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Konrad Weiß

Die Löwin

Vier Begegnungen

Erstausgabe: Benno Filser Verlag, Augsburg 1928

Diese digitalisierte Fassung basiert auf der Ausgabe der Prosadichtungen von Konrad Weiß, herausgegeben von Friedhelm Kemp im Kösel-Verlag, München 1948. Beim Korrekturlesen wurde die 1985 beim Suhrkamp-Verlag erschienene und ebenfalls von Friedhelm Kemp herausgegebene Ausgabe von Die Löwin zu Rate gezogen.

Herausgeber dieses Digitalisats: Wilfried Käding

Ins Netz gestellt am 10. Januar 2016

Konrad Weiß: Vier Begegnungen

DIE LÖWIN

Es war noch zeitig am Morgen, aber der Tau war schon vertrocknet. Als wir über die Wiese gegen den Bach zu gingen, fielen plötzlich jenseits auf der Anhöhe mehrere Schüsse. Mein kleiner Bruder zu meiner Rechten, der mit mir das Kind zwischen uns, indem er es hinter dem Fäustchen gefaßt hatte, an seinem rechten Ärmchen führte, zeigte mit seinem ausgestreckten Arme gerade hinüber, sagte: Das sind die Jäger, jetzt wird der Löwe erschossen, und damit verließ er die Hand des Kindes. Mit seinen kurzen bresthaften Beinen lief er schnell auf den Bach zu, wo er an einer schmalen Stelle zwischen dem Schilfrohr den Übergang fand. Gleich darauf sah ich ihn am Abhang hinaufeilen und über der Breite des Hügels verschwinden. Die Sonne war so klar, daß alle Schatten wie Wasser vergingen, und die Morgennebel waren ringsum aufgesogen. Ich hielt das Kind fest und horchte auf Getümmel. Aber weder die wenigen Halme, welche den Saum der Anhöhe übertrafen, noch die Erlen längs des Baches zeigten im mindesten eine Bewegung und kein Blatt rührte sich. Es war, als sei die Sonne mit einem Rucke näher gekommen. Da hob ich das Kind von der Wiese auf, setzte es, während ich sein Gesicht in der Morgensonne fast nicht mehr erkannte, auf meinen rechten Unterarm und ging schräg über die Wiese nach dem Brette zu, das über den Bach gelegt war.

Es waren vielleicht zwanzig Schritte; und indem ich das Kind trug, wurde mir einen Augenblick die Anhöhe verdeckt. Es hätte mich darum, als ich meine Blicke vom Umschweifen an den schwarzen Waldwinkeln links in der von der Sonne schon ganz aufgebrochenen Hügelkette des Morgenrandes wieder hinüberschickte, verwundern müssen, woher jene Gestalt so schnell gekommen sein konnte, die offenbar von dem gleichen Walde herein schon den Abhang jenseits herunterkam, wenn ich sie nicht im währenden Sehen erkannt und zu mir selber gesagt hätte: das ist die Löwin. Meine Stimme drang indes nicht zu meinem Innern. Ich blieb mit meinem Blick in dem ihrigen gefangen, sah die Kommende stetig ihren Herweg fortsetzen, und kaum, daß ich zwei, drei Schritte mühsam gemacht hatte, fühlte ich mich noch auf der Wiese rund von einem Wasser umgeben, das viel tiefer war, als es nach der Schneeschmelze in dieser Niederung zu sein pflegt. Es reichte mir bis unter den Arm, auf dem das Kind saß. Die Löwin, nach der es mich anfänglich wie in einem leichten Wirbel unter den Füßen herumdrehte, ging nun, ohne mich weiter zu beachten, noch auf der anderen Seite in einem gestreckten Bogen vorüber und, wie mir schien, auf die Stelle zu, wo mein Bruder den Übergang genommen hatte. Das war die erste Begegnung, dachte ich und suchte den festen Boden zu gewinnen. Das Kind rührte sich nicht, und wenn mein Arm schwer wurde, als ich aus dem Wasser stieg, so hielt es mich dafür mit seinen Ärmchen um den Hals gefaßt. Die wenigen Schritte, die ich noch bis zu dem Brett zurückzulegen hatte, ging ich mit dem Bewußtsein, daß die Löwin hinter mir herkommen würde. Ich schaute nicht zurück. Doch als ich schon fast mit einem Fuße auf dem Brette hinter dem Körper des Kindes durchblickte, um dem Lauf des Baches entlang zu spähen, entdeckte ich sie noch auf der anderen Seite, wo sie ganz am Schilfrande kehrt gemacht hatte und schon unter dem nächsten Baume schnell gegen uns herkam. Sie trat fast gleichzeitig mit mir auf das Brett, das so schmal war, daß man zum Ausweichen sich hätte aneinander halten müssen. Noch ehe ich mich darüber zu klären wußte, was nun geschehen konnte, waren wir in der Mitte, unsere Gesichter waren ineinander getaucht oder deutlicher, ich sah mich vor dem Flächenblitze ihrer nahen und starken Miene aufgerichtet wie in einer heißen Flamme. Obgleich von Gestalt wenig kleiner wie ich ging sie doch leicht und sicher zur Seite vorbei; nur spürte ich ihren Vorübergang beinahe hart an meinem rechten Arme, mit dem ich das Kind vor mich hergezogen hatte. Und diesmal war sie es gewesen, die sich fast um mich gedreht hatte. Das war die zweite Begegnung.

Das Brett hob sich, als ich wohl gleichzeitig mit ihr wieder auf den Wasen trat, aber meine Füße waren schwer, und eigentümlich war es, wie ich das Wasser hinter mir hörte, das zwischen Schilfstöcken in einer Wurzelfalle röhrlte. Auch hob jetzt das Kind seine Arme und indem es über meine Schulter zurückschaute, fing es an zu jubeln und gegen mich zu schaukeln, als ob es ein nun schon bekanntes Gesicht begrüßen wollte. Ich wußte, daß die Löwin wieder hinter mir herkäme.

Der hier kaum im sauren Grase sichtbare Fußpfad lief etwa ein Dutzend Schritte gerade fort bis zu der Anhöhe. Rasch hatte ich ihn mit weniger durchmessen; aber nun stieg die Anhöhe in ihrem unteren Teile ziemlich steil auf, der Pfad war hier schmal und glänzte trocken. Ich setzte die Füße an und mußte mich aber bücken, um auch die freie Linke zu brauchen, während das Kind nun fast auf meinen Rücken kommend schaukelte und jubelte und mich noch tiefer drückte. Meine Augen schwammen im Schweiß. Meine Hand konnte den rissigen Weg nicht fassen und, war es mein Atem, den ich unter mich stieß, oder war es der nahende Hall der hinter mir kommenden Schritte der Löwin, ich hörte es im Umkreis heimlich donnern und von einem kühlen Zuge über die Höhe herab erschauerte ich mit den Gräsern. Ich richtete mich auf und sah in den Glanz des Himmels. Dann zog ich das Kind von meiner Schulter herab und setzte es auf meinen linken Arm; denn nun kam die Löwin rechts neben mir herauf. Sie stieg leicht auf dem gerippten Rasen empor und ging, ohne mich anzusehen, voraus bis zu dem Punkte, wo die Steigung des Hügels mäßiger wurde, bis wohin die Äcker von oben herabliefen und von wo an zwischen ihnen die Breite des Pfades für den Gang zweier Menschen berechnet war. Er war wie zwei leuchtende Rinnen, die sich in der Mitte, in einem Streifen dunklen Grases kaum berühren. Dort drehte sich die Löwin um und als sie mich anschaute, wußte ich, daß ich ihr folgen mußte. Ich war schneller, als es sich mit meiner Last zu paaren schien, bei ihr und nun gingen wir Seite an Seite jedes in seiner Rinne aufwärts. Aber das Kind war nicht zwischen uns.

Das war die dritte Begegnung. Ich wußte, daß ich auch noch das Kind zwischen uns werde nehmen müssen, und mein Herz war schwer.

Als wir schon bald in die Mitte dieses Weges gekommen waren, währenddem ich mehrmals in den Zufällen des schmalen Ganges die kräftige aber weiche Rundung ihrer Brust an meinem rechten Ellenbogen empfunden hatte, während das Kind von meiner linken Seite mit glänzenden Augen unverwandt auf meine Begleiterin herüberschaute — aber der stumme Geist war nicht zwischen uns gewichen — da, während bis dahin die Sonne wie in Stücken auf den Feldern lag und alles wie ausgestorben gewesen war, kamen auf einmal von oben rechts die Männer mit ihren Gewehren gegen uns herab. Sie riefen laut und unverständlich, einige schossen in die Luft und die Entfernung bis zu uns nahm zusehends ab. Bald mußten sie zur Seite anhalten oder unseren Weg kreuzen. Ich zitterte für das Pfand auf meinem Arme und wartete auf die Entscheidung.

Auch jetzt, wo jede Bewegung im nächsten Augenblick vor Spannung gelähmt werden mußte, bemerkte ich, gleich wie vorhin das Röhrlen des Wassers, wiederum die Umstände, die blieben oder doch ihren Lauf nicht gegen die Natur beschleunigten, die Trockenheit der Luft, die Dürre des Ackerbodens, der fast silberig war und kaum einen Schatten der kommenden Gestalten annahm. Auch sah ich die Ruhe des Feldes weniger durchstoßen von ihren eiligen Schritten als von den geringen Geschossen der Erdschollen, die durch die Schuhe vom Brachacker losgetreten gegen uns und den Abhang spritzend hinabrollten. Hinten über der Anhöhe vor uns sammelte sich ein leichter Rauch.

Die Würde ist wie ein Blitz, der durch seine eigene Unnahbarkeit inbrünstig lodert, und Ehrfurcht ist wie eine innige Verletzung. Der Mensch aber ist zu nichts Menschlicherem fähig, als die Grenze seines Abstandes zu finden, und indem er sie niemals in sich findet, flieht er mit dem Bilde des Blitzes, wie Pfeilschüsse, die, indem sie sich eingraben, immer auf ihren Weg zurückweisen.

Die Löwin hatte sich von mir abgekehrt gegen die Kommenden. Ich glaubte durch ihr Gewand ihren entschlossenen Rücken zu sehen und es wurde mir kalt. Das Kind aber griff spielend hinüber nach den gelben Haaren, die sich in ihrem Nacken ringelten, und ich konnte seine Hand nicht aus den Flammen nehmen, die wie mir schien um das Haupt der Löwin sprangen. Denn wer ist seines Willens mächtig im Augenblick der Bestimmung. Ich hätte die Flucht versuchen können, aber im Schauen auf die Löwin tat ich es nicht oder ich vergaß es. Die Jäger aber, sahen sie den Blick der Löwin oder erschraken sie vor dem heftigen Spielen des Kindes, flohen, bevor sie noch halten konnten, zurück, und als ob sie von ihren eigenen Schreien auf einmal verschlungen wären, so wurde die Stille noch größer als vorher.

Ich aber kehrte auf dem Wege des Pfeiles zurück. Ich nahm nun die Hand des Kindes auf meinem Arme und meine Last fester gegen das Herz drückend tat ich, als die Löwin sich wieder gegen mich wandte, selber den ersten Schritt zum weiteren Wege. Jedoch konnte ich das Schweigen auch jetzt nicht brechen und der Rücken des Himmels ging schwarz über mir weg. Heimlich sann ich auf ein Wort, das mit allem gefüllt sein sollte und die Zeit einholen mußte, die wir geschwiegen hatten, denn ich sah das Auge der Löwin mit einem immer stärkeren Glanze vorausblicken. Aber die Worte flohen aus meinem Innern wie meine Blicke an die Grenzen des schon ganz heraufgehobenen Himmelsrandes. Ich war wie ein durchschossener Vogel und wünschte die Bahn des Pfeiles zu Ende.

Bis zu der Stelle, wo fast auf der fortgebreiteten Höhe unser Weg der zwei Rinnen in einen zwar noch hängenden, aber doch fahrbaren Quergang ausmündete, der kahl und grasig die höheren Äcker von dem Hügelabhang trennte und der nicht überkreuzt wurde, wo wir uns also nach dem Untergang zum Dorfe oder nach Aufgang hin zum Walde über die ferneren Wiesen hinaus wenden mußten — denn ich wußte, daß die Wahl des Weges der Löwin gehörte — waren es jetzt nur noch wenige Schritte. Überhaupt war der ganze Aufstieg nur kurz gewesen. Ich fühlte aber in den Gliedern die Last einer langen Reise und wenn ich dazu den Augenblick bedachte, der kommen mußte, in dem die Wahl des Weges eine Wendung und eine Entscheidung brachte, glaubte ich hinzustürzen und samt dem Kinde mit einem Male verloren zu sein. Ohne Willen hatte ich sein winkendes Händchen behalten und halb blind — denn der Schweiß blendete mich — sah ich nun auf einmal mit einem sonderbaren Schrecken, daß ein Haar vom Haupte der Löwin um sein mittleres Fingerchen geblieben war und in der Sonne wechselweise goldig erglänzte. Eben versuchte ich mit genauerem Hinsehen heimlich den Schweiß aus den Augen zu wischen, und zwar mit meinem Ärmel, indem ich die Hand nicht freigab, als sich die Löwin voll gegen mich umkehrte. Ich sah ihre beiden starken Brüste unbeweglich unter dem dunklen Tuche ihres Leibchens und bevor ich es wagte, zu ihrem Munde hinaufzuschauen und ohne daß sich der Schall ihrer Stimme zu einem menschlichen Klange in meinen Ohren sammelte, hörte ich ihre Worte: Gib mir das Kind! Sie schlugen um mich wie das Rauschen eines Ährenfeldes und so war es alsbald, als ob sich der Boden durch eine Bewegung beschwichtigt hätte. Da sah ich in ihr Gesicht, das mir bleich schien von der Sonne über ihrem Scheitel, und sah noch die Öffnung ihres Mundes, der groß und voller Dunkel war. Und die Luft glänzte um uns wie ein gebleichtes Tuch und alle Tore des Himmels waren geschlossen. Da während ich noch prüfte, ob ihre von Hitze und weiten Wegen rissigen Lippen nicht blutig wären und an der Süße des Blutes leckten, sie waren aber unberührt seit langem und standen scharf in den Winkeln und die inneren Winkel ihrer Augen waren fast mehr Hügel als Gruben, gab ich ihr das Kind. Meine Last neigte sich ihr zu, die sich umkehrte und ich folgte ihr, nun in ihre Rinne tretend.

Dieser Weg war zu Ende und die Löwin tat den ersten Schritt auf den Quergang hinaus. Er war stark und weiter ausholend; auch hörte ich das Kind sprechen und glaubte die Wendung und alles weitere zu fühlen, als ich mit einem letzten Besinnen, die Löwin rückwärts zu umfassen und ihr den Atem zu nehmen, den Arm um ihre Mitte schlang. Sie jedoch wie ein unerschütterlicher Baum wand sich unhaltbar in meiner Umklammerung gegen mich, so daß ich von ihrem Arme, auf dem sie das Kind trug, wie von einem Aste getroffen und von ihrer nächsten Hand leicht weggeschoben wurde. Ja ich war wie weggehoben und sinnlos selber in einen Baum verwandelt, mit den Füßen verwurzelt und der Zweige in ihrer Erstarrung nicht mehr mächtig und dessen Blätter in der Mittagssonne lautlos sind, verstummt wie von einer Lästerung. Das Herz war mir aus der Brust genommen. Ich hörte noch des Kindes Stimme wie Weinen, das in meinem Mark hinunterlief; der Ort, wo ich stand, war, ohne sich zu ändern, wie in Verwandlung und als ich lauschte, kamen die Klänge der Mittagsglocke unaufhörlich über die Felder. Und ich vergaß die Gestalt der Löwin.

