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Konrad Weiß: Deutschlands Morgenspiegel (Teil 1.2)

II
Harzreise

Das königliche Haus

Das Sinnbild des Harzes

Blick vom Brocken

Der Harz lockt uns auf andere Art zu einer Reise als die Alpen; er lockt uns wie eine Dichtung.

Im Rande der Natur

Eine solche Reise kann wie ein Märchen sein, ein Märchen nämlich von einem Kristall, dessen gedrängtes und aufgeschlossenes Gebilde, nach allen Seiten heimlich glänzend, in der Mitte von Deutschland liegt. Der Blick, der über das weite Land und über den Kristall darin gegangen ist, hat etwas Unvergeßliches von einer stummen Dichtung in sich aufgenommen. Das waldige Gebirge, bis zum Absterben der Bäume aufsteigend, ist wie eine Natur im Urkern, die ihrerseits selbst nicht fruchtbar werden will, die aber eine uralte und unveränderte Kraft bewahrt, an welcher sich, in den näheren Zeiten entstanden und in menschlichen Bauten zum Ewigen gewendet, ein geschichtlicher Umriß mit den Werken des fruchtbaren Geistes spiegelt. Die Geschichte ist in dem, was ihr Hauch ist, das Ewigere, und in ihrer Erfüllung ist sie doch das Reich des gewordenen Wechsels, und so siedelt sie in den Randformen der Natur. Sie stört den Mythos der alten Schöpfung nicht; aber was bewußt wird aus den blinden Augen der alten Natur, geht in die neueren geheimen Formen der Geschichte über. Die Natur wartet mit ihren eigenen grundhaften Maßen, aber die Formen der Zeiten haben ihre andere und inständigere Betroffenheit. Die Kunde, die sie in sich tragen, deutet keinen Inhalt der Natur, aber sie bedeutet eine vorhandene Stärke. Eine starke Natur, ein mächtiger Kristall des Wesens trägt eine große Kunde. So haben sich Bauwerke wie geistige und wissende Aufschlüsse in unsere älteren Zeiten gestellt; und so stehen Bauwerke wie die innerlichen Regelungen des uns gewordenen geschichtlichen »Zufalls«, wie die lesbaren und doch nicht ins Letzte erschlossenen Geschaffenheiten unseres Mittelalters in ihrem Umkreise um den Harz. Das Innerste des Wissens bleibt wie ein Kern von unbegreiflicher Dichte.

Der Rand der Natur bleibt wie ein kristallhafter Umriß behütet. Gerade das Gebirge des Harzes zeigt so wirklich wie sinnbildhaft mit einer seltenen und reinen Auffälligkeit in seiner aufgespaltenen und geschlossenen Umrandung wie etwas Unstörbares die Verhältnisse eines eigenen Bereiches. Die Geschichte betritt den inneren Kreis der stummen steinernen Natur nicht, die dunklen Brauen der Bäume und Wälder bleiben dem blinden Blicke zugekehrt, mit welchem die Natur in sich selber ausharrt. Dies gibt auch die bis zum Erhabenen starre Melodie des Harzes. Man denkt ihn als Waldgebirge in einem einzigen unrückbaren Laut zu verstehen, wenn man vom Thüringer Wald querüber herwärts kommt und von diesem die wohl in größeren Linien hochgetragenen, aber wohl auch schwankenderen Schönheiten noch im Gefühle hat. Gehalten und mit ernstem Kerne, so liegt der Harz ohne stetigen Anteil am belebten Dasein, aber als ein stetigeres Gewicht in der Geschichte.

Man kommt aus Thüringen auf die lange Südseite des Harzes heran über Nordhausen, wo alte Kaiserbilder als blumige und etwas bäuerliche Gestalten an den Hochwänden des Chores im gotischen Dome stehen. Man findet dann in der schmalen Ostflanke, wo sich der Harz im Laubwald herabsenkt, die beispielhafte Vollkommenheit der romanischen Basilika von Gernrode. Und wenn man am anderen Ende, wo die dunklen Nadelwälder von den Tälern zu den Bergen steigen, die hohe und ähnlich schmale Westflanke überwunden hat, kommt man bald in das stille Gandersheim mit seinem wie von einem alten geistlichen Gespräche nachklingenden romanischen Kirchenraum. Auf der langen Nordseite des Harzes aber ist Quedlinburgs aufgetürmte romanische Begräbniskirche voll des Gedächtnisses an den Beginn der Sachsenherrscher; dann folgt die geschichtlich und baulich reiche Ehrwürdigkeit von Halberstadt, und gegen Nordwesten Goslar, die kaiserliche Stadt. Wiederum stehen hier mittelalterliche, farbige Kaiserfiguren an der Stirnmauer der resthaften alten Domkapelle und schauen aus den fremdgewordenen Ordnungen der Geschichte in die Gegenwart. Der ganze Harz ist von den Erinnerungen an die sächsisch-ottonische Zeit eingefaßt, wozu sich in Goslar noch die salische Größe gesellt. Die schöngeformte Masse des Gebirgs aber liegt wie ein schräger Riegel von Südost nach Nordwest in der Mitte Deutschlands. Sowohl im Süden, in Nordhausen, wie im Norden, in Quedlinburg, wird das legendäre Gedenken an den Finkenherd gepflegt, von welchem man dem ersten Sachsenkönige Heinrich seinen Beinamen gegeben hat. Und in den frühen Aufschreibungen der mittelalterlichen Geschichte hört man immer wieder die Orte am Harz genannt, wo die deutschen Kaiser, von ihren Zügen zurückkommend, Ruhelager und Tagungen hielten und die kirchlichen Hauptfeste feierten.

»Dem Geier gleich«

Es ist eine erwartungsvolle Lust, nach dem Harz zu fahren. Die Gedanken fliegen darauf zu wie Vögel und kreisen noch im Gedächtnis darum wie um einen Vogelhorst. Auch die große geebnete Welle der weiten Felder Thüringens gehört zu diesem fliegenden Anlauf der Blicke und ebenso dann der weite jenseitige Ablauf des Landes, der nach Norddeutschland führt. Wenn die heiße Sonne auf die Ackerböden brennt, daß sie in nackter rötlicher Reinheit erglänzen, und alles Bepflanzte deutlicher mit der Trockenheit in unkrautlosen, gartengleichen und doch zu weiten Fernen gerichteten schönen Zeilen ergrünt oder sich, im Winde fächelnd, zur Reife färbt, scheint unter dem blauen Himmel der silberne Mittagsduft unermeßlich, bis er von dem tieferen Blaugrün der nahenden Waldhöhen gleichsam angesaugt und weggewischt wird. Und so fühlt sich auch der Reisende auf einmal von der Ebene weggenommen und in den Harzwald eingeschluckt; und er spürt, wenn er dann auf der ersten großen Höhe aufwärts kommt, die Einheit der ernsten, anderen Landschaft.

Der Harz ist ein Land im Lande und hat seine eigenen Züge im deutschen Bilde. Ein Trupp von Arbeitsleuten kommt über die hohe Straße herab, und man denkt, daß es wohl Holzarbeiter oder noch eher Bergleute sein müssen. Ihre Gestalten sind gedrungener als die von Landleuten und haben auch die kürzeren Bewegungen, welche mehr zu einer nahen Arbeit als zum Schaffen im größeren Felde gehören; ähnlich wie sich auch ihre Werkzeuge von denen der Bauern unterscheiden. Inzwischen ist uns auch, indem die Feldungen sich verloren haben und die Höhe den Umblick gab, der andere Klang der Landschaft wichtig geworden. Die erste Höhe hat uns gleich wie mit einer großen Strophe in eine kommende Dichtung geschickt. Die Höhen greifen sich und schließen hintereinander, und während wir alsbald in Hängen und Tälern der schmäleren Mitte des Harzes schon zueilen und die Stunden um uns ihre Schatten Verlängern, haben wir bereits den Brocken erblickt, den stärksten Höhenzug, mit einer nicht spitzen, sondern langsamen und schweren Zubildung nach oben, der im Blauduft der halb nördlichen und westlichen Ferne erschienen war.

Es war das entscheidende Bild, auf das man gewartet hatte, mächtig und doch nicht von der einsinnigen und undeutbar aufgestellten Kraft eines felsigen Gebirges, sondern eben, wenn man die Wirkung des Anblicks so benennen will, bildhafter. Das will sagen, daß die Wirkung dem Menschen näher kommt. Er findet sich ihr zugeteilt durch eine mehr sehnende, mehr anfühlende, jedenfalls stärkere Möglichkeit der Stimmung, welche gerade hier in den gemessenen Verhältnissen eintreten kann gegenüber dem in keine Sehnsucht beschließbaren Anblick des Alpengebirges. Hier ist nicht bloß ein dauernder Blick, der vor der Größe staunen muß, sondern hingezogen zum schweren, durch den Brocken gescheitelten Bild der Berge fängt gleich der innere Sinn des Schauenden an zu weben und bald wie in einer Dichtung zu schwingen. Es scheint uns ein epischer Zug in diesem Harzlande zu wachen, in welchem jeder Teil von Bergen und Tälern, Weitungen und Engen, Breithängen, Hebungen und Kuppen, zuerst in sich wohlgebildet und dann zusammenkommend und zu dem ganzen Gebirgskörper anschwellend, Anteil hat an dem maßvollen Bilde der Größe. Auch wenn wir später sehen werden, wie sich die Landschaft um den Brocken einschneidet und strenger erhebt und einsam wird und aufsteht bis zu der kahlen Unwirtlichkeit des Brockenhauptes selber, und wenn so das innere Gefühl herber wird und sich vom äußeren Bilde abtrennt zu der Empfindung einer einsamen, heroisch verdichteten deutschen Landschaft, so bleibt für uns doch auch der erste volle Zusammenklang über der Harzlandschaft liegen, und diese Zweiheit von einer erst gedrungen erfüllten Weite zu einer bildhaften einsamen Nähe, dies Widerspiel füllt sich in unsre Brust als die Wesensart des Harzes, bis sie sich zu der großen und letzten Strophe der herben Einsamkeit hinaufsteigert, welche der Brocken selber ist.

Wir können uns den jungen Goethe vorstellen, wie er im winterlichen Sturme, alles wie eine unfaßbare eigene Seele zusammennehmend, durch die große stumme Landschaft strebte. Eben die Leidenschaft, mit der er in dieser stummen Welt für den eigenen Lebensgeist Zwiesprache sucht, wie er ungestüm, »fragmentarisch, geheimnisvoll«, in »kaum geregelten rhythmischen Zeilen« hier die Maße für die »allerbesondersten Umstände« seines augenblicklichen Fühlens errafft, eben dies kann ein Beweis sein, wie das Erlebnis des Harzes zu einem kämpfenden Einklang ein Maß gibt. »Dem Geier gleich, / Der, auf schweren Morgenwolken / Mit sanftem Fittich ruhend, / Nach Beute schaut, / Schwebe mein Lied.« Im frühen Dezember 1777 stand Goethe auf dem Brocken, grenzenlosen Schnee überschauend. Noch gerne hat er später selber den Inhalt des Harzgedichtes erläutert.

[Walkenried, Kreuzgang der Klosterruine der 1127 gegründeten Zisterzienserabtei]

[Madonna von Walkenried]

Im hohen Abendlicht

Der Zugang, mit welchem wir den Beginn und alsbald die geahnte Fülle des Harzes erlebten, ging von Nordhausen über die Hohegeiß, das höchste, weitschauende Dorf im Harz, mit dessen Höhe das in Wäldern versteckte Schierke im entfernten Brockengebiet wetteifert. Nun haben wir zunächst durch Taler hin die heimelige Fahrt in den Abend. Wir wenden uns bei Elbingerode nach Rübeland, dem »rauhen Lande« mit den berühmten Höhlen, und folgen, während die Abendschatten in die tiefen Täler streifen, der schönen, nach Osten fließenden Bode, die bei Thale den Harz verläßt. Unser Wagen trägt uns von Treseburg in den Schwüngen der Waldstraße hinauf zum Abendlicht, und während die Sonne weit über den Wäldern im hohen Westen scheiden will, sind wir im Osten des Harzes auf der Roßtrappe.

Die große goldene Scheibe der Sonne senkt sich, immer röter erglühend, als wir auf den steil und trümmerhaft aus den ungeheuerlichen Klüften des Bodetales heraufsteigenden Felsen der Roßtrappe heraustreten, über die von Farben in ihrem Grün auflodernden Wälder, und ganz zur Kugel geworden scheint sie nun auf dem First des Gebirges zu rollen. Das Rauschen der Bode dringt mit stiller und gleicher Kraft herauf, und ein letztes Vogelzwitschern erfüllt die Luft. Wir sind auf dem hohen Felsen, dessen Vorsprung etwa wie eine gigantische Felsruine gegen die Mitte des Kessels hoch herausgestellt ist, wie im Mittelpunkt einer gewaltigen Kelchschale, da der Umkreis der Berge noch höher ist und jetzt gegen den milder werdenden Himmel mit scharf gezeichneten Rändern um uns greift. Die Sonne ist schnell hinter dem hohen Westrande hinabgetaucht, und gegenüber unserem Standorte jenseits der Schlucht des Bodetales glänzt der sogenannte Hexentanzplatz noch im hohen Lichte bleicher werdend nach. Zur Ostseite hin aber ist das Tal offen wie durch ein zerbrochenes Gebirge, und man sieht das ebene Land, das den Abendschimmer bis in die Ortschaften hinein festhält. Um uns aber bleibt die abendliche farbige Schale; und so trinken wir sie und in ihr aufgehoben unser Wesen selber zur Neige des Tages heiter bewegt.

Wenn das Auge von der sinkenden Sonne geblendet ist, werden ihm die dunklen Spuren der Erde geheimnisvoller. Auf solche Weise sehen wir vor unseren Füßen, wo wir auf den von ungezählten Zeiten abgeschliffenen Steinplatten stehen, nach Sonnenuntergang gerichtet, jene uralte Spur im Steine, von welcher die Roßtrappe ihren Namen hat, welche am Tage nüchtern deutlich, aber jedenfalls groß, und jetzt wie ein Stempel der Vorzeit ist. Die Sage berichtet, daß die von dem Böhmenkönig verfolgte schöne Riesentochter hier über den Abgrund gesprengt sei; im Hinüberfliegen sei ihre Krone in den Fluß hinabgefallen; und »oben auf der Klippe ließ den Fußtritt das Riesenroß«. Klopstock, als ein naher Sohn dieser Landschaft, hat in einer Ode die Sage bedichtet und an dies »einzige Mal der Urjahrhunderte Deutschlands« Gedanken über Deutschland, über Wasserrauschen und Weissagung geknüpft. Auch heute noch raunt unser Naturgefühl, daß wir auf der Roßtrappe an einer urgermanischen Kultstätte stehen. Für die Zurückgehenden ist inzwischen die Aussicht nächtlich geworden. In der näheren Tiefe funkeln die Lichter der Ortschaft Thale, und im weiteren Lande draußen erkennt man an leiseren Lichtern die Lage von Quedlinburg und nördlicher das größere Halberstadt.

Brockengefühl

Aber es gibt noch ein anderes Sagengefühl, das nicht aus romantisch reicher Landschaft, sondern aus einem Mangel, aus einer schweren Form der unwirtlichen Erde, aus einer Not des Sagens und Glaubens entsteht, weil der Blick in Stummheit an die ringsum greifende Macht eines unaussprechlichen Lebensraumes gebannt ist. Damit möchte man, wenn ein Tag der Sonne in die Kälte des Abends übergeht, wenn sich der Dunst wie ein bläulicher Regen vom Lande herein und aufwärts lagert und doch im steten kalten Winde geisterhaft durchsichtig bleibt, den Bannkreis des Brockens bezeichnen. Draußen im flachen Lande, das man weit in halber Verhüllung erblickt, zieht sich noch das warme Tageslicht wie Gold aus den Ebenen. Aber der Himmel nimmt darüber ein kaltes, gewitteriges Blau an, das unserem Gefühle näher ist; und rings um uns ist alles in einen Halbschein getaucht, der über den breiten Steinfeldern des Brockenhauptes eine schwere und doch in dieser Steinsaat von Riesenmaßen ungreifbare und leblose Wirklichkeit erzeugt. In dem Gestein, das, durch Art und Alter grau und stumpf erglänzend und teilweise wie durch ungeheuren Zufall geschichtet, doch nicht von der Erde verschwinden kann, sondern im Kampfe mit der daran gleichsam witternden Zeit um so deutlicher erhoben bleibt, ist eine starre Zwecklosigkeit, die uns fliehen machen will.

