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Konrad Weiß: Deutschlands Morgenspiegel (Teil 2.6)

VI
Thüringische Runde

Die Kemenate

Wo der Chronist Thietmar schrieb

Ein Nachmittag in Merseburg und Halle

Mit Burgenromantik ist jene Landschaft an der Saale geschmückt, wo Thüringen und Sachsen, das Land Sachsen und die preußische Provinz, zusammentreffen. »An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn.« Solche Verse scheinen vielleicht ganz späten Datums. Aber von wem stammt das Lied? Es ist von Franz Kugler gedichtet, dem bekannten Kugler, der einer der Begründer der Geschichtschreibung war und der auch Gedichte und Erzählungen geschrieben hat. In Stettin geboren, in Berlin 1858 gestorben, hat er in seiner Jugend der Saale Reime geschenkt, welche in den Zeiten weiter geklungen haben.

Zwischen Thüringen und Sachsen

Jene Burgen, Rudelsburg und Saaleck, romanische Reste, an deren Lage mit ihren Ruinen und festen Bergfrieden der Blick unwillkürlich haften bleibt, reichen in das zwölfte Jahrhundert zurück und hatten ihren Zweck in dem Machtbeginn Meißens über ein größeres Umland. Es folgen versteckte Orte wie das ruhmreiche Schulpforta, wo auch Nietzsche Schüler war. Es erhebt sich über dem Tale das betürmte Naumburg, die Stadt mit den herrlichsten Werken Thüringens aus dem hohen Mittelalter. Ähnlich steigen nochmals die Türme und die gereihten Schloßgiebel Merseburgs steil über der Saale empor. In Halle aber hat man die Bucht des großen nordöstlichen Tieflandes betreten, in welchem auch Leipzig liegt. Die Vergangenheit fließt auseinander in einer tätigen und verschlingenden Gegenwart.

Trotzdem die Gegenwart hier in mächtigen Industriewerken zu Hause ist, wird man etwa gerade in Halle noch eine charaktervolle Sichtbarkeit alter Geschichte finden. Und auch große Beziehungen der Geschichte und des Geistes sind alsbald lebendig. Merseburg und Halle weisen mit ihren Anfängen nordwärts nach der Elbe, wo Magdeburg ihr ottonischer Vorort war. Und mehr westlich geht es von Halle sodann ins Mansfeldische und nach Eisleben, wo Luther ausging, mit dem das Mittelalter schloß, und die Begriffe von Wort und Glauben einen neuen Sinn begannen. Geschichtlich drang Sachsen überall vor. Thüringen, das »grüne Herz Deutschlands«, blieb unter vielen Einflüssen, wozu vor allem auch die Herrschaft von Mainz über Erfurt gehörte, ein Land der Innenbewegungen und eine Landschaft der Idyllen. Die Wartburg ist sein geschichtlicher Ausdruck geworden; nirgend sonst ist eine weibliche Gestalt so bezeichnend geworden wie hier; und unser Gefühl, wenn wir das nach innen drängende Wesen der deutschen Dinge bedenken, wird alsbald bewegt, hier in Thüringen von einer »Kemenate« Deutschlands zu sprechen. Was dann am Harz und in der Richtung Magdeburgs liegt, war einst offenbar viel stärker norddeutsch bestimmt, bis sich der mitteldeutsche Charakter auszubilden begann.

Ein Drama im ottonischen Hause

Vor einiger Zeit standen wir auf der Höhe der einstigen Eresburg in Obermarsberg an der Diemel, deren Eroberung durch König Karl im Beginn der blutigen Sachsenkämpfe 772 bekannt ist, an einem Grenzpunkt des Landes der alten Sachsen. Nun sind wir hier an der Saale und steigen zur Höhe der Merseburg hinauf. Merseburg und die Eresburg sind zwei Orte, die Anfang und Ende eines Dramas im ottonischen Hause bedeuten. Das Drama endete mit dem Tode Tammos oder Thankmars, der ein Halbbruder des nach Heinrich I. zur Herrschaft gelangten Otto I. war. Die Geschichte aber war so. Heinrich I., der das Sachsenreich gründete, hatte zuerst Hatheburg, die Tochter des Grafen Erwin von Merseburg, welche eine Witwe war, zur Gemahlin genommen. Damit hatte er auch das reiche Gut des Grafen erworben. Die Ehe aber galt für unerlaubt, da Hatheburg schon vorher den Schleier genommen hatte. Und als Heinrich dann später Mathilde zur Ehe nahm, galt der Sohn Heinrichs von Hatheburg, der Tammo hieß, als illegitim. Von Mathilde hatte Heinrich jene drei später bedeutenden Söhne, deren erster und bedeutendster Otto der Große wurde. Otto nun hatte, als er 936 zur Herrschaft gekommen war, im Plane seiner Reichsvergrößerung die Nordmark dem starken Grafen Gero gegeben. Da aber Tammo auf diese gerechnet hatte, empörte er sich und verschanzte sich nach anfänglichen Erfolgen auf der Eresburg im Juli 938. Er wurde (wie schon früher erzählt), als er nach dem Fall der Burg in der Kirche Zuflucht gesucht hatte, durch eine Lanze zum Fenster herein getötet. Die Erzählung von diesem Drama liest man auch bei dem sächsischen Chronisten Thietmar von Merseburg.

[Merseburg, Westwerk des Domes]

[Merseburg, Nordseite des Domes]

Merseburg im Blick

Also war durch Heinrichs I. Tatkraft Merseburg in die deutsche Geschichte gerückt und war ein fester Ort gegen die Sorben des Ostens. Otto erweiterte und befestigte die östlichen Machtgrenzen seines Reiches, und dazu dienten ihm die Neugründungen von Bischofssitzen, zu denen er auch das Stift Merseburg 968 fügte. Unter den Ottonen und besonders noch unter Heinrich II. hatte Merseburg auch als königliche Pfalz eine Blüte, und als Zeitgenosse dieses letzten Sachsenherrschers lebte der Bischof Thietmar von Merseburg, unter dem die erste Domgründung 1015 auf der bewehrten Höhe stattfand. Hier hat dieser sächsische Chronist auch seine Grabstätte.

Kommt man heute aus der großen Leipziger Ebene, so erlebt man zuerst den gewaltigen Anblick der Leuna-Werke. Sie stehen im Duft der Landschaft wie eine Industriefestung, mit Kaminen und Hochbauten in einer mächtigen Gürtung zusammengeschlossen. Dann erhebt sich das Burgbild von Merseburg unmittelbar über einem Stadtteil an der Saale, ritterlich schmal und ausladend zugleich; es hat trotz vielen Zeitenwandels noch die Kraft und den Zauber altdeutscher Zeitbilder behalten. Nur hat der Anblick aus dem Burghaften und Geistlichen mehr ins Weltliche hinübergewechselt, was auf Rechnung des großen Schlosses kommt, das hauptsächlich mit der Wirkung der Renaissance, mit jener Stattlichkeit einer Reihung von Zwerchgiebeln ins Tal schaut, welche zu dem mit Absicht geordneten und selbstgewissen Gleichmaß der Renaissance gehört. Bauherr der spätgotischen Umwandlung des Domes und Unternehmer des neuen Schlosses ist in erster Linie der Bischof Thilo von Trotha. Die Zeit nach 1500 hat das heutige Burgbild bestimmt, und so gehört es auch unter die Hauptbilder sächsischer und thüringischer Geschichte. In seinem Innern gibt es aber eine Anzahl besonderer Merkwürdigkeiten.

Die Merseburger Zaubersprüche

Den Besucher, der den Burgberg bestiegen hat, empfängt ein Rabe, der daselbst in Erinnerung an den Wappenvogel des Thilo von Trotha gehalten wird. Das nächste aber, was man findet, ist ein Stück echtestes altgermanisches Wesen. Denn, kaum in die Burganlagen eingetreten, wird man darauf aufmerksam, daß in der Bibliothek der Ort der Merseburger Zaubersprüche sei. Es sind jene beiden Sprüche, die ganz am Anfang der uns bekannten germanischen Dichtung stehen. Man hat sie in einer Niederschrift aus dem zehnten Jahrhundert erst 1841 auf dem Vorsatzblatt eines Missale entdeckt. Es ist ein Fesselsegen in der Schlacht und ein Spruch gegen Beinverrenkung. Der Form nach sind es kleine Erzählungen, an welche die rhythmische Beschwörungsformel anknüpft. Der erste beginnt: »Eiris sazun idisi, sazun hera duoder (ehemals setzten sich göttliche Frauen [oder Schlachtjungfrauen], setzten sich hierhin, dorthin). Er schildert, wie sie in die Schlacht eingreifen, und schließt: »insprinc haptbandun, invar vigandun« (entspring den Banden, entfahr den Feinden). Der andere schildert, wie Phol (der Gott Balder) und Wodan zu Holze fuhren und daß dem Fohlen Balders der Fuß verrenkt wurde. Es folgt eine längere Formel, die sagt, wie Wodan die Verrenkung besprach, und die mit den Worten schließt: »ben zi bena, bluot zi bluoda, lid zi geliden, sose gelimida sin« (Bein zu Beine, Blut zu Blute, als ob sie geleimt wären). Im Vergleich kann man denken, daß die Form des Stabreims, dieses starke Ansetzen und Fortstoßen der herausgehobenen Silben, zwischen welchen die freiere rhythmische Bewegung des Verses dahingeht, ein ähnliches Gesetz habe wie das Starre und Fließende des germanischen Zierwerks. Jedenfalls wird die beschwörende, vorbietende Kraft des Wortes mehr durch den Stabreim unterstützt, während der Endreim später eine mehr spiegelnde Freiheit bringt. Der Stabreim hat ein männliches Wesen, er schreitet im Vorgebot des Willens, mitten in geschehender Aussage, während mit dem Endreim eine bleibende Schwebung der Dichtung, eine weibliche Seele in eine neue Zeit des Daseins eintritt. Und so möchte man auch sagen, daß zwischen Stabreim und Endreim ein Gegensatz und ein Verhältnis bestehe wie zwischen Pfeilern, welche noch im Kampfe zu einem räumlichen Inbild sind, so daß man auch die romanischen Bauten mit dem Vorgebot ihrer Pfeiler zu einem inneren wachsenden Raumgefühl als Geheimnisse dieses Verhältnisses ansprechen möchte.

Rudolf von Schwaben

Nun sind wir aus dem Kreuzgang in das Dominnere gekommen mit dem offenen und gestuften Zusammengreifen der Räume, mit dem aufklärenden Gewölbe der Hallenkirche, mit Westwerk und Krypta, mit Chorgestühl und Denkmälern. Da ist aber auch ein uraltes Steinkreuz, ungeschlacht scheinbar, aber durch die Kleinheit der Formen um so schwerer in eine Unentrinnbarkeit der Ausdrucksnot wie in ein Schicksal der wesenden Form selber gebracht. Zwischen dem Körper und der Scheibe des Heiligenscheins ist eine innere Grenze, eine Aufklaffung, daß wie Schicht vor Schicht ein Zwiespalt des Seins und Daseins offen scheint, ein Zwiespalt mit der Kreatur, eine harte Spanne, die einen Kopf und Körper seinen eigenen Zügen, seiner eigenen zerbrochenen und doch festen Sprache ausliefert. Und indem die körperlichen Merkmale mehr als der Körper betont sind, ist dies wie eine beschwörende Macht, welche nicht mit dem Sinne des Bildes, sondern heftiger noch mit der schroffen Wirklichkeit des Bedeutens selber arbeitet. Es sind Ursinne im Bildwillen, die an ein ganz uraltes Ding von Kunstversuch denken lassen, aber eben diese unmittelbare Ausdrucksnot ist in der Absicht ihres nächsten Aussprechens einer Gegenwart entstanden. So sieht man auch das Gesicht zugleich aus sich brechend und in sich hinein geschwiegen, und bei aller Schrecklichkeit ist dabei eine formelhafte Feinheit des Wissens. Es ist ein äußerster Kampf zwischen Form und Ausdruck, als ob eines das andere durch Verdrängung verstärken müsse, und ein solches Werk steht wie eine Beschwörung vor dem Angesichte der Zeit. Es mag im Zeitgefühl dem Wesen des Chronisten Thietmar entsprechen, welcher in das Geschehen der Zeit gern die Dinge einer aufgeschreckten Seele hineingespeichert hat.

Da ist dann auch, zum Wertvollsten gehörig, der romanische Taufstein mit Tieren und Figuren, die im Wechsel von Sinn und Wucht und in der Klarheit schlanker Bogen ihren Ausdruck haben. Das geschichtlich Wichtigste ist jedoch die bronzene Grabplatte des Gegenkönigs Rudolf von Schwaben, der gegen König Heinrich IV. bei Hohenmölsen 1080 fiel. Die Gestalt lebt heraus aus ebenso zierhaften wie schweren Linien, mit einer bannenden Kraft der geradeaus gerichteten Haltung, die, so flach sie ist, doch etwas Drehendes und so Körperliches hat. Das Werk gehört, wie das steinerne Grabmal des Widukind in Enger, zu den ersten deutschen Denkmälern. Als Kuriosität wird im Dome auch eine abgehauene Hand gezeigt, welche die Hand Rudolfs gewesen sein soll, die er in der Schlacht verlor. Die Sage knüpft sich daran, daß es die Schwurhand sei, die also an den gebrochenen Eid Rudolfs erinnere.

Der Chronist Thietmar

Die Grabstelle Thietmars, des Merseburger Chronisten, ist heute im Dom ganz schmucklos. Aber der Freund alter deutscher Geschichte muß hier stehen bleiben; und nicht nur dieser, sondern auch, wer einen dichterischen Atem in der Prosa dieser Chronik spürt, wer hier die Mächte der ersten deutschen Jahrtausendwende treiben und gären fühlt und wer nun fragen will, mit welchen Augen unsere ersten Schreiber auf den Sinn der Geschichte sahen. Die Zeit, in welcher Thietmar schrieb, war voll von deutschen Kämpfen um die Einheit nach innen und um Angriffe von außen. Und an einem Angelpunkt nach Osten, wie es Merseburg geworden war, zur Zeit, als auch die Elbe noch wendisches Kampfgebiet war, ist Thietmars Chronik entstanden. Sie bedeutet eine der wichtigsten Quellen für die ruhmreiche deutsche Geschichte zur Zeit der Sachsenkaiser. Im besonderen zeigt sie noch die Geschichte Heinrich II., mit dessen Lebenszeit (gestorben 1024) auch die des Thietmar noch zusammenfällt, welcher 1018 starb.