Und es stand nun ein Baum über der Mündung des Weges fast auf der Höhe des Abhangs, wo vorher keiner gewesen war, in dessen Schatten ich stand wie in meinem eigenen und das Gefühl der Zeit verloren hatte. Und vor mir lag auf der Erde ein Riemengehänge mit einem Gefäß wie ein Köcher oder ein Kumpf, in dem die Mäher ihre Wetzsteine bergen. Ich lechzte im Gedanken an das Wasser, das man darin mitführt, um die Steine zu schärfen, wunderte mich nun aber, daß die Löwin dieses Gefäß getragen hatte, das mit seinem Gürtel bei unserem Ringen sich gelöst haben mußte. Ich sah, daß eine Rolle darin stak, die beschrieben war, und setzte mich vor dem Stamme des Baumes nieder, um das Geschriebene zu lesen. Und ich las zuerst langsam, da meine Augen von der Hitze noch flimmerten, das folgende:

 

Das Dunkel des Blutes

„Wenn dir der bekannte Weg weggenommen wird, so danke dafür und freue dich. Es brennt im Herzen, wenn der Geist verzagt.“

Da hielt ich mit Lesen inne, die schwarze Schrift streifend, die wie ein Heer im Aufgange war, und ich schickte meine Augen unter die dunklen Äste hinauf. Ein Strahl der Sonne kam durch die Blätter herab und er war wie durch ein Brennglas mir ins Herz gestoßen. Vögel flogen um den Baum wie Bienen und sie waren mir so unbekannt wie diese, welche keine Namen haben. Meine Finger zuckten um das Blatt und ich las weiter.

„Tue in allem das Gegenteil und das Gegenteil des Gegenteils. Dies ist das Geheimnis des Schattens und des Lichtes. Denn so groß ist kein Mangel wie Gottes Ankunft und du bist immer noch zu viel.“

Mein Blick fiel über den Rand der Schrift und war wie entzweigeschnitten. Das Schilf am Bachrande unten am Hügel stand mit geschrägten Blättern als ein blitzendes Gitter und mit jungen Spitzen der Häupter, die noch nicht die Kraft der Bewegung haben. Später wird es wehen wie mit langen Federbüschen und rauschen wie von alten Klingen. Es wird festlich sein und ganz des Blutes ledig. Aber die Tage waren jetzt noch kaum im Abnehmen. Das Dunkle kehrte das Weiße hervor und die Messer wurden gezückt, kaum daß sie geschliffen waren. Und meine Gedanken gingen in die Schrift über.

„Eile nicht; denn der Ankommende will dich im Ziele behalten. Ich habe dich gebrochen, daß du das Maß einhältst und die Spanne meiner Entfernung. Im Wasser bist du in dich gekommen; auf dem trockenen Wege bist du aus dir verloren gegangen. Ich habe deinen Hauch um dich getan. Mache die Lehre nicht durch Reinheit unfruchtbar.“

Hier zuckte mein Finger wie ein Trommelschlegel wider das Blatt. Ich war in meiner Ohnmacht eingeschlossen wie in eine Festung, deren Mauer meine Gedanken vergeblich berannten. Ich erkannte das Wasser des Glaubens und konnte nicht trinken, ich sah den Weg der Hoffnung und konnte mich nicht darauf erheben. Ich war von Stille umrungen und als ich die unbeladene Eile der Käfer sah, die an der Erde hinliefen, schlug mich der Neid der innigsten Verzweiflung. So groß war meine Abkehr, daß ich meines Daseins Inbegriff verfluchte.

„Liebe die Reinheit des Unreinen.“

Denn ich war bedacht auf die Reinheit des Ungeschaffenen, das an keinem Orte waltet, und war ein Mensch, der sich von seinen Gedanken nährte. Der ungetreue Proviantmeister eines Heeres war ich, das vor mir herzog.

„Vergiß die Bewahrung und bewahre alles durch Verlust.“

„Lebe wie das Tier vom Raube und wie die Pflanze von der Verwandlung. Du kannst dir nicht nachkommen, darum eile dir voraus. Aber dein Hauch um dich sei ruhig in meinem Atem.“

Da ergriff mich das Erbarmen mit dem Tiere, das seine Gebrochenheit im ewigen Strahle nicht weiß; und das Unsägliche der Pflanze, die mit Winken im göttlichen Atem lebt und verdirbt; und ich glaubte die Reinheit des Geschöpfes zu fühlen, sie verderben zu müssen, um meinem letzten Inbegriff genug zu tun.

„Ich öffne meinen Mund und schließe deinen Kern aus.“

Regung quoll mir im Munde und doch war dies nicht die Tapferkeit des Blutes. Ich sah den Stamm des Baumes, daß er schwarz hinten über mir aufstieg, getroffen und wie von einem Blitze getötet, und meine Gedanken zerfielen still und zahllos gleich den Blättern und mein Geist wurde zerspalten mitten in die Kammer des Sinnes bis hinab in die Wurzel. So mußte das Mark ersticken und sich entblößen, das geboren hatte, und der Mund sich öffnen; und die Höhle des Mundes wurde vor trunkener Nüchternheit vertrocknet. Fliehe, wollte ich sprechen, und daß ich zehnmal geboren wäre, damit ich die Wanderung wüßte gegen das Verzagen.

„Im Worte liegt die Wanderung und die Wandlung des Blutes und alle Dinge werden durch Anteil verwandelt. Wo der Weg einkehrt, wird das Blut ausgetrieben und die reifen Früchte fallen durch die Poren des Vergangenen.“

„Lebe aus deiner geringsten Kraft.“

„Erkenne das Tun des Blutes; es hat keine Wahl im Geiste, sondern nur in der Erfüllung des Weges. Das Wort und das Blut bilden eine nahtlose Fügung. Empfangen durch das Auge im stummen Vorübergang des Wesens wird das Menschliche abgetrennt, um seine Ausgeburt im Dunkel zu vollbringen. Durch Schwere steigt das Dunkel im Lichte. Rettung liegt in allen Dingen und in der Kraft ihrer Namen. Aber nichts wird erkannt, bevor ihm nicht die Tat des Blutes gedient hat. Es ist Abtrennung. Erkenne diese Macht, der Reinheit zuvorzukommen. Aber die Treue bricht den Weg in meine Maße.“

„Am Abend steht die Sonne wie ein blutiger Spiegel und die Kraft ist aus den Dingen genommen, während ihre Sehnsucht wächst. Du aber bleibst in den Knoten geschlungen.“

„Vollbringe den Abstand des Lichtes und des Dunkels. Aber die Gestalt bleibe an ihrem Orte.“

„Lebe aus deiner geringsten Kraft.“

Hier ließ ich das Blatt sinken und war wie Adam, der kein weiteres Schicksal wissen wollte und sich versteckte, um den Mangel mit Mangel zu decken. Aber ich war schon im Wort gefangen und in der Stetigkeit seines Maßes, das seine Stunde in sich trägt gleich dem Offenbaren des Baumes; und war dann dem zweiten Verderben nahe, die Gewißheit der Ohnmacht zu lieben. Laß den Baum sterben, sprach ich, und ich will warten, bis sich ein neues Wachstum gebiert. Das wurde meine Verstockung am Mittag und war das Dunkel, das mit Furcht im Blute lag und das sich vermischte mit dem Dunkel des Sinnes in der Bitterkeit dessen, der den Baum bewahrte und dem Tier mißtraute, das an seiner Seite auf diesem Wege hergekommen war wie in zwei gleichen Rinnen. Und nun fiel mir mit einem Male die Löwin wieder ein und das Schicksal des Kindes. Aber ich konnte mich nicht erheben und erbitterte in meiner Ohnmacht mit der Schwärze des Laubes.

Der Himmel hing über in den Nachmittag und hatte sich nicht anders verändert als ein Glas hellen Weines, das halb ausgetrunken ist und wenn es nun angestoßen wird, heiterer spiegelt und leichter schwimmt der Wein in seiner Wandung. Ich aber blickte den bekannten Weg hinab ohne Teilnahme — ich saß noch vor dem Baume mit dem Angesicht gegen die Richtung am Morgen — und sah über das Schilf am Bache, in dessen Zeile Erlen ihr hartes Grün in der Sonne falteten, und über die Wiesen, die dahinter geradeaus lagen und ihre zweite Blüte noch nicht hatten. Dann ging ferner ein leichter Anstieg durch magere Weide, die aber voll Ruhe lag durch die Schatten von kleinen Obstbäumen, und dahinter erhob sich der Berg schneller und schließlich steil hinauf, der dort den Blick begrenzend mit seiner Kuppe aus den Wäldern des Morgenrandes tritt und das Feld nach Untergang beschaut. In breiter Flanke wiegt er die weißen Blitze des Lichtes, das sich gegen seine Hänge wirft, schon am Morgen, wo sie wie warme Glieder aus dem Nebel steigen, und wenn sie zuletzt am Abend bleicher der Sonne nachschlummern. Wiesenstücke zogen sich ohne merkliche Trennung hinauf außer durch einige länger herabfallende Buchten und durch einen Hohlweg, der im ersten Steigen zur Seite aufbrechend in der Schrägung sich verlief, während ein anderer Hohlweg unten am Fuße ohne Auffahrt stockte. Eine Straße jedoch war von der Vorderseite um die Biegung des Berges hergeführt und stieg über der halben Höhe, entlang geschwungen der ganzen Breite, aufwärts, wo ihr Gürtel im Walde einfiel. Und nun während vor dem Blick der Wald in einer Blößung noch einmal höher zurückfuhr, wie mit dem einsinkenden Atem die Schulter heraustritt, wurde mir die Neigung des Berges plötzlich in einer schweren Lieblichkeit bloß und bildhaft. Aber während zugleich mein Ohr gefüllt wurde und es war wie Echo des Wassers, das ich am Morgen in seiner Falle gehört hatte, und noch bevor ich die ruhenden Glieder eines in nackter Schwermut schlafenden Weibes in seinen Schoß wie hineingefällt von seiner eigenen Größe, zurückgedämmt aus der Gewalt der Erscheinung mit leichteren Zügen behorchen und, wie sie atmete, ihr Gesicht zwischen der Brust und der halb abgewandten Stirne, die von der Nackenlinie fast überbogen, sich auf den anderen Arm herabgesenkt hatte, auffinden konnte, wechselte, während die Gestalt selber wieder in die Natürlichkeit des Berges sich entfremdete, ausgestoßen von den Dingen mein Wesen auf der Spur des Blutes, und war wie ein Löwe, der aufbricht, und wieder wie das Harz, das langsam aus dem Baume herausquillt, und trunken wie der Wald, der in der Hitze dunkelt, wie man das Eisen dunkeln sieht, wenn seine Glut nach innen tritt. Und es klang in meinem Innern wie von einem Horne gerufen: Aus dem Baume geboren gehst du in die Erkenntnis des Tieres.

Vögel flogen, Häher schrien, Rufen hob sich mit Antwort im Gefälle des Aufgangs, und nur der Ring des Waldes stand unbeweglich in seiner zackigen Rast, als ich aufbrach und mich umwendete in die Richtung, wo ein Habicht seinem Bogen hoch entgegenschwang, und wo ich sah, daß Frauen über die Äcker auf meiner Anhöhe hinaus zusammenliefen. Dort war eine Feldstraße, die zum Dorfe führte, und bald war ich, unbewußt meines unbeladenen Eilens, bei der Gruppe der Frauen und in ihrer Mitte sah ich die Löwin. Und da ich auch von dem Kinde unbemerkt von hinten herankam, sah ich in Ruhe ihre Gestalt, die fast den Frauen der Landleute glich, nur daß sie größer war, stark und unfaßlich in der Bewegung. Ich sah auch, daß sie in niederen festen Schuhen stand, die etwas ausgetreten waren, und dies und der Umstand, daß sie von den Frauen umringt, welche sie anbettelten, kleine Säckchen austeilte, wie mir schien mit Mitteln gegen Krankheiten, welche die Frauen nannten, brachte mich in eine Heiterkeit, die ich kaum bezwingen konnte und in der ich mich doch gleichzeitig fürchtete. Ich wurde aber wie abwesend an der Seite der Frauen in dieser Furcht, die wuchs und in der ich wußte, daß kein Gesicht zu seinem Ausgange zurückfindet, daß das Tun ein Empfang sein mußte wie ein Ringen um Entbehrung und bliebe wie ein Raub in der Erkenntnis des Empfängers, bis er untergeht. Und die Erkenntnis mußte werden wie das Wasser, wie das Licht am Nachmittage, wenn es um die geschaffenen Dinge hinstirbt. Denn auch das Geheimnis Gottes ist nicht die Vereinigung, sondern die selige Entfremdung. Und so wie in einem Wirbel um mich selbst gezogen umging ich die Gruppe, wobei ich die Stimme der Löwin wieder erkannte, als sie um den Namen ihres Mittels befragt nur mit einem Worte Antwort gab. Ich hörte es ohne Bewegung ihres Mundes und es klang mir wie Euphobia. Und so wie die Frauen ihre Gaben in Empfang nahmen, nahm ich das Kind, das mich nun erblickte, von dem Arme der Löwin. Weder Dank noch Erkennen fielen von einer Seite in die Waage und damit trat ich der Löwin voraus auf den Weg. Das Kind aber blickte mit mir nach dem Gesichte der Löwin zurück, das unergründlich war wie am Morgen; ja noch unergründlicher, denn ihre Augen waren ohne Anteil starr in die herabfallende Scheibe der Sonne gerichtet, geblendet wie Perlmutter und stumpf wie die weiße Zähigkeit des Harzes und ihr Glanz wechselnd in Höhe und Tiefe war undurchbrochen von Erkenntnis. Und so war ihr Ausdruck, geteilt von einer unzerbrechlichen Scheidewand in ein Leben des Blutes, in dem sie handelte, und in ein Leben des Lichtes, in dem sie ging, mittellos zwischen beiden, daß ich, ohne ein Wort zu finden, mich von ihr abkehrte und das Kind forttrug in der Richtung ihrer Augen. Ihre Gestalt blieb zurück, ein Bild, das seinen Gang nicht beschleunigt, da es von Blut und Licht gleich ewig geführt wird. Ich aber wußte, daß das Letzte des stummen Geistes nicht gebrochen werden konnte.

Jedes Tun ist eine Tötung und die Mitnahme eine weitere Ermangelung. Denn wer wagt es, ohne Schwäche zu eilen und die Stärke der Schöpfung zu gewinnen, bis er den Ort der Entfernung gefunden hat, der in seinem Blute liegt. Ja das ist die Waage, in deren erster Schale das Gewicht liegt nach dem Maße der Gefahr, die vergangen ist, und in ihrer zweiten Schale liegt die Furcht, bis das Unbewußte seine Fülle erreicht hat. Wer kann seine eigene Gestalt abbrechen, damit sie nicht im toten Ziele verliere, sondern in dieser Waage zwischen Glut und Kälte die Schöpfung halte. Denn das ist die geringste Kraft, die Spanne der Entfernung zu trinken und die Frucht des Mangels mit dem Blute herzustellen. Und so ging ich der Löwin voraus auf ihrem Wege. Und indem ich fortschritt mit dem Kinde, sammelten sich mir zwischen Glut und Kälte die folgenden Worte:

 

Was ist dies wie ungenossen,

das wie schweres Öl im Mut

sinkend treibt des Herzens Sprossen

auf aus Wasser ein in Blut?

 

Welche Ahnungen von Liebe,

Ahnung, die den Glauben haßt,

weil sie im gebrochnen Triebe

einen Zweig wie Wurzel faßt;

 

Ahnung, das Gelenk zu schwächen,

das die Hoffnung krümmt und schickt,

und die Endhaft aufzubrechen,

bis ein bloßes Auge blickt. —

 

Ahnung, nein, es wird erkälten

dieser Hoffnung brünstig Mark,

bis sich in die Brust der Welten

stürzt die Erde ganz und stark.