Denn es kann geschehen, wenn man sich zwischen das gewaltige Geröll begibt, das von Sträuchern und zähem Gras, manchmal mit einem dunklen Wasserblick darunter, umgründet ist, daß auch die Gedanken des Schauenden wie Steine zerworfen werden, als sei die ganze Erde ein ungeheuerlich zerworfener Zufall. Es berührt uns merkwürdig in diesem Zusammenhang, wenn Goethe aus seiner klassizistischen Gedankenwelt vor allem an den Granit denken will, an das Körnichte und Bleibende in einer »verwehenden Meinung«, und sich so an die unerschütterliche Schöpfung zu klammern sucht gegenüber dem weichen und erschütterlichen Herzen. »Hier ruhst du unmittelbar aus einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinabreicht.« »Diese Gipfel haben nichts Lebendiges erzeugt und nichts Lebendiges verschlungen; sie sind vor allem Leben und über alles Leben.« In eigentümlichem Zusammenhang mit diesem kosmischen Ansatzgefühle Goethes steht dann aber auch in seinem »Faust« die hexenhafte Entbindung und aus dem Sinn des geistigen Lebensgründers entschlüpfte Bildung des Pandämonischen und Gnomischen, der Grimasse, mit welcher der Geist spielen muß, wie die erstarrte Natur mit dem Zwecklosen. Dies scheint wie die notwendige Geburt von Nachbildern in der geistigen Entwicklung, wenn die Geschichte des Lichtes sich untergräbt, und wie die Erfahrung eines Augenblicks in der Geschichte des Menschengeistes, der seinen eigenen Gebilden nicht entrinnen kann. Und so schwindet nun auch das Bild des Brockens in die Nacht, mit dem trümmerhaften Feld, in dem die Steine sind wie die dunklen Körper von erschlagenem Licht. Durch Goethe ist der Brocken zu einem Schicksalsberge in der Mitte Deutschlands gedichtet worden.

Das war also, von Wernigerode über die Dörfer Elend und Schierke herausgekommen, die auch in der Faustdichtung genannt sind, das Erlebnis eines Abends auf dem Brocken. Aus dem absterbenden Walde kurz vor dem Gipfel kam noch eine große Hirschkuh heraus und verschwand alsbald wieder. Die breite Gipfelfläche aber, die auch ein mit Mühe in dem Wind gehegtes Alpinum trägt, ist baumlos. Sonderbar ist, daß man auch im rauhen Abenddunst vor der erstarrten Flut der Steine und mit dem Turme und den wenigen gedrängten Bauten auf der Höhe an den Anblick einer Hafenstadt denken kann, die etwa an einem unwirtlichen Meere steht. Am frühesten Morgen aber, beim Sonnenaufgang, bevor die neue Tageswirklichkeit beginnt, gibt es einen Augenblick, wo die Farben nicht schlafend und nicht wachend auf der Erde und in der Luft liegen, als ob sie niemals sterben könnten und leise einem andern Weltraum zugehörten.

Ein Vormittag in Gernrode

Vom Sinn der deutschen Frühe

Eine Waldfahrt am frühen Morgen steht als ein eigenes Stück Leben unter den Eindrücken einer Reise. Der Wald ist noch wie ein dunkler Spiegel, und auch die Schatten, die noch weit über die Straße fallen, sind spiegelhaft und lockend, auf daß man, manchmal plötzlich von der schon heißen Morgensonne geblendet, gerne wieder in den stummeren Spiegel hineinfahre, der gegen die eilende Tagesschwüle mit einem kühlen Ernste der Nacht beständiger geblieben scheint. Auch die Gespräche überschreiten noch gerne die ans Nächste gebundene Grenze und wiederholen an den gesehenen Dingen der durchfahrenen Tage nicht das kleine vernünftige Maß, sondern den tieferen Traum des Geistes.

Geheimnis der Frühe

Wir hatten am Nachmittage des vorigen Tages eine wunderbare nachromanische Steinmadonna in Walkenried am Südharz gesehen, wo wir die mächtige mittelalterliche Klosterruine besucht hatten. Die schwere Steinmasse einer solchen frühdeutschen Figur will immer noch unseren anders gebildeten Augen nur als eine beschränkte und des Wesentlichen nicht mächtige Schönheit erscheinen. Sie sehen nicht die Macht, die einen Stein in Bewegung zu rücken weiß, ohne zuerst und hauptsächlich die uns geläufigen Körperbewegungen nachzubilden, für welche Macht vielmehr diese geläufigen Körperbildungen erst als die zweite Ordnung eines kleineren Geisteslebens nachkommen. Die erste Ordnung aber, diese Rückung eines Steines unmittelbar durch eine schaffende Herzkraft der Zeit gehört zu einem anderen Geiste, der aus dem Rohen so ungeheuer wie schön zugleich durchschimmert. Da sind noch die Augen in dem tieferen Sinne mächtig, der nicht sich selbst, sondern die Erde öffnet, und der sich darum auch nicht mehr schließen kann, es müßte sich denn die Erde selber wieder schließen. Da scheint der Mund eine bloße sprechende Kerbe; aber diese spricht wie Atmung des Steines und eine ewige Lebensluft und nicht wie Lippen, welche bloß das menschliche Dasein wissen. Da erscheint das Lebende nur angedeutet, und alles ist doch stillschweigend von den Hebungen innerer Kräfte, von einem Wesen, das eine noch immer tiefere Ergrabung aus sich erspiegelt, beherrscht. Je tiefer diese Erspiegelung — und sie ist in dem scheinbaren Zwiespalt des bewegten Geistes zu dem rohen Stoffe sichtbar —, desto reiner und größer ist das schaffende Herz der Zeit. Es ist die unmittelbarste, zuvorkommendste Möglichkeit des Ausdrucks, von welcher alle bloß naturmäßige Nachbelebung des Geistigen übersprungen wird. Die Schönheit als ein Wesen der näheren und eitleren Ganzheit scheint dabei zerbrochen und in den Stein und Schöpfungsstoff hineinverzehrt. Aber wer lange ein solches Werk beschaut, indem er dabei statt des bloßen Gesichts immer mehr ein schweres Erdgewicht zu erfahren glaubt, dem kann es nicht entgehen, daß hier der tiefere Traum der Schöpfung und des Geistes zugleich wacht und schlummert. Schönere Schattungen der Erde sind darin lebendig, als ob sie, mit der Regung der ersten Schöpfung selber nach außen gerückt, das ewige Ganze um so mehr ahnen lassen, je mehr sie es in der dinglichen Brechung, in der nachgebliebenen rauheren Maser der Erde verbergen. Und also, indem wir jetzt durch die Schattenspiegel des Morgens fahren, die der Wald uns gibt, lieben wir, halbwachend im helldunklen Widerspiel, den Geist, der in den frühen Dingen unserer Kunst, roher scheinbar, aber inniger bewegt, auf Erkenntnis wartet.

[Gernrode, Westwerk der Stiftskirche St. Cyriakus]

[Gernrode, St. Cyriakus, Blick in Mittelschiff und Westapsis]

Das Land ist reich und still. Wir fahren gegen Osten aus den hier niederen Wäldern des Harzes hinaus; und der Himmel, dessen Blau schon in der Frühsonne von der Roßtrappe aus in einer überhellen Mischung mit weißen Wölkchen erschien, nahm, als die Felder offener wurden, über ihnen einen großen gewitterigen Schmelz an. Merkwürdig, wie wenig auch ein Auto manchmal als Störer einer Landschaft erscheinen kann. Während unsere Straße an einem Getreidefeld entlang führte, das nur durch einen schmalen Grasstreifen jenseits des Grabens von uns getrennt war, sahen wir einen Fuchs um die von den hohen Halmen gebildete Ecke des Gevierts verschwinden; und bis wir in die Nähe der Stelle kamen, hatte er auch schonseinen Kopf mit der spitzen Schnauze zwischen die Halme getaucht und mit einem Stück Geflügel zwischen den Zähnen zurückgezogen. Unser Wagen schoß weiter, und der Fuchs überquerte hinter uns ziemlich gemächlich mit seinem Fang die Straße.

Das lenkte die Gedanken über die Kunstdinge auf die umgebende Natur zurück, bis der Freund am Steuer, nun plötzlich gedrängt, den ersten Umblick über den Harz mit seinem süddeutschen Heimatbewußtsein zu vergleichen, meinte, daß in der Sättigung des Gefühls doch die Harzlandschaft mit dem, was eine Voralpenlandschaft darin gebe, nicht wetteifern könne. Ja, darf man sagen, die Harzlandschaft ist in ihrer strengen Schönheit geschlossener, und so wie ihre stumme Natur uns zur Zwiesprache begegnet, wie sie sich unserem Andrang in gemessener, dichterischer Weise überläßt, so gehört sie zu einer bestimmbaren Natur. Ist nicht dagegen das Gefühl zu den Alpen hin weniger bestimmbar? Und dennoch, wie nun das menschliche Herz einmal ist, es liebt den noch größeren Zwiespalt, es liebt die noch größere Unzugänglichkeit und noch unfaßbarere Zwiesprache. Es will noch mehr durch den Mangel der nahen Bestimmbarkeit zur Größe geführt sein. Und — was das Geheimnis unseres dereinst aufgebrochenen Sinnes nun selber zu sein scheint — es fühlt sich durch die Unzugänglichkeit geförderter, es fühlt sich in dem größeren Gegensatz geborgener. Ist dies nicht der unfaßliche Zwiespalt unserer frühen Geschichte gewesen, daß unsere alten Stämme wandernd den Weg gingen, wo das südliche Gebirge Erde von Erde trennt und sich gleich dem unübersteiglichen Himmel dazwischen setzt? Und wiederum aber, wie sehr unser Norden von jenem Süden getrennt war, so sehr hat er jenen Süden zu einer eigenen und neuen Fruchtbarkeit gebracht. Und was wir an jenseitigen Formen empfangen haben, hat sich durch unser Eigensein verwandelt. Es ist gleichsam aus einem wesenderen Ingrunde her neu in Anblick getreten, und eine andere Maser und Seele ist aus der Erde durch den glänzenden Spiegel der überkommenen Formen herausgebrochen. Das ist wie mit der Schönheit jener frühen steinernen Maria; sie rührt uns mit der Rückung einer Kraft aus der Erde und aus dem innersten Steine, welche den Kristall der schönen irdischen Naturruhe zugleich überschreiten und inniger befestigen will.

Was wir vom Süden bekommen haben, das scheint immer von der Kraft eines mittleren und bleibenden Ganzen. Es erscheint verbunden mit einem bestimmbaren menschlichen Geiste. Ist nicht dieser Geist durch uns unbestimmbarer und doch reicher an Bestimmung geworden? Die Kraft eines mittleren menschheitlichen Ganzen und der Einsturm einer diesseitigen in eine jenseitige Welt — in diesen Zwiespalt gesetzt aber ist der germanische Sinn zum Ansatz einer neuen Zeitordnung geworden. Menschheitliche Ideen und weltgeschichtliche Gedanken — was ist größer? Aber wenn jene ihren Inhalt und ihr Wunschbild im Süden angelegt haben, dann ist die deutsche Hinzukunft zum Riegel und Hebel der geschichtlichen Wirklichkeit geworden. Kaiser und Könige — die deutschen Kaiser haben den Ideen Vermehrung und Verwandlung zugetragen, und dies ist geschehen unter Hinzufügung vielen deutschen Opfers; ihr Kaisertum aber setzt den Sinn des Königtums voraus, über dessen Schwelle die Ernte in das Volk heimgebracht wurde. Dies Kaisertum ist weniger ein imperialer als ein dividualer Begriff. Es bleibt im Sinne des Königtums, in welchem der Ort der Geschichte mächtiger wird als die Idee und in welchem sich auf dem deutschen Grunde die stärkste Bestimmung bauen konnte.

Nun sind wir hier in einer Fahrt um den Harz. Die Natur ist schön, aber woraus sich die frühe deutsche Geschichte hier bewegt hat, ist noch schöner. Keine Gegend ist so in dichter Einheit gekennzeichnet von dem frühen königlichen und kaiserlichen Wesen. Der Harz ist dazwischen wie ein ruhender Kristall, er ist ein Grundstock in Stamm und Reich geworden. Er hat die Bedeutung eines Innengewichts in dem geschichtlichen Reiche. Hier in seinem Umkreis lagen in der karolingischen Zeit die Besitzungen der Ludolfinger, und aus ihrem Stamm erhob sich klug und stark der Sachsenherzog Heinrich, den im Jahre 919 die Franken mit den Sachsen vereint als Heinrich I. zum deutschen Könige gewählt haben. Er wurde der Burgenbauer und der Bändiger der Ungarn. Hier ist der Fußpunkt für das große Ottonenreich, dessen Stammvater Heinrich ist. Seine Gemahlin war die tatkräftige Königin Mathilde. Sein Sohn wurde der große Kaiser Otto. Heute ist das geschichtliche Bild hier stumm, und wir lieben wohl noch mehr die sinnhaftere Lautheit gegen die Alpen; aber es ist hier voll von der sinnhaft bestimmten Schwere des Alters geblieben.

Die Gründung des Recken Gero

So, indem wir aus den Tälern des Harzes herausfahren, fahren wir doch erst recht in seinen geschichtlichen Bereich. Aber zunächst ist es nicht Quedlinburg, die Heinrichstadt, sondern Gernrode, das uns mit langem First den schön gestuften und vom Querhaus gekreuzten Bau seiner romanischen Kirche entgegenstellt, deren Westfront von zwei hohen Rundtürmen überhelmt ist. Die Stadt, nicht groß und noch schön vom Harzwald angeschattet, hat eine Kirche, die erstaunen macht. Es ist im übrigen eine jener Städte, in denen das norddeutsche Fachwerkwesen zunimmt und in denen unter diesen bürgerlichen Charakterbauten die großen geistlichen Maße von steinernen romanischen Kirchen stehen, welche wie frühzeitige Fremdlinge sind und doch die stärkste und bestimmteste Ortskraft geben. Vor allem diese Zyriakikirche in Gernrode ist ein solches Wahrzeichen. Das erste, nachdem man die Tatsache der Anwesenheit eines solch erlauchten Bauwerks im kleinen Harzstädtchen angestaunt hat, ist, sich diese Kirche als Beispiel einer seltenen baulichen Vollkommenheit zu erklären. Allerdings, soweit dieser Eindruck durch die Stellung des Baues auf dem heute parkartig umfriedeten Platze und durch die stilistisch restlose Fertigkeit nach außen verstärkt scheint, muß man gerade diese Verstärkung wieder abziehen oder anders empfinden. Denn früher, vor dem Abbruch der zu ihr gehörigen alten Klostergebäude, war die beispielhafte Schönheit der Kirche in der geschichtlichen Wirklichkeit noch lebendiger. Und sodann geht das heutige Aussehen wohl nicht unbeträchtlich auf Rechnung der Restaurierung im letzten Jahrhundert und eines zuletzt auch notwendig gewordenen Abbruchs mit Wiederaufbau der beiden Westtürme, an denen die bauliche Situation gefahrendrohend geworden war. Solche Maßnahmen wecken dann immer die Frage auf nach jenem Geheimnis, das uns von der Vergangenheit trennt, warum es uns nämlich nicht möglich ist, alte Formen so nachzubilden, daß das sprechende Wesen des baulichen Gefäßes und die Wirkung des Reliefs der Bauzieren erhalten bleibt, geschweige noch mehr Sinnkraft gewänne. Tatsächlich erleidet die sinnhafte Verstärkung wohl stets eine Verminderung; sie gewinnt für das Gesicht, aber verliert zugleich an worthaft schöpferischem Wesen. Jedoch ist hier ein Hauptwerk der Baukunst des ottonischen Zeitalters von sowohl äußerer Mächtigkeit wie innerer feinsinniger und großer Maßkraft der dreischiffigen Anlage. Und auch die mehr erneuerte Westseite hat zu ihrem stolzen Anblick Einzelheiten wie die um die Runden der Turmkörper oben gelegten Giebelfriese, wodurch jene ringhafte Kraft, die dem deutschen Turmgefühl eigen sein kann, scheinbar gestört und gerade dadurch verstärkt wird.

Aber vor allem muß uns da, wo der alte Bau als ein geschichtlicher Markstein ansetzt, die mächtig hingelagerte und hohe Hauptapsis über der Krypta mit ihren schweren unregelmäßigen Quadern beim näheren Umgang gefallen. Die faßbare Kraft eines Steines ist schöner als aller ästhetische Geist. So hat sich vor der Schwelle des ersten Jahrtausends der germanische Wille sein steinernes christliches Vermächtnis gesetzt, und die Apsis, die nach Osten rückt, mag uns hier noch Bestimmteres veranschaulichen, da in dieser Richtung auch der deutsche Grenzkampf nach dem Osten seinen starken Fuß ausgesetzt hat. Gernrode ist der Ort des Markgrafen Gero; er hat die Kirche 961 gegründet, die auch den Leib des verstorbenen Helden aufzunehmen bestimmt war.