Thietmar selber, geboren 975, stammte aus einem angesehenen sächsischen Fürstenhause, welches hauptsächlich im alten Nordthüringau ansässig war, und durch seine Mutter, eine Tochter des Grafen von Stade, hatte er auch verwandtschaftliche Beziehung zum Königshause. Seine Erziehung geschah im Stift zu Quedlinburg, in der ottonischen Umgebung, und dann, als er in den geistlichen Stand trat, in Magdeburg. Als er hier etwa achtzehn Jahre alt war, erlebte er ein Stück der Zeitgeschichte, welches zeigt, welch harten Inhaltes auch sonst seine Chronik ist. Seine drei Oheime hatten ein blutiges Treffen mit einer Flotte von Seeräubern, wobei einer fiel und die anderen in Gefangenschaft gerieten. Teils mußte für sie ein großes Lösegeld bezahlt, teils mußten Kinder als Geiseln gestellt werden. Da sein Oheim Sigifrid keine Kinder hatte, gab Thietmars Mutter dem Ansinnen nach, ihn als Geisel zu schicken. Während er indes abreiste, war es seinem Oheim gelungen, auf einem kleinen Schiffe mit Wein, da die Wächter betrunken waren, zu entrinnen und trotz der Verfolgung sich in Sicherheit zu bringen. Aus Rache plünderten die Seeräuber Stade und verstümmelten und töteten die Geiseln. 1009 Bischof von Merseburg geworden, war Thietmar noch viel auf Reisen und auch im Feldzuge unterwegs. Und vor allem spielten für ihn persönlich die Kampfe mit dem Herzog Boleslaw von Polen eine Rolle. Merseburg aber, das vorher nur von geringer Bedeutung gewesen war — Thietmar schildert, wie die Sorben noch unter seinem ersten Vorgänger Boso ihren Spott trieben —, wurde durch ihn eine angesehene Stätte.

Wie sah Thietmar die Geschichte? Man möchte darauf sagen, es sei ein großes balladisches Gefühl, das in seiner Chronik herrscht. Menschenschicksale und Naturleben, Volkssinniges und Reichsbewegungen gehen immer miteinander. Immer wieder erscheinen große Züge und kleine Episoden, entscheidende Taten, aber auch Mordgeschichten, Festtage und Hungerzeiten, vor allem auch Unwetter, Vorzeichen und schwere Träume. Er selbst erscheint kritisch und selbstquälerisch; aber er ist unentwegt den Dingen seiner Zeit zugewandt. Es ist da kein kleines humanistisches Ziel, sondern, was geschieht, hat den Zug der schweren Notwendigkeit. Es ist die Frühzeit eines Volkes, das sich durchsetzt. Und was seine Betonung von Träumen und Gesichten betrifft, so wirkt das nicht lächerlich, sondern es ist wie die feineren Sinne eines Gehörs und Gesichts, die in den schweren Tagen lebendig werden mußten. Thietmar ist gleichsam eine jener romanischen Figuren mit den großen Köpfen und dem starken Ausdruck innerer Sinne. Die Art seines Schreibens aber könnte man mit der Form früher romanischer Kirchen vergleichen. Der Inhalt ist, von einem positiven oder liberal-menschlichen Ziele der Geschichte her gesehen, gleichsam negativ; er ist wie ein Mangel, ja wie eine Tragik, die jedoch nicht als solche bewußt wird, weil doch der Schritt der Jahre und der Menschen vorbietend mit der Notwendigkeit ihres Daseins und ihres Reiches gehen muß. Wenn hier und auch sonst gerne bei den Chronisten Zitate und Merkworte der lateinischen Bildung eingesetzt sind, so erscheinen diese wie positive Elemente aus dem engeren Bereich der Menschheit oder auch wie Säulen mit ihrer näheren Gefälligkeit zwischen der haltenden Ausschließlichkeit von Pfeilern. Aber sie bilden nur mit, sie tragen den Gang der Geschichte nicht. Die Träume aber und was ihnen ähnlich und vom Naturwesen her gespeist ist, das kann verglichen werden mit dem Tier- und Pflanzenhaften der Kapitelle, welche zu aller Beschlossenheit der Geschichte das Wesende und den Atem der Erde fügen. Und so ließe sich die Ähnlichkeit zwischen dem Geschichtsgefühl und dem Bausinn dieser Zeit noch weiter ausführen.

[Grabmal Rudolfs von Schwaben im Dom zu Merseburg]

[Taufstein im Dom zu Merseburg]

Abschluß in Halle

Wir verbrachten den Nachmittag in Halle, in der Stadt, deren geschichtliches Gesicht noch am wesentlichsten zum Ende des Mittelalters durch den Kardinal Albrecht von Brandenburg bestimmt worden ist, mit dem auch Grünewalds Kunst zusammenhängt. Man muß die Moritzburg und den Giebichenstein nennen, um an die breitere Geschichte der Stadt zu erinnern. Auch der Markt hat eine räumliche Haltung, die gegenüber ausgeräumteren Marktplätzen anderer Städte der Gegend mit ihrem eigenständigen Charakter noch ein starkes Volkstum im Wege des Geschichtsgefühls zeigt. Indes müssen die wenigen Beobachtungen ohne Zusammenhang bleiben, wobei man aber unmittelbar das Gefühl hat, daß die bare Gegenwart hier mit starken Klammern in die Vergangenheit befestigt ist.

Das stärkste Erlebnis mußten an diesem Abend aber noch die großen Steinskulpturen des Meisters Konrad von Einbeck in der Moritzkirche sein. Es sind Werke reifer Gotik, die vielleicht unübertroffen sind in der Fähigkeit, auf die leiblichste Weise das Schauspiel eines seelischen Schmerzes zu geben. Es ist nicht jene letzte Kluft wie bei Grünewald, wo der gewandete Körper geschöpfliche und geschichtliche Schale zugleich wird, um den Zeitraum des seelisch erschütterten Geistes einzufassen. Aber es ist eine reifste Gotik, in welcher der Körper zu einem Volksleibe, zum Gemeinschaftsausdruck und »genus« des religiösen Wesens geworden scheint. Es gehört dazu, daß das Schauspiel stärker wird als das innerlich-einzelne Leben. Aber wie diese »Klagende Maria« aus Weinen in Frösteln und in eine Atempause übergehend, gleichsam sich selbst zur Beschauung findet, wie der aufhorchende »Nachsinn« wieder nach Sinn sucht, dies ist alles noch mehr als ein Charakterausdruck. Es ist ein Wesen des Volkes, das sich im Beispiel und in der Wirklichkeit seines eigenen Ausdrucks findet. So ist in der Gotik das Volk zugleich es selber und sein Bild geworden.

Reise über drei Todesstätten

Zum alten thüringischen Ostraum

Einst, im Dunkel der Geschichte halb verloren, war Thüringen ein weit erstrecktes Land gewesen. Ehe die engere deutsche Geschichte begann, hatten schon die Thüringer, deren Namen man von dem der Hermunduren herleitet, eine jahrhundertelange Geschichte hinter sich, deren bekanntester Name der König Irminfried ist, welcher 531 von den Franken besiegt wurde. Im Jahre 804 hat dann Karl der Große die Thüringische Mark gegen die Slawen gegründet. Aber während in der Folge andere Stämme zu wachsen anfingen, blieb hier ein kleines mitteldeutsches Land, dass in der schönen hochmittelalterlichen Zeit seine Landgrafen hatte, aber sonst mit der Verschiedenheit der Herrscher, zumal nun im Osten die Macht Meißens und der sächsischen Herzöge aufstieg, nicht mehr wachsen konnte. Im Herzen Deutschlands lebte ein idyllisches Land mit seinen engeren Grenzen zwischen Harz und Thüringer Wald, zwischen Werra und Saale, in die Neuzeit hinein.

Zu einem Begriffe von Thüringen

So besieht man es mit seinen landschaftlichen, altfürstlichen und humanistischen Idyllen und dazu mit einigen großen mittelalterlichen Geschichtsbildern. Man ist nicht getrieben, es nach einem großen geschichtlichen Sinne abzulesen, sondern man will es eher abhören als ein Land von Sage und Legende, veranlaßt durch Orte wie die Wartburg oder den Hörselberg. Oder man zieht den großen menschheitlichen Geist als eine Welt für sich heraus, der in Weimar gepflegt wurde. Sonst aber scheint der geschichtliche Sinn der Deutschen ringsum mehr in den Außenteilen zu lagern. Und doch begegnen wir auf dem Wege zu dieser Mitte Deutschlands alsbald einigen geschichtlichen Daten und Orten, etwa des ersten Sachsenkönigs Heinrich I. in seinem Kampfe gegen die Ungarn, oder den großen Schlachtorten Gustav Adolfs und Napoleons. Wir denken uns etwa ein geschichtliches Gesetz, nach welchem die großen Ereignisse und also die Schlachten in einem bestimmten Verhältnis zu Sinn oder Wesen eines deutschen Landes stehen, in dem sie stattgefunden haben. Daß der Sinn des mitteldeutschen Landes auch durch seine Schlachtfelder bestimmt sei, das fühlen wir, und es scheint uns, daß zu seiner Idyllik ein Übergebot der Geschichte gehöre. Wir fühlen, daß als Hauptbeispiel nicht aus Zufall die Schicksale der Reformation und des Dreißigjährigen Krieges, des Kampfes um das religiöse Wort und um den deutschen Bestand, hier ineinandergreifen.

Nun liegen allerdings diese Orte und Daten hauptsächlich im alten Nordthüringen oder in der Gegend von Unstrut, Saale und Elbe und in dem Ostraum vom Harz her. Es ist auch die Gegend, über welche im späten Mittelalter der Name der alten Sachsen auf dem Wege der sächsisch-wittenbergischen Kurwürde auf das spätere Land Sachsen übergewechselt hat. Diese Gegend ist ein Schoß der Geschichte, daß man meinen möchte, sie müßte einen eigenen Namen haben. Sie gibt uns lebhafte Vorstellungen, zu denen auch gehört, daß hier die Gegend Luthers ist, der anderseits auch wieder in die thüringische Idylle der Wartburg gehört. In diese Idylle gehört aber auch die heilige Elisabeth als eine Gestalt sowohl Thüringens als des Deutschtums. Und so ist im mitteldeutschen Thüringen vor allem der fühlbare Ort des Umbruchs des Mittelalters in eine neue Zeit, der Ort nicht so sehr des sichtbaren geschichtlichen Bestandes, sondern des bewegten und beweglichen Geistes. Es ist da die frauliche Stille der heiligen Elisabeth, und es ist der Kampf um schwere neue Worte und Werte des Geistes. Wo die kleine Elisabeth aufwuchs und lebte, bis sie dann als Witwe sich wohl am meisten von allen deutsch-seelischen Gestalten in das weibliche Inbild des gotischen Mittelalters selber umzuwandeln begann, und wo der Meister Eckhart die göttliche Weisheit wie eine ewige Tochter um sich fühlte, diesen thüringischen Binnenraum möchte man als die mittelalterliche »Kemenate« Deutschlands bezeichnen. Weimar fügt zu einem solchen alten Geschichtsbilde die klassische Oase.

Drei verschiedene Todesstätten

Beispiele sind stärker als Begriffe. Wenn man sich vom sächsischen Ostraum Deutschlands herwärts gegen Thüringen wendet, so kann man die Reise über drei Todesstätten nehmen, die ganz verschiedener Art sind und doch zusammen wohl mehr auf einen mitteldeutschen Sinn hinleiten, als wenn man von einer anderen Seite in das Land käme. Da ist man von Leipzig her bald in Lützen, wo Gustav Adolf fiel, der tapfere Schwedenkönig, dessen Auftreten gleichsam bedeutet, daß die Geschichte stärker geworden war als das Wesen der Stämme oder vorhandener Innenkräfte, und der doch zu einer geschichtlichen Verknotung in Deutschland wurde. Dann ist da in Weißenfels das Grab des Novalis und in Röcken das Grab Nietzsches. Jeder von diesen beiden, die unter sich so verschieden sind, ist durch einen so reinen Wuchs des Dichterischen und des Geistigen bezeichnet oder so rein auf eine ihm eigentümliche Blüte hin bestimmt, daß man ihn fast »stammlos« nennen möchte. Das heißt, wir fühlen solche innere Wesensarten in ihnen wirksam, daß sie gleichsam unverbunden und ganz für sich, wiewohl doch allen verwandt, zu wirken und auch weiterzuleben scheinen. Und dabei ist noch wesentlich, daß sie eben nicht durch Begriffe, sondern durch ihre freie Bewegtheit selber Beispiele eines inneren Deutschtums sind. Solcherart wird unser Erleben lose und doch außerordentlich heftig mit dem Lande verbunden, bis wir dann in das eigentliche und engere Thüringen wie in eine »Kemenate« alter Geschichte eintreten.

[Halle a. d. Saale, Liebfrauenkirche mit Lutherkanzel]

[Halle a. d. Saale, Klagende Maria des Konrad von Einbeck in der Moritzkirche]

An der Straße von Lützen

Wir sind also des Weges von Osten. Hier ist eine weite Ebene von Feldern, zu groß, um im einfachen Sinne ländlich zu wirken. Auch die Ortschaften sind ähnlich im Ansehen, und unter ihnen ist das stattliche Lützen. Der Umschlag des Gedankens von einem großen Erntefeld zu einem Schlachtfeld der Geschichte fällt hier nicht schwer. Nun sieht man ganz an der Straße eine auffällige kleine Baugruppe. Es ist die Stelle, wo Gustav Adolf gegen Wallenstein am 16. November 1632 fiel. Ein ungeformter Stein an dieser Stelle trägt nur die Buchstaben und die Zahl G. A. 1632. Darüber erhebt sich ein offenes gotisches Tempelchen aus Zeit und Stil der Romantik, das heißt mit jener romantischen Kargheit, in der man die gotischen Formen auf eine anmutige Zeichnung, auf ein idyllisches Gestell und Wahrzeichen der Geschichte beschränkte. Dahinter ist eine Kapelle aus unseren Tagen in einem heroischen Denkmalstil, doch alles in einer freundlichen Festhaltung des großen Todesdatums. Ein Blockhaus dient einem Schweden als Hüter dieses schwedischen Nationalheiligtums.

Die Schlacht bei Lützen, in welcher Pappenheim gleich zu Anfang tödlich verwundet worden war, hatte schon über den Nachmittag hinüber gedauert, als der schwedische König bei einem Vorstoß infolge seiner Kurzsichtigkeit der feindlichen Stellung zu nahe kam und einen Schuß aus einer Muskete in den Arm erhielt. Dann fiel er vollends im Gemenge des um ihn einsetzenden Reiterkampfes. Dieser Tod gehört zu den größten Ereignissen jener Zeit. Er gehört mit der Persönlichkeit Gustav Adolfs in die deutsche Geschichte. Vielleicht dürfen wir es so formulieren, daß, während die europäische Geschichte in extensiven Kräften lebte, sein Erscheinen dazwischen eine intensive germanische Kraft bedeutet. So stand er jedenfalls auch in der Mitte seines Heeres von schwedischen Landeskindern. Es ist aber bezeichnend, daß sich Schiller in seiner Dramatisierung auch mehr an die extensive, barocke Ausgiebigkeit Wallensteins hielt als an die einfache, der Natur nähere geschichtliche Erscheinung und Sinnform des Königs. Die Tragweite seines Todes haben die Geschichtschreiber ermessen. Uns fällt es, während wir an dieser Stelle stehen, sehr zu Sinn, wieso ein solch einzelnes königliches Kräftespiel sich innerhalb des zusammengesetzten in jener Zeit entfalten und hier in Deutschlands Mitte sein Ende finden mußte.