 

Wie geschieht dies Wort, dies blinde

Werde, weil der Träger weicht,

der das Öl mit Wassers Binde

bindet und es nicht erreicht?

 

Nein und nein und immer welche

Ahnung, wie ein Vogel schilpt,

laß dich aus dem weißen Kelche

stäuben, daß es golden gilbt;

 

daß als ein Gesicht vergangen,

wenn der Abend überfährt,

deine Seele ohne Bangen

auf dem Zweige perlt und sehrt.

 

Laß dich, laß noch mehr den dunkeln

Willen deines Werdens Sinn

blind ergründen; siehst du funkeln

tief ein Wasser, wo ich bin?

 

Mutig aus dem Todgetreibe

laß nur blühen, wo es west,

ringe mit dem Löwenweibe

und nicht eher sei erlöst.

 

Als wir an das Haus traten, war die Sonne im Untergehen und die zuerst goldene und dann blutige Scheibe, durch den Rand eines fernen Waldes entzweigeschnitten, wurde über dem gebreiteten Horizonte schließlich wie eine Sichel hinuntergeschlungen. Da bedeutete mich das Kind mit Worten und Zeichen, bis auch ich mich zu erinnern glaubte, daß die Löwin geschmückt war und daß sie goldene Ringe in den Ohren getragen hatte. Und so zwischen Mond und Sonne schien mir in diesem Gedenken nochmals ihre Gestalt heraufzusteigen, vor der die Jäger geflohen waren, und der gleichend, die ich zuletzt gesehen hatte, nun die Nacht vom Aufgange hereinkam. Ich suchte mit dem Kinde das Innere des Hauses. Das Herdfeuer brannte, das die Gesichter der Geschwister mit Fröhlichkeit färbte und ihre Reden entfachte und den Jubel des Kindes mit hüpfenden Flammen begleitete. Aber der Abend, der noch anhielt, sammelte Traurigkeit in meiner Seele wie in einem Kelche und die Schwere des Mittags blieb in meinen Gliedern.

HARPYIE

Ich hatte die letzten Wochen bei dem Eisenbahnbau gearbeitet, der eben im Werke war, als mich meine Wanderung hierherführte. Es war ein nicht gerade ödes, aber welliges und einförmiges Gelände, um das ein weiter Horizont ging, und doch sah man gewöhnlich nicht über die nächste Bodenschwelle hinweg, auf der selten ein Mensch an unserer Arbeitsstelle vorbeikam und dann stehen blieb, um uns zuzuschauen. Die Zeit ging in den Herbst, es war heiß und die Tage waren mit Arbeit ausgefüllt. Heute war nun wieder das Ende einer Woche und die Aussicht, daß schon am Mittag gefeiert wurde und sich an den letzten Schlag mit der Hacke die Löhnung anschloß, machte, daß eine lebhafte Beschäftigung herrschte. Wir tummelten uns bei den Erdbewegungen und zwischen den Geleisen, die in der Sonne milchig glänzend noch regellos hin- und herliefen. Es wurde lauter als sonst und einige meiner gegenwärtigen Kameraden fingen an, sich mit kleinen Steinen zu bewerfen und Stichelreden nachfliegen zu lassen, die bald in einen schärferen Wortwechsel übergingen. Denn es war nicht allein die vorausgenommene Lust an der kommenden Pause und Freiheit, die zuerst die Worte und bald genug auch die Würfe böser befeuerte, so daß nun schon große Steine, Schrauben, Werkzeuge und Bruchstücke von Eisen geworfen wurden, sondern es begann sich schneller, als man erwartete, eine seit längerer Zeit angesammelte Gärung zu entladen. Parteien hatten sich gebildet, die zusammenstanden und zum Austrag einer Fehde drängten, und kaum gelang es, den anhebenden Tumult noch so weit zu ersticken, daß die heutige Schicht vollends zu Ende gebracht werden konnte.

Wie oft es auch Verletzungen bei der Arbeit gab und das Blut, das floß, unbeachtet vertrocknete und wie ein rostiges Eisen in der Sonne gerann, so war doch das Blut, das jetzt schon geflossen war, anders und sein Anblick war entzündlich. Man arbeitete heftiger und ohne den vorherigen Genuß an seinem Tun zu haben. Auch mir schien es, als ob das, was der Sinn der Arbeit zusammenfügte, sich in uns selber nun sinnlos und von Ursprung feindlich entgegensetzte. Jeder tat einsam und unklar sein Werk und wir waren eine kümmerliche Gruppe in der weiten und freien Gegend, die verdrossen eine menschliche Bahn und Regel baute, während sich der Staub der Erde über uns lagerte. Es war dunstig geworden und die Herbstsonne kräuselte den Rauch in leichten Wirbeln über uns hin. Auch war eine verborgene Stille unter dem dumpfen Klirren des Arbeitstaktes und man horchte zuerst bei einer lauteren Unterbrechung, bevor man den Blick gewaltsam losriß und aufmerkend hinwandte. So wurden die Dinge in der Nähe übermäßig deutlich und die Bewegungen verstockten hart und ungelenk, die doch in einem fort ausharrten und zwar je widerwilliger um so mehr wie nach einem geheimen Sinne. Man sah über sich in eine rötliche Wolke und nur das kleine Feuer der Feldschmiede war schreckhaft durchsichtig.

Was man hier tut, ist ein Abschluß ohne Ende, dachte ich mit schwerem Herzen, als die Dampfpfeife augenblicklich schrillte. Ich trat mit den ersten aus dem finsteren Zwange heraus, hatte bald meinen Lohn in Empfang genommen und indem ich mich nach einigen Schritten hinter dem Schuppen um ein handliches Stück Eisen bückte, das ich als Stab und Waffe brauchen wollte, ging ich entlang dem Schienenstrang fort nach Abend zu, in die Richtung, aus der uns die Arbeit hergeführt hatte. Ich hatte schon länger vorgehabt, jetzt meine Abkehr zu nehmen und tat es nun, wie der Anlaß sich fügte, ohne freudigen Willen und eher mit dem Gefühl der Schwere, das den Menschen immer über ein Ziel hinwegtreibt, das er sich eingeteilt hat. Und er muß danken, daß die Füße leichter sind als das Herz und ihn durch Eile im Gleichgewicht halten. Aber bald sank das Blut mit dem regelmäßigen Wanderschritt in die Beine und bald liefen diese mit der Kraft ihres eigenen Gesetzes und ich wurde wie dieser und der kommende Baum, die sich hie und da in den Weg stellten oder im Felde zeigten, Herr meiner Umsicht. Das Eisen hatte ich mit einem Holze vertauscht, das ich am Wege fand, und nachdem die Sonne über den Mittag hinüber war und mir auf meinem Wege zuvorkommen wollte, bog ich auch von meiner ersten Richtung quer ab und ging dem dunkleren Himmel zu, wo das bewohntere Land war. Ich trat tapfer und fröhlich meinem eigenen Schatten nach, den die Sonne anfangs noch vor mir herwarf, bis er mit ihrem weiteren Sinken sich immer mehr zu meiner Seite kehrte und als ein langer und stiller Begleiter über das gebreitete Land hinglitt, das ich verließ. Allmählich wurde mit Hecken, Wegen und Umfriedungen die Gegend wohnlicher und während das Erdreich im Abendlichte wesenloser sich abtrug, hoben sich die Böschungen wie Wälle und die Gärten und Häuser wie Festungen und die Fenster blitzten wie von Schild und Wehr. Das Gefälle des Landes ging nach Norden langsam abwärts und die Gärten und Besitzungen schoben sich wie Vorwerke hinaus. Ich war nun zwischen den Hecken und Mauern bald auf einer Höhe und bald wieder in einem Hohlweg. Die Aussicht war mir benommen und auch wenn ich auf einem Vorsprung ankam, so sah ich zwar die Tiefe und die Weite in der Ferne schimmernd und zwielichtig fast unermeßlich, während mir aber die nahen Verhältnisse und Richtungen unklar blieben. Ich war wieder um einige Mauern gebogen und hatte andere überstiegen und in den späten scharfen Strahlen der Sonne, die das Helle noch leuchtender machten und das Dunkle verbargen, kam ich aus einem Labyrinth von Bäumen und Beeten auf einer Mauer an, die nach vorwärts mit ihrer Zinne einen kleinen Absturz bekrönte. Ich sprang unverweilt hinab und gelangte eben noch so weit, nicht inmitten, sondern am Rande eines Blumenbeetes mit hochstieligen Blütenstengeln aufzutreffen, von denen ich doch noch eine Menge im halben Fallen umknickte und zertrat.

Um mich blickend, ersah ich gegen die tiefe und rote Sonne eine schöne und kräftige Frauengestalt, die sich eben noch gebückt in einem Beet mit Rosen zu schaffen gemacht hatte und nun groß und prüfend aufgerichtet ihren Schatten auf mich warf, der es mir möglich machte, schärfer gegen die Blendung zu schauen, und mich doch, da sie sich zu bewegen begann, bald durch die Sonne, bald durch ihre dunkle Körperlichkeit verwirrte. Als sie in einem zuerst fast übernatürlichen Wuchse von dem Beete herabtrat und dann in deutlicheren Linien wandelnd auf den Steinfliesen, die um das Beet lagen, gegen mich herschritt und nun als erstes Menschenbild dieses langen Nachmittags — ich hatte wohl zuletzt in den Feldern arbeiten und sprechen gehört, aber niemanden gesehen — in kurzer Entfernung stehen blieb, war ich, weil immer noch im Kampfe zwischen der Sonne, die mich blendete, und der Deutlichkeit eines schönen und starken Wesens, das mein Auge anzog und klärte und mich doch in der begrenzten und begierigen Fesselung, die ich suchte und wieder floh, in Verlegenheit setzte, so beklommen und über meine eigene Haltung unentschieden, daß ich die Entschuldigung wegen meines gewalttätigen Einbruchs und der beschädigten Blumen zwar nicht vergaß, so doch nicht vorzubringen wußte. Ich hob meinen Arm in der Richtung, die ich einhalten wollte, und schickte die Bitte nach, wie aus diesem Labyrinthe herauszukommen wäre. Es hatte bei diesem Anfang an jedem bleibenden Worte gefehlt, wie ich mich auch später nicht mehr an die erste Begegnung unserer Stimmen erinnern konnte, jedoch den festen und metallischen Klang ihres Mundes im Ohre behielt, als sie mit wenigen Worten aber mit einer entschiedenen Wendung der Gestalt auf den Weg vorausging, den ich alsbald nachfolgte. Später glaubte ich auch noch die Empfindung zu bewahren, als habe sie meinen Arm angerührt — obgleich sie mir doch nicht so nahe kam — und damit noch mehr mein Inneres ihr zu, als mich selber mit Achtsamkeit auf den Weg gebracht. Wir bogen von da in einen Hohlweg hinab und als wir nun einiges zusammen sprachen, blieb es auch jetzt mehr das Echo der vorausgehenden Stimme, mit dem ich mich beschäftigte, indem ich den Sinn der Worte über dem Klang, den sie im Echo aufweckten, überhörte und Antworten gab, die ich nur im warmen und dunklen Nachhalle zu mir selber sprach. Auch verloren sich meine Blicke immer wieder in dem braunen Fruchtglanze der mit schweren Dolden blitzenden Hollunderbüsche, die den oberen Rand der hohen Böschung besäumten und mit ihren bloßen und brüchigen Wurzeln herabgriffen in einem Scheine, der ebenso glänzend und bleich war wie die Rebstöcke, die über der Höhe Zeile nach Zeile mit ihren Spitzen in den blau herabgesenkten Himmel hineinstachen. Und als dann weiter abwärts am unteren Rande des Raines eine lange und buschige Reihe von Hagebuttensträuchern kam, wo ungezählte Früchte in milder Glut und oft in Scharen wie fliegend aus einem Teppich an den matten und versengten Ranken hingen, war ich von der Verdichtung verschlungen wieder in den Augenblick versetzt, wo ich am Mittag die Abkehr von der Arbeitsstelle genommen hatte, und halb noch auf das mitwandelnde Echo hörend begriff ich plötzlich in fremden Gedanken die Sinnlosigkeit einer Arbeit, die uns zu einem bloßen Zwecke vereinigt. Und unter Benützung der Gemeinsamkeit werden die Herzen immer weiter aus der innerlichen und natürlichen Dauer eines reinen Zustandes entfremdet und aus dem Einhalt und Zufall entbunden, der wie eine ziehende Ahnung die trennende Nahrung und die Wurzel ihres Lebensstockes ausmacht. Und so unvermittelt, indem ich es gleichzeitig als ungehörig laut empfand, sagte ich: „Es ist ein Fluch in der Arbeit.“

Es war, als seien diese Worte nicht vom Echo aufgenommen worden und sie blieben dadurch wie in einer harten Sichtbarkeit stehen. Wir kamen aus dem Hohlweg heraus und meine Führerin überquerte, an einem offenen Schuppen mit Feldgeräten vorbei, wo sich schon das Dunkel einnistete, eine kleine Straße, um weiter geradeaus an einem steilen Abhang emporzusteigen. Wir waren beide stumm und ich meinesteils war wieder in Gedanken gefallen und bei der letzten Gelegenheit hängen geblieben. Der Anblick von Werkzeugen, von ruhenden und solchen, die schon von der Arbeit gebrechlich ein verdientes und gewissermaßen erleichtertes Alter haben, weckt in uns den Mut einer Sättigung, in dem wir sie schwingen und brauchen möchten, und dagegen wieder das Gefühl einer Kraftlosigkeit, in dem man sie zu der Erde gehörig sieht. Man möchte sie anfassen und in einer seltsamen Zugehörigkeit auf ihnen ausruhen. Ein unbequemes Lager, dachte ich, als mir diese letzte Empfindung gerade jetzt auffallend zum Bewußtsein kam, und trotzdem verstärkte sich mir dieses ohnmächtige Begehren, gereizt vom Stachel des Widerspruchs und gesteigert von der Müdigkeit des Tages zu dem gleichsam unverständigen Genusse, meiner Begleiterin augenblicklich zuzufallen und in ihrer beschwingten Ruhe wie eine Last zu gehören. Ich weiß nicht, warum ich auch den Eindruck hatte, daß mein Weg für den Augenblick zu Ende sei, und ich wünschte, die Gestalt, die fremd und nahe schon die Höhe gewann, wieder sprechen zu hören und in einer Nachholung unseres vorigen Gesprächs jene Vertrautheit mit ihrem Wesen zu gewinnen, die ich mit dem Echo verloren hatte, das nun verschwunden war.

Wo wir aufstiegen, war kein Weg, sondern es ging einen steilen und bewachsenen Absturz hinan, wo der Rasen in großen Stücken abgetreten war und die bloße Erde trocken und glänzend unter den Füßen fortperlte. Wir tauchten wieder in das quer herüberfallende Sonnenlicht, das jede einzelne der kleinen, mit einer warmen Schwere gesättigten und durch ihre Haut goldbraun schimmernden blauen Trauben an den Rebstöcken hervorhob. Auf der schmalen Höhe nämlich, die wir jetzt erreichten, befand sich ein Feld mit Reben, eingefaßt von einem schmalen Saume, der das Beet abschloß und es von den Abstürzen trennte, die auf drei Seiten seine Lage umgaben. Man stand erhoben und fühlte den Himmel wie eine Wange. Das Geviert des Feldes baute sich zusammen und düsterte in seiner Klarheit nach innen. Von den Abstürzen war derjenige, auf dem wir heraufgekommen waren, der bequemste und kürzeste. Der zweite, an dessen Rand wir nun auf dem dürren Grassaum entlang einer schon ganz dunklen Wegschlucht unterhalb eben hinzugehen Platz hatten und wo wir noch die ganze Sonne genossen, traf sich an der vorderen Ecke mit dem dritten Absturze, der noch mehr als dieser vollkommen unzugänglich war und jetzt schon mit dem Schatten einer ungefaßten Tiefe unter sich die Last einer nächtlichen Schwere ins Blut gab, die den Wanderer befallen mußte, der das zwischen Sonne und Erde verschwindende Land, das in die Ferne zog, ohne Rast und ohne ein Ziel beging.