[Das heilige Grab in St. Cyriakus zu Gernrode]

[Säulenkapitell um 1000 in der Stiftskirche zu Gernrode]

Ihr Inneres ist ein starker und großer räumlicher Wohllaut im aufgebrochenen Gleichklang der romanischen Bogenformen. Aber dieser Wohllaut hat eine eigentümliche Mischung. Es ist da im Grundriß noch etwas Ungefüges, das sich in der Ungenauigkeit der Winkel und in einer leichten Knickung oder Achsenabweichung nach Osten festgelegt hat und dem Baugefühl eine altertümliche Schwere beläßt. In dieses Gefüge hatte das früher entschiedener, ohne aufhaltende Bogen, durch die Vierung laufende Querhaus noch einen stärkeren altchristlich-geistlichen Zug hineingebracht. Diese schweigenden Kräfte gehen nun durch die zwischen Pfeilern auf Säulen, übrigens eigentümlich mit einem Spiel von Dreiecken oder Sparrenformen, gesetzten Bogenläufe an den Seiten des Mittelschiffs über in den rein und paarig gebundenen Raumklang. Selten, daß uns Blick und Klang von Pfeilern und Säulen so fest und frei zugleich durch rhythmische Gliederung aus dem bloß zweckhaften Takte wegnehmen wie hier. Und doch ist dieser Wohllaut nicht raumflüchtig, sondern setzt sich mit vermehrter geistiger Sinnfälligkeit fest, da über den Hauptbogen hier nochmals schöne Bogenreihen von gruppenhafter Gleichheit hinziehen, die zu den Seitenemporen gehören, welche die Gernroder Kirche als besondere frühe Eigentümlichkeit hat. Der Raumlaut vermehrt sich hier gleichzeitig wie Blicke und Stimmen und macht den reckenhaften Raum schwebender. Denn mit der Empore ist dies die Kirche eines Nonnenklosters, und auch als solche ist sie mit dem Namen des Gero und seiner Familie verwachsen.

Noch unter dem Sachsenkönig Heinrich I. erstand der nordthüringische Edle Gero als einer der Verteidiger und Vorkämpfer des Deutschtums in der früheren sorbischen Mark gegen den Osten. Gero wird 939 Oberbefehlshaber des Heerbanns gegen die Slawen, und Gero ist es auch, der Brandenburg vollends erobert und sichert. Er hat eigentlich die deutsche Herrschaft jenseits der Elbe begründet und ist im Kampfe gegen die Slawen schließlich auch noch über die Oder vorgedrungen. Von Otto mit Schenkungen ausgezeichnet, wird er, obwohl nicht aus fürstlichem Stamm, den Herzögen an Würde gleichgestellt. Nach einem Leben voll unaufhörlicher Kampfzüge und Waffentaten, während deren er auch immer auf die Befestigung der Gebiete bedacht war, trat er, da er seinen einzigen Sohn verloren hatte, von seinem hohen Amte zurück. Von dem Sohne war ihm dessen zwanzigjährige Witwe Hathui geblieben, welche mit Heinrichs I. Gemahlin Mathilde verwandt war. Für die junge Witwe baute Gero das Kloster Gernrode, in welchem Hathui auch als erste Äbtissin waltete. Wie Gero selber, der, nachdem er 963 nochmals eine Romreise gemacht hatte, während des Baues seiner Kirche 965 starb, so wurde auch Hathui nach ihrem Tode 1014 in der Kirche beerdigt. Kirche und Kloster aber gehören in das Bild der sächsischottonischen Kultur, an welcher edle und tatkräftige Frauen einen großen Anteil gehabt haben.

Also ist die Kirche von Gernrode die Kirche eines Edlen und Recken, und sie ist zugleich eine Kirche für Frauen. Beide diese Wesensseiten sind in ihr ausgedrückt. Man hat auch den Einfluß der Kaiserin Theophano in dem Bau gefunden und den oströmischen Gebrauch der Emporen für die Frauen als Vorbild für die Unterbringung der Nonnen in der Kirche genommen. Der schöne Gedanke gibt einen Einblick in den offenen und weitgezogenen Kulturgeist jener Zeit, wie wir denn, immer noch allzusehr in den Vorstellungen von einem ursprünglich beschränkteren Geisteswesen befangen, uns zu der Erkenntnis beeifern müssen, daß der Geist in seinen wahrhaften geschichtlichen Anfängen nicht klein, sondern groß und empfänglich sein will. Es will der Geist eines großen Gesetzes sein, welcher die Zeiten öffnet, indem er sich darin verschließt. Man möchte sagen, daß dieser Geist in dem engeren sächsischen Bereiche zugleich einem sehr männlichen oder weiblichen oder königlichen Wesen zugestrebt habe.

Ein Kleinod des zwölften Jahrhunderts

Aber noch ist nicht genannt, was uns in Gernrode die Stunden eines Vormittags am unvergeßlichsten macht. Es ist ein kleines Baudenkmal, gegliedert in Vorraum und Hauptraum, im Innern der Kirche selbst, welches, im südlichen Seitenschiff eingestellt, die Bußkapelle oder »das Heilige Grab« heißt. Nach Norden gegen das Mittelschiff her wie nach Westen hin hat dieser kleine Bau je eine plastisch-figürliche Schauwand. In seinem Innern steht neben anderen Figurenresten in einer Nische groß und feierlich, aber in einer ganz schlichten Größe, die Figur eines Mannes im Ornat. Die Wand vom Mittelschiff aus, teilweise beschädigt, hat Rankenzüge, die mit einigen ihrer Verschlingungen besonders germanisch erscheinen, durchsetzt mit Tiergestalten, und als Hauptfiguren Christus und Magdalena. Wenn schon diese Figuren von einer stillen und hehren Stummheit sind, die aber doch noch inhaltlich näher erzählen kann, so ist die Westwand mit ihrem im Geviert umlaufenden Rankenfries, mit ihren figürlichen Symbolen und mit einer einzigen weiblichen Gestalt zwischen Pfosten und Säulen in der Mitte ganz und gar wie eine wunderbare und rätselhafte Dichtung. Der kleine Bau im gesamten aber ist eine ganze Todes- und Erwartungsdichtung in Figuren.

Die Gestalt, das Weib in der Öffnung zwischen den Pfosten, ist wie der Mangel des Wortes zwischen Leben und Tod; und doch bleibt gewissermaßen die Türe geöffnet und die Gestalt, die Angel zwischen Dasein und Geist, wird nicht vertilgt, welche einmal so im Leben war, daß sie auch sein letztes Schweigen noch wie ein Gehör still und aufrecht tragen kann. Die Gebärde der beiden Hände auf der Brust der Figur ist von einer wunderbaren Sprachstille. Die Figur ist so im Raume, als ob sie ihn durch ihr Dastehen wegnehme und darauf aufmerksam mache, daß er bloß noch in einem körperlichen Zeichen erhalten bleibe. Das Zeichen des Körpers ist im Vorgebot gegen den Körper selber, als ob so ein letzter Sinn über den Tod oder überhaupt über das Dasein und Nichtsein noch mächtig sei. Wenn diese Figuren hier zwischen Gestalt und Fläche, zwischen Körper und Entkörperung wie Worte sind, welche doch eben im sichtbaren Zeichen, im feinsten Rest alles Körperhaften sich noch bedeuten müssen, so geschieht diese deutende Weise in unglaublicher Innigkeit, weil, fern von allem bloßen hieratischen Tun, die Ge-, bärde eben aus diesem letzten Sinn eines Vorgebotes im körperlichen Geschehen entsteht und darin ihr Schweigen gewinnt. In der romanischen Kunst ist ja immer der Kampf um Körper über den bloß positiven Körper hinweg, um ein den Grund des Seins überbietendes Mehr, worin Gesicht gleich Gewicht und wie ein erfüllter Lebenskern ist. Hier aber ist es wie ein Ausschluß von Körper durch die Deutung, um die räumliche Sinntracht noch stärker zu gewinnen. Es ist ein Leben durch Gebärde, das in sich den Abstand des sinnenden Geistes gewinnt; es ist ein »Blühen« der Gelenke, und doch, daß es auch abwärts geschieht, nur ein Sich-sättigen mit dem Gefühl des Wissens aus dem Grunde des Seins. übrigens — wenn es erlaubt ist, auch an ägyptische Figuren zu denken — spürt man hier nicht nur Dasein und In-sich-sein wie bei jenen, sondern noch ein viel wirklicheres Dasein, in welchem auch die Wand durch die »Dichte« der Figuren bestimmt oder durch ihre geistig messende Anwesenheit zu einer dünnen Schale wird, so daß der Raum dahinter, der tragende Grund, schweigend geöffnet scheint. Man mag auch im Anblick des teppichhaften und figürlichen Ranken- und Zonenwerks, in welchem die edle schmale Weibgestalt steht, etwa an indische Reliefdichtungen denken, die man in Bildern betrachtet hat. Aber ein weltanschauliches Sinnen wie dieses hier, wo zwischen dem Natürlichen und dem Geistigen kaum noch ein Schritt zu sein scheint, wo die Stille kein Lächeln mehr hat und doch das Leben wie Zauber, wie erste und letzte Lautheit seiner deutenden Bilder bleiben kann, scheint nicht mehr übertrefflich. Der Sinn schweigt durch sich selber.

Quedlinburg, das altsächsische Königsgrab

Das königliche Gesicht der Frühe

Das Frühe und das Altertümliche sind von zweierlei Wesensart. Das Frühe der Zeiten hat etwas von einem großen und reinen Gesicht, in welchem noch Unsterblichkeit wacht. Das Altertümliche hat dagegen die Friedlichkeit seines Nachlebens hinter der Geschichte und manchmal für uns dazu durch das bestimmtere Dasein eine sonderbare Sehnsucht zur unbestimmteren Zeit; es trägt zu einem zwiespältigen Empfinden den Schmuck der Sterblichkeit. So pflegen wir mit gemischten deutschen Sinnen in dem Altertümlichen der Geschichte gerne behaust zu sein. Jedoch die Frühe unserer geschichtlichen Tage ist anders, sie stellt uns Stirn gegen Stirn in eine immer wache Zeit; sie behält über die bürgerlichen Spätalter hinweg das Gesicht einer fortdauernden Gegenwart.

Quedlinburg hat in seinem alten, ruhigen und doch seltenen Stadtbild die beiden Züge der Geschichte beisammen: das Frühe und das Altertümliche. Hier wacht noch ein Geist früher und schicksaloffener Zeit, der sich nicht abwendet. Er ist gegenüber bloßer Geschichte noch wie eine »Zukunft«; er kommt mit unseren frühen deutschen Sinnen auf uns zu. Und wenn diese Stadt am Nordostrande des Harzes, aus welcher der bebaute Steilfels des Schloßberges als der Träger ihres Ruhmes und Alters aufragt, genug Altertümliches in ihrem bürgerlichen Weichbilde hat, mit den schon typischen norddeutschen Fachwerkhäusern, die in Reihen hier stehen und nur vielleicht etwas blasser oder blonder aussehen gegenüber ihren bunteren Gesellinnen in anderen Städten, so hat Quedlinburg auch ein frühes · Grundwesen wie sonst nirgends. Ein deutsches Grundverhältnis, ein erstes deutsches Wesensbild dauert, kaum leise eingesargt von den späteren Formen, und mit unverminderter innerer Heftigkeit, hier seit dem frühen Mittelalter, seit dem Beginn der königlichen und kaiserlichen Zeit aus dem sächsischen Stamme.

Der Ort des Heinrichsgrabs

Heinrich I. hat in Quedlinburg, das er, der Städtegründer, als Stadt gegründet, mit seiner Gemahlin Mathilde sein Königsgrab gefunden. Das Grab ist eingeschlossen in den hohen, heute hauptsächlich vom Schloß und von der zweitürmigen langen Kirche bebauten Felsen über der Stadt. Es wurde eingearbeitet in einen schachtartigen Raum, in dem auch Mathilde Platz fand, und von dem aus die Füße der Toten gegen Osten gerichtet wurden, wo der Schacht unmittelbar gegen einen vertieften, zierlich gerundeten, nischenhaften Raum geöffnet ist. So ist dieses Königsgrab am Platze des Altares angelegt und untergebracht innerhalb der Chorapsis und gehört zu der alten Heinrichskirche, in welcher auf steinernen Grabplatten die strengen und erhabenen Figuren von Äbtissinnen, zum Teil aus kaiserlichem Geschlecht, den Raum umstehen. Diese ganze steinern schmuckhafte Kirche, ausgebaut im 10. Jahrhundert, ist ihrerseits wieder überbaut worden — man hat das Baugeschehen in verschiedenen Daten festgestellt — und wirkt heute wie die große Krypta einer mächtigen romanischen Kirche mit deren über dem Anfangsbau erhöhten gotischen Chore. Der gesamte Bau hat sich auf dem Felsen, als ob ein langes steinernes Schiff darauf gestrandet sei, in Länge und Höhe festgesetzt. Vor allem ist die Südseite ein unvergeßlicher Anblick. Ort und Geist eines frühen deutschen Zeitalters haben sich hier zu einem großen Gesicht mit altertümlicher Krönung verbunden. Und zugleich ist dies ein geschichtlicher Ort von einer königlichen Einprägsamkeit; denn nicht weit gegenüber liegt in die Talmulde gebreitet der uralte deutsche Königshof Sankt Wiperti.

Man müßte sofort, wenn man nach Quedlinburg kommt, hier oben, an der Südseite aus der hohen Kirche auf die steinerne Terrasse herausgetreten, stehen und nach Süden über das dem Harze anliegende Land hinblicken. Da muß dann alsbald und ziemlich nahe, wo hinter dem älteren, kleinen Stadtteil, der unterhalb ist, das Feld freier wird und sich ausdehnt, ein großes Hofgelände auffallen mit den zum Teil alten Gebäulichkeiten und mit einer breiten Lage der Flur, die weniger durch eine bestimmte Grenze als durch eine lange und fruchtbare Regelmäßigkeit der Zeit so geworden und zusammengehörig erscheint. Da ist zunächst eine alte Klosterstätte gewesen mit ehrwürdiger Krypta, die im Besitz der Ludolfinger war und so als Königshof dem Sachsenkönig Heinrich I. gehörte, der in Quedlinburg einen Mittelpunkt des höfischen Lebens der Sachsenkönige schuf. Dieser alte Besitz eines Herrschers ist hier zusammen mit dem Burgberg, mit den nahen Beziehungen von Landgut und Königsquartier, von Hofhaltung, Klosterwesen und Frauenleben der sächsischen Herrscher nach Raum und Zeit von ungemeiner Sinnfälligkeit. Hier auf der Südseite ging auch in alter Zeit noch ein Steig am Felsen zur Kirche herauf, und alles mußte für einen Herrscher und Grundherrn ausnehmend wohlgefällig erscheinen. Es ist hier mit der Umgebung ein Geschichtsbild, wie wir es etwa von italienischen Fürstenbesitzen haben. Aber es ist hier früher, schüchterner und hat sich mehr im Geistigen behauptet. Doch seine Wesensspanne greift viel weiter.

In Klopstocks Geburtsstadt

So nehmen wir uns den Gesamtblick vorweg, den wir uns erst nach dem Gang durch die Stadt und nach dem langen Verweilen in den Innenräumen dieser Schloß- oder Servatiuskirche auf ihrem Felsen angeeignet haben. Man kann den Dingen der Kunst, besonders soweit sie mittelalterliche Bauten sind und also einen großen Geist der Geschichte zu haben pflegen, nicht immer mit der gleichen Ausnahmekraft nahen. Als ob ein Glas Wein zu den großen Blicken der Geschichte gehöre und der Tumult der aufbrechenden Gefühle vor dem Reichtum der Zeiten sich spiegelnd darin beruhigen müsse, so kommen wir zum alten gotischen Rathaus von Quedlinburg und rasten in seinem Gastraum. Außen steht ein steinerner Roland. Indem wir von Gernrode gekommen sind, haben wir noch jenen romanischen Bauklang in den Augen, der aus Bogenläufen in den Raum gestellt ist und gleichsam einen Umschlag zwischen Gesicht und Laut, zwischen »Bild« und »Wort« hat und der uns während des Anblicks mehr in Horchende als in Schauende verwandelt. Aber die alten Raumbilder sind trotz der Ähnlichkeit in den nächsten Formen und ihrer Wirkung von einer hellen und übermenschlichen Verschiedenheit. Welches Raumbild werden wir nun in Quedlinburg erfahren?