Auf dem Kirchhof von Röcken

Bald nachher, in der gleichen Ebene, erblickt man zwischen Obstbäumen die Ortschaft Röcken. Ein stattlicher, noch romanischer Turm bezeichnet die Dorfkirche; das schön eingezäunte Pfarrhaus ist das Geburtshaus Friedrich Nietzsches. Auf der Südseite der Kirche, unmittelbar an dem alten Mauerwerk, ist, ausgezeichnet durch Lage und Größe, eine eingefaßte Grabstätte mit drei erhöhten Grabplatten. Die Platten bezeichnen links die Ruhestätte von Friedrich Nietzsche, dessen Tod in die Jahrhundertschwelle 1900 fällt, in der Mitte die Stätte seiner Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, deren Tod im November 1935 das letzte Datum beifügte, und rechts die Stätte des Pfarrers zu Röcken, Karl Ludwig Nietzsche. Auch eines jüngsten Sohnes und der Mutter wird noch gedacht. Von Lebensbäumen umgeben sieht man hier unter der milden Sonne der Südseite das Familiengrab eines evangelischen Pfarrhauses, das unter der gleichen Erde die verschiedenen Wege der Geister wieder zusammenlegt.

Alles hier hat ein altmodisch kräftiges Dasein; und auf der Straße klappern Ackergäule mit den Knechten als Reitern darauf vorüber. So liegt es nahe, an die Gegensätze zu denken, an das eingehegte, befestigte Leben und an die Einsamkeit Zarathustras mit seinem Schrei nach dem unbekannten Gott. Mehr noch als dies persönliche Nachfühlen muß es fesseln, wie ein Geist gegenüber aller geschichtlichen Formgewißheit aus einem letzten Überdruß ausbrechen wollte, um seiner selbst und seiner Einsamkeit unermüdlich und doch in vollster Mühe zu genießen. Im Gegensinn zu dieser Ebene seiner Heimat hier sucht sich der Gedanke selbst als ein gleichsam marmorweißes Gebirge und genießt sich mit der männlichen Schwere einer trotz allem von keinem Gedanken einholbaren Empfindsamkeit. Auch dieses leidenschaftliche Wesen wuchs also in dieser deutschen Mitte, und die Geschichte des Geistes wuchtete in ihm härter als die Geschichte einer Heimat.

In einer Parkecke von Weißenfels

Nun ist die Landschaft in großen Linien bewegter geworden und geht mit weiten Hängen in tiefere Täler. Die Höhen riegeln sich gegen die Saale zusammen, und man fährt durch die Stadt Weißenfels, die ein gutes Ansehen im verschiedenen Stile älterer Zeit und auch des Nachmittelalters bietet. Man betritt von der Straße eine kleine Parkanlage; und gleich in der bebuschten Ecke, gegen eine hohe Hausmauer, liegt offen und unverschwiegen wie selbst ein Parkstückchen ein Grab. An der Wand ist die Grabinschrift: »Georg Friedrich Philipp von Hardenberg — Novalis — Assessor bei der Lokal-Salinendirektion, geb. 2. Mai 1772, gest. 25. März 1801.« Novalis stammte von dem Familiensitz in der Gegend von Hettstedt im Mansfeldischen, und sein kurzes Leben kreiste hier in dieser deutschen Gegend. Wieder fällt uns etwas Ähnliches auf: ein Geist und eine Dichtung reinster Deutschheit und doch so, als ob sie keine Heimat hätte. Die »Blaue Blume« ist ihre Heimat. Geschichte und Natur, Dichtung und Leben wollten bei Novalis eine reinste Einheit, ein Wesen innerhalb allen Wesens sein. Ein Sinn solcher Heimatlosigkeit ist wie eine andere Heimatlichkeit. Es ist ein Gegenspiel des männlichen Wesens mit seinen innersten Möglichkeiten, mit einem Bilde in sich, das noch mehr »Kemenate« ist als Heimat. Man glaubt hier etwas zu fühlen, das wie bei Meister Eckhart an die von sich selber beschlossene Gestalt der Elisabeth denken läßt. Bei Novalis wurde äußerlich ein einfaches und kurzes Leben daraus, mit einem innersten deutschen Sinn, der ist wie ein Märchen.

Die Schwesterburg der Wartburg

Wir aber kommen nun auf einem schönen Wege in das alte Thüringen. Die Stadt Naumburg ist der Angelpunkt. Ihre berühmten Domfiguren, die wir diesmal nur kurz betrachten, würden zu dem besonderen Sinne, den wir eben gesucht haben, in der Weise Gedanken geben, als wir die männliche und weibliche Wesenheit dieser Sinnschöpfungen aus dem Steine so weit in eine leibliche und geschichtliche Wirklichkeit hinausgetreten erkennen, daß sie gegen einander unverbunden und doch um so mehr in das Genus »Mensch«, in die Geschichte und Zone der Vergleichung zusammengebracht erscheinen. Das heißt aber auch, daß das Geschlecht, wenn es so weit aus dem Sinne geboren ist, wenn es vom inneren Bilde ablassend gegen einander in die bildlosere Erkenntnis tritt, auch bereit und aufbrechend ist zu einem Drama im Dasein. Und oft und bis in die feinsten und höchsten Gesetze scheint ja das Mittelalter das Werk eines männlich-weiblichen Widerspiels, in welchem nicht ein Geist um einen allgemeinen humanen Kosmos, sondern in welchem die Weisheit wie ein Weib um Sinn und Wesen einer Heimatlichkeit ringt und leidet.

Nun sind wir schnell im Unstruttal und sind erstaunt, wie felsig daran hohe Uferhänge aufsteigen, mit einer Südlage, welche voll von Weinbergen ist. An einem großen Steilhange schiebt sich die Stadt Freyburg hinauf; und mit altertümlichen, klotzigen und breitgelagerten Formen ragt über ihr die Neuenburg empor. Sie hängt mit dem Beginn der thüringischen Landgrafengeschichte zusammen. Ludwig der Springer, der auch die Wartburg gebaut hat, hat 1090 die Neuenburg zu bauen begonnen. Hundert Jahre später hat auch der Landgraf Hermann, dessen Name zum Sängerkrieg auf der Wartburg gehört, hier gewohnt. Und auch die heilige Elisabeth hatte hier Aufenthalt.

Die Burg ist ohne alle Kleinlichkeit. Sie hat eine seltene Verbindung von außer der Zeit stehender, teils rauher und teils edler Altertümlichkeit mit stattlichen späteren Baulichkeiten, zu denen die zweckmäßigen Erneuerungen eines Gutshofs kommen. Überragt ist sie durch einen mächtig hohen Bergfried, der in schönen Steinringen mit seinem Haubenhelm aufsteigt. Man hat den Eindruck, zugleich in einer fernen Geschichtszeit und doch in der natürlichsten Gegenwart zu stehen. Das Wertvollste der Burg ist eine Doppelkapelle von zwei Geschossen übereinander in edelster romanischer Architektur. Sie stammt aus der Zeit, da auch die heilige Elisabeth gelebt hat, aus der Zeit der späteren staufischen Kunst. Und eigenartig sind die ausgezackten Gewölbegurte, die einen orientalisch spielenden Eindruck machen. Die vor die Wände gesetzten Wandsäulen mit den Gurtbogen, dazu die Mittelsäule mit vier Schäften, solche romanischen Bauformen wirken oft, als ob ein offener, tönender Bau in einem geschlossenen und schweigenden, ein bejahendes, positives Raumwesen in einem verneinenden, ausschließenden stehe. Das ergibt eine starke, in ihrem eigenen Echo und Bilde stehende Raumseele.

Der Edelacker

Von dem Schlosse blickt man in das südlich sonnige Unstruttal und auf die Stadt hinab, die noch eine schöne Kirche von romanischer Grundform hat. In Freyburg hat der Turnvater Jahn lange bis zu seinem Tode gelebt. Hinter dem Schlosse ist ein großer Felderrücken. Und hier liegt auch der Edelacker, wie denn die Neuenburg auch sonst ein Punkt für die thüringische Sagenfreude ist. Der Edelacker hat den Namen von der Sage, nach welcher der Eiserne Landgraf, als er während einer Nacht von einem Schmiede das grimmige »Werde hart!« gehört hatte, die übermütigen Ritter vor den Pflug spannte, einen Acker mit ihnen umpflügte und so Ordnung schaffte.

Altsächsische und staufische Melodie

Zwischen Kyffhäuser und Harz

Wo es vom Tal der Unstrut auf den Kyffhäuser zugeht, wo zwischen diesem und dem Harz die Goldene Aue liegt, und weiter noch am Südrande des Harzes gegen Westen, da ist eine Landschaft voll alter und ältester deutscher Geschichte. Es ist eine Lust, in diesen Zusammenhang von Höhen und Tälern, von Engen und Weitungen, von Berg und Ebene hineinzugeraten, eine leicht verriegelte und leicht wieder offene Landschaft an der Unstrut und an der Helme, balladisch bewegt, wo es gegen die sonnigere Erscheinung des Kyffhäusers geht, ruhiger abebbend vom Rande des immer im gleichen Ernste stehenden Harzes. Viele Kunde verbindet sich mit dieser Gegend. Die alte thüringische Geschichte endete hier. Die altsächsischen Herrscher haben hier angestammte Königshöfe besessen; und später sind hier auch Pfalzen der Staufer gewesen, so daß sich die Spuren des großen Otto und des großen Barbarossa hier kreuzen. Und dazwischen läuft dann noch die Spur Heinrichs des Löwen. Wohl ist hier nicht der Mittelpunkt einer Ganzheit der Geschichte. Es sind nur Orte, wo man lebte und starb, und Zeitpunkte, an welche die Geschichte sich einzeln heftete. Aber diese Orte und Zeitpunkte geben ein reizendes Kartenbild alten Lebens. Geschichte und Sage haben daran teil, und, indem man in die Gegend blickt, glaubt man, nur solche Einzelheiten erzählen zu müssen, um eine ganze Landschaft anschaulich zu machen. Oder auch, man glaubt hier Bruchstücke alter Melodien gegeneinander hören zu müssen.

Der letzte König der Thüringer

Die Weinhänge des Unstruttales verbinden sich gerne mit der Freude an der Geschichte. Da strömt noch eine südliche Luft zu den nördlicher werdenden Waldungen. Ein alter Heidengott Püstrich — man streitet über seine Bedeutung — hat seine Figur in der Wand der Neuenburg droben gegen das Tal. Bei Freyburg in der Nähe ist auch die Burg Goseck zu erwähnen; denn aus ihr stammte, um das Jahr 1000 geboren, der Erzbischof Adalbert von Bremen-Hamburg, der dem Salierkönig Heinrich IV. als Vormund nahestand. Das Hamburger Bistum war unter dem mächtigen, aber im Unglück sehr widerwärtigen Kirchenfürsten gewaltig groß; und wenn er den Gedanken eines nordischen Patriarchats, der in der Luft lag, hätte verwirklichen können, so wäre damals der gesamte weitere Norden mit den deutschen Landen zusammenbehalten worden. Mit der Erinnerung an den Landgrafen Ludwig den Eisernen haben wir die Neuenburg verlassen. Der Landgraf war ein Zeitgenosse Barbarossas und auch durch seine Gemahlin mit dem Kaiser verwandt. Zu diesem Landgrafen gehört auch die Sage von der lebendigen Mauer; er hatte bei Nacht seine Ritter und Knechte mit Schilden und Wehren um die Neuenburg gestellt, um sie morgens dem Kaiser zu zeigen, als dieser die schöne Burg belobt, aber den Mangel einer Mauer getadelt hatte. Ludwig der Eiserne soll stets geharnischt gewesen sein. Das an auffälligen Gestalten reiche thüringische Landgrafengeschlecht, das Geschlecht der Ludowinger, das durch Kaiser Lothar zur Würde der Landgrafen gekommen war, überlebte die Zeit, die man mit dem romanischen oder dann dem staufischen Stil bezeichnet, nicht. Sein Mannesstamm erlosch noch vor den Hohenstaufen.

Aber in einer Frühe, da Sage und Geschichte noch mehr ineinandergreifen, hatten die Thüringer, als ihr Stamm noch bis ans Meer grenzte und gegen die landerobernden Sachsen kämpfte, schon eine Zeit von Königen gehabt. Wenn man im Tal der Unstrut nun bald die Rebhänge, die mit unfruchtbaren felsigen Zwischenstücken abwechseln, verliert und Wälder und Weiden zunehmen sieht, erscheint plötzlich gegen das Tal eine Burg vorgerundet und, wiewohl niedrig hereingerückt, so doch für das Gefühl in einer dunklen und alten Bedeutung glaubhaft. Heute sieht man eine rötliche barocke Schloßfront auf dem Burghügel stehen. Der Ort aber heißt Burgscheidungen, und hier ist es, wo 531 der letzte König der Thüringer, Irminfried, der durch seine Gemahlin Amalaberga mit dem großen Ostgoten Theoderich verwandt war, von dem Frankenkönig Theoderich I. besiegt wurde. Hier war also ein Sitz der alten Thüringerkönige, und der einst große deutsche Stamm war hier gegen die vereinigten Sachsen und Franken zusammengebrochen. König Irminfried wurde 534 in Zülpich von der Mauer gestürzt.

Wo Heinrich I. und Otto I. starben

Nun wird das Tal weit, und die Unstrut hat einen im Spätnachmittag glänzenden Spiegel. Die Saaten glänzen, das junge Buchenlaub glänzt, ein großer Gutshof erscheint, und da erhebt sich nun die Ruine der alten Klosterkirche von Memleben. Die Bogenstellungen mit großen Spitzbogen, die Pfeiler mit Halbsäulen in der Leibung, die Krypta unter dem zerfallenen Chor noch ganz erhalten, Seitenschiffanlagen und Apsiden und nordwärts ein Rest des Klosters, eine Ruine von epischer Strenge zeigt sich so im Grundriß und Aufbau. Eben — im Frühjahr 1936 — war man wegen des König-Heinrich-Gedächtnisses im Zusammenhang mit Quedlinburg daran, den Fußboden und andere verschüttete Teile auszugraben. So war der romanische Bau schon wieder mächtiger aus dem Boden gestiegen. Und auf der zerbröckelten Mauerhöhe blühte ein kleiner Fliederbaum wie ein romantischer Federbusch. Innen an den Pfeilern sah man halbverlorene, ganz alte Bilder, welche die ersten Sachsenherrscher mit ihren Gemahlinnen darstellen. Die Abendsonne warf noch späte Strahlen durch das Westportal herein und ließ mit den Gewichten der zerbrochenen Bauformen die Kraft und Schönheit ihrer alten Zeiten fühlen.