„Das ist die Richtung“, sagte meine Begleiterin und wies über den Absturz hinaus, „aber die Wege gehören ins Land und heute kann niemand mehr weiter als zum nächsten zeigen.“ Ich sah ihre ausgestreckte Hand, erblickte ungewisser ihre Gestalt und überflog hinter dieser das Rebfeld, das nach der vierten Seite wie ein kühler Verhau über den breit abgedeckten Rücken der Höhe stieg und wo weiße und noch grüne Trauben kamen, die ein dichteres Blattwerk haben. Und dann sah ich wieder die kahleren Rebstöcke, die mit sonnigen blauen Trauben um uns glänzten, wo die Blätter schon farbig wurden und die Pfähle und die gekrümmten bloßen Stämme Schritt für Schritt in der Erde standen, und alle waren bis in eine gleiche Höhe von dem trockenen Boden herauf wie aus einer Flut entstiegen und trugen einen fast metallisch glänzenden Saum, der aussah wie die Farbe einer abgeflossenen Ebbe oder wie die blau und grün und verlassen leuchtende Fläche eines Strandes, der sein Wasser verloren hat. Ich hatte schon früher mit großer Lust diesen wesenlosen Pegel bei reifenden Ährenfeldern angeschaut, der als ein vertrockneter Wellenspiegel die erdige Hälfte des Halmes von der goldig grünenden scheidet, aber jetzt, da ich auch die kantigen Rebstöcke im Abgang der Sonne wie nach einem gewesenen Ereignis trümmerhafter und die knorrigen Reben gefesselter in Regel und Geviert stehen sah, war es mir, als ob die Flut eben erst unsichtbar abgeflossen wäre und eine Kraft, die niemand verstehen kann, an meinem Herzen sauge. Die Meerflut, die ein Schiff in ihrem Spiegel furchen läßt, ist milder als diese stille Erde, die mit dem letzten Abendlichte lächelt und ihre Fremdheit vor uns begeistet, so dachte ich, mich selber verwirrend, und sah auf. Die Frau aber stand wie die Figur eines Baumes oder einer üppigen, in sich verschlungenen Pflanze, die nach allen Seiten ihren Ort hat. Und es kam mir nun noch schärfer in die Besinnung das Tun eines Menschen, der ein Ziel hat, das außer ihm liegt, und je weniger er es weiß und je mehr er von der Not zu einer Bestimmung getrieben wird, desto mehr hat er, der seiner Wurzel entwachsen ist, keine Fügung und keine Ehre. Und er gleicht dem Tiere, das ehrlos nach einer Bestimmung geht gleich wie zur bloßen Nahrung. Und es bleibt ihm nichts mehr zu erkennen. Doch die Vögel in der hohen Ferne, daß sie einen Flug ausführen, der ganz ohne Besinnung ist, und daß ihr Tun im Auge ohne Meßbarkeit dauert und keine Scham einer Demut und Erkenntnis ihr hohes Spiel aufheben kann, diese andere Schönheit sah ich nicht oder ich sah sie, sinnberaubt und an den festen Ort gebunden, nur mit einer Sehnsucht, die sich aus mir riß und die mich zu der Frau trieb, über die mein Ziel an diesem Abend mich nicht fortgewiesen hatte.

„Der Flug gibt den Vögeln das Beste und uns der Zufall“, sagte nun die Frau mit einem Gesicht, das wie eine dunkle Rose aufblätternd in der Abendsonne zu mir hergewandt war und doch fast verbleichend, geheim und undurchdringlich die Worte nur leicht mit der Zunge anzustoßen schien, die sie mir zuwarf. „Mein Haus steht dort drüben; vielleicht ist der Wanderer mit dem zufrieden, was er findet.“ Sie zeigte gerade in die Sonne hinein, nach welcher Seite in gleicher Höhe mit uns eine bebaute Terrasse sich mächtig im Lichte absonderte. Die letzten Strahlen schossen durch Bäume und Gitter herüber und davon kam es dann, als wir jetzt umkehrten und die Frau wieder voranging, daß ich mir selber ins Netz fallend wie ein Wild ermattete und die Worte, mit denen ich unbeständig und von einer gekräuselten Kühnheit gefangen auch den Sinn der Frau aus seiner nistenden Ruhe bewegen wollte, wieder von der Sehne fielen, bevor sie abgeschickt waren. Denn als die regelmäßigen Bündel der herüberfallenden Sonne, in die wir einschnitten, mich abwechselnd blendeten und wieder ins Dunkle ließen und als so die Hälfte meines Gesichts in jene halbärgerliche Schalkhaftigkeit geriet, in der man plötzlich um Besinnung ringend vor sich verstummt, wie das Auge bald aus einem Schilde glänzt und bald in seiner Blöße entwaffnet wird, entwaffnete sich auch das Segel meines Sinnes. Ja vor dem Ziele von der eigenen Unbeständigkeit in unzähligem Wechsel durchschossen war es nur noch das Gewicht der eigenen Schwere, das ich empfand, und mehr als das äußere Wechselspiel wurde es nun auch die innere Müdigkeit eines Menschen, der sein Blut, wenn er es nicht mehr fühlt, um so farbiger leuchten sieht; und je mehr das äußere Licht einen purpurnen Mantel an seine Schultern wirft, um so fremder sieht er sich in seinem eigenen Schatten und Körper einsam und abgesondert. Er treibt in einem Flusse, aus dem er doch ausgeschlossen ist. Und er fürchtet sein eigenes Blut zu kosten.

Das Blut, das in den Wanderern ist und das sie in den Buchten des Weges, wenn sie seine Unruhe mit einer ahnenden und fliehenden Rückschau und Bewegung vor Anker bringen, mit Wirbeln bedroht, über denen die Klarheit eines fremden Lichtes mit einem abwesenden Siege leuchtet.

Unsere Gestalten tauchten jetzt wieder von dem hohen Blicke hinab und der Schatten, der uns aufnahm, wurde nach dem sonnigen Tage wie eine stumme Öffnung. Das Ohr suchte nach dem zunehmenden Hall der Schritte und ich folgte wie ein Fisch der Angel. Die geringe Straße überquerten wir nicht wieder in den Hohlweg zurück, sondern gingen auf ihr weiter nach der Seite hin, wo auf einmal die hochragende Terrasse stand. Sie trat wie ein festes Gebäude aus dem Fundamente und ihre Stirne, gegen der wir im erbreiterten Grunde mehr auf die ebenso senkrecht aufgemauerte Wange ankamen, schaute weit über die schon schwärzlichen Formen der Hügel und Felder, die ringsum nach der Tiefe sanken und die Straße mit hinabnahmen. „Zu unserem Herde“, sagte die Frau. Ich sah sie schattig und im Umriß einer größer gewordenen Gestalt vor der verdunkelten Mauer. Sie trat dann an die Staffel, die hoch in steilen Stufen schräg an dem steinernen Gefüge hinaufführte. Zu unserem Herde, sprach ich innerlich nach und dabei hatte ich plötzlich Hunger. Und ich dachte an die Herdflammen, die sich wie viele Zungen beschäftigen, und sah wieder auf die Frau, die jetzt schwarz und klein und unruhig beweglich die Stufen erklomm, bis ich ihr nahe kam und das Gefühl unserer sicheren Körperlichkeit in der gefährlichen Steile um uns schwebte. Wieder beschäftigten mich die Flammen, die in ihrem eigenen Hauche gezügelt sind, je mehr sie sich aus sich selber entschlagen, und dabei genoß ich meine Müdigkeit in meinen Mundwinkeln wie Blut. Und so wie ein zischendes Brodeln am Holze den Körper des reinen Elementes einer Flamme in einem flackernden Lachen verbreitert und ihrem hohen Zuge Einhalt tut, bis ihr nächster Atem wieder höher schlägt, so ging es mir jetzt in raschen Empfindungen, die fast mit den Herzschlägen wechselten und in ein schreckliches Grauen übersprangen, als die Frau plötzlich anhielt und sich schon auf den obersten Stufen rücklings gegen mich herabbeugte, um mit dem Arme nach ihrem einen Schuh zu greifen, der ihr von dem bloßen Fuße, den ich jetzt sah, abgegangen war. Ihr wehender Hauch kam über mich, während ihr glänzendes Antlitz in meine Augen tauchte, und während sie den Schuh wieder anstreifte, sah ich unter der schimmernden Säule des Fußes ihre Ferse und in einer Höhlung, die rückwärts darin war, den Knoten eines Gelenks wie von einer Zehe und darunter den blauen Schein eines Nagels wie von einer Kralle; und diese schien angesetzt wie an einem geringelten Fruchtholz. Ich blickte taumelnd auf und auch die Gestalt der Frau taumelte, von dem Blute rauschend übergossen, das in ihre Bewegung schoß, und ihr Gesicht und ihre atmenden Brüste hingen über mir wie schwere Rosen. Und doch schien mir ihr inneres Bild, während ich sie im Fallen mit den Armen umfangen wollte, in ihren Augen bleich zurückzusinken und wie der Mond über einer gestorbenen Landschaft hinwegzutreiben. Sie kehrte sich aber rüstig um und betrat nun die oberste Stufe.

Als ich gleicherweise vollends die Terrasse betreten hatte, war die Sonne untergegangen und die Bäume ringsum, die vor uns standen zwischen Blumenbeeten und bis zu dem Hause, das zur Linken vor den Gärten des Hügels lag, und bis hinaus auf das hohe Ende der Terrasse zur Rechten, dunkelten von ihren Kronen schwer herab und empfanden ihre einsame Stärke. Wir gingen unter ihnen hinaus nach der Terrasse, die Schritte der Frau klangen heiter und ihr Gewand floß in einer matten Flutung. Sie sprach wieder und ihr inneres Singen setzte sich wie Knospen auf mein Herz. Aber ich konnte kein Echo finden, die Rinde der Bäume blinkte rieselnd aus wachsenden Schatten und ich empfand eine so harte Entzweiung in mir selber, daß ich plötzlich zu sagen anfing: „Die Stimme kann man nicht gebären, sie verbirgt ihren Ausgang in einer Wunde ohne Echo.“ Ich wollte weiterfahren und schwang die Geißel über das ungleiche Gespann meiner Gedanken, um sie im Schmerze zu einer weiteren Hingabe zu bringen, um das stille Rauschen, das von den Höhen hinab anfing, zu übertönen, und das Geheimnis anzurufen, von dem ich nicht wußte, ob ich es im Ringen mit der Frau, die ich nicht kannte, entdeckt hatte, oder in meiner eigenen Besinnung bleibend verschloß. Ich rang darum, das Mark des einzelnen Menschen zu fühlen und das Wort aus seiner Herzgrube zu entledigen. Es war das Geheimnis des Alleinseins und ob es sich sättigen lasse, ohne etwas zu erraffen. Inzwischen gingen die Bäume zu Ende, wir traten unter den ermattenden Goldstrom des Himmels hinaus und was in der Besinnung verborgen war, floß mit einem unaufhaltsamen Vergessen in der abgelichteten Weite dahin. Ein Kreis von Büschen war an diesem Ende in der Mitte vor der Zinne der Mauer angelegt mit einzelnen großen Bäumen und im freien Innern befand sich ein Tisch mit Bänken und Sitzen. Blumen schwiegen in den Büschen und die Höhe war jetzt wie von Stille belagert. Die Frau, der dies alles gehörte, lud mich ein, Platz zu nehmen und sagte, wobei sie anmutig und etwas verlegen nach einer Flasche wies, die mit einem Glase noch dastand: „Was tut man, wenn das Herz voll ist?“ Ich erkannte, daß sie von meinen letzten Worten nicht befremdet, aber doch in der spielenden Waage ihres Sinnes stärker bewegt war. Sie prüfte den Himmel und verhieß auf den schönen Abend einen leichten Morgenregen. Dann als sie die Flasche nahm und einen frischen kühlen Wein sofort zu bringen versprach, bat ich sie doch um den Rest, den ich gleich austrank. Sein Duft zog in den Geruch wie Wespen aus dem Glase und die bitterliche Wärme schnürte den Gaumen und die Kehle. Aber ich hatte diesen Widerstand meiner Natur gerne und da ich jetzt wieder in meinen Gedanken an die Arbeitsstelle des Vormittags kam, wollte ich die Frau, deren Gestalt mit einfallendem Zwielicht in ziehenden Lüften hinlosch und wieder schärfer wurde, noch mit Worten an diesen Augenblick fesseln und in ihrer Nähe atmen. Unversehens kam jedoch neue Bitterkeit über mich und ich sagte zu ihr: „Die Sehnsucht nach der nächsten Nähe treibt uns immer weiter weg; der Mensch weiß dies und so ist er ein Verräter.“

Die Frau lachte leise und sagte: „Du bist zu müde, um selbst noch den Genuß der Erkenntnis zu haben.“ Ich war aber von der armseligen Unmöglichkeit, den Augenblick zu erschöpfen und die Natur in einem reinen Ereignis ihres Zustandes zu besitzen, und von der Erkenntnis, in der ich wußte, daß der Mensch auf dem falschen Wege gering wird, sobald er sich in der bloßen Rechenschaft findet, so gefangen, daß ich wieder ein Werkzeug und ein wahlloser Arbeiter sein und zu einem blinden Geschöpfe werden wollte. Und ich antwortete in die kommende Nacht hinaus: „Die Schönheit wächst für den Preis, gering zu werden und unterzugehen. Aber das Herz hängt wie ein Echo daran und wie ein Brunnen an dem davonziehenden Schöpfeimer. Und doch bin ich es selber, der schöpft, und jeder Tropfen, der zurückfällt, wird in der Tiefe der Empfindung kostbarer als die Entwindung. Und so wartet auch die Erde auf den Regen.“

Die Frau kam in diese hilflose Rede mit ihrem Lebensstande dazwischen, von dem sie erzählte, daß sie im Sommer und während der ganzen schönen Jahreszeit allein auf diesem Besitztum hause. „Ich will unter den Früchten reifen und die Jahre nicht zählen“, sagte sie und ich sah, daß sie nicht war wie die Rebe, die in Stücken Wurzeln und Augen treibt, sondern wie eine abgeschnittene Traube. Sie war in einer unermüdlichen Befestigung stark und gespannt wie die einzelne Beere, die gewitterig leuchtet ohne Klang. Ich sah ihre glänzenden Augen, die jetzt aber gleichsam weiß und verschlossen waren, und wußte nicht, wie ich ihren Sinn überbieten sollte. Denn dieser war gewissermaßen ohne Barmherzigkeit. Und plötzlich erkannte ich, daß man den Menschen nicht hinwerfen kann mit seiner eigenen Schwere in die Waage. Denn er ist nicht der Preis der Erkenntnis. Sondern wie ein volles Glas neigt er sich mit einem wachsenden Übergewicht und er ist nur das Pfand des Geschehens in den Gezeiten. Und wie der Betrunkene eifriger den vollen Becher hebt und wenn die Überlast weggeschüttet im Bogen niederfällt, fühlt er sich von einem Strome aus seinem engen Wirbel hinweggerückt und er genießt den Kelch im Überschwang, so war auch ich, indem ich ablenkend die Nacht anrief und jetzt sagte: „Die Erde ist in der Verdichtung geschaffen, aber Gott hat in seiner Tiefe einen ewigen Strom“, begierig, meinen Fußpunkt entgegen der Frau zu verlieren und mit der Überlast leicht hinwegzufließen, und blieb doch wie der Betrunkene, der vom Widerhall berückt nur sich selber in der unendlichen Begegnung hört. Er kann dem dunklen Ringe nicht entfliehen, der Brunnen füllt sich, indem der Horizont sich hebt, der Tau rollt hinab, und nur im Glauben an die kühne Vergeudung, zu der der Mensch bestimmt ist, siegt er über die stetige Einbehaltung in der Erde. So gingen die Wellen über den verborgenen Ursprüngen hin, bis die Frau mit einer starken Stimme sagte: „Zu sehr im Wachsein ist man in einem anderen Schlummer. Wir finden uns gerne in der zauberhaften Trübung. Aber man muß entschlossen wandern, denn dem näheren Herzen bleibt nichts erspart.“ Und so wurde sie wieder die Partnerin, die mich in meinem eigenen Sinne überbot, indem sie die stumme Wirklichkeit zurückrief und den Menschen vor den Menschen stellte. Das Herz konnte nicht ausgewogen werden im Sinne; und während die andere Erkenntnis wieder zurücksank in die Tiefe, wo alles mit fortgetragenem Schmerze im Fluß der Begegnung geschieht, wurde die erste Erkenntnis wieder wach und das Erkennen der Frau, die wie ein Bild in der Nacht war, weiß und wie ein steinernes Wesen in ihrem Innersten unnahbar. Und so lange diese Natur dauert, kann der Brunnen nicht steigen, an dessen Rande sie die Wache hat. Denn ihre Augen sind undurchbrochen und das Gesicht ist stärker als das Gehör. Aber noch stärker und ohne Ruhe ist der ewige Strom.