Wir sehen die Stadt mit den Fachwerken, welche manchmal eine Balkenform der Gefächer haben, die wie alte, große hölzerne Schriftzeichen sein kann. Wir kommen auch über eine Stelle, wo man das Wort Finkenherd liest und wo also die Sage vom Aufbruch des Sachsenherzogs Heinrich zur deutschen Königswahl ein Erinnerungsplätzchen hat. Dann, indem wir gegen den Schloßberg zugehen, sehen wir zur Seite noch ein größeres Fachwerk mit vortretender Mitte über der Tür, welches das Geburtshaus Klopstocks ist.

Von Quedlinburg ist der Dichter Klopstock, der hier am 2. Juli 1724 geboren wurde, ausgegangen. Er erwuchs also in dem gemessenen Landschaftsbilde des Harzes. Ode und Bardengesang, oder näher der Klang und das mehr Bildhafte deutscher Dichtung sind bei ihm durch einen eigentümlichen Schwung zusammengemischt. Er lebt in jenem Verhältnis, aus welchem später die Klassik mehr den schönen sinnlichen Schwung der Worte und die Romantik mehr die spiegelnde, echohafte Berufung der Bilder herausgeholt hat. Sein Name kommt uns hier jedenfalls mit einer merkwürdigen Sperrung und Einsprengung zwischen die mittelalterlichen Gesichte unseres Reisetags. Ist es eigentlich schon einmal bis zum Grunde erkannt worden, was unsere frühe Zeit von unserer späteren trennt? In diesem Augenblick der Begegnung empfinden wir es besonders stark, daß das Mittelalter, je früher noch seine Formen sind und obwohl sie scheinbar bloße Haltekraft haben, doch in eine Geschichte vorstößt, welche immer von innen aufgespalten und voller Gegenwart sein will. Dieser Dichter aber der späteren Zeit, indem er alles gewiß in die Schwungkraft seiner deutschen Gesinnung gesetzt hat, schafft doch im wesentlichen nicht eine aufgespaltene Gegenwart, die stärker wäre als die darin aufrauschende Erinnerung. Wo ihm das Leben nahe ist, lebt es in der offen und schön von beredter Anschauung durchzogenen Idylle und sonst in der Größe mahnender Bilder. Klopstock schafft aus Maß und Bewegung eine Leidenschaft, welche auch den Gedanken zur Empfindung macht, welche den Begriff fortzutreiben weiß zu einer kosmischen Fühlung und welche das Vaterland aus dem Nachschauer antikischer, von der Zeit angezehrter Vorstellung ebenfalls mit Zeit und Alter zu bedenken und darin mit dem Willen zur Unvergänglichkeit zu berufen stark ist. Was er beruft, ist mehr die Zeit selber als die Geschichte. Es ist mehr ein Kampf für die Erinnerung gegen ihre verwehenden Schauer, und darum steht hinter der Geschichte bei ihm die schöne Leidenschaft zur Schöpfung. Graue Geschichte und Anhauch der Schöpfung, auf diese Weise entspricht er der strengen Stimmung des Harzes.

Erlebnis des Schloßbergs

Wie war es, als der Deutsche seines geschichtlichen Eigenwuchses so mächtig war wie tatsächlich in dem zehnten Jahrhundert, in welchem Quedlinburg entstand und die sächsische Herrschaft aus dem Stammesherzogtum zum großen Reiche sich erhob? In Quedlinburg, in der »ältesten königlichen Residenzstadt auf rein germanischem Boden« (obwohl es damals noch keinen bleibenden Sitz des Herrschers gab), in einer Stadt, die gleich den anderen Befestigungen Heinrichs zur Ungarnzeit als Gebilde durch Stein und Mauern wurde und wuchs, hat man nachzudenken, wie die tätige und einfach zur nächsten Aufgabe ja-sagende Kraft eines Deutschen wirkte. Sofort wurde sie aber durch Heinrichs Sohn Otto wieder zur Weltherrschaft überwölbt. Auch Otto I. kam gerne nach Quedlinburg, wo er zudem seine verwitwete Mutter, die Königin Mathilde, häufig treffen konnte. Durch Otto II. kommt Theophano, die Nichte des byzantinischen Kaisers, als deutsche Kaiserin nach Quedlinburg. Theophano führt für den Knaben Otto III. die Reichsgewalt. Auch Heinrich II., der Urenkel König Heinrichs I., kam nach Quedlinburg, und als Förderer edler Baukunst nahm er auch am Quedlinburger Kirchenbau teil. Die große Stiftskirche als Oberkirche über den älteren Bauten hat indes erst im Jahre 1129 das Datum ihrer Weihe. Sie gibt nun dem Bau, welcher sich auf seiner Höhe eigenartig in Anstückung und Stufung und doch sehr gleichwesentlich über das Jahrtausend weg erhoben hat, das innerlich bestimmende Gesicht. Aber auch die Gotik hat dazu noch den Chor gebracht, gegen welchen sich dieses Gesicht weiter öffnet. Und selbst unser letztes Jahrhundert hat zum sonstigen äußeren Aussehen noch einen zweiten Turm gefügt. Die erste ja-sagende Kraft hat sich in stumme, ja immer stummere Raumblicke auseinandergestellt und ist in mannigfacher Aufrichtung immer mehr ein Gesicht geworden, das germanisch-deutsche Fragen trägt. Aber die einfache und große Wesentlichkeit des Bildes hat sich bei aller Wandlung erhalten, und so wartet es heute auf uns.

[Quedlinburg, Stiftsdom St. Servatius]

[Quedlinburg, St. Servatius]

Die Ruhe einer altbürgerlichen Stadt ist ganz anders als die Ruhe der Geschichte. Der Raum der alten Heinrichskirche, die wie eine mächtige Krypta unter der Oberkirche, jedoch auf ebenem Grunde und mit steinerner Helle erscheint, hat sich aufgetan. Die Säulen mit ihren verschiedenen Kapitellen stehen im Raume. Wie wir mit ihnen stehen, überfängt er uns wie ein Gefäß. Wir sind gleichsam selber Ort um Ort vermehrt wie die Säulen. Dann fesselt uns das Grab, in dem übrigens die Gebeine Heinrichs selbst nicht mehr gefunden wurden, seltsam. Es ist die Zierlichkeit der vertieften halbrunden Nische oder offenen Kammer, welche selber von Nischen und Halbsäulchen in ihrer Rundung umfaßt und in bestimmter Ordnung besetzt ist. Das Seltsame ist die Kleinheit und Zierlichkeit, auch das in Art antiker Kandelaberfüße krallig und perlend Spielende dieser teils gedrehten Ziersäulchen und Stirnstreifen der Nischen. Hat man vielleicht etwas von dolmenhafter Gedrungenheit und Dunkelheit erwartet? Es ist aber eine südliche Heiterkeit dabei, und man hat auch wieder den Einfluß der byzantinischen Theophano dafür namhaft gemacht. Und nun der eigentliche Raum der Heinrichskirche, der das romanische Wesen der Felder und ihrer Rückung durch die Säulen schon in sich hat, was ist bei ihm, außer dem Relief der Steinkapitelle, von deren Form man das ursprünglich germanisch gewesene Holzgefühl betont hat, besonders deutsch? Wir fühlen die räumliche Gefäßform, die Verschließung, die durch die Säulen doch von innen wieder mit einer widerpartigen Kraft getragen und ausgeweitet wird. Wir müssen für solche Fragen zuerst das Gefühl sprechen lassen, und es sagt uns etwa, daß dieser Raum nicht nur in schöner Schlüssigkeit für sich steht, daß er sich nicht nur in der schönen und großen Dialektik der Vernunft trägt wie etwa der antike Tempelbau, sondern daß er sich durch Teilung und Rückung aus sich selbst bewältigt, daß er offenbar noch ein anderes als ein bloß räumliches Schönheitsgesetz bedeutet. Er hat eine sammelnde und teilende geistige Tatsächlichkeit, die den Raum und die Raumorte selber in sich nimmt. Denn daß hier auch ein Grab sein kann, ist nicht bloß eine zweckhafte Möglichkeit, sondern der bestimmtere Geist gründet auch den bestimmteren irdischen Ort. Und mit einer fast rührenden geschichtlichen Anschaulichkeit sieht man so die Einschachtung des toten Königspaares in der Art, wie es selber zu dem gespannten Raume als stumme Antwort gehört hat und wie es mit den Füßen gegen die Reliquienkammer nach Osten hingelegt wurde. Der Grabkult ist wichtig, und wir lesen dazu, wie die Witwe Mathilde, die den König lange überlebt hat, für die Seele Heinrichs »den Armen, ja auch den Vögeln Nahrung gab«.

Dann gelangen wir in die eigentliche große Kirche. Das Mittelschiff mit dem Querhaus kann uns ein langer Aufenthalt werden, indem wir mit dem hohen Obergewände, mit dem Lauf des Stützenwechsels — ein Pfeiler auf zwei Säulen — uns in die hohe und gegliederte Schönheit einerkennen. Wir »lesen« diese mächtige Schlichtheit; wir erfassen sie nicht gleich Raumlauten wie in Gernrode. Das ist der mögliche Grundunterschied romanischer Räume, daß der Raum einmal gesichtshaft und das andere Mal lauthaft ist, und beides liegt in der Unsäglichkeit, mit welcher die Bogenläufe zu den Hochgewänden sich verhalten und in sich dahinschreiten, so daß ein Raum bald mehr wie ein Hunger nach Bildern, bald wie ein Hauch voll Tönens ist. Hier ist also mehr das große stumme Gesicht, welches uns zu uns selbst zurückversetzt, nicht der Raumlaut, der uns mitnimmt. Ja, es gibt vielleicht keinen Raum dieser Art, der so sehr ein fast hungriges Gesicht ist wie dieser hier. Dies ist eine gleichsam die Seele der Geschichte aus dem Leibe jeder Gegenwart fordernde deutsche Baukunst. Sie verlangt wie hungrig nach den Zeichen, die man auf den Stein schreiben kann; und auf ihr geschieht es auch, daß Figur und Relief schrifthaft schweigend wird und daß das eingegrabene Zeichen wie eine notwendige Verletzung des Grundes mit dem Geheimnis der Rune fesseln muß.

Da ist zuerst der lange Fries, der am seitlichen Hochgewände auch mit einem steinernen Seil sowie an der Westwand läuft. Und da sind die Figuren- und Bänder- und Vogelzieren der Kapitelle. Jenes steinerne Seil ist ein ganz unerwartetes Zeichen eigenen Wesens. Wie viel mehr spricht es den Sinn an als etwa die Positivität eines Gesimses; aber wie wenig wendet es sich an die Vorstellung positiver Kräfte, sondern es ersetzt diese Vorstellung geradezu durch ein Gegengefühl, ja sozusagen durch den Ausdruck einer Schwäche oder Ohnmacht, einer Verletztheit des Steines, um ihm dadurch mehr vom Gefühle als von der Vorstellung her eine ganz andere Inständigkeit einzukerben. Der Raum erscheint gebunden auf eine rein sinnhafte Weise, die etwa wie ein Zauberspruch verschieden ist von einer Form des Verstandes. Man möchte die verflechtende Wirkung von Reimworten vergleichen, die in den Sagas manchmal über die unmittelbare räumliche Gegenwart mit einer zeithaften Bindung hinausgreifen. Aber zugleich wird dem Wesen des Baues mit diesem gebundenen Gefühl ein gesichtshaftes Vorgebot über seinen rationalen Bestand gegeben.

Und ähnlicherweise wird auch im Relief des Frieses und der Kapitelle etwas weggenommen vom Grunde, oder Grund und Sinnzeichen sind in einem Verhältnis zueinander wie durch sinnhafte Verletzung, wodurch jene Schöpfung von Bildern und bindenden Verschlingungen entsteht, womit der anschauende Mensch in die Bedeutung eines Lebens gebunden ist, das ihm zuvorkommt oder gleichsam auch innerlich bevorsteht. Das scheint eine germanische Vorstellungswelt und eine runenhaft sprechende Sinnesart, die uns in jenen Bann nehmen kann, den solche nicht bloß vom könnerischen Geiste der Vernunft gebildeten, sondern vom innersten Sprachtrieb bewegten Zeichen besitzen. Ein Sprachtrieb, sich gleichsam selber verneinend, treibt zu dem innersten Ausdruck stummster äußerer Bilder. Eins ist zauberhaft im andren beschlossen und steigert sich hungrig im Widersatz durch das andre. Das ist eine Verneinung der bloß positiven oder persönlichen Form, aber eine tiefere, gründigere, gemeinschaftlichere Sinnessprache der Geschichte. Germanisches Wesen scheint hier sonderbar geweckt. Und das Eigentümliche dabei ist noch die Tatsache, daß gerade erst in der späteren romanischen Stilphase dieses germanische »Sich-ergründen« zunimmt. In der Zierlichkeit des Grabschmuckes an der Nischenarchitektur des Heinrichsgrabes sind solche Deutungen einer Zaubersinnigkeit noch nicht möglich. Erst dem späteren, vom Hunger der Geschichte gesättigteren oder von ihrer Sättigung wieder hungrig gewordenen Raume entringt sich dieser Geist mit anschaulicher und schrifthafter Notwendigkeit. Und das erscheint uns als ein Schicksal, vor dem wir stumm und staunend stehen.

Die königliche Frage

Wollen wir nun eine entscheidende Frage versuchen, indem wir fragen, ob der Formsinn des späteren Raumes deutscher sei als der des früheren Raumes um das Heinrichsgrab, weil dieser frühere Raum mit antiken Formen offenbar noch nicht das geschichtlich Fordernde und »Runenhafte« für unseren Anblick habe? Wir können allerdings wohl nicht unmittelbar so fragen, weil wir die ganze Zeitlage mitsehen müssen und weil vielleicht erst, wenn die Zeitlage enger wird, auch die bestimmte Zeichenhaftigkeit stärker herausdringt. Und diese gleiche Frage müßten wir ja auch hinsichtlich der lateinischen, an römische Vorbilder anschließenden Dramen der Nonne Hrotsvit von Gandersheim tun, die etwa in der gleichen Zeit wie das Heinrichsgrab am anderen Ende des Harzes entstanden sind. Und auch bei ihr ist die Frage keineswegs so leicht möglich, da hier am allerwenigsten die neue Sinnführung im Drama übersehen werden dürfte. Immerhin: wenn uns die späteren Formen deutscher erscheinen, so mögen wir daraus doch die Tatsache erschließen, daß der deutsche Sinn auf seinem Werdegang ein Gesetz der Rückkehr zur eigenen Besonderheit in sich erfahren habe. Und diese Tatsache ist schon sehr merkwürdig. Denn wenn wir inständig daran sind, das germanische Wesen aus seinen Urzügen zu erkennen, so gibt es vielleicht in unserem deutschen Werdegange ein Gesetz, nach welchem, je mehr die Geschichte in unser Wesen eingeschnitten hat, um so mehr und gerade also aus der späteren Zeit der Kern dieses Wesens seine ständige Anlage, der aufgespaltene Sinn seine innere Maser geoffenbart habe.

Aber wir sind hier versucht, noch eine andere und größere Frage zu tun, nämlich die Frage: was ist königliche Form? Wir sind gewohnt, die Kirchenbauten als die religiösen Raumformen des Christentums anzusehen (was sie auch sind, ohne daß vielleicht außer dem Wissen von der überlieferung, von der besonderen Entwicklung und Zweckentsprechung noch über eine stimmungshafte Bewertung hinaus auch die genügende, bestimmtere Sinndeutung der Form erfolgt wäre). Was dazu die Frage nach dem deutschen Wesen unserer früheren Kunst angeht, sind wir darauf aus, engere, angeborene Merkmale, so den Zusammenhang der Formen mit den Merkmalen des Holzes und anderes, zu begreifen. Aber ist es damit genug? Und wie, wenn wir nun denken, daß die Geschichte von der Antike hinweg bald auf königlichen deutschen Wegen gegangen sei, und wenn wir deshalb sagen wollen, daß in den Raumformen dieser Zeiten auch das königliche Wesen und der königliche Weg mit königlicher Form ausgedrückt sein müsse? Die nächste Frage ist allerdings — und diese ist wohl schwierig genug —: was ist denn königliche Form? Woran zeigt es sich, daß, weil sich das christliche deutsche Wesen nicht ohne den Weg des deutschen Königtums gebildet hat, in der Raumweise darum auch nicht nur der religiöse, sondern auch ein königlicher Ausdruck vorhanden ist? Kurz: daß sich der sichtbare Raum der Kirche nicht ohne den stetigen Umbruch, nicht ohne die »Investitur« aus der königlichen Kraft und Widerständigkeit gebildet hat? Schon aber, daß wir immer ein Vorgebot des geschichtlichen Ausdrucks über den positiv zweckmäßigen feststellen, weist uns auf solche Verhältnisse. Und wir sehen dann auch, daß jedenfalls schon in der Gotik eine Verschleifung zum Ausdruck der bürgerlichen Gemeinschaft stattfindet, und daß vollends in der Renaissance die spezifische königliche Macht des früheren Raumes aufgehört hat, an deren Stelle eine optimale, schöne repräsentative menschliche Form getreten ist.