Hier in Memleben war ein Königshof der Ludolfinger, des Geschlechts, das um den Harz nach Thüringen ausgriff und aus dem die großen Sachsenkaiser hervorgingen. Heinrich I. ist hier, nachdem er auf der Jagd im Harz von einem Schlaganfall getroffen worden war, 936 gestorben. Seine Gemahlin Mathilde hat ihn in Quedlinburg begraben. Auch sein Sohn Otto der Große wurde, als er 973 nach Memleben reiste, daselbst, einundsechzig Jahre alt geworden wie etwa auch sein Vater, im Frühling vom Tode eingeholt. Sein Leib kam nach Magdeburg, sein Herz wurde in Memleben beigesetzt. So gehen die Geister deutscher Frühzeit um die Ruine an der Unstrut, da, »wo dieser an der Oberfläche ruhige und stille, in der Tiefe aber in starker Strömung wogende Fluß sich aus dem Tale einen Weg durch die benachbarten Berge gebrochen hat, die noch ihre in das höchste Altertum reichenden Namen bewahrt haben. Wer jemals die Ruinen des Ortes besucht hat, wird dort weder ohne Freude an der lebensvollen Umgebung noch ohne schmerzliche Teilnahme für die alten Gründer verweilt haben, die daselbst ihr Lebensziel erreicht.«

[Memleben, ehemaliges Benediktinerkloster]

[Memleben, ehemaliges Benediktinerkloster]

Leopold von Rankes Heimat

Diese letzten Worte sind von Leopold von Ranke. Von ihm, dem abgeklärten Historiker, in dessen geschichtlichen Grund- und Rahmenbegriff sich das Universalhistorische und die Aufgabe, eine Weltgeschichte zu schreiben, fast leichter einfügte als die nähere deutsche Geschichte, klingen solche Worte, in denen leise das Herz mitspricht, fast ein wenig rührend. Er liebte aber die stille und doch bewegte Unstrut als seinen Heimatfluß; denn hier in der Nähe liegt das Städtchen Wiehe, wo Ranke 1795 geboren wurde. Auch in seinen Kindheitserinnerungen erwähnt er es gerne, daß die geschichtliche Luft und Erinnerung in dieser Gegend — denn das alte thüringische Königreich ist so gut wie vergessen — in die glänzendsten Zeiten der deutschen Geschichte unter dem sächsischen Hause zurückreichen. Und so besteht nun das Bild der umfassenden und vornehmen persönlichkeit dieses Historikers mit seinem objektiven wissenschaftlichen Begriffe in dieser Umgebung alter Geschichte, wo zugleich Anlaß ist, an die letzten Grund- und Gegensätze deutschen Daseins im alten, über den Begriff des Objektiven hinwegreichenden Weltsinne zu denken.

Die Begegnung von Tilleda

Denn hier, wenn wir nun auf dem Kyffhäuser stehen und gegen die Goldene Aue hinabschauen, fällt unser Gedanke auch auf eine Schlußszene des Dramas, welches so lange zwischen Barbarossa und Heinrich dem Löwen spielte. Der kleine Ort Tilleda, wo einst eine staufische Pfalz war, sah diese Szene. Die Jahre der Kämpfe, in denen der Löwe sich immer wieder für seine Rechte und Erfolge empört hatte, lagen nun zurück; die Jahre der zweimaligen Verbannung waren vorüber; Barbarossa, immer noch im Herzen dem Löwen wohlgesinnt gewesen, war 1190 im Saleph ertrunken. Kaiser Heinrich VI., Barbarossas Sohn, bedächtig und schnell, klug und erbarmungslos, hatte eine letzte Auflehnung unterdrückt. Aber auch freundlichere Kräfte waren tätig zu einer Versöhnung. Da brach der Löwe im Februar 1194 zum winterlichen Ritt über den Harz her nach Thüringen auf. Jedoch sein Pferd stürzte, und der Herzog wurde mit gequetschtem Schenkel nach Walkenried verbracht. Der Kaiser, argwöhnisch, ob nicht die Nachricht eine Finte sei, lud den Löwen nun zu dem nahen Tilleda am Kyffhäuser. Hier folgt dann die Versöhnung des alten Welfen mit dem jungen Staufer, der Schlußakt eines persönlichen Schicksals, das aber seinen stärksten Sinn in der großen deutschen Frage des Mittelalters hatte. Es war die Frage: ein Reich nach Norden oder ein Reich nach Süden, ein Reich der Deutschen oder eine einzige Reichsidee in der Welt — oder wie man den Gegensatz »Hie Welf, hie Waibling!« dann im näheren besser fassen mag.

Barbarossas Berg

Also waren wir auf dem Kyffhäuser, welcher im ersten großen Abendanblick, da wir von Artern her in die geweitete Landschaft kamen, wie ein etwas schiefer, weitgespannter dunkler Bogen gewesen war, auf dem das Denkmal der Gegend wie ein Geschoß aufragte. Ein Seitenweg ist zur Barbarossa-Höhle abgezweigt. Kaum eine Mär ist durch die deutsche Romantik so sehr für das ganze Volk verlebendigt als die Sage von dem hier schlafenden Barbarossa; und an dieser Vergegenwärtigung hat auch das als großes Steinwerk aufgebaute Denkmal des thronenden Barbarossa teil, das noch von der Reiterfigur Kaiser Wilhelms überragt ist. Auf dem Berge liegt auch noch ein ganz versteinerter Baumstamm. So ähnlich wie dieser ist hier auch der Sinn der Kunst gemeint, indem das geschichtliche Bild wie aus dem natürlichen Dasein, als eine natürliche, wenn auch übergroße Illustration, in eine Versteinerung übergeführt ist. Am kühlen Morgen sah man die Mächtigkeit der Anlage, die auch dem rhetorischen Zweck vor großer Ansammlung dienen kann, gegen das Land ragen. Das ganze Land unterhalb war aber im Nebel versunken, und auch durch das Denkmal und vor den Figuren zogen eilige und dichte Nebelschwaden hin, die auch die wenigen Menschen, die heroben waren, teilweise verhüllten. Die Ruine der alten Staufenburg in der Nähe schien drohender durch den Nebel. Ihr Anblick war nicht nur ein zur Versteinerung gebrachtes Bildgedächtnis, sondern die steingraue Trümmerform der Zeit, die zum dunkleren und nächsten Wesen des Daseins gehört.

Am Abend auf dieser Höhe aber, als die Gegend klar aus dem letzten Sonnenlicht ins Dunkel sank, und als die Höhen ringsum dann, so wie sie unkenntlicher wurden, höher stiegen, bis sie wie dunkle, langgezogene und stumme Melodien geworden waren, konnte man lange stehen und diese deutsche Nachtlandschaft anschauen. Das war ein Ausdruck, ein Largo der staufischen Melodie. Je dunkler und nächtlich unbekannter die tiefere Erde wurde, desto dunkler und drohender schienen auch die Höhenzüge ringsum aufgestiegen. Aber sie scheinen zugleich von einer großen und vollen Empfindung hingetragen und harren aus als sonderbare und schwere Kräfte unter dem bestirnten Himmel. Es ist die Melodie der Erde, welche, je mehr sie uns entzweit, um so mächtiger über uns Herr wird.

Nordhausen und Walkenried

Eben als wir den Kyffhäuser verließen, hob sich die Nebeldecke ein wenig, und die Goldene Aue schaute um so goldener und voll von Morgenglanz darunter herauf. Dann war jetzt das schöne, reinliche Sondershausen des Weges gewesen, wie gestern Frankenhausen. Und wenn man gestern als südliche Begleiter des Weges zum Harz den Höhenzug der Finne hatte, welcher sich in die Schmücke und die Schrecke teilt, so war es jetzt die lange Höhe der Hainleite. Aber bald war man in Nordhausen, und da ist es der Dom in der altertümlichen, am Harz ansteigenden Stadt, der uns etwas Besonderes gibt. Die romanische Krypta hat eine stämmige und standhafte, in Stein gefaßte Raumkraft, und das Langhaus ist eine spätgotische Halle mit schönen Pfeilern und mit einem Raumgefühl, das, aus der Gedrungenheit entbunden, frei in sich umschwingt. Das Besondere aber sind im frühgotischen Chor sechs frühgotische Figuren, beiderseits oben am Gewände. Wieder sind wir im Bereich der sächsischen Herrscher, denn die Figuren sollen bedeuten Heinrich I., Otto I. und Otto II., dazu gegenüber ihre Gemahlinnen Mathilde, Adelheid und Theophano, alle auf figürlichen Kragsteinen stehend. Es sind also Stifterfiguren etwa wie in Naumburg, aber im ganzen Ausdruck gleichsam menschlicher und doch wieder zeremonieller. Man sieht auch ein Lächeln und dazu Kinn- und Wangengrübchen, dann wieder eine eigensinnigere Schädelhaltung zu Schwert und Schild. Scheinbar sind die Figuren steif und ungelenk. Und doch leben sie ganz in dem frühgotischen Gefühl, in welchem der deutsche Mensch seiner gleichsam bewußt war wie eines jung gepflanzten Baumes und dabei doch fürstlich sein konnte.

Nur eine kurze Strecke führt nach Walkenried, wo schon im frühen zwölften Jahrhundert ein berühmtes Kloster war. Heute ist da eine der großartigsten gotischen Ruinen, deren zerfallene, weit aufgeschnittene Gewände wie steinerne Fahnen in die Luft ragen. Und das Schönste ist wieder eine steinerne Maria mit Kind von deutscher Schwere und Lieblichkeit. Als ob, je schwerer ein Stein, um so lieblicher ein Gefühl sein könne, als ob, da man ihn in Bewegung und Rückung bringt, er zugleich die verhaltene Lieblichkeit eines Körpers und eines Mutterwesens miterschaffen helfe, und als ob, bevor dieses Gebilde sich aufrichtet, es in der Rückung auf dem Steinsitz bleiben und die Ruhe seiner eigenen Erlebung genießen wolle, so ist dies Bildwerk wie eine lieblich gefangene Zeit. Kann man bei einer schönen antiken Figur wohl einmal sagen wie bei einem solchen fast noch in der Trümmerhaftigkeit steckenden Steingesicht, es sei lieblich, das heißt, eine regsame und rührende Sinnesweise komme von innen dem lebenden Scheine noch zuvor?

Das Sinnbild der Wartburg

Zum Herzen des Thüringer Landes

Als wir noch in Nordhausen das mit Fachwerk aufgestockte alte Frauenbergkloster mit seiner romanischen Kirche gesehen hatten, als wir uns ins Gedächtnis riefen, daß in diesem behutsamen Stadtbild, das doch eine kräftige Gegenwart hat, einst ein Lieblingssitz der Gemahlin Heinrichs I., Mathilde, gewesen war, kam auch aus der Absicht des nächsten Zieles der Gedanke zu den deutschen fürstlichen Frauengestalten, deren Geister hier noch in der Weite schwebten. Der Gedanke lief um den Harz nach Gernrode und Quedlinburg oder nach Gandersheim, er lief zu rätselstillen weiblichen Grabfiguren, zu dem sächsischen Kaiserhofe, wo starke und edle Frauen das erste große Wesen des deutschen Daseins mitverwalteten, und auch zu Hrotsuit, der ersten deutschen Dichterin.

Hie Harz — hie Thüringer Wald

Und nun, indem man über die Ebene hinaus gegen Süden blickt, wo der Thüringer Wald ihre andere Grenze ist, kommt die Wartburg in den Sinn und mit ihr die Landgräfin Elisabeth. Sie ist keine Eingeborene, sondern zuerst ein zugewandertes Kind, dann eine vertriebene Fürstin, keine Machthaberin auf festem Grunde, sondern zuletzt nur noch eine Helferin der Elenden. Aber kaum gestorben, wurde sie aufs höchste geehrt; und das Volk kennt sie durch alle Jahrhunderte besser als die sächsischen Kaiserinnen. Hie Harz, hie Thüringer Wald; es ist ein Unterschied der Sinne und der Zeiten, die starke Seele der romanischen Zeit um das Jahr 1000, die weiche Seele der beginnenden gotischen Zeit bald nach 1200. Ein Stück Deutschland wird anschaulich, wenn wir sagen, daß am Harz der unerschütterliche Bau des Reiches geschehen ist, in Thüringen aber sich die unvertilgliche Empfindung, die Kemenate der weiblichen Seele, die Unzerbrechlichkeit des schwächsten inneren Seins dazu gefunden habe. Und merkwürdig ist nun auch, daß mit Luther im geistigen Streite die stille Stube des mitteilbaren Wortes hinzugekommen ist. Das sind zwei Pole seelischer Erscheinung, und es ist doch der gleiche Ort, wo sie sich einbehaust haben.

[Der Roland am Rathaus von Nordhausen]

[Nordhausen, König Heinrich I. und Königin Mathilde im Chor des Domes]

Durch das Eichsfeld

Jedoch umranden wir, bevor wir zur Wartburg kommen, noch das thüringische Land im Westen, um ein wenig jenen Teil des ganz alten Königreichs Thüringen kennen zu lernen, der das Eichsfeld heißt und später bis nach 1800 immer zum Kurfürstentum Mainz gehörte. Der Höhenzug der Hainleite bleibt links, und wo die Höhen des Dühn anschließen, kommt man über Worbis nach Heiligenstadt. Ein rauheres Land gibt manchmal, indem es sich nicht in die schöne Vielfältigkeit auflöst, eine gespanntere Stimmung einer Jahreszeit, da die Farben an seiner Erde und an dem Himmel darüber matter und magerer, aber dafür gleichsam gründiger sind, auch mehr ins Weite ziehen, und indem die geringere Fruchtbarkeit einen silbernen Ton darübersendet. So kam uns das Eichsfeld rauher und schlichter entgegen, wie es auch noch unerfüllter vom Frühling zu sein schien. Es hob sich mit seinen Hängen fast tafelartig zu weitgezogenen Höhen, in welche unter dem blinkenden Lichte des Nachmittags die Täler verloren hineinschnitten. Oder es war auch wie ein hoch hingelagertes, nicht absehbares Gartenfeld oder eine Baumschule mit jungen Bäumen, welche das Land wie eine reinliche Erzählung offen und sichtig lassen.