Mit ihren letzten Worten aber hatte sich die Frau erhoben und indem sie schon rückwärts blickend mit schneller und gewinnender Zusprache Trank und Imbiß verhieß, ging sie eilenden Schrittes unter die dunklen Bäume zurück und gleich darauf scholl aus dem entfernten Hause das nächtlich fröhliche Geräusch von Geschirren zusammen mit dem Prasseln eines Feuers, dessen lodernder Schein aus der Türe und dem Fenster fiel und die Schwärzen der Büsche und Bäume in ihren Beeten sonderte und verdichtete, meinen Ort auf der Terrasse aber einsamer hinausschob. Ich suchte die Formen der Hügel umher, die aus dem Nachtgrunde unter den Himmel fluteten, und als ich gleichzeitig noch mit abgerissenen Worten, die mich verfolgten, dem Sinn des vergangenen Gespräches nachsetzte, wurde ich von einer schnell zunehmenden Verwirrung befangen, die ich selber bemerkte, während ich aber das Bewußtsein des Ortes verlor. Und unvermittelt sah ich mich bald auf der Höhe eines Turmes, in dessen Gemach ich, wie mich dünkte, eben durch die offenen Pforten der Schallfenster eingetreten war. Ich schritt auf dem gefegten hölzernen Boden hin, der aus dicken Schwellen bestand, und als ich dies bemerkte, fingen diese bei jedem Schritte an zu schwanken und in ihrer Achse zu schwingen. Klüfte taten sich dazwischen auf, die immer breiter wurden, ein Geläute hob an, dessen erste langsame und schwere Schläge in eine immer schnellere Folge übergingen, je schneller ich schreiten mußte, bis ich schließlich nur noch mit Sprüngen von Balken zu Balken mich aufrecht halten konnte und durch die Angst vor dem Hinabsturze, in der ich mich überkraftete, das rollende Wiegen der Balken und das dröhnende Schlagen der Glocken immer noch verstärkte. Die Mündungen tauchten einzeln unter mir auf wie Fische, die großen Glocken schwangen mit einer berstenden Gewalt und ich hatte, als ich jeden Augenblick dazwischen kopfüber hineinzustürzen glaubte, kaum einen Gedanken, sondern nur einige Worte, die ich unaufhörlich und einförmig in mich hineinsprach. „Ich habe zwei Zweige“, sagte ich zu mir, womit ich meine ausgebreiteten Arme meinte. Der Prall der Glockenschläge öffnete sich unter mir und war wie eine vom Winde aufgestoßene Welle mit dem Eingeweide einer Muschel, und dann schloß sich die Flut wieder über mir und war von Kämmen überwachsen. Dazwischen ging der eherne Klang mit vielen Stimmen, deren jede mich übermannte, so daß ich mich im Lauschen verzögerte und eben hinabgestürzt wäre, als ich erwachte und mich wieder an dem Tisch auf der Terrasse fand, die Arme an den Boden hinabhängend und die Wange auf der Tischplatte. Ich blickte auf und sah die Sternbilder wie Stufen in den unergründlichen Himmel hinaufsteigen. Dann, als ich nach dem Hause blickte, sah ich eben in dem Feuerschein durch die Türe, die sich verdunkelte, die Gestalt der Frau eilend und fast taumelnd erscheinen, und während sie nun herauskam und der friedliche Schein ihr nachfiel, erhob ich mich, trat auf die Stirnmauer der Terrasse und sprang hinab.

Ich kam in einem schweren Fluge auf die Erde nieder, fühlte mit den nächsten Schritten, daß der Weg hier weiterging und sah nun auch eine matte Zeile zwischen den Weinbergen abwärts führen, die ich alsbald verfolgte. Ich konnte zunächst nur meinen Atem erhorchen, der sich noch nicht beschwichtigt hatte. Als ich dann tiefer unter den Büschen den Schritt verhielt, hörte ich hinter mir nichts als eine Stille. Aber Rauschen lief von den Seiten herein, Wind hatte sich erhoben und während schwärzliches Gewölk schnell unter den Sternen hinstrich, begann ein hohes und von vielen Orten kommendes Singen. Es war, als ob sich die Stimmen über dem Rauschen entzündeten. Ich ging auf meinem unbekannten Wege weiter und meine Schritte waren von dem abwärts fallenden Gang und von der Last des Körpers beflügelt. Eine dunkle Wand war blendend hochgezogen, Schatten schlugen wie Fittiche und das Gesicht verlor sich. Das nächtliche Zwielicht, das mich mit einem warmen und fühlbaren Streichen umspiegelte, wurde vom Wetterleuchten und später von fahrenden Blitzen überflogen, die mich auftauchen ließen und mit ihrem Schein an den höheren Weinbergmauern hafteten. Die Donner rollten herein und ein trockenes Gewitter hatte den Himmel besetzt. Das Singen währte immer länger und nach den krachenden Blitzen scholl es wie von rauschenden Instrumenten. So ging ich durch die Mitte der Nacht; es war ein Weg, von dem ich keine Wendung empfand; denn er ging ohne Grenzen, wie ein Netz, in dem man aber nicht strauchelte, da überall die Töne hervorquollen, und wo sie gegeneinanderbrachen, war es wie ein Lächeln, mit dem ich meine entwurzelte Ohnmächtigkeit empfand. Schließlich wurde alles wie ein Schlafen von Stimmen, in dem ein pochendes Herz sich bewegte.

Als der Frühschein unter den Himmel hinaufflog, zeigte sich ein blasses Gewölbe von milchigen Wolken, durch das noch einige Blitze in grünen Adern berstend hinliefen und zersprangen. Ihr Donner war aber nur ein verschlossenes Knirschen. Regentropfen fielen, die auf den Blättern der Rebstöcke aufschlugen und sich eine kurze Zeit summend vereinigten. Dann brachen Strahlen in die Ebene, als ich nun auf die breite Straße kam. Der Staub war genetzt und ich ging durch den neuen Morgen fort in die große Stadt.

REKLUSA

Es wurde damals eine Nacht, als ob die Helligkeit des Tages nicht daraus verschwinden könnte; denn die Bäume zum Beispiel hatten klare Furchen und ihre Rinde war vor Lebendigkeit farbig. So konnte man besonders die Tannenbäume stehen sehen, von dem starken Grün ganz zu schweigen, mit dem ihre ausgeschwungenen Äste so harrend und hoffnungsvoll aussahen, als ob sie sofort in einer Bewegung nach aufwärts wallen sollten, während ihre Stärke in ihnen herunterging. Man sah sie, wenn man von der Wiese nach dem Walde blickte, und ihre Schäfte hatten jetzt einen ernsten Wechsel mit dem Schatten, der sein festes Lager jenseits des Tages hinter ihnen verdichtete. Sie traten in kurzen Reihen über die Hügel und trugen den wuchtigen Auslauf des Waldes, der auf der Morgenseite hereinkam. Das Dunkle aber konnte noch nicht heraustreten und die Wiese blieb auf ihrer ebenen Weite unbezwungen.

Aber es war auch der ganze Abend so gewesen, als ob er schon die Nacht in sich gehabt hätte, und man wußte nicht, wann die Sonne untergegangen war. So konnte der Abend, der doch nur kurz war, denn die Sonne war aus dem halben Gewölbe, wo sie lange verweilt hatte, schnell in Dunst gefallen und hatte die Scheidung nicht bezeichnen können, wo sie sonst ihr helles Auge zertrümmerte, dessen untere Hälfte schwarz wurde und der die andere Hälfte glühend über ihrem Bruche nachfolgte, so konnte, sage ich, der Abend doch lange dauernd erscheinen, obgleich nichts darin geschehen war. Und man wußte auch, daß in dieser Nacht nichts geschehen werde. Es war so still, daß man hinter den Feldern noch den Schlag der Sense hörte; sie gab den schnaufenden Laut einer Brandung, man hörte ihn ohne Zusammenhang und dazwischen hörte man den Zuruf an einem Gespann, das noch eine Fuhr hatte; man suchte mit dem Ohre die Richtung und dann sah man es auf seinem Wege entfernt vorbeiziehen. Man hörte darauf das Knarren der Achsen und einzelne Vögel sah man noch in der Luft lautlos und schnell vorüberschießen. Aber vorher hatte man das Rauschen gehört, das von dem Berge herabkam, von oben anfangend auf der breiten Seite des Berges, der wie eine Öffnung dem ebenen Tale gegenüberstand und die wohnlich an ihm verteilten Bäume nach Mitternacht hinauftrug auf die offene Höhe, die vor einer Waldschwelle verblich und wo es eben noch heller gewesen war als der hellere Süden. Die Bäume rauschten herab, aber erst als dieses Rauschen geschehen war, bei dem man die tieferen Kronen noch in der Bewegung gesehen hatte, als die höheren in ihr weißeres Licht wieder hineinschwiegen, erst als diese anfangs flüsternde Herabkunft des Rauschens an der stärkeren Erde vergangen war, fing man an wirklich es zu hören, indem man seinen Vorübergang vermißte, und es rauschte in den Herzen weiter. Und schickte man sich jetzt zu einem Worte, so mußte man zuerst dieses Schweigen brechen. Die Stimme drang durch ein Rauschen und war aus dem eigenen Herzen gestoßen. Man war getrennt von dem Nachbar und hörte den fernen Fahrer deutlicher als den Helfer, der mit auf der Wiese war.

Ja es war so, als ob diese Nacht einen Zaum in ihrem Rachen gehabt hätte, und dies war ein Zaum von besonderer Art. Er war wie ein Gitter und war eingeklemmt in ihre Kinnladen; sie zog und kam nicht vorwärts und dabei verschwieg sie ihre mächtige Seele. Da hörte man nun wieder eine Sense wetzen und gleichmäßig wurde der Grasschnitt vollzogen, als ob Zähne mahlten. Und manchmal stieß es dumpf und wie schlafend auf die Erde, wie in einem Stalle. Ich könnte lange bei diesem Abend verweilen, aber unsere Arbeit war nun eben spät fertig geworden und die Sense wurde beiseite gelegt. Man sah alsbald ihre silbern benäßte Schneide und blickte gegen den Himmel. Der Mond sah mit ziemlich völliger Gestalt herab und hatte seinen Ort oben schräg nach Süden, wo auch der Wald seinen Auslauf hatte. Aber das neue Licht war außerhalb der goldenen Scheibe noch fast unfühlbar; und nur so empfand man es, daß man den Vorgang einer Trennung wahrnahm, in der man sich selber mitempfand und wodurch man das Gefühl einer Unvollkommenheit hatte; man war durch einen beginnenden Schatten wie gehälftet. Wo der Mond stand, herab zur Seite und in unserem Blicke weiter nach Süden war noch ein höherer Ort im Lichte und dort verweilte es, während es unsere Gegend verließ. Abbröckelnde Hügelformen bildeten ein unfruchtbares Klingenwerk, das keine Grunderde hatte und mit seinen kiesigen Rücken herüberzielte. Unser Gespann war inzwischen auf der Wiese herangekommen, man sah die Furchen, die es gemacht hatte, ohne es zu hören, und mit der blitzenden Gabel wurde das Futter geladen.

Als wir auf dem Wege waren und das Gras auf dem Wagen sich schüttelte, wenn er mit seiner Last über die runden Köpfe der Steine fuhr, die immer heller wurden, sah der Mond fast gerade über unserer Schulter auf uns herab. Wir hatten allen Schein bei uns und gingen darin fort, die Rücken der Kühe bewegten sich wenig sichtbar, ihre Hörner leuchteten schwach und eine Kette klingelte, wenn die Räder an die Steine stießen, bevor sie darüber hinwegfuhren. Wir renkten in die ausgemahlene Felderstraße, die das Gelände nach Abend zusammenführte, und dann kam ein Abhang, in den wir hineinschnitten. Wenn man zurücksah, waren die Laubkronen auf dem Acker an der einen Seite schon ins Dunkel gesunken. Der Mond hatte nicht die Kraft, ihre Schatten unter ihnen um den Stamm zu legen und mit der weißen Erde zu umgeben. Sein Bereich hörte jetzt in einem mittleren Schimmer auf, unter dem die Gegend sich tiefer bedeckte. Uns aber folgte er und war noch auf den einzelnen Steinen zum voraus sichtbar, während der Weg, auf dem unsere Füße nachkommend ihre Tritte taten, im Dunkel verfiel. Die Schritte der Kühe traten jedoch sicher darauf fort und wenn man ihnen vorausgegangen wäre und hätte auf ihre Köpfe zurückgeschaut, so hätte man den dunklen Glanz ihrer Augen gesehen, der sich vor nichts fürchtet; denn sie wissen ihren Weg. Und kaum wenn man stehen geblieben wäre, bis ihre Köpfe anstoßen mußten, hätten sie ihre Augen deutlicher bewegt; aber das tun sie am Tage auch.

Ich ging mit dem Wagen und dachte, daß alles seinen ihm eigentümlichen Schritt habe; aber das, was uns erwartet, befindet sich in einem mächtigeren Schritte als das, worin wir gehen. Aus dem Nahen der Dinge, die an ihrem Orte bleiben, kommt es heran, und das Herannahen der Dinge, die uns beschieden sind, in die das Herz hineingeht und woher es keine Umkehr gibt, weil der Schatten hinter unseren Augen nachdrängt, ist der Ort, der mit uns wechselt, wo der bleiche Hauch sich entzündet, und unter seinem absterbenden Scheine bewegt sich die Seele und kann ihren Kern nicht entlasten. Das geschieht unter dem zunehmenden Glanz des Himmels in der Nacht. Und was wir nicht ahnen, ist stärker als was wir ahnen. Mit diesem schaute ich wieder nach dem Monde, wozu ich rückwärts blicken mußte und mich der Sicherheit des Gehens halber in dem auslaufenden Hohlweg an dem Wagen hielt. Der Mond schien nun außerordentlich rund und golden zwischen den verschlossenen Hügeln herein. Man sah über dem Saum des tiefen Weges nur ihn allein. Aber auch die dunklen Höhen der Ränder hinten über uns waren trotz ihrer Schärfe wie verweht, ihre Umrisse waren so unregelmäßig und alles hatte seinen festen Bau verloren, daß man sich wunderte, wie er seine Gestalt und seine Stellung so unverrückt festhalten konnte. Man sah die große Scheibe seines Lichtes, die seinen Körper verbarg. Da kamen, fast ohne zu klingeln — denn man weiß auf dem Lande, wer noch spät auf den Feldern ist — mehrere Radler hintereinander den Weg herein und strebten an unserem Wagen vorbei. Es war ein junger Bauer mit seinen Knechten aus dem nächsten Orte, der in unserer Markung eine große Wiese hatte und sie mit seiner ganzen Truppe auf einmal abzuleeren pflegte. Man sprach gegenseitig seinen Gruß, ohne die einzelnen Gesichter zu erkennen und suchte sich ungefährdet aus dem Wege zu kommen. Die Räder fuhren vorbei und sichelten mit schnellem Verschwinden zwischen den auftauchenden Hecken fort. Ich war zu dem Gespann vorgegangen, um es auf die Seite zu drücken. Die Bremse war gelöst und der Wagen fuhr nun mit heiterem Gepolter nach dem erhellten Eingang unseres Ortes. Die Hecken liefen auf beiden Seiten mit und über die Rücken der Tiere gingen die Blicke in die schwärzlichen Büsche, vor denen trotz der schon späten Jahreszeit noch Johanniswürmchen flogen. Ihr grünliches Licht ertränkte das Wachsen der Dinge und hob ihr nahes Dasein auf, bis sie verlöschend in den Graben hinabsanken, der selber wie ertrunken unter der Hecke lag. Man sah wieder nach dieser und sah, wie sie erglänzen wollte unter der Schwärze der Schatten, über deren Verfinsterung die grünlichen Funken dahinstrichen.