[Quedlinburg, Kapitelle aus der St. Peterkrypta des Domes]

[Quedlinburg, Domkrypta mit den Gräbern König Heinrichs I., seiner Gemahlin Mathilde und der Stiftsdamen]

Warum kommen wir hier in Quedlinburg auf solche Fragen? In den großen Domen Westfalens glaubten wir aus der Aufgespaltenheit der Räume auf ein Gesetz der Geschichte schließen zu dürfen, das im Mittelschiff wie mit einem großen Zeitengang sich innerhalb des Volkstums geöffnet hat. In den Bauten am Rhein oder überhaupt in der noch antik unterbauten deutschen Welt würden wir wohl weniger auf diese Mischung von Formgedanken und Geschichtsbegriff gekommen sein. Und in der mittelalterlichen Baukunst jenseits der Elbe mit ihrer bürgerlich bereicherten Gotik würde uns diese Denkrichtung wohl nicht mehr einfallen. Aber hier am Harz, in dem ottonischen Bereich, sehen wir das Gesetz Westfalens noch verstärkt durch eine Raumweise, wie sie in Quedlinburg durch einen hungrig reichen Raum, einen Raum, frisch und schlüssig und »weissagend« von der Geschichte wie am ersten Tage, auf uns eindringt. Wir sehen den Hunger nach bildhaften Zeichen und nach dem sinnhaften Sein, der nicht repräsentativ befriedigt ist. Der Ausdruck eines geschichtlichen Sinnes, der von geheimen Bestimmungen umgeben und befriedigt sein will, ist um uns. Und auch das Verhältnis von Wand und Stützen, von Pfeilern und Säulen zum Innenraum sehen wir noch schärfer. Im antiken Bau, so denken wir, wirkt der Raum durch seine Glieder mit der harmonischen Gleichsinnigkeit einer großen schönen Vernunft. Hier im romanischen Raum herrscht die Trennung und Spaltung von Raum und Gliedern, hier wollen Raum und Glieder viel mehr für sich sein, jedes in seiner durch die Gemeinsamkeit noch eigeneren Richtung und Flucht und in dieser dem andern abgesagt und widerpartig; und um so mehr geht alles aus dem gleichen Sinne ineinander, alles greift dispositiv und gegensinnig viel mehr übereinander, und das Ganze lebt aus seinen Teilen. Alles steht rechthabend zum andern. Die Pfeiler sind nicht Kräfte wie tragende Anteile, sondern wie Rechtsformen, welche Raumlaut und Raumgesicht bestimmen und geben. Sie sind wie die Schwerter der Gewalt, wie die Ritter zum räumlichen Inbild; sie sind — und nun sagen wir das Wort — wie die königliche Macht, welche den Raum begleitet, bildet und in sich harren läßt. Es ist ein gegensinniges erklusives Wesen, das den gewaltigen Raumschritt durch die Zeit hin bewirkt. Und derart also würden wir denken, daß sich eine königliche Frage hier lösen und eine königliche Form zwischen dem religiösen Sinn und dem werkhaft deutschen Gedanken hier und sonst finden ließe.

Wipertikrypta

Ein kurzer Besuch mußte uns noch zu dem Klosterhof Sankt Wiperti hinausführen, den wir von der Terrasse der Schloßkirche aus in gewitterig schöner Schwere der Luft schon gesehen hatten. Der alte Königshof zeigte sich noch voll von landwirtschaftlichem Leben. Es roch von den gärenden Schärfen und von den süßen Gerüchen der Futtermittel in dem schwülen Nachmittag. Man mußte durch die Drahtgehege von allerlei jungem Geflügel gehen, um zu einem altersschweren Bau zu kommen. An seiner Kopfseite geht man hinein. Es war wieder ein anderer Geruch von Ackererde und Kartoffeln; man blickte in den Keller und man trat in den halbdunklen Raum; dies ist die steinerne Wipertikrypta. Dies ist »der ehrwürdigste und stilistisch bedeutendste Bauteil frühester niedersächsischer Kunst in Quedlinburg«. Mittelraum, Umgang mit Nischen, Stützenwechsel, es ist ein Ort, der die Wissenschaft beschäftigt hat. Und uns gibt er in der Kürze, da wir wie in einer Höhle sind und doch die steinern geklärte Kraft von den Öffnungen auch innerhalb und vom Grundriß her empfinden, das Gefühl eines Fußpunktes und eines Vorstoßes in der Geschichte. Ein dunkler Bau, von Maßen durchbrochen und durch Zahlen in Ordnung gerückt, der seine Kapitelle wie Gewichte trägt, — hier könnte man wieder die Rechnung eines Ortes beginnen, dessen Aufsperrung nicht den Sinn der Zweckmäßigkeit hat. Welcher Sinn trägt über die Zwecke des Daseins sich selbst in eine steinerne Kammer, welche in Dunkelung und Hellung aufgespalten ist, um so nicht vom Gestirn, sondern vom Grunde her einen weiteren Bau ins Licht zu heben? Die Scheuer, die sich darüber erhebt, und die gefüllt war mit Vorräten und Erträgnissen, ist eine steinerne romanische Basilika. Man steht und fühlt die gewesenen Maße und glaubt sich angeblickt von dem reinen und frühen Gesicht unserer Zeit.

Abendstunden in Halberstadt

Das Wachstum der Figuren

Von der Roßtrappe aus hatte man mit der beginnenden Nacht im Lande draußen die kleinen Lichtersummen von abendlich verschwindenden Städten gesehen. Die kleinere Summe, mehr in der freien und ungewissen Nähe, wies auf die Lage von Quedlinburg; im weiteren Norden zeigte das größere Halberstadt seine Lichter. Das Land nördlich des Harzes hatte mit diesen Lichterstellen einen Schein wie von kleinen Stücken eines gestirnten und doch dunkleren Himmels, der, von dem oberen größeren Glanze abgetrennt, still in der erreichbaren Nähe lag. Wenn die Lichter von kleinen Hausungen in der Nacht erfreuen, weil sie ein Leben hüten, so mögen wir uns die größere Summe bei alten Städten, in welchen die Flucht in die grelle Gegenwart noch durch das geheimere Dunkel überwogen ist, vorstellen als die Hüter alter Geistesdinge, welche ein eingeheimstes und vielfaches, im innerlichen einstigen Wachstum noch treulich gültiges Leben der Geschichte bewahren und anzeigen. Halberstadt jedenfalls ist eine jener deutschen Städte, welche mit ihrem alten Wesen dem dunkleren Leuchten der Geschichte angehören.

Zweimal innerhalb kurzer Zeit war es dem Wanderer im Kraftwagen zu den alten Orten am Harze vergönnt, mit lieben Freunden durch Halberstadt zu kreuzen. Einmal kam der Weg vom Harz her über Quedlinburg, man fuhr durch eine Gegend von großen Feldern; und wie man schon vorher Felsbildungen im Lande gesehen hatte, welche mit dem Harze noch in gleicher Richtung liefen, hob sich nun den Fahrenden der waldige Höhenzug des Huy entgegen, der nördlich von Halberstadt liegt und der in der Stadtgeschichte eine Rolle spielt. Es ging schon gegen Abend, und man fuhr mitten in ein historisches Fest hinein, das diesen Sommer in Halberstadt stattfand. Auch beim zweiten Mal im beginnenden Herbst warteten schon die Abendstunden am Wege, auf welchem wir von Westen, entlang der Nordseite des Harzes, mit Eindrücken von historischen Stätten gesättigt daherkamen. Diese Eindrücke galt es noch zu überbieten. Eine mittelalterliche, altbischöfliche und bürgerliche Stadt, die nicht durch königliche oder kaiserliche Züge ähnlich ausgezeichnet war wie Quedlinburg oder Goslar, sollte doch den Vergleich noch aushalten oder sich durch eine gesättigtere Inhaltlichkeit ihres geistigen Geschichtswesens in anderer Weise behaupten.

Fest des Alters

Dies war Halberstadt, das im glänzenden Sonnenduft des Nachmittags mit seinen Türmen aus der Ebene stieg. Die von Gesimsen und Bogen gehaltene und bewegte Westfront des Domes, die von gekuppelten Bogenreihen durchbrochenen Westtürme der Liebfrauenkirche, welche mit ihren klar gemessenen Turmhelmen und darunter den wie kräftige und männliche Augen schattenden Bogen ein Wahrzeichen des Stadtbildes sind, dazu am Wege die Martinikirche, dies waren vor allem die Bauten, welche das geistige Maß Halberstadts in die Luft zeichneten und deren Inhalte auf uns warteten.

Bei jenem sommerlichen Besuche war es nicht mehr möglich, in die berühmten Kirchen Einlaß zu bekommen. Mittelalterliche Bewaffnete mit farbiger Gewandung und mit kriegerischen Eisenhauben empfingen die Ankommenden. Die Leute waren auf den Straßen, und die Straßen und Plätze, an welchen die alten farbigen Fachwerkgebäude mit Laubbäumchen geschmückt und mit Fahnen dicht behangen waren, faßten eine wartende und bewegte Menge. Es war eine geschichtliche Feier im Gange zur achthundertjährigen Wiederkehr des Halberstädter Reichstags vom Jahre 1134, auf welchem Albrecht der Bär von Kaiser Lothar mit der Nordmark belehnt wurde, der dann in der Folge der Gründer der Mark Brandenburg und ein Träger des Deutschtums im Norden wurde. Man hat in den letzten Jahren immer öfter wieder auf die Askanier und diesen ihren Vorkämpfer gewiesen. In unserem Gedächtnis an einen solchen Abend in einer solchen, noch reich in das Gewand der Geschichte gekleideten Stadt blieb nun so recht die historische Luft, die aus den Zeiten des hohen Mittelalters weht. Der in den Kreis des späteren 12. Jahrhunderts unter Kaiser Lothar neu eingetretene Kolonisierungsgedanke nach dem Norden und Osten sollte alsbald weitergehen, während auch das Widerspiel zwischen Hohenstaufen und Welfen anhob und auch Albrecht der Bär noch seine Auseinandersetzung mit den Welfen hatte. Halberstadt hat aber als Bischofssitz schon eine viel ältere Geschichte, da es als solcher auf Karls Sachsenkämpfe zurückgeht. Sein erster Bischof war Hildegrin, der Bruder des Friesen Ludger, des ersten Bischofs von Münster. Das sehr große bischöfliche Gebiet wurde durch die ottonische Bistumsgründung in Magdeburg aber verkleinert. Auch in den Kämpfen im sächsischen Raum spielte Halberstadt eine große Rolle; und der Bischof Bukko, der übrigens auch die sonderbar altschöne, heute still bestehende Huysburg auf dem Huy gründete, war ein Hauptgegner Heinrichs lV.; er wurde in Halberstadt getötet.

[Der Roland von Halberstadt]

[Spätgotischer Lettner mit spätromanischer Kreuzigungsgruppe im Dom zu Halberstadt]

In der altertümlichen Stadt gewährte es eine Lust, die Bewohner selber gleich den Gästen außer ihren Häusern zu sehen und mit einer Art Gleichberechtigung unter ihnen weilen zu können, während sie ihre geschmückte Stadt bewunderten. Allerdings kann der Schmuck von Baumgrün und Fahnen einem Stadtbilde von so starkfarbigem Fachwerke wie hier kaum mehr viel hinzufügen. Wenn man später die Stadt in ihrer Alltagserscheinung wiedersah, so gab die Ruhe ihrer eigenen Bildmäßigkeit noch einen stärkeren Eindruck. An jenem Abend nun sollte der Festzug sein; aber der Himmel hatte sich mit einem Gewitter bedeckt, das schon lange über der Landschaft hing, und durch die schwüle Luft fielen die ersten dicken Tropfen. Wir sahen noch, wie die groß und bunt bemalten Fachwerke, deren Stockwerke ein wenig übereinander heraustreten, in der Durchsichtigkeit vor dem Ausbruch des Wetters ihre Farben noch verstärkten. Aber das Fest war gestört, und wir erreichten unseren Wagen, um aus der Stadt hinaus und unter eilenden Blitzen und niederrauschendem Regen den Flanken des Harzes wieder näher entlang zu fahren. Im Gedächtnis aber blieben wohl die dunklen Weiten eines Kreuzgangs, durch den wir gekommen waren, sodann die Schönheit des gotischen Rathauses mit seinen Anbauten und eben die Fachwerke mit ihren starken Querzügen durch die vortretenden und bildhaften Schauseiten, schließlich aber und zumeist die großen Kirchenbauten, die stumm und steinern innerhalb des farbigen und lebhaften Abends auf ihren Plätzen standen. Mit dieser schweren und hohen Durchsetzung mochte die Stadt etwa an Erfurt erinnern, wo allerdings die Gegenwart geräuschvoller vorbeibrandet; aber hier und dort drängt sich gleich stark der Gedanke auf, wieso die geistliche Bauweise zwischen Romanik und Gotik gerade dem bürgerlichen Wesen ein Maß oder eine so begrenzte wie unbegrenzte Spielweite gegeben hat. Leib und Geist des Volkes sind später in anderer Art weitergewachsen, aber diese Formen sind wie die steinernen Züge einer Schrift von innerer Erschlossenheit stehen geblieben.

In das Bild von Halberstadt gehört auch eine Sage von echter Altertümlichkeit, die seine Geschichte und besonders den Dom betrifft. Der Dom hatte das häufige Schicksal der frühen mittelalterlichen Kirchen, gerade in den ersten Jahrhunderten Abbrüche und Zerstörungen zu erleiden, bis er dann in der romanisch-gotischen Erscheinung zu uns kommen konnte, die ihn in seiner äußeren und inneren Größe auszeichnet. Heinrich der Löwe ist der Urheber eines solchen Schicksals. Der sehr eigenwillige und streitbare Bischof Ulrich war mit ihm im Kriege, in dessen wechselndem Verlauf Halberstadt am Moritztage 1179 völlig eingeäschert wurde, wodurch auch der zweite Dombau in den Flammen unterging. Nun hebt die Sage an und berichtet, der Rauch der zerstörten Stadt sei dem Zerstörer auf seinem Abzuge nachgezogen, bis sich Heinrich umgedreht und gerufen habe: «Rock (Rauch), kehr um!« An dem betreffenden Orte habe der Herzog dann eine Kapelle gebaut, und daneben sei das Dorf Roklum entstanden. Man liest auch eine Sage, welche das bekannte Motiv der Beihilfe des Teufels zum Dombau als Inhalt hat, wofür er zum Vergleich sein Wirtshaus beim Dome bekommt.

Der Halberstädter Roland

Nun also kam die Fahrt durch den Spätsommer nach Halberstadt, und sie traf in einen beschaulichen Abend. Im schon bekannten Stadtbild fesselte am Rathaus die in ihren großen Maßen mit den zierlichen Rittergewändern des frühen 15. Jahrhunderts puppenhafte und doch gewaltige Figur des steinernen Roland. Mit Schwert und Schild, mit dem Mantel, in der eingeschalten Schwere der Glieder und mit dem breiten rassigen Schädel hat die Figur ein starkes Gewicht und bleibt doch frontal merkwürdig wie in Schwebung. Der Grund dafür ist immer wieder, daß eine solche Figur mehr als Bild für das Gesicht entstanden und nicht zuerst nach dem Naturbegriff gebildet ist. So kann sie auch ein Sinnbild von Macht und Recht sein mit den naiven und volkhaften Zügen, welche nicht die begriffliche Schönheit und Richtigkeit Herr werden lassen über eine geschichtlich gedrungene und dabei sogar modische Habhaftigkeit. Gerade gotische Bildwerke werden zu solcher deutschen volkstümlichen Symbolweise geeignet. Solche Figuren haben ein Weniger an vitaler Form, aber dafür eine Art farbiger Dinglichkeit oder Schaubarkeit, auch wenn sie farblos oder von derber Art sind; und sie werden dadurch wie Bilder lesbar.