Aber da war nun Heiligenstadt, eine kleine Stadt am Sonntagnachmittag. Die Sonnenstille scheint durch die Straßen hin und um die alten Kirchen zu summen. Diese, die alte Stifts- und Stammkirche des Eichsfeldes, die Marienkirche und St. Ägidien, sind gotisch, zum Teil noch mit romanischem Grundgefühl, eigentümlich unpersönlich, dafür aber mit einer sehr einprägsamen Zucht des Raumwesens. Sie sind im Innern trocken und doch wie schlicht und fest gewachsene Bäume in ihren Pfeilern, und jede hat nach außen, zumal wenn als Besonderheit einer der Türme nicht ausgebaut ist, mit rötlichem, steinernem Ernste die Stimmung eines wenig dem Alter unterworfenen Denkmals. Das Gleichnis einer Baumschule, das uns in der schwerthaften, ausgeteilten Raumkraft westfälischer Dome nicht einfallen würde, kommt uns hier immer wieder nahe. Diese steinernen »Baumschulen« scheinen mit den ausgekehlten gotischen Bogen räumlich wie mit starken Sicheln überfangen, worüber die Hallengewölbe wie ein Himmel über Bäumen und Baumpfählen zu schweben scheinen. Und wenn man Getier und Pflanzenwerk mit menschlicher Figur in den Zieren wahrnimmt, verstärkt sich der steinerne Ernst des ländlichen Eindrucks noch weiter. Auch könnten wir, um im Vergleiche zu bleiben, sagen, die im Vieleck aufgesetzten Turmhelme seien hier wie edlere Endigungen den schlichten Türmen aufgepfropft, zumal auch die Helme auffällig mit den Krabben, dem knospenden Steinlaub der Kanten, besetzt sind. Und da ist noch etwas ganz Besonderes, eine Annenkapelle als kleiner gotischer Zentralbau, eine kleine und doch über die Erde geschossene gotische Pyramide, von Giebelchen umgürtet und mit Steinlaub auf den Helmkanten besetzt. So erlebte man das Eichsfeld ernst und ländlich gegenüber der sangreichen Minne der Wartburg.

Auf dem Hohen Meißner

Noch ein Naturerlebnis steht uns bevor, als wir ins Werratal und an der großen Burg Hanstein in diesem Tale vorbeigekommen waren, welche in Heinrichs IV. Zeit zurückreicht und dem Tale einen vielförmigen schönen Stempel ausdrückt. Nun sind wir, während sich die Welt schon abendlich verschloß, auf der klippigen, steilabfallenden, vom kalten Winde umwehten Höhe des Hohen Meißners, des Bergstocks zwischen Werra und Fulda. In weiten Runden lag das hessische Land unterhalb, die gefächerten Felder, blühende Tälchen und rötlich glänzende Ortschaften, umschließende, mit Wald besetzte Höhenzüge, alles blaugrün verwoben, aber schon im letzten Schimmer verwehend und in ein rauchiges Gesamtbild der nächtlicheren Erde zurückfallend.

Deutsches Land hebt sich nicht wie italienisches von Raum zu Raum dahin wie in starken gleichartigen Lauten, sondern, wiewohl es ganz nach Frieden, nach Tagewerk, nach mühereicher und doch lieblich-bildhafter Bearbeitung aussehen kann, so bleibt über diesem Tagewerk die Natur, die Luft, der Himmel, das ganze Erdgefühl stummer und ungebändigter. Wenn der Abend hinwegsinkt und sich die Zahlen aller der nährenden Stückchen des Landes verlieren, dann erwacht das Gefühl eines anderen, schwerer durch die Lüfte ziehenden Geistes. Die Erde scheint sich in Elemente zu lösen, welche riesenhafter und doch leibhafter sind als sie selbst. Man erschauert im raumlos großen Winde, und man hat ein nahes Gefühl alter Sagen von der Entstehung der Erde. Der Urriese Ymir der nordischen Sage wurde von Odin getötet, der aus ihm die Welt schuf, aus dem Fleische das Land, aus dem Blute die Gewässer, aus den Knochen die Berge, aus den Zähnen die Klippen, aus den Haaren den Wald, aus dem Schädel den Himmel und aus dem Hirne die Wolken. Dem Begriffe und der Vorstellung mag eine solche Sage ferne bleiben; um so näher aber kann sie unserem leibhaften Gefühle kommen. Und das eben gehört zum nordischen Wesen der Dichtung.

Auf dem Gang zur Wartburg

Über Eschwege hat uns die Fahrt nach Eisenach gebracht, und was auch dieser Stadt am altgeschichtlichen Bilde abging, sie zeigt deutlich, wie sich die ältere raumvolle Geschichte hier in die gleichmäßige Schönheit des Thüringer Waldes schiebt. Man liest an dem vormaligen Predigerkloster, daß es 1235 von Heinrich Raspe gegründet wurde, vier Jahre nach dem Tode der heiligen Elisabeth und zu ihren Ehren. Damals wurde auch die Elisabethkirche in Marburg gegründet, jener früheste Bau deutscher Gotik, dessen sonderbare baugedankliche Reinheit zeigt, daß die alte Reichskraft im Vergehen, aber in ihrer Folge ein ebenso unzerbrechliches Wesen engeren deutschen Sinnes gekommen ist. Noch war die Macht der Hohenstaufen auf ihrer Höhe, und eben war auch noch die deutsche Sang- und Minnezeit in ihrer schönsten Blüte gewesen. Aber nun begannen die Bilder des geschichtlichen Lebens Kraft zu verlieren, und die Triebe des Gemüts, zum Mystischen geneigt, suchten in einem reinen endelosen Wuchse das Himmlische zu erlangen. Man kann es auch bildlich einigermaßen so ausdrücken: wenn im romanischen Kapitelle die Tierfigur stark war, so griff man nun bloß nach der Knospenform der Pflanze.

Eine solche, immer knospende Schönheit aber scheinen nun alle Deutschen an der heiligen Elisabeth zu empfinden. Und eben damit scheint sich auch die Art eines deutschen Hauptgefühls selber zu erwecken. So steht Elisabeth und mit ihr die Wartburg in einem Mittelpunkt der deutschen Sinnesmöglichkeiten, in einer Zeitwende des Mittelalters. Der Hintergrund davon aber ist noch die Blüte der Sangeskunst um 1200, der hier gewesene Mittelpunkt deutscher Dichtung von wirklicher und sagenhafter Bedeutung. Und dann kommt nochmals eine Zeitschwelle mit dem Jahre 1500, in welcher Zeit Martin Luther Schüler in Eisenach war. Auch seinen Namen verkündet die Tafel am alten Predigerkloster. Und dazu liest man noch den Namen Johann Sebastian Bachs, des geborenen Eisenachers. Der Sinn für das bildlose religiöse Wort, der Sinn für die religiöse Melodik, beides nun herausgestellt aus dem mittelalterlichen Bildgefühl und durch sich selbst behauptet und in die Wege geleitet — hier ist die geistige Sachlage des mitteldeutschen Wesens. Gewiß, den Sinn der »Kemenate« kann man nicht mehr festhalten; oder ist der Gedanke doch auch weiter herzuholen als aus dem seelischen Frauengemach, indem er durch sich selber umschlägt? Er spaltet sich als Annahme und Hingabe und sucht doch auf jedem Wege zu seinem eigenen Innenraume. »Unbehaust«, wie Elisabeth zuletzt war, und »einbehaust«, wie die deutsche Seele sein will, geht ein Zwiespalt durch unser inneres Sein. Gerade von Mitteldeutschland aus sucht dieses nach zwei Wegen und ist auf diesem Suchen stehen geblieben. Die Geschichte selber aber kann nicht stehen bleiben.

Der letzte Landgraf von Thüringen

Nicht breit wie die Neuenburg, sondern in sorgfältig nacherholter Schönheit ihrer romantischen Erneuerung, und doch als ein echtes deutsches Waldburgenbild steht die Wartburg auf ihrer Kuppe zwischen melodischen Höhen. Hier ist der spätere Sitz der Landgrafen Thüringens, und hier starb ruhmlos 1247 der letzte Landgraf Heinrich Raspe, dessen Beiname der Rauhe oder Tapfere bedeutet und der ein unternehmendes Leben hatte. Als Sohn des Landgrafen Hermann I. sollte er, nachdem sein Bruder Landgraf Ludwig 1227 in Italien gestorben war, als Schützer und Vormund Elisabeths und ihrer kleinen Kinder Thüringen verwalten. Er nahm aber das Erbe in Besitz und vertrieb die Schutzlosen wie Bettler. So war die junge Fürstin, deren Vater der König Andreas II. von Ungarn war und die man als vierjähriges Kind (geb. 1207 in Preßburg) nach der Wartburg verbracht hatte, damit sie als Braut dann im vierzehnten Jahre den jungen Landgrafen Ludwig IV. heiratete, heimatlos, bis eine Vermittlung zustande kam. Ihr kurzes späteres Leben verbrachte sie in Marburg mit Gottesdienst und Pflege der Elenden. Ihr freiwillig und unfreiwillig armes Leben ist für uns umgeben von Rosenduft, von Legenden nach einem sonderbaren Gesetz des Gegensatzes, den wohl die Gotik befördert hat, daß nämlich der freiwilligen Mühsal etwas Blumiges anhaftet.

Heinrich Raspe ließ sich dann von päpstlichem Gelde bestimmen, als Gegenkönig gegen Kaiser Friedrich II. und dessen Sohn Konrad IV. aufzutreten. Aber nach anfänglichem Siege scheiterte er, den man den »Pfaffenkönig« nannte, vor allem an kaisertreuen Reichsstädten wie Reutlingen und Ulm, wurde hier verwundet und kam flüchtig und mit dem Tode gezeichnet auf die Wartburg zurück. Mit ihm erlosch, da der Sohn der heiligen Elisabeth schon gestorben war, das Geschlecht der Landgrafen von Thüringen, welchem sächsische Herrscher folgten.

[Die Wartburg]

[Wartburg, Westwand des Palas]

Die Burg des Sängerkriegs

Das war also die Generation der heiligen Elisabeth. Mit Schwinds Bildern ist ihre Gestalt in der Elisabethgalerie der Burg verherrlicht, mit den Bildern des Künstlers, welcher auch der Legende eine liebenswürdige Leibhaftigkeit geben konnte. Dann wird man noch in der Burgkapelle und in Elisabeths Kemenate, wiewohl das alte Gefühl durch neue Mosaiken ausgeschlossen ist, ihres Atems sich bewußt werden. Und die Burg, im Bedürfnis des letzten Jahrhunderts, während auch Viktor von Scheffel um sie dichtete, in einen Stand der Ganzheit gebracht, wird mit Räumen und Sagenbildern, mit Gebäuden und Höfen immer einen Sinn lieber Erzähltheit nähren. Vielleicht am meisten geschieht dies aber nach Art eines Volksstils in der Lutherstube, deren einfache Dinglichkeit den Raum für den hier vor der Welt aufgehobenen »Junker Jörg« und zugleich für den Geistesmann gibt, der in der schlichten Einrichtung aus Holz an den Worten der Schrift arbeitete.

Die Burg macht uns aber, indem wir im Ausblick die grüne Waldromantik weithin sehen, jenes Mittelalter am meisten gegenwärtig, das um 1200 hier unter dem Landgrafen Hermann I. und seiner Gemahlin Sophie sich abspielte. Daran hält der Sängersaal mit seiner romanischen Bogenstellung die Erinnerung fest. Vieles ist wohl an dem Sängerkrieg sagenhaft, aber auf der Wartburg mit dem großen Wolfram von Eschenbach, der hier Aufenthalt hatte, war damals ein einzigartiger Mittelpunkt deutscher Dichtung.

Das alte Deutschtum wäre nicht ganz, wenn nicht ein solch dichterisches Kampfspiel um die Dichtung selber darin wäre. Und Richard Wagner — der Hörselberg ist nicht weit von der Wartburg — hat diese Romantik eines Volkes in neuer Weise aufgenommen. Das Alter jener Zeit aber hat etwas, das nicht abbrechen will und in sich selber beständig ist. Dieses Etwas spricht aus der stummen Ruhe der Bogenöffnungen, mit welchen die alte große Schauwand des Landgrafenhauses noch im Blick steht. Was man später hinzufügt, will romantische Hausung bedeuten; was alt und romanisch ist, gibt sein Gefüge dem Blicke bloß. Alles ist nichts als sichtbare Sinnfügung. Es ist unangewandt und nur sich selber getreu. Eine Steinwand mit ruhigen Bogen ist sein eigentliches Symbol. Es schloß sich über der Seele, indem es eine innere Gemessenheit der Erde aufschloß.

»Über allen Gipfeln ist Ruh«

In weiter Runde um den Kickelhahn

Wir nehmen Abschied von der Wartburg, um später von einer anderen Seite wieder gegen den Thüringer Wald zu kommen. Viele deutsche Beschaulichkeit hat an diesem heutigen Burgbilde mitgebaut, so wie es innen und außen ist und wie es jetzt die mitteldeutsche Landschaft romantisch bestimmt. Merkwürdig ist auch, wie die weltanschaulich verschiedenen Erinnerungen hier zusammen mit gleicher Liebe gepflegt werden. Wenn außerdem die Wartburg für unsere Vorstellung der liebliche Minnehof, die Burg des Sängerkriegs und der fahrenden Ritter ist, die um 1200 das gastliche Landgrafenpaar heimsuchten, so muß auch Herr Walther von der Vogelweide zum Abschied noch genannt sein, der ebenfalls wiederholt hier zukehrte und der dem Bilde der mittelalterlichen Romantik einige schärfere Linien eingezeichnet hat. Er weiß von dem Sängerleben am Hofe zu Thüringen unter anderm zu sagen:

Der lantgrave ist so gemuot,

daß er mit stolzen helden sine habe vertuot...

und gulte ein fuoder guotes wines tusend pfunt,

da stüende och niemer ritters becher laere.

So war wohl das mittelalterliche Leben schärfer als das gemüthafte Nachbild, das wir gerne von ihm haben, und zwar eben um die Grade, um welche die Geschichte stärker ist als die Liebhabereien der nachdichtenden Herzen.

Zu einem romanischen Erlebnis

Naturbilder geleiten uns von der Wartburg weg nach Westen. Kaum irgendwo schienen die Waldtäler, in die man hineinblickte, so schön zu sein wie noch eben. Da treten, nachdem sich das Gefälle des hohen Waldes in fruchtbare Ackerlehnen verbreitert hat, die steilhohen, bläulich kargen Kuppen der Rhön in die Luft. So oft man sie schon gesehen hat, immer wieder meint man, kein Gebirge habe so viel stille Bläue, welche von ihrem eigenen leisen Dufte hungrig und satt ist. Bald fügt sich auch das Flußbild der Fulda zu dem ähnlichen, das man vor kurzem an der Werra hatte. Wenn die Werra uns ritterlicher oder erzählender anschaut, so ist die Fulda besinnlicher, andächtiger oder feierlicher für sich. Gewiß sind das kleine, unverbindliche Gedankenspiele. Aber wir fühlen, daß nach Westen zu mit der Landschaft eine Neigung zu solchen Spielen zunimmt. Die Landschaft scheint geschichtlicher zu werden und die Geschichte landschaftlicher; und die deutsche Neigung, das eine durch das andere zu lieben und mit einer ungewissen und doch ewig romantischen Sehnsucht zu steigern, findet hier einen breiten Spielraum.

Nun legen sich zur Vermehrung allen solchen Umschweifens auch noch die schönen, grünen Waldlasten des Spessarts in den Blick. Aber zugleich sind wir jetzt in Gelnhausen, und die ursprüngliche Größe reiner geschichtlicher Trümmer verbannt mit einem Male alles bloß Umschweifende. Wir sind stückweise und doch von einer unhemmbaren Kraft, die über die eigene Gegenwart geht, in eine andere Zeit versetzt.