Dieses wesenlose Licht macht es, daß die Finsternis selber eine glänzende Sättigung annimmt und überwältigend wird. Der Kern der Dinge schien unendlich an einem kleinen Orte ausgebreitet und nichts schien ihn in der Vollendung seiner wirklichen Gestalt behindern zu können. Ich dachte an den Mond, der hinter uns war, und hatte den Eindruck, er müsse jetzt mit einer vollen Verdichtung durch das wesenlose Licht gedrungen sein, das sich auf ihm sammelte, und daß es die ganze Kraft des nächtlichen Himmels bedarf, um ihn durch eine ausgetragene und reine Gestalt an seinem Orte zu halten. Seine goldene Scheibe, dachte ich weiter, ist jedenfalls eine unbegreifliche und von unserem Auge abgeschiedene Erkennung; sie bedrängt uns durch die aufgehobene Ferne; und auch das ist wahr, daß sie ihren Wechsel auf uns wendet; es waltet in ihr mit einem hungrigen Verlangen. Wenn wir uns abwenden, kann alles geschehen und wer weiß, wie schnell er seine Maske wechselt, sagte ich erheitert zu mir und doch mit dem leisen Schauder eines in ein Wasser Getauchten. Ich ging aber mit freien Schritten durch das Dunkel neben dem Wagen, an dem ich mich wieder gefaßt hatte und der in seiner fahrenden Bewegung dem Körper den wohltuenden Zug der Tiere mitteilt. Dann dachte ich wieder an die vorbeigekommenen Knechte und daran, welchen Eindruck ich in der sinkenden Nacht von ihren Stimmen gehabt hatte, die mir doch im einzelnen nicht deutlich geworden waren. Es gehört auch in die Wirkung der Nacht, worin die sichtbaren Dinge verschlungen werden, daß eine Stimme ihre Einsamkeit bekennt und vorhanden wird mit einem Klange von einem leiblichen Deutlichsein. Sie ist dann wie mit Erde behaftet, wenigstens eine Bauernstimme, und es ist darin etwas wie von der Krume oder Scholle, das sich rührt und fortperlen möchte und das nicht fallen kann. Das ist wie Erden in der Brust und wie Schollen und die Himmelskörper im Weltraum, die nicht untergehen können, wollte ich fortfahren; und es ist die Stimme des Brotessenden. Aber die Dunkelheit fiel ab, wir verloren die Größe, die wir auf dem nächtlichen Wege hatten und wurden zusehends an uns selber kleiner, als wir zwischen die beleuchteten Häuser kamen. Wir fuhren nun ins Dorf.

Das Licht fiel aus den Wohnstuben herab, die im ersten Stocke sind, und leuchtete aus den Ställen und den Scheunen, die um die Höfe liegen, und kreuzte über die Straße. Man sah im Vorbeifahren, wie weit die Leute mit ihrer täglichen Abendhantierung in die Nacht hineingekommen waren, und hörte das Tönen von hölzernen Geschirren und den Takt der Brunnen. Die Räume waren von der Nacht geleert, aber besondere Lichter und Schatten huschten dazwischen, die Ruhe war geschäftig und man war aufgelegt, für einen Nachbar noch ein Wort mit einzubringen. Da kam nach einem Hause und eingeschoben vor der verschlossenen Wand seiner Scheuer ein Stück dunkler Garten, der mit seinem Zaune an der Straße entlang reichte und in seiner Mitte einen großen und schweren Birnbaum hatte. Man sah in seiner düsteren Wucht hinauf, mit der er über alles herabdunkelte, und als ich stehen bleiben wollte, kreuzten meine Augen, während ich auch seine unsicheren Umrisse nach unten absehen wollte und seinen Stamm erkannte, schnell mit dem Entgegenkommen von vier anderen Augen, die fast nur das Weiße sehen ließen, da ihre Dunkelheiten mit dem Dunkel der Nacht glänzend gleich waren. Ich erkannte zwei zu uns herausscheinende Gesichter von zwei starken Mädchen, von denen das eine sitzend kniete und das andere gebückt war und die beide aus dem Grunde des Gartens vom Obstlesen zu uns herübersahen. Ihre Augen waren jetzt so dunkel gerundet und dabei so glänzend, daß ihre Gesichter unter ihnen, trotz der Nacht, in einen bleichen Schatten fielen. Aber dabei war das Dunkle des Glanzes wie von einer gleichen Blindheit unterbrochen und es war eine Blindheit, mit der wir uns sahen und sie hatte eine Regel ohne Halt und ohne eine wahrnehmbare Bewegung. Die Blicke waren unter ihrer Decke von Erde und die ganze Stille des Abends, wie ein großes Licht in Dunkelheit gefallen, ging ein in diese harrende Bewegung, in den Abschein eines Lichtes, das die Dunkelheit in seiner Waage hat und um die Erde wandert. Der Hang des Sehens gewann ein Wesen in diesem fließenden Dunkel und dieses war von einem Strahle entzündet, durch den seine Schwärze noch deutlicher wird, und so bewegt sich das Leben schwerer unter dem Lichte. Die Augen sind in einem blinden Wasser, um eine Bewegung darin fortzutragen, die mit uns geht, und wir werden von ihr in einem beständigen Sinne verschlungen, sowie die Erde, die wir treten, in unsere Füße tritt und heraufkommt unter ihnen zu einem beständigen Untergang. Ich ging fort oder es war ein Ruck, mit dem der Körper fortgebracht wurde und dabei konnte ich zu keiner bleibenden Besinnung kommen vor diesem Strahle, der eine bleiche Dauer hat. Er wechselt mit uns, wie er will, wenn er aus seinem undurchdringlichen Ursprung gebrochen ist, und er sättigt die Stärke des Dunkels gegen sich selber. Er wendet sich gegen das Herz und er bohrt in die Blume des Blutes an ihrer Wurzel. Hier ist der Stachel, wovon das Tier in seinem Leben abgeschieden ist; in uns aber betreibt er den Sinn der Flucht. Ich war mit allen Sinnen gegen diesen Stachel fortgetrieben, und auch, als ich im Obern eines Hauses durch das helle Fenster den Kopf eines Essenden erblickte, der mit seinem halbrund geöffneten Munde die Zufuhr der Speise erwartete, konnte diese gesetzte Natürlichkeit den heiteren Ring nicht mehr herstellen und spaltete vielmehr weiter an dem Gefühl des Abgeschiedenseins von dem friedlichen Zustand, in dem die Dinge des Daseins im Spiele der Lichter ihre heimliche Geborgenheit haben. Und so ging ich, in die Wanderung getrieben, als wir die Hauptstraße des Ortes erreichten und das Fuhrwerk nach unserem Hause hinwegbog, allein auf die entgegengesetzte Seite und verließ das Dorf.

Ich trat in das Dunkel und war alsbald ohne die Fühlung der verlassenen Verhältnisse. Das Dunkle war herausgekommen und das Künftige war auf seinem Wege. Es war einfach so, daß ich den Schatten in mich nahm und daß eben dadurch der Rachen sich nicht schließen konnte, von dem ich meinen Ausgang hatte. Oder es war auch so, daß der kommende Weg wie ein Kelch war, der nicht getrunken werden konnte; seine dargebotene Öffnung war groß und er lag auf der Seite. Er lag in einem wogenden Glanze und der bleiche Strahl hatte darin keine Bedeutung. Auch ich hatte in meinem Willen keine Empfindung und hätte ich nun bei diesem Bilde verweilen können, so wäre die Blume des Herzens gesättigt worden. Ich wäre in der Begegnung gewesen, mit der sich Erde und Himmel empfangen und in dem inneren Orte, wo der Sinn in seiner reinen Tiefe waltet. Aber der Weg ist dann wieder wie ein Brunnen mit einem letzten Stern in seiner Tiefe oder wie ein Brot, das man ißt; man schmeckt die Krume und bekommt die Bestimmung der tragenden Scholle. Es ist ein Weg, dessen Mehrung man nicht begreift und über dem doch alle Gedanken wachen. Und die Dinge der Erde vollziehen sich mit einer furchtbaren Trägheit.

Die Straße war sichtbar wie ein Balken und jetzt in der Nacht so durch den Ort gelegt, daß dieser mit seinen dunkel abgezweigten Armen keinen Anteil daran haben konnte. Ich ging nach dem höheren Süden, der heller war, und es kamen da noch einige Häuser, bevor sich abbiegend die freie Landstraße entwickelte. Und außen am Dorfe, wo das letzte Haus mit seinem Garten einen vorgestoßenen Winkel bildet, über dem das Reich des Mondes wieder beginnt, ihm gegenüber auf der gleichen Seite an meiner Linken befand sich eben damals auf dem geeigneten Rasen ein Karussell, das sich mit seinen Lichtern allein und unbesetzt in die Nacht hineindrehte. Die Kinder waren schon fort und haben auch an solchen Tagen keine Zeit, und nur wenige müßige Gestalten standen dort, um die Musik und die fahrenden Lichter zu genießen. Ich ging ungesehen von der Straße weg und hinter dem laufenden Spiele vorüber. Ein alter und wenig gebrauchter Fahrweg, der zuerst tiefer war und von Birnbäumen überdacht wurde, stieg dann an, von dem man jetzt nur die dunklen Furchen und die größten Steine sah, die sich mit der Zeit darauf erhoben. Dann, als ich in das volle Mondlicht heraufkam, das jetzt die sichtbare Erde unter dem Himmel beherrschte, ging ich auf einem gleichmäßigen Bande, das zwischen den rund heraufgezogenen Äckern quer um die Höhe hingelegt war. Links kam meine Hand an den hohen und quer mit mir gehenden Rain, über dem der nächste Acker den Berg nach aufwärts fortsetzte und nach rechts vom Scheitel herab hatte ich den halben Himmel nach Westen herabfallend frei über mir. Ich war von dem schrägen Widerstand der Erde emporgehoben, und wenn ich mich halb herumkehrte und auf die schwarzen Äcker hinabblickte, dann über das dunkle Land, das am Tage voller Wohnlichkeit ist, den fernen Gesichtskreis ohne einen anderen Absatz als mit einer stillen Verdichtung in den bestirnten Himmel münden sah, kam nun eine Leichtigkeit zu meinem Wesen, die anders war als die wohltuende Empfindung bei dem Zug der Tiere und die man empfindet, wenn nach einer schweren Bedrängung plötzlich das Reich der Lüfte seine Geister sendet. Man fühlt ein Schwanken und sucht vergeblich in seinem Kerne das Körperliche zu bekommen; und dabei ist doch auch die Gestalt in einem unbezwinglichen Maße ausgerüstet. Und von diesem Bilde, das ich von mir hatte, und auch weil ich allein und von der Seite des Berges geschoben über dem Lande stand, kam unvermittelt der Gedanke zu dem Fasse und der Kelter, an der Gott und der Teufel miteinander ringen. Sie messen ihre Kräfte ohne eine Sorge für den Menschen und man fühlt nur mit einem leisen Klingen den Most rieseln, der von einer gerundeten Schnaube sich in unsere Brust ergießt.

Das Band lief zwischen den Äckern in seiner gleichen Höhe fort und man hätte jeden Blick behalten mögen, der sich in die freie Tiefe tat und von der Masse des Berges mit einer stetigen Bedrängung geschoben wurde. Die Furchen waren vom Monde offen, ihre Schwärze nahm zu und wenn man sie lange ansah, wußte man nicht mehr, ob man noch auf dem Wege war. Auch der Himmel war so offen, als ob er sich nicht mehr schließen könnte. Es ging in ihm hinauf mit einer heischenden Bewegung und er war im Rachen der Nacht. Jeder Schritt wird darin zu einer unbeendlichen Erfahrung und als meine Hand an die dürren Gräser streifte und ich fühlte, daß Nässe daran war, wurde dieses Gefühl wie ein Hauch, der von einem hungrigen Wesen herrührt. Ich lebte jetzt auch in einem sonderbaren Schmerze, daß ich die Kraft der Bewegung noch hatte und von den Kleidern kalt angefaßt war. Es war um die Zeit, daß sich alles zu seiner Ruhe legte, wo es seine Rechenschaft verliert, und der Körper dessen, der sich noch auf die Wanderung begibt, fällt immer stärker in die Zügel der Trägheit. Er hat keinen Einhalt, den das Bewußtsein mildert, und der von Zeit zu Zeit erwachende Sinn ist selber ein Verführer, der die schwere Masse des Körpers nach sich zieht und die Dinge zu ihrem schweren Aussichkommen bringt. Sie kehren sich aus dem Dunkeln und tragen die volle Kraft eines irdischen Todes. Ich stand im Banne dieser Gewalten, der Mond war hoch und nah und als ich zu ihm aufsah, zog mit der gehenden Zeit ein scharfer Zug über mein Gesicht. Ich sah die Äcker in der tieferen Lage bleicher und als Hunde anschlugen, die im nächsten Orte waren, schien dieses lange liegende Feld, als ich eben wieder stehen geblieben war, mit seiner Brust zu atmen und schimmerte dabei in Stücken, indem es aus den Furchen Leben zog. Der Mond schien schwarz über diesem belichteten Wesen, das in die Nähe suchte, und ich stand auf der Hand dieses trägen Körpers. Alles war rauh und zuckte unter der Zunahme seines deutlichen Lichtes.

