heißen, es gibt eine Form, die immer größer als das Ringen um sie doch in jeder Seele ihrer Zeit gleich wurzelt. In ihren Stufungen aber enthält sie mehr als eine Seele, enthält sie die Menschheit in ihrem geschichtlichen Hergang. Diese Form hat mehr Sichtbarkeit als Namen. Indem wir uns ihrer wie einer vorborgenen Offenbarung bewußt werden, gestalten wir die uns eigentümliche Form, die eine Weltanschauung von einer anderen trennt.

Denkend aber indem wir in Anfang und Mitte unserer Aufgabe und Kulturform kommen wollen, das Ziel unserer Erkenntnis, wenn sie zeitmächtig wird, und der Wille, sie aus der Zeit zu erwecken, aller Ausgang ist in der „Fülle der Zeit“. Wir müssen die formscheidende Kraft des Christentums erkennen. Sie ist keine logische, sondern eine organische. Sie erschließt den Sinn aller Formen im Hergang der Menschheit. So entsteht der Raum der Zeit in der Seele. Darin geht der einzelne Mensch hin, und indem er an jeglichem Orte das Maß seiner eigenen Entfernung erfahren muß, kommt er zum tiefen Grunde seiner Innewerdung. Er bildet den Weg zum geschichtlichen Gethsemane.

 

Anmerkungen

[1] Vgl. für die gegensätzlichen Hauptrichtungen der heutigen Kunstbetrachtung: „Kunstgeschichtliche Grundbegriffe. Das Problem der Stilentwicklung in der neueren Kunst“, von Heinrich Wölfflin, München 1915, und „Formprobleme der Gotik“ von Wilhelm Worringer, München 1911. Auch Worringer ist bei allem Fortschritt gegenüber dem klassizistischen schematischen Sehbegriff von einer organischen Bindung des ganzen geschichtlichen Formenverlaufs noch so weit entfernt, daß er innerlich getrennte Menschheitskreise feststellen will. Zu einem kritisch referierenden Überblick vgl. auch „Wechselseitige Erhellung der Künste. Ein Beitrag zur Würdigung kunstgeschichtlicher Begriffe“ von Oskar Walzel, Berlin 1917.

[2] Ist nicht der Mangel von „Hoffnung“ und „Gefährdung“, den Georg Simmel bei Rembrandt als in einem Gegenpol gegen die mittelalterliche Bildfrömmigkeit festhalten will, ein tiefstes Zeugnis des Schicksals, das durch die Reformation in den geschichtlichen Fortgang des germanischen Geistes brach? Und ist nicht gerade bei Rembrandt dann die Wahl des stofflich Biblischen zu einer persönlichen Ausdrucks- und Hoffnungsform geworden, zu einem tiefsten Zeugnis des deutschen Geistes, als er sich der Gänze des geschichtlichen und christlichen Formwillens entschlug. Die Gegenbildung vermenschlicht sich in der Wahl des Wortbiblischen. Das ist in der Verkümmerung der Geschichte kein Gegenpol, sondern ein seelischer Durchgang. (Vgl. Georg Simmel, „Rembrandt, ein kunstphilosophischer Versuch.“ Leipzig 1917.)