Der Abend, so wie er überhaupt die leichtere Nähe verbannt, bricht sich an den ruhigen Blöcken romanischer Bauten. Aber diese weisen mit der steinernen Schwere ihrer Mauerflächen, mit der ausschließenden Gewalt ihrer Kanten und mit der unerschütterlichen Sinnfälligkeit ihrer Reihen von dunklen Fensterbogen auf eine noch stärkere Scheidung von Helle und Dunkel, als in dem natürlichen Lichte vorgezeichnet ist. Und in der Nacht dann stehen wir vor dem drohenden Dunkel der Stauferpfalz. Wenn diese Mauer wiederum mit einer stärkeren Wucht ihrer Endlichkeit nach oben steigt, als der gestirnte Himmel über ihr seine unendliche Last empfinden läßt, so tritt unsere Empfindung ein in das Gesetz der romanischen Zeit und der staufischen Welt. Damals wurden innere Linien vollends in die Zeitwelt und Geschichte gezeichnet, die ausschließlicher und politischer waren, als man sie nach einem allgemeinen Himmel und natürlichen Lichte der Menschheit finden kann. Zwischen dem ewigen Gesetze in uns und dem gestirnten Himmel waltet noch etwas Drittes, nämlich das geschichtliche Kampfgesetz, vor welchem keine Ausgleichung in einem gemeinsamen Begriffe stattfindet und in welchem sich die anderen Gesetze erst entscheiden.

Barbarossapfalz in Gelnhausen

In Gelnhausen kann man noch mehr als sonstwo das germanische Ortsgefühl erleben; aus der Vollendung eines Einzelwerkes wie durch den Bannkreis des staufischen Alters. Die romanische Marienkirche als Wahrzeichen Gelnhausens an seinem Berghange ist ein herrliches viertürmiges Werk mit der Stimmung eines hohen Steinzeltes. Das Gipfelige und Pyramidenhafte erscheint besonders staufisch, die Ostrichtung ist hier einprägsam wie eine herrliche Rückung gegen das Licht, und die Vierungskuppel im Innern scheint aus dem Gefühl einer schwebenden Krone geschaffen. Man möchte sagen, dieser Bau der letzten, schon von der Gotik berührten Romanik habe eine schöne Eitelkeit, die eben in der Spiegelung zweier Zeiten gegeneinander besteht.

Dann begegnet man aber den schwereren Gewichten in den Ruinen der Pfalz, die man durch die Eingangshalle betritt, über welcher der Rest einer Kapelle liegt, während vom Palas Mauern, Fensterbogen, eine Tür und mächtige Werkstücke noch im weiteren Grundriß aufragen. Die Arkadenwand mit ihren romanischen Doppelsäulchen ist ein reines strenges Steinwerk und zugleich wie ein Stück von Vögeln durchzwitscherter Natur, wie das in jenen alten Formen sein konnte. Aus der Kraft der Menschen in ihrer Zeit sind Steingelasse zu atmenden Räumen geworden, schwer und lieblich zugleich. Die Zahl von Bogen und Säulchen wird nicht als Zahl gefühlt, sondern wie Augen und Worte und wie ein offenes Dasein, das, wie aus dem Gewände, so aus Schnitten, Grenzen, aus genauer Brechung der Enge in die freie Zeit gehoben ist. Die Empfindung der Grundrisse ist stark und prächtig; und was der Meißel an Steinzier der Säulen geschaffen hat, ist wie aus einer ewig schlüssigen Natur entnommen und wiederum wie aus Gold geschmiedet. An solchen romanischen Orten fühlt man sich ganz zusammengeschlossen und doch in die innerliche Weite gebracht.

[Gelnhausen, Stauferpfalz]

[Gelnhausen, St. Marien]

Im Hennebergischen

Angeweht von dem steinernen Atem fahren wir wieder in der Richtung Thüringens. Es geht durch das alte Gebiet des Hochstiftes Würzburg und dann durch die alte Grafschaft Henneberg. Das Geschlecht stammt nach alter Sage von einem Edlen »von der Säul« und sollte danach mit den römischen Colonnas verwandt sein; das spätere Wappen aber ist eine Henne auf einem Hügel. Ein Graf von Henneberg gehört unter dem Namen Otto von Botenlauben zu den Minnesängern in der späteren Hohenstaufenzeit. Die Ruine der Burg des alten Geschlechtes sieht man nicht lange vor Meiningen aus einem Waldhügel aufragen. Wir kommen gegen den Lauf der Fränkischen Saale her und in Meiningen wieder über die Werra. Man muß einige Ortsnamen erwähnen, um, auch wenn man nicht überall hinkommen konnte, seinem Gedächtnis von der Landschaft einige Farbe zu geben. Da wäre Wasungen, wo der halblustige Wasunger Krieg im achtzehnten Jahrhundert spielte, ein Krieg, als ob ihn Jean Paul erfunden hätte. Dann ist da Schmalkalden, und weiter geht es über den Rennstieg, die Wasserscheide und die uralte Rechtsgrenze auf der Höhe des Thüringer Waldes, zu einem höchsten Gipfel, dem Inselsberg.

Wir aber verließen Meiningen, wo man besonders die alte Hennebergsche Geschichte betreut, ostwärts, und da ist etwa halbwegs Hildburghausen das alte Kloster Veßra. Nochmals war dies im sanfternsten, grünen Talgelände vor dem Waldgebirge das Erlebnis einer vollkommenen romanischen Idylle. Die zweitürmige Kirche dient heute dem Gutshofe als Scheune. Weitere romanische Bauten stehen wie alte, ernste Gewichte auf dem grünen Rasen. Wiederum hat man in dieser Idylle das Gefühl, wie sich die Natur in steinernen Baukräften aufstaut, die, gleichsam kristallhaft in ihr enthalten, nun im romanischen Gesetz gegen sie aufgestanden sind und doch eine stärkere Bindung mit der Landschaft erreichen, als es sonst ein Stil vermochte. Und wie die ruhige Größe des Ganzen, so mag man auch die Teile, die Masken und Steinzieren der Rundbogenfriese, die Fenster, das abgetreppte Portal in solcher Abgeschiedenheit um so länger betrachten.

»Rauhgraf Gockel«

Wenn wir sagten, daß uns hier überall die Empfindung von Landschaft und Geschichte in starkem Widerspiel beschäftige, so darf nun auch eine Märchenstimmung Wort haben, die uns schon seit Gelnhausen nicht losläßt und die ganz aus Waldpoesie, aus altdeutscher Trümmerseligkeit und aus wappenhaft humoriger Tiererzählung zusammengewoben ist. In Gelnhausen ist Brentanos Märchen von Gockel, Hinkel und Gackeleia angesetzt. Wenn da der Gockel als Rauhgraf von Hanau benamst wird und Hinkel von den Grafen von Hennegau stammen soll, was zwar nicht ganz wörtlich in diese Gegend paßt, so ist zwar mit solchen Namensspielereien schon eine Art dieses Romantikers angemerkt, welche aus geschichtlicher und landschaftlicher Anregung ihre losesten geistigen Fäden zieht. Gerade Brentanos Märchengeist lebt in dem Gegensatz und doch wieder Zusammenhang von »romanischem« Gesetz und »romantischem« Spiel mit komischer Willkür und mit jenem Verlust der begrifflichen Verhältnisse, welcher möglich ist, wenn die Dinge sich mit dem Geiste über jene Kluft hinweg begegnen, welche Geschichte heißt und welche man doch selig vergessen kann. Gerne läßt man sich in dieser Reisegegend von solcher Art gefangen nehmen.

Aber auch die Naturstimmung des Abendliedes in diesem Märchen kommt uns, während wir über Schleusingen weiterfahren, langsam nahe. »Sonne will schon schlafen gehn, läßt ihr goldnes Hemdelein sinken auf den grünen Rasen, wo die schlanken Hirsche grasen in dem roten Abendschein.« Eine ungemeine Bildhaftigkeit und farbig genau getrennte Klarheit ist diesen Versen eigen, wozu auch die Worte durch die sparsame Richtigkeit ihres Aussagens benützt sind. Zugleich aber haben die Zeilen auch eine ähnliche und doch gegensätzliche klare Wirkung der Laute, einen vokalischen Dahingang, der in den Schlußworten »Gute Nacht! Eia popeia!« vollends zum lyrischen Selbstzweck wird. Dieses Auseinanderspielen von Bildhaftigkeit und Worthaftigkeit macht den romantischen Reiz dieses Gedichtes aus. Und wir bedenken dies um so mehr, als wir nun an einen Ort gelangen, wo Goethe einige seiner schönsten Verse erlebt hat.

Auf dem Kickelhahn

Über Ilmenau sind wir auf den Kickelhahn gekommen und sehen, nach Besteigung des Turmes, inmitten der wunderbar stillgrünen und hohen Rundung um uns über den Thüringer Wald hin, während die Sonne im Westen schon bald die zackigen, tannenen Wipfelreihen berühren wird. Sie scheint dort leise und doch mächtig über dem Waldgebirge zu rollen, in dessen grünblau schwebenden Duft man in der gleichen Richtung den hohen Inselsberg schon eintauchen sieht. In schönen, langen Schrägen fallen die Berglinien zu den schmalen Talsohlen hinab, die dem Thüringer Wald eigen sind. Es dünkt uns, als ob dieses Waldgebirge seinen sprechendsten Charakter gerade im Blick von oben her habe. Und gerade dieser Charakter ist seine stumme Schönheit. Hier setzt nun schon der Gedanke an Goethes Gedicht ein, dessen schauender und horchender Sinn, sowie er in die Gemütswirkung übergeht, das Verstummen, Schweigen und Ruhigwerden ist. Eben ließ sich auch noch das letzte Vogelzwitschern hören. Man verfolgt das schräge Gefälle der mit ihren Wipfelsäumen überall hinabgleitenden Hänge und Höhen, und während die Sonne mit ihrem verlöschenden roten Schein hinwegsinkt, hat man den Eindruck, als ob sich die große Runde der Waldlinien, je weiter hinaus um so mehr, hebe. Eine ruhige Macht der Natur entlädt sich in die Brust des Beschauers. Und so nahm Goethe diese Macht in seine wenigen, so klaren und doch nur wie im Unterbewußtsein tönenden Worte auf und beschwichtigte das Gefühl des Daseins im letzten Gefühl der Landschaft.

Am Abend des 6. September 1780 schrieb Goethe dieses kleine Gedicht, das beginnt: »Über allen Gipfeln ist Ruh«, an die Bretterwand einer Holzhütte, wie sie auch jetzt noch auf dem Kickelhahn steht. Es hat einen solch reinen und ausschließlichen Bezug auf das Gemüt, daß es von einer weiteren Beziehung etwa auf das Waldgebirge nichts enthält. Und doch hat damit wohl gerade die Stimmung des Thüringer Waldes, die nicht so sehr in einer Eigenheit als eben in ihrer allgemeinen deutschen Waldschönheit liegt, ihren Ausdruck erhalten.

Man kann diese kleine Dichtung lange bedenken: Wie die Bewegung des Gemüts sich ganz in die Worte verschließt und Wortund Bildhaftigkeit sich ganz auf einen inneren Lebenspol zusammenfinden, das eben gibt ihm einen seelischen Pol, welcher Bewegung und Ruhe, Schau und Empfindung in einem ist. Jenes vorher bedachte Gedicht Brentanos könnte man dagegen als zweipolig bezeichnen. Bei Brentano treten Bild und Wort auseinander, sie sind auf zwei Wegen, und die Seele ist wahllos dazwischen; bei Goethe treten sie zusammen, und das menschliche Wesen findet in ihnen seine Unterkunft. Das aber wäre etwa auch ein Unterschied zwischen romantischer und klassischer Dichtung, und auch ein Teil des Unterschieds zwischen Mittelalter und alter oder neuer Antike. Und wir haben es, mit einigen Versen im Sinne, in der Spanne eines Tages empfunden.

Thüringens schönste Baubilder

Zur Seele der alten Bauformen

Mit den alten steinernen Bauten sind unsere deutschen Landschaften gekennzeichnet. Von dahingewanderten Geschlechtern als Sinnträger in der Zeit stehen geblieben, gleichen sie Stücken einer stummen Unsterblichkeit, an welchen der formende Gang der Geschichte seinen Anteil hatte. Thüringen hat nicht weniges von seinen alten Baubildern verloren oder nur resthaft behalten. Aber ein Ort wie Paulinzella mit seiner steinernen Baugewalt, oder dann die Stadt Erfurt mit einer restlos scheinenden Erfüllung alten Bauwesens, eine solche Spanne genügt allein schon für den Begriff einer Vergangenheit. Jenes im Stil voll gewaltiger Entschiedenheit, dieses in seinem gesammelten Dasein als ein Gipfel der alten Jahrhunderte, so sind sie Angelpunkte geistiger Anschauung und geschichtlicher Geltung.

Die Ruine Paulinzella

Noch eben, durch den Thüringer Wald kommend, waren wir ein-. gefangen in schmale Waldtäler, wo es die Siedlungen schwer haben, sich einzuschmiegen, besonders wenn es wie hier auch solche gewerblicher Art sind, deren Anblick dem Landschaftsbilde weniger günstig ist. Wir unterhielten uns über die Verschiedenheit der deutschen Waldgebirgslandschaften und auch, von welchem Vorteil das schlichte Fachwerk sei, oder wie eine reichere Spielform in den Mitteln der handwerklichen Schieferverkleidung einen volkhafteren Ausdruck oder, wenn die Beschieferung handwerklos geworden, eine soziale Neutralität mit sich bringe. Der Westerwald oder das Sauerland schien uns hierin altertümlicher und reicher. Da fächerte sich aber nun der Wald in weite, schöne und doch steile Hänge auseinander, und über der Schwarza im tieferen Grunde sah man das stattliche Schloß von Schwarzburg. Die alte Residenz sitzt als eine herrschaftliche Einfügung in dem waldigen glanzvollen Rahmen.

Nun war der Wald wieder dichter zusammengetreten. Da tat sich zur Seite ein tieferes Waldtal auf, und auf dem grünen Anger sieht man eine mächtige Ruine gelagert, die, hinter einem großen Fachwerkbau, mit ihren dachlosen Giebeln und großen leeren Fensterreihen, aber mit einer noch unerschütterten Wirkung ihrer dreischiffigen Raumfluchten dem Himmel geöffnet und dem Erdboden eingezeichnet ist. Was vom Querschiff aus einst nach Osten eine stilmäßig reiche Chor- und romanische Apsidenanlage bildete, fehlt heute, und man blickt in die durch den Auf- und Grundriß aufgeriegelte Natur. Dagegen ist die Westseite noch mit mächtigem Portal versehen, und vor diesem ist ein hoher Vorbau mit einer großen einseitigen Turmruine. Giebel und Hochgewände haben jene romanische Mächtigkeit, welche für den Emporblickenden, wenn man es mit einem Wortspiel ausdrücken darf, Gesicht und Gewicht zugleich bedeutet. Die Hauptgewalt für den Raumblick aber haben die beiden Säulenreihen, welche mit mächtigen Bogen den Raum einholen und durchschreiten. Diese Bogen sind, was sehr eigentümlich wirkt, durch Leisten, welche über den Kapitellen zu einem durchlaufenden Gesims aufsteigen, je in eigene Felder eingeteilt. Dies gibt ein Element der Fläche gegenüber dem Element des Raumes, und die Gewalt des Fortschreitens der Säulen scheint dadurch zugleich betont und gehemmt.