Ich setzte aber meinen Weg nach Süden fort, kam nach den Äckern durch eine Wiese abwärts, zwischen deren niederen Obstbäumen ich verschwand, denn die schwarzen Baumstämme bildeten hier die bleibenden Gestalten. Der Tau schlug durch die Schuhe und dann kam ich in den Anfang eines Waldes, wo der Weg noch steiler niederging und mir aber auch nicht mehr bekannt war. Zuerst traf mich noch das nächtliche Licht des Himmels durch die Sträucher und die kurzen Äste, und wenn die Blätter der Zweige vor meine Augen kamen, tauchten sie mit besonderer Größe aus dem Dunkel und ich sah, daß sie zackig und tief grün waren. Dann verfinsterte sich der Wald aber immer mehr, je tiefer ich kam und je höher seine Kronen hinaufgingen und von Tannen beherrscht wurden. Ich hörte das gleichförmige Rauschen eines Wassers, und als ich in verschiedenen Klippen auf den Talgrund gelangte, standen die Bäume mit ihren Füßen bis an das geröllhafte Ufer eines Flusses. Ich suchte den Weg flußaufwärts, hörte das Ziehen der Strömung und das nahe Plätschern der kleinen Wellen, durfte aber meine Aufmerksamkeit nicht dabei lassen, denn ich hatte genug zu tun, um mit dem Körper den Füßen eine Bahn zu geben und die Augen mit den Händen zu schützen. Ich vermied die undurchdringlichen Stämme, brach die dürren Äste und ging so meinen Weg mit einem beständigen Knacken, das nun allerorts einzusetzen schien und sich schneller vermehrte, als es mit der Rechnung meiner arbeitenden Hände und meines gehenden Körpers stimmte. Ich hielt inne, aber diese Bewegung dauerte unvermindert fort, und als ich ging und wieder innehielt, ging es oft prasselnd weiter und zuletzt war es an meiner Seite. Es war dicht bei mir zwischen meinem Körper und dem Flusse. Vor den Bäumen sah ich seine dunkle Gestalt oder in Wahrheit, ich sah sie nicht oder nicht deutlicher als in der Bewegung einer dunklen Kraft, die mich innen an den Stämmen begleitete. Ich wußte, daß jetzt ein Tier mit mir ging, und ging schneller, aber da auch das Tier schneller ging, wußte ich augenblicklich nicht, wer dem anderen zuvorkommen wollte. In diesem Wettstreit ging die Furcht zwischen uns weg; es war, als ob sie in eine eigene Erscheinung überging, und ich erkannte die schöne und freie Artung des Tieres. Als ich meine Rechte aufhob, um sie auf seinen Rist hinüberzulegen, empfand ich auch auf eine kurze Zeit seine büscheligen Haare. Seine Haut zuckte aber unter meiner Handfläche und sein Kopf schien heftiger den Weg zu verfolgen, auf welchem die Dunkelheit vor meinen Augen zu knospen begann. Es wogte darin gegen mein Gesicht gleich den Stößen eines Geweihes, so daß ich mich in acht nahm und neuerdings glaubte, meine Augen schützen zu müssen. Ich weiß nicht, ob diese Bewegung lange dauerte, denn ich beherrschte sie nicht mit der Besinnung. Aber als ein kleiner Bach den Wald herunter vor meine Füße kam und über hellen Steinen in den Fluß verlief, war ich allein in der Waldlücke, die hier ausgeschnitten war, und hörte, bevor ich es rückwärts sah, daß in das Wasser gestürzt ein mächtiger Hirsch von den leuchtenden Ringen umgeben an das andere Ufer zuschwamm, dort wo auch das Wasser noch in einer Buchtung verweilte. Er schwamm über dem Mond, dessen unbewegliche Scheibe von den wachsenden Ringen überkreuzt wurde, und ich sah ihn drüben auf der Wiese noch einen Augenblick, wo er mit seinem Geweih die Nacht verdunkelte. Zugleich ging ich nach nicht mehr vielen Schritten auf einem Steg, der bald nach dem Auslauf des Bächleins nur aus Pfosten und Planken über den Fluß führte, hinüber.

Hier war mit wenig Abstand vom Flusse und mit wenig Erhöhung eines Hügelsaumes, über dem das Dorf lag, ein hoch hinaufgeführtes Schloß, dessen Hauptgebäude mit seiner nächtlich spiegelnden Wand auf der Flußseite lag, während man es von der Dorfseite her durch einen niedrigen Vorbau über einen Hof hinweg betrat, der außerdem von den beiden Seitenflügeln eingefaßt war. Es stand jetzt alles beherrschend über dem Rasen; ich ging ohne Weg zur rechten Seite hinauf in dem Lichte, das von der Nacht kam, aber unter dem Schatten erliegen mußte, der abglänzend aus der Masse des Baues strömte. Ich weiß, daß ich mir in meinem Tun lautlos vorkam, und so wie ich keinen Schatten warf, dachte ich auch, daß der Mensch an Händen und Füßen oft so ungefesselt und von keinem Dasein umrungen ist, als ob er gar keine Bestimmung hätte. Und das gehört zu seinem ungefaßtesten und mühsamsten Erleben. Ich kam an der Ecke des Hauptschlosses an, wo nach wenigen Schritten ein alter Turm zu dem Seitenflügel hin mit eingebaut war, der vorstand und sich mit seinem obersten Würfel und dem kurzen Sattel des Daches, das seine gemauerte Wehr bedeckte, dunkel über den Firsten gegen den bestirnten Überhang des Himmels abschloß. Vor seiner seitlichen Mauerbreite hatte er einen besonderen grasigen Vorplatz, der ein wenig zugetreten war, und eine alte Holztüre führte in die Mauer. Ich drückte auf das eiserne Blatt der Klinke und trat über die Schwelle. Nur die Bewegung der Türe bis zu ihren Angeln hin und das Licht, das in der Mitte des geöffneten Raumes auf einem runden Hackstock brannte und das jetzt zu zittern anfing, machte es, daß eine Trennung offenbar wurde zwischen dem Zustande, in dem die Glieder frei sind und mit der Erde wallen, und einem nun geschaffenen Verliese, in dem eine neue Wanderschaft des Sinnes beginnt. Es war so, als ob die Nacht hier gefangen säße vor ihrer eigenen Tiefe, die hinter mir herwallte und an dem Lichte schluckte, als ich nun die hölzerne Türe zudrückte.

Dann sah ich gerade gegenüber und vor der in ihren stummen Fugen sitzenden Mauer die Gestalt einer knienden Frau, die ganz aufgerichtet und so ruhig an den Ausdruck ihres Gesichtes und die Gebärde ihrer erhobenen Hände hingegeben war, daß sie diesen nach links hin offenen Teilen nachgerückt schien und die Jahre ihres Alters in den Umrissen dieser bleichen Flächen ein kaum kenntliches Dasein hatten. Die Frau erhob sich aber wie innerlich erschrocken, indem sie dazu mit der Hand an den Boden griff und sich so in die Höhe half, wobei sie in den Augen abwesend jetzt nur in das zuckende Licht blickte, das sich wieder in eine stille Flamme sammelte. Ich sah auch dieses Licht, das wie ein Schlitz, aber mit einer unsäglichen Ruhe über ihr zugleich unendlich kummervolles und doch wenig gefaltetes Gesicht hinlief, wo jetzt auch diese wenigen Falten fast vergingen und noch eine sorgende Aufmerksamkeit verrieten, als sie sich gleich nach einer Bank umwandte, wo sie den Teig in einer Schüssel zu kneten anfing. Ich kam auf die übrigen Dinge des in seinem Würfel viereckigen Raumes, konnte aber in seiner harten Begrenzung nichts im Augenschein behalten. Es war, als ob meine Augen noch von der Nacht ausschlagen wollten, aber sie waren gefesselt und das eine Tun der Frau zog alles an sich und redete von allem. Der Sinn ging auf die Wanderschaft und blieb aber an alle äußeren Dinge ohne Fruchtbarkeit angeschlagen. Auf diese Art lernte ich, daß die Quelle des Sinnes einen Strahl von kalter Klarheit mit sich führt, und es war nicht der Stachel, der sich gegen das Herz wendet. Denn dieser Ausdruck, der in das Gesicht gegeben ist, hat nach innen keine Begrenzung und steht mit einem ewig gleichen Spiegel auf seiner Quelle, und die Blume des Blutes ist ganz unumrungen, als ob sie abgeschnitten in dem Gefäße des Sinnes stünde.

Und indem ich dies mehr sah als bedachte, während auch die Frau ganz ohne ein Wissen von einer Gegenwart ihr sorgendes Werk tat, und weil ich ein weiteres Beginnen versuchte, hob ich meinen Fuß und trat auf das unterste Brett einer leiterartigen Treppe, die links an der Seite schräg zu den Balken der Decke hinauflag, und stieg hier hinauf. Ich hob mit dem Kopfe den Deckel, der als Falltüre in seinem Ausschnitt lag, und kam so in das nächste Gelaß, wobei ich die Türe nach unten wieder verschloß. Der Raum war leer und dunkel, ich sah aber die weitere Treppe, die gleich der vorigen hinauflief und stieg ebenso hinauf. Ich öffnete und schloß hinter mir die nächste Falltüre und war in einem Raum, der voller Blumen und größerer Pflanzen war, die über der dunklen und kahlen Ordnung ihrer Töpfe und Kübel durcheinander in nächtlich gleichbleibenden Verschlingungen ihre grünen Triebe zeigten. Das Blumige ihrer bestimmten Arten ankerte dazwischen in einem ertrunkenen Schimmer. Die hölzerne Treppe ging aber in gleicher Weise weiter, und als ich auch durch die nächste Öffnung gestiegen war und die Türe niedergelassen hatte, war ich in dem letzten und viel höheren Raume des Turmes, dessen Fensterlücken doppelt übereinander in der Mauer standen und den schwarzen Bau des Himmels, in dem die Sterne saßen, in mannigfacher Begegnung hereinließen. Ich suchte jedoch keinen Ausblick mehr, um auch die Erde wieder zu betrachten und nach dem Flusse zu sehen, der manchmal rauschte, sondern weil auf den freien Seiten eine Bank an den Mauern herumging, die auch einem Antritt glich, legte ich mich rücklings auf das Brett, indem ich ein Stück Kleidung als Kissen nahm. Ich dachte an die Last des Turmes, die in den Himmel zeigt, je mehr sie unter ihm ihren starken Abschluß hat, und daß in diesen einfachen Formen sich Himmel und Erde begegnen. Dann dachte ich an den Fluß, als er aufrauschte, und daran, daß dieses Rauschen zunimmt, wenn eine größere Welle kommt, die aus der gezeichneten Bahn gewichen ist, und daß es beständig rauscht über einem Steine, der im Bette des Flusses liegt. In allem diesem Rauschen schläft die Stille wie ein offenes Auge, das sich nicht schließt und kein Bedürfnis hat, als dem Vorübergang ein Dasein zu geben wie ein ewiges Herz. Darauf fühlte ich noch, daß meine Zunge schwer war und mein Liegen auf der Bank empfand ich so, als ob es ein Liegen auf der Wurzel meiner Zunge gewesen wäre.

Ich weiß, daß mein Nachdenken hier mit meinem Empfinden abbrach. Als ich eingeschlafen war, hatte ich einen Traum, der mich in ein fernes und freies Feld führte, das von Waldung umgeben war. Ich befand mich mit einer Frau auf einem Kleeacker, während noch eine heiße Nachmittagssonne über uns stand. Die Frau zupfte sitzend in den Beeten an den Blütenköpfen des roten Klees, die in den einzelnen kleinen Kelchen vielen Honig und einen besonders guten Wohlgeruch haben. Ich aber sprang mit weiten Anläufen über ihren Kopf hinweg und obwohl die Frau sang und meine Augen in einem lachenden Schweiß waren, wurde mir das Herz und vor allem die Füße immer schwerer, und trotzdem das Gesicht der Frau nun tiefer sank, konnte ich kaum mehr über sie hinweggelangen und ich fürchtete, an ihren Kopf mit meinen Füßen anzustoßen. Ich sah sie jetzt wie in einer blauen Flut sitzen und es war der Hirsch, der diese blaue Flut vor sich hertrieb, von der noch eine Haarsträhne bis zu mir reichte. Ich erwachte davon, wie von einer Fessel angestreift, an der Feuchtigkeit war, und als ich über mich schaute, glaubte ich die Nacht in den Zähnen des Tieres zu sehen. Es waren aber die Fensterlücken in der Turmmauer, die von der Schwärze unterbrochen waren und jetzt ein deutlich grünes Licht hereinließen. Die Hauptachse aber war ein Strahl von weißem Hauch, der rauh war, denn es war jetzt kalt, und über mir wegging, schräg mir gegenüber zu der Wand hin. Ich gab meinem Gesicht die Richtung, da fielen von der ersten Regung meines Kopfes abgeschüttelt aus den äußeren Gruben meiner Augen Wassertropfen hinab, die an den Schläfen ihren Weg bezeichneten und auf die Spitzen meiner Ohren auftrafen. Es war von dem Wasser, das mir im Traum das Herz beschwert hatte. Und als ich nun den Kopf vollends herumdrehend eine ganz bloße und ganz junge Frauengestalt auf der gegenüber befindlichen Bank sah, die rücklings in der gleichen Lage wie ich war, und während ich von ihrem Atem abgelenkt wurde, der in wechselnden Stößen leise wirbelnd über ihr aufwallte und in dem rauhen Schein vor der dunklen Mauer wenig gehoben in ein spielendes Gleichgewicht kam, wovon ich an das Springen einer Amsel auf der Erde erinnert wurde, die nach wenigen Sprüngen immer mit ihrer wippenden Bewegung einhält und ihren schwarz gefiederten Leib wieder in eine stehende Waage bringt, da erhob ich mich, zuerst noch aufgehalten von dem Unerwarteten des Anblicks, um mit stiller Annäherung die Erscheinung der Schlafenden zu betrachten.

Was ich jetzt schreibe, ist der Versuch zu der Wahrheit dessen, was keine Wahrheit hat als in dem Abbruch von der eigenen Bewegung und wahr werden will in dem Herausgetretensein aus der Flucht in dem Äußeren unserer Grenzen, in der Zuflucht zu der Blume, die nicht mehr umrungen ist, und in einem Gewilltsein, das die Erde nicht mehr gibt, nachdem sie geboren hat. Es geschieht um das Innesein in der Wißbarkeit unserer Gegenwart und um eine Verdichtung, die zunimmt und die uns gehört, und sei sie auch nur wie das Geweih des Hirsches in der Nacht, der die Dunkelheit trägt und den sie nicht übermannt. Aber dann ist es die Kraft des Blutes und es ist der Kampf des Fleisches gegen den Traum. Und alles geschieht zuletzt um die Wahrhaftigkeit des Wortes vor dem Bilde, von dem es geschaffen ist. Denn das Dasein ist in drei Teilen: darin, wo ich mich befinde, und das ist die Schwere, die uns umfaßt hat, darin, wo ich meine Bewegung habe, und sie hat alle Begrenzung hinter uns und es ist der Kelch, der auf der Erde liegt, und darin, wo ich in die Rechenschaft komme. Die Erde aber hat alles getrunken, bevor es geschehen ist. Die Schöpfung geht auf ihrem Wege, um sich wieder in ihren Ursprung einzuzweigen. Sie geht an allen Orten in einem Sinne. Aber der Weg des Menschen ist abgeschnitten in dem Sinne wie in dem Zwange zu einer Dienstschaft und die goldene Scheibe waltet darin wie eine Pflugschar. Der Ort des Menschen ist über der Erde abgeschnitten. Er steht unter dem halben Himmel und sein Angesicht trägt hinter sich gewendet den Schatten der anderen Hälfte. Er kann eine solche Richtung nicht überwinden und muß sie noch immer verstärken.

Der Raum war geschlossen, als ich mich umblickte, und von meiner Bewegung fühlte ich, daß die Bahn des Wassers kälter oder trocken geworden war mit einem besonderen Ziehen, es war wie ein Brillengestänge, und jetzt blickte ich auf das liegende Dasein der in ihrem nackten Leibe schlafenden Inbrunst. Es war die Ankunft des Bildes, das auf mich wartete, ich lebte in seinem Abbilde und in dem Reiche des Wechsels, in dem der bleiche Hauch sich entzündet, und ich erfuhr die Bewegung unter dem absterbenden Scheine, bis die Last des dunklen Kernes heraufsteigt. Ich war allein in der glänzenden Nacht, die Gestalt aber schlief regungslos an ihrem Orte. Dadurch war es, daß auch die Umstände mächtig wurden und sie waren ausgerüstet mit einer zwangvollen Bestimmung. Wir waren zusammen in dem Körper des Raumes wie in einem Steine; seine Figur war hoch und glänzend, aber sie war von den Mauern wie von einer gefügten Erde umgeben und die Atmende schlief darin wie in einem Bette. Ihre Handflächen lagen geöffnet im Auslauf der Arme an den zwei Seiten ihres Schoßes, der Blick ging auf die Finger und diese waren in dem beinernen Ringe ihrer Drehung wie die herausgekommenen Knospen, jede einzeln in der Schnürung ihrer Zirkel und gleich jedem Gliede in keiner zufälligen Ruhe, vielmehr war alles in seine reinen Stücke geordnet und eingeteilt, eines ging mit dem andern ohne das Zeichen seiner Dienstschaft und jedes war in seiner eigenen Waage. Ja alles war mehr als sichtbar und in einem gleichen Maße ruhig. Es war lebendig über seiner Ruhe und diese war von gestorbenem Lichte. Ja es war das Licht, das empfangen hatte; aber der Körper hatte es an sich genommen mit einer zunehmenden Verstummung. In dieser Sichtbarkeit war das Dasein über dem Lebendigen und jedes Bewegende war aufgehalten zu einer schlafenden Bewachung. Es lag in einem offenen Schilde.