Chorfiguren der Liebfrauenkirche

Der nächste Besuch mußte dann, an der Martinikirche, der alten Halberstädter Stadtkirche, vorbei, der romanischen Liebfrauenkirche gelten. Eine feste und reine Maßhaftigkeit des unter der Flachdecke mit Pfeilern nach Osten schreitenden Raumes ist das Wesentliche ihrer Schönheit. Die Pfeiler haben eine Folge von gleichmäßigem Wechsel ihrer Maßstärke. Dieser Wechsel von starken und schwachen Pfeilern in gleicher Form ohne Säulen gibt hier eine Blickrichtung, welche sich nicht zu anderen Raumgesichten erweitert oder im Raume klingt und umkreist, wie es oft bei romanischen Räumen ist, sondern welche ohne Wanken im eigenen Takte einbehalten bleibt. Es ist die einfache, starke Einstückung eines Raumes in die Zeit, so daß der Raum selber wie ein gemessener Zeitschritt wirkt. Aber im schweigenden Abendlichte, welches in den Raum hereinsank, mußte der Besuch vor allem den romanischen Relieffiguren der Apostel mit Christus und Maria an den Chorschranken gelten. Diese Figuren in Stuck konnten gerade im Abendraume eine sonderbar eindringliche Schönheit der Köpfe und Gebärden wie eine Zwiesprache mit dem Beschauer entfalten. Die Umrisse sind stark, die Glieder wie gefesselt und die stärker vortretenden Köpfe wie »angeschattet von einem zunehmenden Charakter«.

Indem man einen solchen Ausdruck für die Gesichtsempfindung prägt, möchte man ein Geheimnis allen menschlichen Wesens aussprechen. Nämlich je mehr der Mensch von der rein geschaffenen Gestalt zu seinem eigenen Sinn und Charakter fortschreitet, desto mehr sinken auch die Schatten gegen das Licht in sein notwendiges Leben und Wissen herab. Dies macht nun hier eine sonderbare Gewalt der Köpfe und eine Ansprache- oder Aussagekraft, welche in das eigentümliche Relief der Schrägungen und Verschränkungen der Glieder weitergreift. Die Figuren bekommen damit eine fordernd sprechende, eine »disputative« Kraft, von welcher der Besucher mit stiller Anschauung je länger, um so stärker gefesselt wird. Es ist auch eine stille Leidenschaft in diesen Werken, für deren Schönheit erst unserer Zeit wieder die volle Empfänglichkeit ausgegangen ist. Vor allem ist auch die Marienfigur voll einer schweigenden Schönheit, die etwas unglaublich Deutsches hat. Manchmal ist darin eine blumig ausgeblätterte Ruhe, manchmal wie ein Sprechen-wollen und doch wieder ein Sich-verhalten im eigenen Atem, also eigentlich dichterische Kräfte, welche durch den Körpersinn schaubar werden. Dieses zwiefältige Wesen, dieses Sprechen und Aufhorchen zugleich, kann gerade hier zu entscheidenden Begriffen von der Form des Seelischen im bildnerischen Leibesgefühl weitergedeutet werden.

Der Sinntrieb der Figuren

Das Betrachten dieser Figuren wird immer zu einem Nachsinnen, es kann nicht beim Anschauen schöner Lebensform stehen bleiben. Das Nachsinnen aber, je mehr es sich in das Gefühl innerer Wesenheiten entfernt, wird doch gleichzeitig immer aufmerksamer auf die äußeren Mittel der Wirkung. Diese gegensinnige Erfahrung ist aber auch im Gesetz der Figuren selber. Man sieht, wie sich die Glieder als eine Sprache aus den Gelenken vorbieten, wie die Körper noch mehr sprechen, als daß sie da sind, wie sie aber durch die Schnürung aus den Gelenken in einer gleichen sinnhaften Zone bleiben. Ein Zwiespalt zwischen »In Anblick kommen« und »In sich gesetzt sein« macht den Ausdruck je mehr äußerlich, desto mehr innerlich regsam. Die Schrägen der Figuren, die Eingeschränktheit in ihre sitzende Haltung, dies will die gleiche Gewalt einer in sich gesicherten Zone bedeuten. Diese Zone, wovon eine Bindung und innere Gerechtigkeit auf die Körper übergeht, ist aber ebenso von ihrem Grunde, von der Wand, von der felderhaften Gemessenheit gleichsam einer möglichen Lebensnische bestimmt. Das Dasein ist einbehalten in einer grundhaften Gerechtigkeit, und eben davon her wird dem sprechenden Wesen oder der wesenden menschlichen Sprache die stärkste Überwindung des Grundes möglich. Und so ist der Leib der Figur wie von einer Teilung bestimmt und lebt nach innen und außen, wobei nicht der Leib, sondern das Innerste und das Äußerste von ihm jeweils am mächtigsten wird. Das ergibt eine feinste Schwankung oder inständige Notwendigkeit im Dasein. Wenn wir bei den mittelalterlichen Figuren immer das Gefühl haben, daß sie nicht nur an einem Platze stehen, sondern daß ihr Ort zugleich näher und ferner von uns oder in einer feinen Schwankung des proportionalen Werdens steht, das heißt, daß sie außer der Proportion zum Beschauer noch in eine eigene Zone von geschichtlicher Reichweite gerückt sind, so lassen gerade die Halberstädter Figuren die ganze sinntreibende Schönheit dieses Verhältnisses erkennen. Die Figuren sind in ihr Bild gerückt und dringen daraus worthaft vor, sie befinden sich sozusagen zwischen Bild und Wort. Sie haben, so wie sie vom Grunde her in einem exklusiven Maße bestimmt sind, auch in sich eine gegensinnige exklusive Sinnwirkung.

Bei der Figur Marias ist dies auch im unmittelbaren Sinne ihres Daseins fühlbar. Sie ist, wie gesagt, wie eine Blume im Anblick bei aller Körperlichkeit, und sie ist auch ganz sichtbar, wie wenn sie aus dem nächsten und besten deutschen Geschlechte wäre. Und dabei scheint sie doch nach innen entrückt, je mehr man sie ansieht, indem sie, so wie sie auch die Schultern hebt, zu horchen scheint. Sie spricht durch Horchen. So ist auch der Mund wie sprechend und doch angehalten durch Horchen, und die leichte Handbewegung gehört gerade auch zu dieser schönen Zwischenhaltung. Diese Haltung in stiller doppelter Regung, die sich im Atem verhält wie ein Horchen und Gebieten, ist der Grundsinn eines wunderbaren mütterlichen Daseins; es ist das feinste Leibesgefühl einer besinnlichen und doch vollen Seele.

Heute bedeuten uns vor allem die Naumburger Figuren ein größtes Maß von solcher Art Schönheit. Diese Figuren sind indes schon mehr in das Geschlecht, in das Genus der engeren Geschichte gerückt. Die Halberstädter Figuren, aus dem späteren 12. Jahrhundert stammend, sind dagegen noch mehr von den geistigen Urstoffen, von der wirkenden Wesenheit selber her bestimmt; oder die Elemente von Sein und Eigensein wirken noch aus einer viel größeren Weite her zusammen. Sie sind noch weniger in einem »generalen« Sinne selbständig geworden, noch nicht balladisch beschlossen, aber dafür so, als ob das Bild und Feld der Bestimmung das Wort und den Hauch ihrer Natur erzeugt habe. Sie haben noch aus einem tieferen gegensinnigen Müssen heraus den Ausdruck einer »spezialen« Natur gewonnen. Sie haben noch ein drängender in sich gestoßenes Naturwesen. Was aber ist Naturwesen. Wir müssen wieder angesichts eines solchen gemessenen Wachstums zwischen Stein und Seele oder zwischen Bestimmung und Sinn sagen, daß nicht die Nachahmung der Natur, sondern der geschichtliche Gang einen Ort oder eine Zeit der Seele im Ausdruck ihres Naturwesens schafft. Der Sinn der Natur kommt wie eine schöne und innige Entschälung aus der Geschichte. Aber noch weiter: wenn wir gesagt haben, daß diese Gesichter hier angeschattet seien von einem zunehmenden Charakter, so hat auch der Ausdruck des Charakters sein Maß oder seine geschichtliche Seele. Er besteht im Verhältnis zur Bestimmung. Wenn im Ausgang der Gotik der Charakter noch zunahm, so wurde er doch allmählich von der inneren Grundspannung gelöst, und er konnte schließlich im Selbstzweck den geschichtlichen Zusammenhang verlieren. Was diese Figuren in Halberstadt dem Nachsinnen an Erkenntnis aufgeben wollen (und die Wirkteppiche in Halberstadt gehören in den gleichen Bereich des Sinnes zwischen Gestalt und Geschichte), ist jedenfalls eine wunderbar tiefe Entwicklung unseres früheren Wesens.

Von vielen Dingen in dieser Kirche sei nur noch die kleine berühmte Halberstädter Madonna in Eichenholz und der große Kruzifixus genannt. Dieser ist wie aus Baumzweigen zusammengeschossen oder wie ein Baum im Felde, oder auch wie ein Kreuz der Gärtner. Die Faser der Natur scheint sich selber nachzuholen, und das gewachsene Holz scheint in der Empfindung der Zeit sich einem anderen Himmel zu ergeben. Immer wieder sind es die Kreuze der romanischen Zeit, die wie ein doppeltes Maß von Fügung und Körper oft mit einer schrecklichen Gewalt in die Zeit hängen.

Das Kreuzwerk im Dom

Der Dom nimmt uns nun in seine Mauern, die im Abend noch höher steigen und die Steile der gotischen Seitenschiffe und die mächtige und hohe Harmonie des langen Mittelschiffes mit der feierlichen Gewalt des Chores noch wachsender zeigen. In diesem hohen dunklen Raume, der am Abend, bis es dann dunkel wird, leise zu strömen scheint, ist nun der gewaltigste Aufenthalt für die Anschauung die kolossale Kreuzigungsgruppe über dem Lettner, welche zum kunstgeschichtlichen Ruhme Halberstadts gehört. Neben dem Gekreuzigten stehen Maria und Johannes sowie zwei Engelfiguren außer weiterem Figurenwerk, das vom Triumphbalken getragen wird. Gegenüber der Kreuzfigur in der Liebfrauenkirche, welche wie ein Baum doch einen stilleren Eindruck macht, ist hier der Körper durch die mächtige Austeilung der Arme wie in eine geistigere Erscheinungsgewalt hineingetragen, die doch wieder zurückwallend die körperliche Erscheinung selber stärkt. Scheinbar ist in dem großen romanischen Werk alles starr, und doch gehen Wellen eines solchen Gegensatzes hindurch, die sich bis in die Gelenke, ja bis in den Kontrast von religiöser Gewalt und hölzerner Masse erstrecken. Dinglichkeit und Geistigkeit sind nicht objektmäßig auseinander verfertigt, sondern berufen sich gegenseitig stärker. Ja, ist nicht eine solche Aufstellung etwa wie ein Galgen, und doch wird gerade daraus ein Triumph geholt? Es ist etwas Aufgerissenes, Aufklaffendes und Ansaugendes in dem Werke, das doch wieder abwehrt, so wie ein Ding in seiner Geschaffenheit bleiben muß, aber indem es einem Ausdruck dient, gewissermaßen ein Bild erleidet. Dieses Erleiden eines Bildes durch ein Naturstück, durch ein Stück Holz, ist ein merkwürdig geheimer Formsinn, der zutiefst im Dasein wartend allem bloß positiv bildnerischen Wesen voraus ist. In diesen Kreuzwerken scheint er wie ein im hohen Mittelalter erwachter Sinn von der »Notwendigkeit« oder klaffenden Eingefügtheit alles Geschaffenen in der Geschichte zu sprechen.

Wenn etwa nun auf die ausdrucksvolle Gebärdensprache bei Maria und Johannes verwiesen, aber von ihren wenig bewegten Gesichtszügen gesprochen wird, so gehört gerade dies zum Sinn und Gesetz dieser Kunst. Das Material selber wird hier laut durch eine gegensätzliche Weise zum Geiste, es muß mit gewaltigen Bewegungskräften — als ob nicht der Geist, sondern immer nur das Erdending bewegt sei und die Gelenke in Bewegung bringen könne — sprechen, und um so mehr muß der kleinere physiognomische Ausdruck wie in eine Bannung treten, um die Kraft der Erschütterung auch noch gleichsam durch eine Maske der Ruhe zu ertragen. Die ganze Notwendigkeit der Kreatur ist in ein solches Werk hineingebaut und nimmt Verhältnisse an, in welchen der Körper ein Ding der Erde für eine Geschichte ist. Dabei ist es wieder für das Gefühl von großer Schönheit, wie der Kopf am Kreuze trotz aller Schwere doch wie eine Knospe seitlich vorhängt. Zuletzt aber erscheinen alle Gestalten wie gefällte Stämme, welche wieder aufgerichtet wurden und nun die manchmal im beginnenden Dunkel fast sphinxhafte Kraft von Gesichtern bekommen haben. So kann das Gesicht des Fremden in Halberstadt viele Wesenheit alter Zeit in sich aufnehmen. Aber der Abend macht uns schweigen, indem er die alten Dinge in uns sammelt.

»Die herrlichste Hausung des Reichs«

Ein Morgen in Goslar

Das Gewitter über dem Harzgebirge war verrollt. Die triefende Nacht war aus den großen Wäldern gewichen, und diese hoben sich mit den Formen der näheren Berge um so voller in das Licht und um so klingender in den Blick, je mehr die milde Sonne wieder ihre Weite gewann und den Himmelsraum füllte. Unter diesem Himmelsraume aber, den ein leiser Wind zusehends klärte und mit blauen Flächen belebte, hatten die Wanderer an dem stillen Morgen eines Sonntags Goslar vor sich. Das will hier nicht sagen, daß sie etwa aus der Ebene auf die Stadt gegen den Harz zu gingen. Vielmehr sie waren schon in der Stadt, die aufwärts steigt; sie gingen in den alten Straßen und über den Marktplatz, wo überall die Fachwerkhäuser, die schönsten davon voll farbiger Zieren, auf den Kommenden hereinschauen; sie gingen gegen den alten Stadtbezirk des Frankenberges oder über das Kaiserbleek gegen das Kaiserhaus mit seiner Umgebung einer vielverlorenen Geschichte aufwärts. Sie waren in der Stadt wie in einer gotisch sich hebenden Landschaft, und sie sahen auch, was verloren gehen kann, oder empfanden, wie die späteren Zeiten noch bürgerlich bekleidet bleiben, wenn der kaiserliche Ornat der Frühe verloren geht. Aber das bürgerliche Kleid ist doch mehr ein Kleid für das gemeinsame Leben. Und so empfanden sie mit jener Verwaistheit, welche uns in der Ausgebrochenheit unseres früheren Daseins umfängt, daß das Herz der Geschichte immer entblößter wird. So aber mochten sie sich selber sichtbar vorkommen wie die Wanderer der späteren Zeit, welche gegen das alte deutsche Wesen in dieser Stadt angingen, um in frühe halbverlorene Bilder hineinzutreten.

Mittelalterliches Gemeinwesen

Mittelalterliche Städtebilder, die ihren Mauerkreis mit den Türmen und mit den anderen Baufügungen einer sinnhaften Geschichte überragen, haben immer etwas an sich, als ob sie in ihrer inneren Art nicht mehr einnehmbar wären. In ihrer Raumordnung sind Widerstrebungen. Eins besteht mit dem andern dadurch, daß sich jedes weniger aus sich als in dem Widersatz mit dem andern geprägt hat. Die Abgrenzungen gegeneinander werden die sichtbaren Inhalte des Gemeinbildes. So sind sie ja auch häufig mit Pfalz und Dom und Kloster und dann dem Bürgermarkt wie aus Einzelbezirken zellenhaft zueinander entstanden; eine Zelle formt und schließt sich sinnhaft gegen die andere, und so bildet sich der gemeinsame Sinn aus den verschiedenen Einzelsinnen. Eine enge, aber kräftig gegeneinander verspannte Welt hat sich in dem Mauerring gedrängt oder mit gleicher Folge angesetzt; und während sich unsere heutige Empfindung gern mit Innigkeit für das ganze Wesen zusammenschließen will, wird sie doch innerlich aufgeteilt und gerät in die Ungelöstheiten unserer frühen deutschen Zeit. Die alten Formen konnten so sehr nach außen treten, daß sie zugleich wie Sperrungen und wie Schlüssel sind. Mit den Sperrungen in sich gerückt, erschließen sie sich doch wieder ineinander. So geben sie uns auch den Schlüssel und das Gemeinbild aller geschichtlichen Empfindung. Wahrscheinlich tut das nichts so sehr wie ein altes deutsches Stadtbild.