Fortschreiten und Hemmung, das ist wie ein heroischer Kampf der Baugewalten in diesem Raumkörper. Die Kirche von Paulinzella gilt als eines der schönsten Baudenkmäler Thüringens und als eines der stärksten Stilwerke der hochromanischen Zeit. Sie deckt sich in ihrer Erbauung mit dem Lauf des zwölften Jahrhunderts bis zur späteren Stauferzeit. Das Erlebnis in ihr ist wie ein Drama, das keinen Inhalt hat, in welchem vielmehr der Geist rein durch die Stärke seiner eigenen Wesenheit in Bewegung ist. Das ist vielleicht der nächste und zu sich selber gehörigste Ausdruck für einen reinen Baugedanken an sich; und in diesem Sinne denkt man hier an antike Bauten. Nur daß wir immer wieder sehen, wie in dem mittelalterlichen Bau die Ruhe eines Raumzustandes durch die Flucht in die Bewegung und ebenso das Ganze eines Raumes durch die Gewalt oder Spielkraft der Einzelteile überboten wird, daß das »Dividuale« über die Gesamtheit des Raumgeistes ein sowohl festhaltendes wie beschleunigendes Vorgebot hat und daß, während so die Raum- und Geistesbewegung geteilt und gespannt wird, das Sinneswesen über den Geist hinweg zu weiteren Möglichkeiten wächst. Dies erscheint als das germanisch-deutsche Wesen eines Raumkörpers im Mittelalter, und darin liegt seine geschichtliche Gewalt, die über die ästhetische Schönheit hinausgeht. Dazu kommt aber gerade hier, daß, wo sonst Pfeiler sind oder Pfeiler mit Säulen wechseln, hier bloß Säulen sind; und dies scheint gerade die Wucht im Hingang des Raumes noch zu verstärken. Die Säulen reißen den Blick schneller dahin als dies Pfeiler tun; und sie sind zugleich wie starke, um sich kreisende Bejahungen innerhalb des Raumes. Dazu kommt wieder die ruhige Wucht der Würfelkapitelle, die auf ihren Würfelseiten eine Art von Verzierung mit Kreislinien haben, als ob flache Steinschichten schildhaft oder halbmondhaft auf ihnen aufgerissen seien, die sich gegeneinander in Zacken verzahnen. Warum erscheinen uns solche Zierlinien, die wie Einritzungen und also nicht bildhaft sondern schrifthaft sind, besonders germanisch? Sie bringen zum räumlichen noch einen anderen Sinn, zum bloßen schönen Dasein eine Schärfe anderer Bezeichnung, zur Ausbildung der Form einen Kampf über dem Formgrunde und in sich selber. Sie weisen ähnlich wie Runen auf ein geheimeres Leben. Gewiß: Paulinzella ist ein Ort für ein mächtiges Gefühl und zugleich ein stilles Grübeln um unser Sein.

Sollen wir gerade hier noch eine weitere Behauptung wagen? Wir spüren die männliche Gewalt dieses Raumes, die besonders durch die Säulen, durch ihre positive und aus der eigenen Bewegung gesättigte Kraft getragen wird. Wir denken an antike Formen. Aber während jene die menschliche Größe an sich bedeuten und unter dem Gebot des ordnenden Geistes stehen, ist hier doch das Gefühl der Geschichte stärker; und dieses eben in seinem richtungsmäßig gebundenen Schreiten empfinden wir als männlich. Wir haben bei westfälischen Domen zu sagen versucht, daß das Mittelschiff wie ein Mangel oder wie das Gesetz einer unausfüllbaren Geschichte erscheine. Es gehört dazu die vorherrschende Strenge, gleichsam negative Sinnkraft der Pfeiler zum Raume gegenüber der bejahenden positiven Sinnesweise der Säulen. Diese selben schwerthaften Pfeiler aber sind auch, wenn man ein kühnes Bild wagen darf, wie ritterliche Gewalten zu dem unerreichbaren Inhalte; sie sind kämpferischer, aber sie machen den Raum, den sie einschließen, für sich selbst wesentlicher. Sie machen den Raumgeist, dem sie herrschend dienen, zu einer Sehnsucht der Seele. Ist nicht dies Vermehren eines mangelgleichen Raumgefühles wie das Gleichnis einer ewig zu ihrem eigenen Inbild suchenden Zeit, und ist dies nicht wie das Verhältnis, wie der Zusammenklang eines kämpferischen Sinnes mit einem harrenden weiblichen Gefühle? Wenn wir auch dazu bedenken, daß Maler des späteren Mittelalters etwa die Marienfigur oder andere Bildseligkeiten körperlich in diesen Raum gesetzt haben gleichsam als Ausdruck seines weiblichen Inbildes, als die Zeit anmutiger und wohl auch im engeren sinnreicher, aber weniger groß geworden war, so möchten wir zu unserem Gedanken ja sagen. Hier jedoch in Paulinzella ist jedenfalls mit der Gewalt der Säulen der Raumsinn männlich und sohin auch mehr antikisch bestimmt. Und so mögen wir überhaupt denken, daß in der mittelalterlichen Bauform ein Raum bald mehr männlich und bald mehr weiblich bestimmt sei. Wenn wir aber den Gedanken wagen, so ist das letzte desselben eben dies, was wir auch sonst bemerken, daß es sich in der mittelalterlichen Kunst — in Raum und Figur — weniger um das Menschliche nach seinem Begriffe als um eine männliche und weibliche Seele gleichsam als Inhalte der Geschichte handelt. Die Räume der Bauten sind mehr in die Geschichte gesetzt und eben darum doch im Wechselwirken der Kreatur näher gebracht.

[Ehemalige Klosterkirche von Paulinzella]

[Klosterkirche von Paulinzella]

An der Gera

Mit dem Verlassen des Thüringer Waldes kommen wir an den kleinen Fluß Gera und zu Stätten, an denen die älteste thüringische Geschichte wieder eingesetzt hat, die im Zusammenhang ist mit den fränkischen Königen, mit dem Wirken des Bonifatius, mit den großen westlichen Klöstern und dann mit dem Erzbistum Mainz. Es sind die alten Orte Arnstadt und Erfurt. Landschaftlich ist hier auch eine Gegend der Burgen mit den bekannten »Drei Gleichen«, der Burg Gleichen, der Mühlburg und der Wachsenburg, wo Gustav Freytag das »Nest der Zaunkönige« in seinen Erzählungen von den Ahnen angesiedelt hat.

Unser Ziel in der alten und räumigen Stadt Arnstadt, deren Name schon 704 genannt wird, ist die romanisch-gotische Liebfrauenkirche. Dabei sieht man alte Tortürme, ein schönes Rathaus aus der Renaissance mit Lauben auf dem Marktplatz, und man liest in der Nähe an einer Kirche, daß hier der junge Johann Sebastian Bach eine Wirkungsstätte hatte. Mit zwei Westtürmen und einem mächtig aufgesetzten Mittelturm zwischen dem romanischen Langhaus und dem gotischen Chor hat die Anlage der Liebfrauenkirche jenen Wechsel von Vielheit und Größe, der voller Gegensätze ist und doch in der mittelalterlichen Schlankheit das Mittel findet, alles zu reicher geschichtlicher Wirkung zu sammeln. Der Umschlag des romanischen Schrittes durch den Raum in das gotische Wesen der hohen Halle, die den Raum in ein bildhaft schlankes Gefäß verwandelt, dieses räumliche Erleben ist auch wie das Begegnen einer mehr männlichen und einer mehr weiblichen Raumform. So sucht man sich im Vielteiligen ein lebendiges Gefühl. Und dann sieht man noch die schönen Einzelheiten, ein gotisches Altarwerk, unter dem mancherlei Figürlichen den sogenannten »getreuen Eckart« als einen bärtigen Kuttenträger mit Keule an einem Sarkophag und weiter sehr schöne Glasmalereien. Der mittelalterliche Bildsinn ist hier besonders wie eine Ohnmacht des Inbildes in der Fensterform durch das bloße Innesein im Lichte lebendig. Noch ein künstlerischer Schatz ist aber eine »schöne Maria«, eine gotische Figur mit Kind von seltener Vornehmheit und Lieblichkeit. Ihre Form ist wie ein leise schwankendes Zweiglein und doch von königlicher Stille.

[Arnstadt, Liebfrauenkirche]

[Arnstadt, Schöne Maria aus der Liebfrauenkirche]

In Alt-Erfurt

Unser Weg geht weiter, und die Gedanken des Tages, nämlich wie sich die Baubilder zu einem ganzen Zeitbild aufgipfeln, erfahren in Erfurt ihre anschauliche Erfüllung. Bald ist man in der altstädtischen Mitte der thüringischen Blumenstadt, und so wie hier überall Baubilder des Mittelalters in das lebendige Getriebe eingestückt sind, so empfindet man die ganze Stadt als eine mittelalterliche Einstückung von sprechender Art innerhalb Mitteldeutschlands. Den gesammelten Ausdruck dafür gibt im Westen der Domberg, auf welchem der Dom an seiner Seite die Severikirche hat, wodurch eine Spielart baulicher Verdoppelung und Zeitspiegelung zu einem einheitlichen Bilde entstanden ist, dessen Silhouette wie die aufgegipfelte Anschaulichkeit und gleichsam das Zeitwappen des Mittelalters selber wirkt. Die gewaltigen Unterbauungen, damit der Dom mit seinem Partner wie auf einem Steinteller getragen werde, dazu die breit und hoch zwischen die beiden Kirchen hinaufgeschobene Staffelanlage, die ganze Art der Erhöhung, wobei unter den ausgewogenen und aufgetürmten Baukörpern der Naturboden vergessen wird, während doch wieder die steilen und aufgeschnittenen Bauten fast zu einem zerklüfteten und felsenhaften Nachbilde, zu einem Tagund Nachtbilde der überwundenen Natur zusammenwachsen, all dies, zu einem seltenen orthaften Raumwerke hier zusammentreffend, ist ein Beispiel stärkster gotischer Wirkung. Das heißt, es ist ein Beispiel jener unendlichen, den Sinn mit geschichtlicher Neugier erfüllenden gotischen Reizform, welche gerade die Gotik am meisten von allen Stilen besitzt und womit sie sich im besonderen von der antiken Erhabenheit unterscheidet.

Wie könnte man von diesem Erfurter Baubild sprechen, um noch mehr Sinnhaftes von dem geschichtlichen Gesamtgefühle einzufangen? Daß sich der Begriff eines Baubildes immer mehr vom Bau zum Bild hinübergespielt hat, das ist die mittelalterliche Entwicklung. Das Bild wird immer mehr beredt, die ganze werkhafte Bausinnigkeit fängt an zu erzählen. Die in dem Bau gefangene Seele will sich immer mehr durch sichtbare Formen in den Blick und in den Luftraum schreiben. Der Bau will erzählen, die Erzählung will gebaut sein, so wie vor allem an einem Portal das Bauliche und das Bildliche ineinander schlagen, wofür die »Triangel« genannte Vorhalle des Erfurter Domes ein Beispiel ist. Alle Wirkung will zugleich bildlich und worthaft, sichtbar und beredt sein. Und so ist denn in diesem Erfurter Baubild alles zu einer großen, augenfälligen Beredtheit geworden, in welcher sich die geschichtliche Seele ausspielt. Was — kann man fragen — wird die Folge dieser in eine letzte werkhafte Neugier gesteigerten Ausbildung der Seele sein? Dies kann man um so mehr fragen, da wir in Thüringen sind, in der Lutherstadt Erfurt, und in dem Lande des Meisters Eckhart. In ihnen ist wohl ein Stück der Antwort auf unsere Frage gegeben, in dem früheren Meister Eckhart mit seiner »Entwerdung« vom Kreatürlichen und in dem späteren Luther mit seiner Zurückführung der Seele aus dem geschichtlichen Bilde auf das nähere und innere Wort. Gewiß: in Thüringen sind die Formen besondere Zeichen geistiger Schicksale.

Vieles ist in den beiden Bauwerken des Domberges, wovon der Dom gleichsam voll von Zeiträumen, die Severikirche aber wie ein schattiger Wald ist, zu finden. Es sind da berühmte romanische Stücke im Dom, wie die Leuchterfigur des »Wolfram« und der Marienaltar mit seiner stirnhaft stummen Ruhe, dazu die gotischen »klugen und törichten Jungfrauen«, und in der Severikirche das herrliche Michaelrelief; dazu im Dommuseum die alten Teppiche. Indes wird man im Dom auf den Grabstein des Grafen Ernst von Gleichen (gest. 1264) noch besonders aufmerksam. Man kennt das von der Romantik geliebte Motiv, nach welchem der Graf aus dem Orient eine zweite Gemahlin mitgebracht hat. Das bildnerische Werk hier ist in den Gesichtern von sinnig-sinnlicher Wirklichkeit. Mit einer etwas stockigen Leibhaftigkeit steht eine sorgfältige Faltung der Gewänder und eine fast blumige Schwebung in spielendem Gegensatz. Und so ist das Werk wie eine frühgotische Erzählung über die Zeitseele, welche in jener Zeit der Minnesänger zart und begierig zugleich war und zu welcher auch, wie zur Romantik, die Spiegelung und Verdoppelung des weiblichen Wesens und Inbildes gerne gehören mag.

[Erfurt, Dom und Severikirche]

[Erfurt, Triangel]

[Erfurt, St. Michaelrelief in der Severikirche]

[Erfurt, Grab des Grafen Ernst von Gleichen im Dom]

Thüringischer Abgesang

Auf dem Wege über Weimar

Unsere Umkreisung Thüringens beginnt sich zu schließen. Die Folge der Gegenden wurde zu einer geschichtlichen und gedanklichen Abfolge. Im nördlichen Thüringen traf der Gedanke nach dem alten thüringischen Königreich auf die Todesstätte der ersten Sachsenkaiser. Der Chronist Thietmar gehört noch zu ihnen in die Jahrtausendwende. Schon war der Blick auch auf das Geschlecht der thüringischen Landgrafen übergegangen. Das Zeitalter der Hohenstaufen gab dazu den größeren Rahmen, in welchem der unterlegene Welfe noch erschien. Die Wartburg hob ihren gekrönten Scheitel. Erfurt, die bürgerliche Stadt, die immer den Zusammenhang mit dem geistlichen Mainz nicht hatte lösen können, hat dann auf der Höhe und am Ende des Mittelalters Geister des religiösen deutschen Wesens von entscheidender Wirkung gehabt, den Meister Eckhart und Luther. Und nun treffen wir, etwas weiter wiederum nach dem Osten, die kleine Residenz Weimar. In dieser Residenz der mitteldeutschen Kleinstaaterei wuchs die größte ästhetische Form des neueren deutschen Geistes; aus dem Boden geschichtlicher Formen, die sich in Mitteldeutschland am meisten in kleine Verhältnisse zerstreut hatten, bildete sich durch Goethe der freie Geist eines Zeitalters.

Zu Thüringens geistigem Bilde

Scheint dies nicht ein seltsames Absinken der Größe der Geschichte, während ihr nun eine andere Kraft entgegenläuft, um das Wesentliche der Zeit nun auf eine andere Höhe zu erheben? Und gerade dieser Gegenlauf macht auf die Gegensätze aufmerksamer. Es ist hier ein Inbegriff aller ähnlichen Sachlagen, und was dieser bedeutet, gilt als deutsches Beispiel für die Welt. Gewiß also ist Thüringen ein deutsches Herz voller Spannungen und Widersätze. Wir reisen nach der Bildhaftigkeit der Zeiten; aber je mehr wir diese sich selber inbildlich fassen und verzehren sehen, fliegt um uns hier schließlich ein geistig Allgemeines der Menschheit.

Wir versetzen uns nochmals auf die Wartburg, an den Ort von Minnesang und Seelenkampf. Und nun denken wir unvermittelt hinüber zu Goethes Weimar. Was für Ausblicke ganz verschiedener Wesenheit sind das; und alle lassen sich bedenken in Deutschlands Mitte! Sie lassen sich in keine Einheit bringen, es sei denn, daß sie offenbar beispielhaft dafür sind, wie im deutschen Sinne die Dinge der Zeiten und des Geistes von der sonderbarsten Eigenförmigkeit bis zum freiesten Gesetz zu erwachsen fähig sind. Als Einheit scheint schließlich eine Musik der Weltanschauung, die geöffnete Weite über der nicht mehr begreifbaren Zelle und Kemenate zu schweben. Wir blicken hinunter nach Eisenach, wo Johann Sebastian Bach geboren ist. Und wir bedenken nun, daß auch der Meister Eckhart in Thüringen seinen Geburtsort hat. Die Kemenate der heiligen Elisabeth, dann die aus der geschichtlichen Bindung sich lösenden Geister und eine durch sie fortziehende Freiheit, über allem noch eine verbliebene Musik, so scheint uns die Mitte des deutschen Daseinsbildes faßbar.

Wer will das richtende Maß finden in den ganz schwebenden Maßverhältnissen der inneren Welten, die wir hier erfahren? Da ist das Maßverhältnis zwischen Mittelalter und Neuzeit, näher das Verhältnis zwischen Weltgrund und Mensch oder zwischen Gott und Kreatur bei Meister Eckhart, das Verhältnis zwischen Geschichte und Natur oder das Maß des Geistes, der nach innen und außen durch seine eigne Vervollkommnung herrschen will bei Goethe, dazwischen das Verhältnis des Glaubens zu dem Maß des Tuns bei Luther. Und denken wir noch einen Schritt weiter nach der Saale und Elbe hin, wo, ähnlich wie in Magdeburg und Meißen, aber noch stärker, die Figuren von Naumburg stehen. Sie gehören zu dem, was uns heute am nächsten gekommen ist. Ihr Wesen, kann man sagen, folgte noch mehr einem Gesetz der Geschichte als des freien Geistes. Das Geistige erhebt sich über das Volk, aber das Geschichtliche lebt in ihm fort. Es ist das Kampfwerk und der Ausdruck aller. All dies ist nun in naher Gegenwart um uns. Wo ist noch eine geistige Landschaft, worin in solcher Enge und Größe alles Bedenkbare beisammen ist wie hier? Das Gelösteste und das Gebundenste steht hier ineinander.

Vom Meister Eckhart

Wenigen Geistern aber ist diese größte Freiheit zwischen innerer Gebundenheit und Gelöstheit so zu eigen gewesen wie dem Meister Eckhart. Die Frühe des deutschen gotischen Geistes hat in ihm so seltsame als natürliche Höhe gewonnen. Geboren in Hochheim bei Gotha um 1260 aus einem kleinen ritterlichen Geschlecht, ist er nach reicher Tätigkeit als Lehrer und Prediger in Thüringen, in Paris, Straßburg und in Köln 1327 gestorben. Man mag ahnen, daß er die kirchliche Verurteilung, die nach seinem Tode eine Reihe seiner Sätze getroffen hat, wohl in der theologischen Absicht, aber kaum seiner innersten Überzeugung nach verstanden hätte. So sehr war er zu einer großen und gelassenen Grundeinheit von Lehre und Gefühl hingelangt. Man wird sich nicht leicht unterfangen, in diese Lehre, das heißt auch nur in den deutsch vorliegenden Teil derselben, einzudringen, um sein »Ledigwerden« der Kreatur von Gott, dieses Einsinken des eigenen Wesens in den göttlichen Grund zu begreifen. Eckhart sagt: »Wiltu den kernen haben, so muostu die schalen brechen.« Und dagegen kann man Goethes Wort stellen: »Natur hat weder Kern noch Schale, alles ist sie mit einem Male.« Man kann den Gegensatz hören, aber die Überlegung wird zunächst doch nur ein Spiel bleiben.

Eher wird man sich wohl ein Geistesbild machen auf dem Umweg über die gleichzeitige gotische Kunst. So wie sich in der gotischen Frühe die steinerne Schwere der romanischen Figur, ihre Selbstbehauptung im eigenen Raume, ihr Vorgebot zu ihrem zeithaften Accidens von ihrem tragenden Grunde her verlor und die Gestalt in eine pfeilerhafte Schlankheit und in die Inbildlichkeit zurücktrat, so will auch bei Eckhart das Wesende, seiner selbst »ledig«, in den immer aus dem Raume fortweichenden letzten Wesensgrund sich einfinden. Dort, in der geschichtlich stärkeren Zeit, will das Dasein identisch werden mit seinem hinausgeborenen, zeithaft bestimmten Accidens; hier sucht es das identische Gefühl mit seinem inneren Bau oder mit dem bloßen Bereiche seines letzten Seins. Während jenes erstere den deutschen Geschichtsbereich innerhalb des Geistigen geschaffen hat, scheint dieser »gotische« Wille zu einer letzten »Identität« mit dem Urgrunde, um seiner selbst so gewiß wie verlustig zu werden, wohl das noch mehr Deutsche bei Eckhart. Es kann überhaupt als das noch Deutschere erscheinen, da offenbar auch die deutsche Sprache selber, nachdem sie die geistige Entbindung zu sich erfuhr, ein Entzücken darin findet, zwischen Gedanke und Sprache mit dem persönlichen Sinne zu ersterben und rein sich einer bewegten Weisheit des Gefühles hinzugeben. Es ist wohl auch etwas von einem pflanzenhaften Sinne dabei, indem alles andere vergessen bleibt im Sinne der einen Richtung. Und so hat Eckhart eine Eigenschaft der Gotik, nämlich ihre mystische, ganz in sich gelebt und ausgesprochen. Und das Erstaunliche ist eben, wie gerne Meister Eckhart auch deutsch seine Weisheit zu sagen fühlte. Es ist eine unglaubliche Mühelosigkeit des Gedankens. Es ist wie in jener Erzählung von Meister Eckharts »Tochter«, welche an die Pforte gekommen sei und gesagt habe, sie sei weder ein Mädchen noch ein Weib, noch ein Mann noch eine Frau, noch eine Witwe noch eine Jungfrau, noch ein Herr noch ein Knecht, noch eine Magd, »ich bin ein Ding wie ein ander Ding und laufe so dahin.« Da habe der Meister Eckhart gesagt: »Mich dünkt, ich habe den allerlautersten Menschen gehört, den ich jemals zu finden vermochte.« Derart einfach scheint auch die Weisheit hier geworden, sie scheint wie ein Ding, welches nur noch dahinläuft. Und so kommt das Wort von der Kemenate auch hier nochmals zu einer geistigen Deutung. Aber auch jene andere mitteldeutsche Eigenschaft der Unverbundenheit scheint hier wieder zu sein, die, ganz in der deutschen Mitte begründet, sich doch fast stammlos darüber erheben konnte, so wie wir es auch bei Novalis erkennen mochten.

In Goethes Bereich

Im Abgesang des thüringischen Geistes kommt nun jenes letzte große Reich, das »Goethe« heißt und das es wieder mit ganz neuen Maßen auszumessen gälte. Goethes Urgroßvater war Hufschmied in Artern gewesen, in jenem nördlichen Altthüringen, wo wir unsere Fahrt begonnen haben. Herzog Ernst August hatte 1742 das Herzogtum Sachsen-Weimar wieder vereinigt. Der übernächste Herzog war Karl August, der zunächst unter der Vormundschaft seiner Mutter, der Herzogin Anna Amalia, stand. Und diese beiden sind nun die berühmten Namen in Goethes Freundschaft und im Ruhme Weimars, wohin Goethe im November 1775 geholt wurde. Sein Haus am Frauenplan — diese Namensbezeichnung ist bekannt wie irgendetwas in der Literatur — ist später zum Goethe-Nationalmuseum bestimmt worden. Es macht Freude, in der Nähe Wohnung zu finden, in einem Gasthaus, das schon die Empfehlung Goethes gefunden hatte.

Das also ist die Stadt, wo ein langes und selten glückliches Dichterleben Zeit und Ort fand, sich in einem Werke bis zur Vollendung auszubauen, ohne das kein Deutscher leben kann. Zu einem Werke, das mehr dem Geiste als der Geschichte zugewandt ist, mußte wohl dieses glückliche Lebenslos gehören. Das Glück selber scheint den Stempel der Richtigkeit darauf zu drücken. Und wenn es ja nicht Goethe allein ist, sondern Schiller, Wieland, Herder und andere, die den Weimarer Musenhof bildeten und belebten, so ist er doch eben der Lebendigste und also auch wiederum von der Verpflichtung des Geistes Freieste, dem das neidlose Glück die ganze Szene der Musen übergab.

Die Anfahrt nach Weimar läßt die Wohllaute einer Gegend ahnen, wobei doch, ähnlich wie bei dem Gedanken an die geschichtlich kleinen Verhältnisse der fürstlichen Gesellschaft, auffällt, wie wenig auch eine Landschaft den zureichenden Grund zu geben braucht für die Größe eines darüber schwebenden Dichtergeistes, oder aber auch, daß eine Wechselwirkung der zurückgegangenen Geschichte zu dem freieren Walten des Geistes stattfindet. Nördlich blickt man nach dem Ettersberg. Überall fand das dichterische Wesen hier Rahmen und Gelegenheit für seine Bewegung.

In engen Hütten und im reichen Saal,

Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Tal,

Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht

Und unter dem Gewölk der hohen Nacht...

Am Hang des Ettersbergs ist aber auch jenes Nachtlied entstanden: »Der du von dem Himmel bist, alles Leid und Schmerzen stillest...« Und über den Ettersberg zog Goethe auf seine winterliche Harzreise 1777. Auffällig wird für diesen Geist immer sein, wie er den Granit, und so wohl den Harz, liebte, das heißt, wie er ein Bewußtsein suchte, daß der Geist gleichsam in steinernen Grundfesten verankert sei. Dies ist der gleiche Goethe, dessen glänzender proteushafter Geist von Anfang an den Weimarer Kreis, wie Wieland, Gleim und andere berichten, in Entzücken versetzte und zusammenband.

Man kann einem Genius, dessen Walten so vielfach durchforscht ist, nur in wenigen Spuren nachgehen. Man sieht das Schloß in Weimar und nimmt sich eine Morgenfrühe zu dem Gang durch Goethes geliebten Park nach seinem Gartenhaus, wo sich die Dichtung bei ihm so reich behauste. Sein Haus am Frauenplan gibt dann, obgleich man seinen gepfropften Inhalt nur wie ein Museum anschauen kann, doch einen entscheidenden Eindruck. Es ist der Begriff, daß hier ein Zeitabschnitt bildhaft geworden ist, nämlich jene Zeit, in welcher das Vorwalten der geschichtlichen oder ins Universale gesteigerten Maße überging in die Maße der frei waltenden Persönlichkeit. Anschaulicher noch erkennt man, wie der hohe Überschwang des Barock und die Losigkeit des Rokokos nun gleichsam unter den Frontispiz des Geistes, unter den klassischen Dreiecksgiebel tritt und in genauen Räumen anbehaust wird. Man sieht, wie sich etwa auch die Proportionen klassischer Bildnisse in Marmor gegen die bürgerlichen Räume wehren und wie daraus doch die innere Berührung mit einem neuen Menschengeiste entspringt. Das Bild der Welten, so wie es im unruhigen faustischen Worte neu hervorbricht, wird doch zusammengedrängt und gliedert sich in Gesetze. Und zu diesem Bild und seinem Umsatz in andere geistige Verhältnisse gehört auch die neue Leidenschaft für die Natur, die zugleich vom Sammlergeiste genutzt wird. Der berührendste Eindruck wird aber immer sein, wenn man Goethes Arbeits- und Sterbezimmer betritt. Die einfachen Dinge der verlassenen Täglichkeit treffen abwehrend den neugierigen Geist.

Die andere Kraft, die der Gebundenheit ablösend entgegen läuft, ist der Überbau des waltenden Geistes über die Natur, und sie heißt bei den Deutschen vor allem Goethe. Es ist fast noch weniger die Dichtung, und gerade auch im Lyrischen trotz der Lyrik als eines letzten waltendsten Elementes bei Goethe, es ist die ganze Welt des an sich Aussprechbaren, welche hier den Deutschen einmal geschenkt wurde. Diese aussprechbare Welt leidet nicht mehr an dem »Mangel« in sich, an dem geschichtlichen Gegensatz von Bild und Wort, wovon eines das andere in seinen bestimmten Raum bringt und weniger noch den Menschen als einen unausweichlichen Sinn des Daseins in der Zeit dahin führt. Und wenn Goethe Mignon sagen läßt:

Und jene himmlischen Gestalten,

Sie fragen nicht nach Mann und Weib,

Und keine Kleider, keine Falten

Umgehen den verklärten Leib,

so geschieht dieses Sagen aus dem Geiste, welcher, dem Wesen von Mann und Weib der Geschichte entglitten, auch die geschichtlichen Hüllen ablegt. Wir glauben zu erkennen, wie dieses naturgeistige Wesen Mignon auch von der wie ein geschichtliches Ding noch bezeichenbaren Tochter des Meisters Eckhart entfernt ist. Da ist nicht mehr der geschichtliche Sinngang, es ist ein anderer Geist, und dieser ist wie ein Element und Gleichnis der Natur. Auch in einem scheinbar einfachen Naturgedicht »Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll, ein Fischer saß daran« ist alles zugleich der Abschein von einem Gleichnis. Das Wasser ist das Element des Sinnes. Der Sinn zielt auf ein Einswerden mit seinem Elemente.