[Die Jungfrau Maria, Reliefausschnitt von den Chorschranken der Liebfrauenkirche zu Halberstadt]

[Goslar, Gotisches Portal auf dem Frankenberg]

Und dies also war Goslar, das an den Nordhang des Harzes gelehnt vor den Wanderern steigt und dabei bildhaft geschlossen wird, je mehr es sich den Schritten öffnet, und während es sich also in seiner schlichteren Gegenwart gewinnen läßt, sich doch noch mehr in seine große und noch edler gewesene Vergangenheit entzieht. So wurde die Empfindung geteilt, und so hatten die Wanderer Goslar vor sich. Dazu kam dann im Erfahren des Stadtbildes, was heute der Stadt mangelt, indem es im Verlaufe der Zeit aus dem herrlichen Bestand seiner mittelalterlichen Bauwerke herausgebrochen wurde. Edelstes Bauwerk der deutschen Geschichte ist hier sogar in Wirklichkeit unter den Hammer gekommen, so der Dom, der bis auf einen kostbaren Rest dem Abbruch verfallen mußte, so das Kaiserhaus, das nach einem späteren ruhmlosen Fortbestande im letzten Augenblick diesem Schicksal entging. In die deutsche Geschichte gehören solche Ausbrechungen und solche Mangelstellen, welche uns mit unseren Schicksalen begegnen lassen und welche, wie gesagt, uns in die Jahrhunderte einreihen, welche kaiserlich waren, und in die andern, welche bürgerlich waren. Wenn wir am Harze reisen, müssen wir staunen, wie gerade an den Rändern dieses in sich geschlossenen Gebirges die Ruhepunkte der königlich-kaiserlichen Geschichte sich bildeten. Goslar war im elften und zwölften Jahrhundert als die Stadt der größten kaiserlichen Pfalz unter den salischen Kaisern und noch unter den Hohenstaufen der herrlichste Mittelpunkt des Reichs, das »clarissimum regni domicilium«. Und mit seinem Bergwerk von verschiedenen edleren Erzen wurde es dann auch wachsend noch bis zum Ende des Mittelalters die reiche und bedeutende bürgerliche Hansestadt. Nun gehen wir in den Spuren ihrer Vergangenheit und, wie es deutschen Herzen eigen ist, lieben wir auch die Spuren des Mangels zu sehen, wenn immer diese Spuren groß sind und unsere bleibende Bestimmung zu einer großen Geschichte zeigen. Die Deutschen sind so, daß, was ihnen die Zeit genommen hat, zu einer Forderung ihres inneren Sinnes wird, zu einem rätselnden Trieb nach dem größeren Verständnis des eigenen Wesens. Sie werden immer wieder dem größeren Sinne ihres alten Kaisertums nachdenken.

Am Hang des Rammelsberges

Die Straße nach Goslar hatte uns am Abend vorher über Harzburg geführt, wohin der dreiundzwanzigjährige König Heinrich IV. vor dem Aufstand der Sachsen aus Goslar hatte fliehen müssen, und wo der Heidenweg oder Kaiserweg beginnt, auf welchem er seine Flucht dann quer durch den Harz noch weiter fortsetzen mußte. Von besonderem Eindruck für die Gegend war auch die in großen Schleifen durch Oker führende Fahrt gewesen, welche die großen Hüttenwerke zeigte, die zu den Bergwerken gehören. Spät war Goslar erreicht worden, und aus den dunkelnden Straßen hatte sich mit dem Marktplatz, mit dem gotischen Rathaus, mit dem »Kaiserworth« genannten ehemaligen Zunfthaus der Gewandschneider und mit anderen Gildehäusern und größeren Fachwerkbauten die bürgerliche Stadt herausgehoben. Aber die Bauwerke der noch älteren Geschichte standen stumm und nur ahnbar in der Nähe, und auch der Harzrand war in die unwirkliche Dichte der Nacht zurückgesunken.

Der Morgen aber hatte zuerst die Schönheit der Lage gebracht. Denn Berge und Firstlinien des Harzes gehören zum Bilde Goslars, wie sie auch seine Geschichte bestimmen. Und zum natürlichen Ursprung der Stadt gehört wohl der Rammelsberg, dessen Bergwerk, auf die Entdeckung durch den sagenhaften Jäger Ram und sein mit dem Hufe scharrendes Roß zurückgeführt, schon von den sächsischen Kaisern ausgebeutet wurde, wie ihr geschichtlicher Ursprung zur Pfalzgründung durch die Sachsenkaiser gehört. Wir lesen auch von dem Rammelsberge als dem früheren Rabenberge Wodans und unterhalten damit, außer dem Landschaftsbild mit Wald und Raben, unsere Freude an dem Gedankenzug, der in unsere älteste Vergangenheit zurück will. Dies ist die Freude, die einem Volkssinne eigen sein muß, dessen bewußte Geschichte verhältnismäßig noch so jung ist und der um so mehr den Trieb hat, sich weiter in seine unbewußte Geschichte durch Ahnung, Sage und Märchen fortzusetzen. Der Harz steht ja mit dem Kyffhäuser selber wie ein naturmythisches Element in unserer Kaisergeschichte. Allerdings müssen wir auch darauf aufmerksam machen, daß das Mittelalter nicht von dieser Naturmythik durchzogen war, sondern von Geschichtsmythik, welche schließlich auch, was an unmittelbar starker Gegenwart verloren ging, in spielende Beziehungen und Bilder aufnahm. Die letzte Gotik hat mit den Bildern von Kaisern und Sibyllen gespielt, wie man es in Goslar auch an der schönen Bemalung im Rathaus sieht. Was ein Kampf um Bild und Wort seit Beginn des Ineinanderdringens antiken und germanischen Wesens geworden war, das war am Ende nur noch wie eine bildhafte Erzählung, in welcher nicht mehr Werden, sondern nur noch Bedeuten war.

Geschichtliche Buntheit

Wir überlassen uns zunächst dem Zufall des Weges. Da ist die alte Jakobskirche, das enge Mittelschiff und die gotische Ausweitung, welche, wie manchmal im Mittelalter, mit dem freieren Hauche den genauen Ernst der Mitte anzehrt; dazu die schlanke und blinde Stirnseite mit Ecken und Türmen. Alsbald kommen wir zu einem Hauptorte der Stadt; die breite und ansteigende Fachwerksiedelung des Frankenbergs gibt durch ein gotisches Portal, durch dessen bemaltes Fialenrelief man wie zwischen Zeptern in die Hofanlage einschreitet, Zutritt zu der alten Klosterkirche auf dem Frankenberge. Das maßvolle Innere der romanischen Basilika, die schöne Nonnenempore, die noch reichlich erhaltenen romanischen Malereien, der sonntägliche Frieden in der geschlossenen Umgebung, die alten Damen, die zur Kirche gehen und mit ihren blassen weißen Haaren etwas Gemeinsames wie eine Stiftstracht haben, das alles ist wie ausruhende Zeiten.

Ein anderer alter Klosterbezirk, der am Anfang des Weges durch die Stadt liegt, ist die künstlerisch noch viel wertvoller gebliebene Neuwerk-Klosterkirche. Ursprünglich hatte diese Stätte, die mit ihrem starken romanischen Bruchsteinbau schön am alten Stadtrande steht, den Namen »Sancta Maria im Rosengarten«. In der Mitte der altbürgerlichen Stadt, in der Nähe des spätgotischen Rathauses, steht steil aufragend und mit hoch zwischen den Türmen hinaufgeführtem Stirnbau die Marktkirche; hohes Obergewände, stumme Steinfelder zwischen Lisenen und Rundbogenfriesen, das Geschlossene und Hochbrüstige der Erscheinung stellt sich aus wie ein städtischer Volkscharakter. Das spätere Rathaus bringt in anderer Weise mit seinen Reihungen von Giebeln, von Brüstungen, Fenstern und Lauben, mit der Gleichheit und reizvollen Unterbrechung der Formelemente die offene Anschaulichkeit eines alten Stadtwesens. Die alten Rathäuser sind wie die entsperrte Summe der vielteilig entstandenen Gemeinschaft. Den berühmten Rathaussaal mit Sibyllen und Kaisern haben wir schon genannt. Farben und Bilder tragen zur Gemeinschaft der geschichtlichen Seele bei. Und hier sind nun wieder die Gildehäuser der alten Zeit, das Haus der Gewandschneider und das Bäckergildenhaus; sie tragen das Richtungskräftige ihrer Formteile und das Gesichtsreiche ihrer Gesamterscheinungen über die Wohnhäuser hinaus. Unter diesen ist das berühmte »Brusttuch«, dessen Fenster zwischen Fialen und unter Eselsrücken stehen und dessen ganze Erscheinung aus der letzten Gotik in eine humanistische Liebhaberei hinübergleitet. Die Geschichte mündet in eine bürgerliche Weltfreude. Die konstruktiven Formen, nach außen noch als Zierat fortspielend, verschwinden doch gleichsam in sich selbst, und der Bau, nach außen ganz von Bild- und Schriftfreude eingebunden, verliert sich in sein geschichtliches Wohnwesen. Oder die Gegenwart, in der man wohnt, ist wie durch ein Buch begründet. Merkwürdig, daß auch uns Heutigen dies altdeutsche Wesen noch als unser Eigentümlichstes erscheint. Und so ist Goslar bildhaft und figürlich aus alten Jahrhunderten durchsetzt. Ganze Bauten und viele Teile sprechen zu dieser Buntheit mit, darunter auch die gemeinnützigen Anstalten und Spitäler des Mittelalters, welche »Das Kleine Heilige Kreuz« und »Das Große Heilige Kreuz« heißen. Es ist ja auch sonst manchmal so, als ob in solchen Anlagen der Sinn der Geschichte zuletzt besonders schön gestrandet und behaust geblieben sei.

[Goslar, Stadtansicht vom Petersberg aus]

[Kaiserpfalz zu Goslar, Sankt Ulrichskapelle]

Am Orte des Domes

Aber hier geht nun auch der Weg zum Dom und zur alten Pfalz, dem großen Kaiserhaus. Es ist eine mangelhafte oder deutlicher mangelstarke Empfindung um den Rest des alten Kaiserdoms, den man hier unter großen düsteren Bäumen findet. Eine Art großer Kapelle, das ist der Rest des Domes, der, lange schon baufällig geworden, im Jahre 1829 auf Abbruch verkauft wurde: dieser Rest war ursprünglich eine Vorhalle am nördlichen Seitenschiff. Der Dom selber aber lag seinerzeit mit seiner Hauptrichtung mitten gegen den Kaiserpalast. Man stellt sich diese große Achse vor und dazu die mächtige Querachse des Kaiserhauses, wie sie heute noch ist. Das war die Pfalz und der Kern des mächtigen Baubildes unter dem Salier Heinrich III., der mit dem Meister Benno von Schwaben hier die »herrlichste Hausung des Reichs« erbaut oder vollendet hat. Goslar und Quedlinburg, welch herrliche Baumäler der königlichen und kaiserlichen Geschichte waren einst am Harz entstanden! Der Rest des Domes steht wie ein weggeschobener Zeuge an einer geschichtlichen Wegführung. Noch hat er aber eine schöne Giebelwand durch eine Reihe von Statuen, darunter zuoberst eine blumige Maria von einer Art keramisch geformter schöner Bewegung in der Ruhe.

Und so hat die ganze Giebelwand etwas Blumiges und doch ganz streng Figürliches, mit jener deutschen Mischung von der Geschichtsform mit einer aus erdhafter Ruhe gewonnenen Natürlichkeit, welche gerade an diesem Orte alle Freude des Sinnes wecken muß. In der Tat waren hier für uns einige der schönsten Augenblicke in Goslar, vor allem bei der Betrachtung der beiden Kaiserfiguren Heinrichs III. und Heinrichs IV., wie man sie nennt. Man meint, man könne solche Figuren immerfort ansehen. Sie haben aufmerksame herrscherliche Gesichter, der Mund ist prüfend, als ob die Geschichte ein Genuß für den geschaffenen Menschen sein müsse; die ganze Gebärdung und Gesichtsform hat den Ausdruck geschichtlicher Entschlußkraft. Der Grund ist, daß die Gesichter nicht den Ausdruck des Lebens, sondern eine bestimmtere Lebensnähe haben, daß der Blick ihres Schauens aus einem sozusagen dichteren Grunde hinter ihnen herkommt und daß sie in eine Zone, in eine Ermessung ihrer Reichweite hineingerückt sind. Sie sind nach dem genauesten Begriffe in ihrem Dasein »instandig«; es berührt sie nichts, als was sie selber ihrem Wesen nach berühren. Eine große Speisung des deutschen Gefühls konnte für uns von diesen Figuren ausgehen. Wie reich in ihrer Ausgemessenheit ist doch die Welt des Mittelalters. Sie hat dem Raum die königlichen Maße gegeben und darein die königlichen Figuren gesetzt.

Kaiserhaus

Das Kaiserhaus ist das erste und letzte Ziel der Besucher Goslars. Man geht hinauf über das Kaiserbleek, das ist die Fläche vor dem alten und im letzten Jahrhundert erneuerten mächtigen Bau. Dieser, mehrteilig in seiner doch einheitlichen starken Länge, hat in der Mitte seiner schönen und gewichtigen Schauseite den Kaisersaal aus der Zeit Heinrichs III. und schließt nach links durch einen Verbindungsbau weiter laufend mit der altschönen, wie ein Bollwerk ins Vieleck gesetzten, zweigeschossigen romanischen Ulrichskapelle ab. Die Erneuerung mußte natürlich das alte strenge Bild beeinträchtigen. Die Wirkung nach außen, die wir heute bei Erneuerungen erreichen, ist eine andere als die frühere Art der »Äußerung«. Die frühere Art ist, als ob im Stein der aufgerichteten Wand die Erde sich entschält habe, und sie steht dann in der nackten Größe des Formgeistes ihrer Zeit. Und es geschieht dadurch, daß sich ein Bau weniger mit der Absicht des großen Gefallens als mit einer inneren Widerstandskraft dem Blicke aussetzt. Er setzt sich nicht aus, sondern er ist gleichsam nach seinem inneren Gesetze von dem allgemeinen Raumblicke der Augen »abgeschnitten«. Kann dies im ganzen gesagt werden, so haben wir hier, durch den Ausfall der Zeiten vermehrt, zu viel »Zutritt«, was den Eindruck verbürgerlicht und die geschichtliche Strenge mehr in eine Repräsentation verwandelt. Die Distanz wird neutral und verliert jene im Bestimmten herrscherliche Blickweite, welche die alten Kaiserfiguren haben. Vieles ist in der Umgebung dieses Baues verschwunden, der ein Mittelpunkt des Abendlandes war, an dessen Stelle schon die Ottonen und Heinrich I. und II., dann Konrad II. und die ihm folgenden Heinriche weilten, welche den eigentlichen salischen Ruhm Goslars geschaffen haben. Papst Viktor II. war 1056 zu Heinrich III. nach Goslar gekommen, um seinen Dom zu weihen und an seinem Hofleben teilzunehmen. Damals erreichte aber den großen Kaiser, dessen Reich und Ansehen mit dem der Ottonen wetteiferte und wieder den Hohenstaufen ein Vorbild war, dann auf der Jagd der Tod, so daß der römische Papst »gleichsam wie zum Dienst bei einem so großen Leichenbegängnisse mit Fleiß berufen« noch anwesend war, wie Lambert von Hersfeld berichtet. »Und es wurde angemerkt, daß zu keiner früheren Zeit seit Menschengedenken, ohne öffentliche Ansage, so viele erlauchte Personen an einem Ort zusammengeströmt waren.« Von den Hohenstaufen hat besonders Barbarossa die Pfalz Goslar noch mit großen Einzügen und Tagungen geehrt. Die Kämpfe mit den Welfen spielten entscheidend herein. Aber im späteren Mittelalter war dann die Kaiserpfalz verlassen, und die Stadt war wehrhaft geworden für ihre eigene Geschichte.

Noch vieles ist hier und in der Domkapelle zu sehen, das Hochgrab Heinrichs III., der alte Kaiserstuhl und der Krodoaltar, welche beide ihre Schicksale hatten, — der erstere geriet sogar in eine klägliche Versteigerung, bis er wieder im Raume der Kaiserpfalz zu Ehren kam. So weckt Goslar noch besonders das Gefühl für die alten deutschen Dinge, deren einfache Größe oder geistige Reichweite zu schwer war oder unerkannt blieb für spätere kleinere Geschlechter.

In Goslar kann man von den Dingen des deutschen Geistes und seiner Geschichte reden, indem man bedenkt, daß auch der Mangel und das Herausgebrochene eine Sprache hat, und indem man fühlt, wie sehr man noch im Bann und in der Reichweite unserer alten Bilder sein kann und wie sehr man doch verwaist ist. Die Schatten des Harzes und seiner ruhigen Schwere fallen auf diese Gedanken.

Das stille Gandersheim

Am Lebensorte der Dichterin Roswitha

Mit langsamen Schlägen meldet die Uhrglocke von Gandersheim die Zahl der Stunden. Die Schläge gehen von der doppeltürmigen hohen Westfront des alten Münsters über den leeren Platz mit einer gemessenen Folge, als ob sie nicht so sehr zu der kleinen Stadt gehörten, sondern noch in einer anderen Zeit hingen, die über Gandersheim gewesen ist. So werden sie stündlich laut und geben dem Besucher etwas von einer zeitlosen Gegenwart, wenn er diese altberühmte, schönräumige Nonnenstiftskirche betrachtet hat und nun, im Mittag vor ihr stehend, nochmals ihre Größe und Lage abmißt, womit sie aus den Gebäuden seitwärts heraus heute in ihre außerzeitliche Dauer und in den freien Blick gerückt ist. Und so schlägt die Uhr auch in den Abend, wenn das Stadtbild vertraulicher werden will, das aber einen schönen und kühlen Ernst nicht lassen kann und auch seinerseits mit gemessenen Abständen sich an den altstolzen Münsterkörper anschließt.

Ludolfingische Gründung

So geht das Bild von Gandersheim ins Gedächtnis. Und wenn man durch die große Landschaft seiner Umgebung gekommen ist, durch die fruchtbare Stille, wenn die Fluren in breitem Wechsel gegen den Mittag hin schweigen, oder durch die lebhaftere Bewegtheit am Abend, wo die Ackerknechte mit ihren Pferden von den Feldern wegreiten, so denkt man sich, daß Gandersheim als ein einzelnes schönes Blatt der Geschichte dazwischen liegt. Aber es ist keines mit vieler Buntheit auf malerische Weise, sondern es ist ein Zeugnis von vornehmem Alter.

In Gandersheim ist die Zeit nicht mit den mächtigen Schritten der alten Kaiser gegangen, sondern mit den leisen Schritten der Nonnen. Aber doch gehört Gandersheim als Stiftung zu den ersten und bleibenden Schritten eines alsbald mächtigen Geschlechtes, aus dem die sächsischen Kaiser entsprungen sind. Und die frühen geistlichen Bewohnerinnen waren mit diesen Kaisern verwandt oder stammten vielfach aus den vornehmen und fürstlichen Familien. Zu den Zeiten des Herrn Altfried, des vierten Bischofs von Hildesheim — so berichten die alten Quellen — zogen der Herzog Ludolf und seine fromme Gemahlin Oda nach Rom, und, mit Reliquien für ihre Stiftung zurückgekommen, bauten sie zuerst in Brunshausen, einem Dorfe, das ebenfalls an der Gande liegt, »ein Kloster für Gott geweihte Jungfrauen und wiesen ihre Tochter, die Herrin Hathumod, damals zwölf Jahre alt, dem besagten Bischof zu, daß er die Leitung des Klosters ihr übertrüge«. Das geschah im Jahre 852; aber vier Jahre später wurde der Ort Gandersheim für tauglicher befunden und dort der Bau eines größeren Klosters begonnen. Dieser Ort war »durch die Annehmlichkeit der Wiesen und Haine geeigneter« und bot, »durch dichte Wälder und Sümpfe geschützt«, größere Sicherheit für die Nonnen. Auf Hathumod folgte ihre Schwester Gerburg; und da Herzog Ludolf der Großvater des Sachsenkönigs Heinrich I. ist, so stehen Gandersheims Anfänge in engster Verbindung mit dem sächsischen Kaiserhause. Eine geschichtliche Rolle hat auch die Äbtissin Sophia, welche die Tochter Kaiser Ottos II. war, in dem Gandersheimer Streit zwischen Mainz und Hildesheim gespielt, welcher sich um die Vorrechte der beiden bischöflichen Gewalten an Gandersheim Jahrzehnte hinzog.

Auch die Nonne Roswitha berichtet in der einen ihrer historischen Dichtungen diese Anfänge des Klosters Gandersheim in den schönen umlaubten Gründen an der Gande, auf die man durch wunderbare Lichter aufmerksam geworden sei und wo dann am Allerheiligentage 881 das Kloster geweiht wurde. In einer anderen Dichtung hat sie die Taten des Kaisers Otto I. verherrlicht, der auch dem Kloster nahestand. Von einer kaiserlichen Nichte, einer späteren Äbtissin Gerbirg, Tochter Herzog Heinrichs des Zänkers von Bayern, war Roswitha in die antike Literatur eingeführt und zu ihrem dichterischen Schaffen ermutigt worden. Und also hat die erste deutsche Dichterin, die Nonne Roswitha, etwa hundert Jahre nach der Gründung des Klosters, als Zeitgenossin der Ottonen, im zehnten Jahrhundert in Gandersheim gelebt und gedichtet; ein ausnehmendes Beispiel, wie in dieser Zeit einer teilweise wilden Größe der Geschichte auch die Feinheit des Geistes gedeihen konnte.

Im Westen des Harzes

Mit Lust zieht der Wanderer zu dem Orte, wo von der Dichterin doch nichts mehr zu erwarten ist als der schwebende Ruhm eines Namens. Aber das Herz will auf diese Weise eine stärkere Fühlung bekommen. Und dann steht hier auch der große romanische Münsterbau, der, als späterer Bau nach Bränden um 1100 vollendet, über die Zeit der Roswitha weiterträgt, der aber hauptsächlich in seinem Innenraum ein Baugefühl von einer sonderbar zugehörigen Stattlichkeit hat. Es ist nicht heftig im Baudrange, sondern von einem schön und sicher in Wechselstützen und Bogen geordneten Raumsinne, der wie eine kulturvolle Sprache und dichterische Prosodie die Schauenden umschreitet.

Auch die Wege zu einem solchen Gedächtnismale der Geschichte bleiben dem Wanderer wichtig. Und so waren wir am frühen Morgen von der sonnig-windigen Höhe des Brockens aufgebrochen, wo mit dem jungen Tage die ganze Schönheit deutschen Landes im Umkreis des Harzes wieder aufgewacht war. In diesem Umkreis lagen einst die Besitzungen der Ludolfinger und sächsischen Kaiser, und darunter vom nordwestlichen Harze hinaus auch das Land, wo Gandersheim gegründet wurde. Unser Wagen hatte uns in die tiefen Waldengen hinab und dann über Braunlage Und Klaustal-Zellerfeld zu den Bergwerken gebracht, wo sich die stumme Größe in die breiteren Täler hineinschickt. Und nach Laubental war noch der hohe Riegel des westlichen Harzes zu überqueren, bis wir bei Seesen das Gebirge verließen, das allmählich mit seinen schönen Höhenlinien wie in einem blauen Regendufte zurückblieb. Dann kam die Landschaft Gandersheims von schöner und mäßig bewegter Vollkommenheit.

Anders dagegen, breit und flach, mit einer heißen Sonne über den großen Feldern, hatte das Land von Süden herauf begonnen, über das uns ein anderer Weg von Kassel und Göttingen hergeführt hatte. Die Häuser und Orte waren hier, von Ziegeln leuchtend, nieder, breit und stattlich, man möchte sagen, wie gleichmäßige Bänder in der Sonne, an denen man vorbeifuhr. Ein großer und schöner Hof, Wieprechtshausen, war an diesem Wege gelegen. Eine turmlose gedrungene Kirche spätromanischer Stilzeit stand vorherrschend über die Wirtschaftsgebäude, innerhalb der Hofmauern. Ihr Inneres war ebenso zusammengefaßt in den Räumen wie stämmig in den Stützen, ein starker Körper aus alter klösterlicher Zeit, der im Bauernhofe noch fest an seinem Orte stand. Ein spätromanisches Kreuz, blockhaft und doch etwas blumig im Körper, war eine stille und alte Wache des Raumes. Der Weg ging weiter, und nun kam die größere romanische Raumsprache von Gandersheim.

Im Raumgesetz

Das Münster von Gandersheim bietet von der Seite durch den Ausbau gotischer Kapellen in seiner Flanke einen baureichen Anblick. Aber die Westfront steigt zu monumentaler Höhe und Breite, aus welcher die Flankentürme noch im schönen Vieleck ein Stück weiter wachsen. Das Innere aber, das man, durch eine Tonne zum Portale gehend, betritt, bringt ein Raumerlebnis eigenster Art. Kurz könnte man sagen, hier herrsche nicht die epische und denkmalhafte Einsprachigkeit der westlichen Schauseite, sondern dieser in sich so wohlbeschlossene Innenraum habe etwas von einer schönteiligen, ordnungsstarken geistlichen Sprach- und Ausdruckskultur; er sei ein Raum für schöne Rhetorik durch schöne Raumsprache. Es ist der Grundriß einer kreuzförmigen Basilika mit zwei verhältnismäßig schmalen Querschiffen und einem Ostchor, während im Westen die Nonnenempore dem Raume den Widerhalt gibt. Aber nicht so sehr die Gesamtlage beschäftigt hier den Sinn, sondern das Mittelschiff allein, das durch eine steinerne Altarwand vom erhöhten Thore, welcher über der Krypta liegt, getrennt ist. Die Restaurierungen des früheren 19. Jahrhunderts haben wohl zu einem Eindruck stark bereinigter Glätte beigetragen, der sich nicht verschweigen läßt. Jedoch dieses Mittelschiff spricht mit der eigentümlichen, klaren Rhythmik seiner beiderseitigen Bogenfolgen auf Pfeilern und Säulen und mit der ornamentalen Formung besonders der zierlich gedrückten Würfelkapitelle, die teils mit Zirkellinien, teils mit Blättern überfangen sind, eine besondere Sprache.

Welch verschiedene Schönheiten des gesichtskräftigen Formenlaufs und des ihm entsprechenden Raumklangs gibt es doch in den romanischen Kirchen! Hier also geht der Stützenwechsel unter den schönen Rundbogen von West nach Ost dahin in einem Dreitakt, in welchem zweimal je auf einen Pfeiler zwei Säulen und das dritte Mal nur eine Säule folgen. Es ist etwa wie ein klingender Takt von Worten. »Also den Raum zu durchschreiten«; so könnte man mit je einer Hebung und zwei Senkungen der Silben den Takt und Fortgang dieser Raumrhythmik sich dem Ohre vorsprechen. (Wobei allerdings festzuhalten ist, daß die Säulen im romanischen Raume nicht als Senkungen wirken, da sie immer der lebendigere oder bejahendere Teil des Rhythmus sind, so daß sich die Raumwirkung auch in einer wiederholten Folge von »nein, ja, ja« ausdrücken ließe, was auch das erklusiv gebundene Gesetz dieser Räume mit Stützenwechseln deutlich macht.) Aber noch nicht dies ist hier die Hauptaufgabe der Empfindung, sondern der ganze Mittelraum hat eine fast »klassische« Begrifflichkeit, in der alle Formen wie in einer schönen Sprache sich behaupten und zusammenlauten. Hier scheint nicht der »dividuale« Drang des Schreitens vorzuherrschen, sondern der Raum sich in geistlicher Gleichmütigkeit zu gefallen. Es ist nicht leicht, in kurzem diesen mehr klaren als heftigen Begriff baulicher Form und geistiger Dialektik zu veranschaulichen. Es ist leichter mit Unterschieden anzudeuten, daß im Vergleich etwa Gernrode einen frühen reckenhaften Zug im klösterlichen Raume miterhalten hat, daß vor allem Quedlinburg einen romanischen Großraum von einer stetigen königlichen Frische und Offenheit der deutschen Geschichte in die Zeit gestellt hat. Hier in Gandersheim möchte man von einem schönen, geschlossenen, vielleicht theologisch begrifflichen Raume sprechen. Der Raum drängt nicht weiter, sondern hat eine Kultur der Ruhe. So mag man sich das Münster der Nonnen in Gandersheim einprägen.

[Goslar, Klosterbasilika auf dem Frankenberg]

[Goslar, Domvorhalle]

[Goslar Brusttuch]

[Münster zu Gandersheim]

Dazu gehört aber auch noch eine Zahl von sechs Figuren, die, ursprünglich auf kleine Konsolen im hohen Gurtgesims des Mittelschiffs bestimmt, heute an der Altarwand angebracht sind. Man stellt sich vor, wie sie mit rhetorischer Stellung und Bedeutung aus dem hohen Gesimsband wirken müßten. Und auch dies paßt zu dem theologischen und begrifflichen Raum, den wir hier erleben. Denn das Gesimsband selbst mit seiner positiv schmückenden Form ist das Gegenteil von jenem steinernen Seil, das in der Höhe des Gewändes von Quedlinburg magisch umläuft. Und auch diese Figuren haben nicht das Ritterliche oder das starke Vorgebot aus dem Grunde in ihre Kreatur, das man so oft an romanischen Figuren erlebt. Sie haben eine starke, rhetorische Gebärdung und sind mehr wie kräftige Interpreten zu einem geistlichen Leben.

Die Dichterin Roswitha

So mögen uns einige Züge aus dem Wesen Gandersheims erscheinen, und man darf wohl einmal eine Betrachtung in dieser Weise versuchen. Sie ist nicht im Hinblick auf das Wesen der Dichterin entstanden, die hier gelebt hat; aber wenn wir nun zu dieser Gandersheimer Nonne und deutschen Dichterin Roswitha zurückschauen, so finden wir ja auch bei ihr solche Züge, welche, auf die antike Schulung und auf die klassische Begrifflichkeit zurückweisend, schon vorher hier geherrscht haben mögen. Ihre Zeit war ja auch die Zeit der Kaiserin Theophano, und das Spiel mit antiken Formen war auch in der bildenden Kunst, wie im Quedlinburger Grab, aufgenommen, bis es in die härtere germanische Formweise umgewandelt wurde. In den Klöstern war die Lektüre der antiken Dichtung herrschend. Aber nicht wie sie übernommen wurde, so etwa die Dramen des Terenz, und auch nicht, daß in Hexametern weitergedichtet wurde, ist entscheidend; sondern wie man die Motive verändert findet, und wie Rhythmus und Ansatz eines Reimgefühls schon andere Formen in sich bargen. Es ist erstaunlich genug, wie sich in dem vornehmen, aber doch eingeschlossenen Nonnenleben eine solche Dichterin ausbilden konnte. Es ist erstaunlich, wie in ihr der Sinn von Legenden und Novellen sich verlebendigte, wie sich die dramatischen Schwingen regen konnten, und wie sogar eine fast barocke Freude an dem Spiel von Zahlen und an der Betrachtung der Musik sich dichterisch zu äußern wußte.

Roswitha hat die Bedeutung ihres Namens als »lauten Ruf« erklärt. Ihre Dichtung hat dem gedanklichen Umfang und der inhaltlichen Freiheit nach eine große Weite; und gerade in dem Hang zum Sinnhaften, zu Zahlen, Musik und feinem Dialog, möchten wir eine deutsche Jungfräulichkeit des Geistigen erkennen. Reife der Antike und Maß deutscher Frühe treffen ineinander; tändelnde Fröhlichkeit trifft sich mit königlicher Haltung. Und dichterisch wesentlich erscheint vor allem der dramatische Sinn für seelische Umschläge und Lebenswendungen. Die Inhalte ihrer Dramen sind, äußerlich gesehen, Bekenntnisse, standhafte Gesinnungen gegen Martern, Bekehrungen. Aber innerlich verstanden handelt es sich um etwas anderes. Es ist der Sinn des weiblichen Wesens in der Geschichte, der Ausdruck des gewissesten Vertrauens und der Unverbrüchlichkeit, dem als dem Sinn des schwächsten Wesens doch die Ehre der stärksten Haltung zukommt. Es ist ein neuer Innenraum der Dramatik, welcher — darf man so weit folgern — bis zu Shakespeares Cordelia und Kleists Käthchen reicht. Auf diese Weise gehört Roswitha in die Sinngeschichte des Dramas, und so, in dieser Entgegnung von strengster und mildester Kraft, bildet sie auch ein dichterisches Widerspiel zum romanischen Raumsinne. Das Geburtsjahr der ersten deutschen Dichterin wird um 935 angenommen. Ihr Werk ist durch den Humanisten Konrad Celtis 1494 wiederentdeckt worden, der an Kaiser Maximilian von seiner Überraschung schrieb, als das Werk einer germanischen Jungfrau, die in lateinischer Sprache und in Versen dichtete, vor ihm gelegen habe. »Wie konnte der hell glänzende Stern der deutschen Dichtung so lange hinter den Wolken der Mißachtung verborgen bleiben. Unglaublich ist es, daß ein Mädchen von zartem Alter, in einem rauhen Vaterlande und während der dunklen Barbarei erzogen, solche Dinge schrieb.«

Der Abend schimmert schon leise über dem ruhigen Gandersheim. Fachwerkhäuser und solche, deren Wände mit Ziegeln schön verkleidet sind, stehen kühl und etwas vornehm-bürgerlich an den wenigen Straßen. Ein stattliches Rathaus, aus Mittelalter und Renaissance gemischt, ist ein gediegener Schmuck der kleinen Stadt. Das große Nonnenmünster beginnt in seine schweren und hohen Umrisse hineinzudunkeln.