Mein Dasein suchte nun gegen diesen Einhalt mit seiner Innewerdung zu ringen. Denn es geschah etwas Sterbendes in diesem Anblick durch die Erkenntnis und dieses setzte sich über dem Willen in eine treibende Bewegung. Eine Welle trieb nach der andern und setzte eine Spanne fort in die Flucht nach einer Abwendung. Das Gesicht war über der Stelle seines Daseins und wurde in der Mitte seines Gewärtigseins hingetrieben. Und es war doch mit einem Kommen in seiner Ankunft und mit der Schwere eines zunehmenden Tuns und es war in dem Jagen um ein Recht in dem Innewerden durch diese Begegnung. Die Erkenntnis schlug darunter mit einer Welle über dem Herzen. Der Bund des Lichtes war in der Mitte entfaltet gegen seine Schöpfung und der Körper trug das Licht in seinem Bunde. Aber das Herz des Ankommenden blieb eingeschlossen wie in einer Kammer; es war die Kammer eines Verfallenen. Und die Welle ging höher über dem Herzen. So wurde alles auf das Widerbild des Schauenden verlegt und er war in einer unstillbaren Bemühung. Und nichts was geschah, war mehr zu einer Ruhe. Ich suchte einen tieferen Anblick, aber es war zu einer neuen Ausflucht und die Innigkeit umschloß sich mit einem unfaßlicheren Dasein. So wird auch durch Erkenntnis die Rose farbiger und das Suchende des Sinnes begegnet einem immer stärkeren Bilde. Ich war in meinem Blicke, ohne zu sehen, das Dunkle war wie Erde, die Bewegung war erfüllt und die Bestimmung ging verloren. Das Bild des Mondes aber ging hindurch wie eine Pflugschar. Da wurde die Natur getrennt in ihre Kreaturen. Die Schollen fielen in die Tiefe, das Fleisch aber war heraufgehoben und es war wie über einer Gruft der Verwesung. Darin trieb das Auge aus seiner Wurzel und es wurde wie eine Krume, bis der Stern der Erkenntnis wieder sank, und war in diesem Brunnen der Erde.

Der Himmel geht dahin mit seinen Sternen. Der Mann wird unter dem Monde unkenntlich, je weißer der Leib des Weibes in seine Artung wächst, und es ist in seiner natürlichen Umgebung. Es schlägt mit seinem Atem an die Sträucher der Erde. Das Blut des Mannes aber wird dunkel und er ringt mit dem Untergange seines Sinnes wie um den ertrunkenen Schimmer einer Rose. Daraus wird er selber tierisch empfangen und er wird noch dunkler in der Furcht nach seinem nächsten Bissen. Die Nahrung seines Wesens wendet ihn zu einem Raube und er fällt in die Schwere seiner Begegnung. Er steht über dem Orte seiner Erkenntnis.

Denn wir sind in einer Überkreuzung über allen Kreaturen, welche unsere Nähe nimmt, und der Weg geht wieder dahin, indem er sich fortsetzt mit dem Suchen des Tieres. Der Abglanz schweigt und die Dauer tötet ihre Ursache; und das Bild der Erde öffnet sich überall von neuem. Die Hingabe wird von ihrer eigenen Abwendung verschlungen. Ich war in dem Gemache und das Gemach des Turmes war hoch über dem Flusse, aber ich glaubte allein noch aufrecht zu sein in einer Gestalt und den Pol des dunklen Himmels zu besitzen. Die Anker waren aufgehoben und den Gang der Erde empfand ich, als ob sie in ihrem Kreise rollte. Sie war schwarz und ausgeworfen unter dem Lichte. Ich wollte sprechen und von der Übermacht des Auges fortgehen in den Übergang zu einem abwendenden Worte. Aber darauf sah ich wieder die Ohnmacht des Lichtes, das unter seinem Schatten lag und das eine Hilfe leistet, mit der es abfällt, und das an seinem hilflosen Kerne wuchert. Es wurde im Fleische nicht empfangen als nur durch das Ringende des Fleisches und es war in einem Dasein, das durch Verzehrung blutet und wie ein Bissen, der nun durch die unfühlbare Kühle gereicht wurde. Es wartete wie die Blume auf eine weitere Erschaffung. Denn es kann sein Bett in der Erde nicht aufrichten, die Flut ist über ihm ausgegossen und der liegende Fluß beharrt in seinen Ufern. Auf diese Weise wurde mein Auge noch weiter stumm und blieb wie das Ausgeschlossene und gleich dem Fisch, der aus dem Rauschenden seines Elementes die Stille sucht. Der Körper der Schlafenden aber, seine Grenzen in einem lieblichen Sinne seiner Linien verinnernd, hob sich mit einer hungrigen Gewalt. Da fürchtete ich mich vor der Abwendung wie vor jedem Worte. Denn je mehr ein Bild eingegraben ist, desto stärker tritt es aus seinen Grenzen und es gewinnt eine blinde Regung und einen unaufhaltbaren Abschluß. Es hebt seine eigenen Ursachen auf und die Dinge sind zu ihm gekehrt mit einer furchtbaren Lähmung. Das Auge des Sehenden wird gefangen in einem Gesichte, das sich selber begegnet, und von seinem Stamme getrennt weiß es von keiner weiteren Fügung. Das ist eine Gegenwart, die der Mensch allein hat, sein eines Auge in allem Vorübergang. Aber dieses ist auch wie Schlaf in ein fast tödliches inneres Maß gekehrt vor allem Bewußtsein und die Reinheit hat kein Gedächtnis. Die Sprache aber ist aus beiden Augen geboren, wir verschließen sie und einem Laut gleich geben wir uns in die Bewegung. So ringt das Leben mit der Reinheit um eine neue Gestalt. Sie steigt mit der Last des dunklen Kernes herauf und bringt auf ihrer Wurzel ein neues Wesen. Es tritt aus seiner Dienstbarkeit und bringt das ewige Gleichnis aus seinem erschütterten Abstand ins Wanken.

Ich sah, daß die Gestalt ihre Lippen stärker bewegte, und nun fiel es mir ein, daß es ein inneres Singen war, welches ihre atmende Brust und die Regung ihres Halses beschäftigte, und auch die kleinen Wirbel ihrer Hauche, die ich vorher gesehen hatte, waren von einem bestimmten Maße in ihrer gleichen und heiteren Bewegung. Die Wallung blieb vor mir in ihrem stummen Bunde. Ich folgte meinem Anblick, um zu horchen, und während es war, als ob ich mich von diesem Dasein abbrechen sollte, und während ich nicht wußte, ob die Wärme, die ich gleichsam brennend empfand, als ich mich zu ihrer Gestalt hinabbeugte, von der Inbrunst ihrer schlafenden Erscheinung heraufstieg oder von der eigenen Bewegung angeschürt wurde, als ich das Mark durch Kälte fühlte, und als ich die Nähe ihres Mundes wahrnahm, hielt ich unter dem halben Wege inne, da ich jetzt mehr das Zittern sah, als das Singen des Mundes vor mir hatte, mit einer plötzlichen Beklemmung, die eine unaufhaltsame Angst werden wollte und mich von dannen trieb, mit einem blinden Gesicht von diesem Lager, das sich mir einprägte, und mit einer stummen Erfüllung, die mich auf meinem Weg fortbrachte. Denn all dies treibt auf die Tat und auf ein Hingegebensein ohne Grenzen. Der Mensch schafft aber in Taten etwas ewig Unausgleichbares. Er müßte in jeglicher untergehen, wenn ihm nicht der Ausgang in die Zeit gegeben wäre und die fortwährende Spanne des Gleichnisses. So setzt er sich auf dem Flusse des Sinnes in die Waage und die Welle rauscht, die über dem schlafenden Auge Rechenschaft gibt. Aber die Liebe zu einem unbekannten Wesen schlägt manchmal ein Lid auf über dem Auge wie einen Schmerz.

Mit diesem Gedanken hatte ich schon die Türe zu dem nächsten Raume hinab aufgehoben — denn mein Sinn war jetzt ohne Begreifen unruhig und tätig wie ein Vogel um die Brut in seinem Neste — und da ich in diesem Raume wieder die grünenden Pflanzen fand, während nichts eine Veränderung hatte, stieg ich abwärts in das weitere Gelaß. Hier aber war nun gegenüber meiner Treppe in der steinernen Mauer eine Türe geöffnet zu einem breiten Gang oder Saale mit im Mondlicht erhellten steinernen Figuren, die dort standen und meinem wehenden Atem einen geheimen Schein entgegensetzten. Sie sahen aus wie etwas, das sich in der Nacht nicht bis zuletzt verfolgen ließe; auch lächelten sie mit einem verderblichen Schimmer und das war zugleich wie das Rätsel des Tages. Ich stieg wieder hinauf, noch ohne zu wissen, was ich wollte und ob ich bereit sei, mit meinem Sinne nun ein offenes Leben zu empfangen. Jetzt war auch der hohe Raum des Turmes leer und diese Entdeckung trieb mich mit Atemlosigkeit auf den gleichen Weg. Aber auch die Türe in dem unteren Gelaß war nun geschlossen. Ich sah die großen, in der Schräge gekreuzten Holzbänder ihrer Füllung und es war, als ob sie nicht offen gewesen wäre. Ich hielt jetzt inne, und weil ich empfand, daß dies alles eine Erfüllung war wie mit einem Mangel, rauschte die Rechenschaft auf. Es ist die geringe Welle des Lebens, die keine letzte Nähe und keine Durchdringung gestattet, und es ist wie ein Jagen, gespeist mit dem Verlust der Besitzung. Dann erhebt sich die Gestalt und sie ist zwischen den Leibern in ihrer dunklen und sorgenden Bemühung. Aber in den Augen wächst es und es ist eine Gegenlust mit einem unbehaltbaren und hellen Knospen. Ist es der Hunger in der Kraft eines Zieles? Aber da ist die Blindheit schon über ihrem Ursprung; oder ist alles nur in dem Ringen mit einem Traum und dann geschieht es mit dem Übergewicht eines abgehauenen Zweiges? Ist das die Schwere, das Lebende auf der bloßen Wiege der Gedanken zu tragen? Denn es ergibt sich darin ein Nichtwissen auf dem Wege, ob man zurückweicht oder vorwärtskommt. Und dann ist es, als ob von dem Auge der starke Schild genommen würde, und es ist ein Weitertragen über einer von ihrem Herzen abgeschnittenen Kraft. Darin ist ein Mangel an Ehre und es ist doch wie das Geweih des Hirsches mit einem zunehmenden Gewicht; und so schlägt es in die Tat aus, indem es gegen sie ausschlägt, um sie mit Hunger zu füllen, bis die Gedanken mit dem Tun eine neue Waage bilden. Der Sinn aber ist unter dem Gange des Tages in der Nacht und in dem Untergange mit der Sonne; sie zertrümmert am Abend ihr helles Auge, dessen untere Hälfte schwarz wird und der die obere Hälfte glühend über ihrem Bruche nachfolgt. Die Worte aber, die der Mensch hat, sind unverrückbar in seinem Inneren. Er kann sie nur betreten wie eine Bestimmung, damit die Erde zwischen ihren Fugen heraufkommt.

Ich dachte nun auch an die Gestalten, die in dem Saale waren und mit ihrem Schimmer eine geheime Sprache gesprochen hatten, die nichts mit einem wirklichen Wesen zu tun hatte. Und es ist wirklich so, daß jede bleibende Figur über ihrer nächsten Bedeutung im Abschein des Lichtes ein von nichts berührtes und heiteres Lächeln hat. Aber das Gesicht sucht die eigene Wunde, wo die Zweige des Geschaffenen ihren Ansatz haben. So dachte ich und war noch im Gefühle der Nacht, das mir mit einem Gähnen in die Kehle stieg, in dem das Körperliche sich aufreckte und das Fleisch aus einer Verwesung abgestoßen wird. Ich war jetzt gleichsam in der Wurzel meiner Einsamkeit und als ich darüber zu meinem eigenen Verweilen in dem matt verdunkelten Raume kam und mit meinen Augen herumschauend durch die Lücke im Rahmen der Mauer wieder den Anblick des Mondes gewahrte, erschien mir sein Aussehen in diesem Augenblick ganz wie eine schwarze Scheibe, als ob sie mit dem genauen Zirkel aus einem glänzenden Papier ausgeschnitten wäre, aber der nächtliche Himmel war dahinter in einer weiten Tiefe erhellt, er zog dahin mit einer strömenden Kraft und in seinem Raume waren die einzelnen Sterne wie die Spitzen von Nägeln hergekehrt. Ich wendete mich jedoch von diesem spielenden Ernste mit einem Zwiespalt ab und stieg wieder in den oberen Raum hinauf zu meinem früheren Lager und zu einem mühseligen Schlafe.

Als ich in der aufgegangenen Frühe erwachte und das lautere Rauschen des Flusses hörte, erhob ich mich und schaute durch die Fensterlücke der Morgenseite, von der ich in den blauen und nächtlich nachglänzenden Himmel hinaufsah, worauf ich über ein kurzes Zusammentreffen der Dächer unterhalb hinweg in den Hof der ringsher ins Geviert gesetzten Gebäudeflügel hinabblickte. In seiner Mitte war innerhalb seiner herumgeführten Pflasterung von breiten Steinen ein Gärtchen, das ungezäunt war, mit dem Grün des Grases und mit Stämmchen und kleinen Sträuchern von Rosen, von dem die Nacht sich schon abgehoben hatte, während sie noch zwischen den Mauern schwebte und alles Gefugte bezeichnete. Ich hatte das im ersten Frieden eingeschlossene Geviert mit dem weiteren Ausmaß der zum Teil belaubten Ecken des Hofes eben verfolgt, bis zu dem abgeschnittenen Winkel, der unter meiner Aussicht im Vorsprung der unteren Dachränder verschwand, da kam aus dieser Seite die Gestalt des jungen Wesens hervor, das ich in meinem nächtlichen Erleben gesehen hatte. Sie ging in einem hellen und ebenfalls rosenfarbenen Kleide auf die Rosenbeete zu, auf denen die einzelnen Rosen in steiler Neigung von mir aus nahe gegen das Grün des Grundes standen, und auf ihrem Gange fing sie an, ihrer Schlankheit angemessene und von den Armen begleitete Bewegungen zu machen, die so weit gingen, daß sie die Hände fast rückwärts über dem hellen Haare ihres Hauptes gegeneinanderfaltend bewegte, wie wenn ein Schmetterling beim Niedergang in einen Aufenthalt seine Flügel noch im gleichmäßigen und festhaltenden Takte bis zu ihrer aufrechten Faltung weiterschwingt, wobei ihre Füße aber tanzender fortgingen. In dem offenen Gemache des Hofes war noch kein Schatten und von meinem hohen Ausblick kamen mir diese stillen und wie mit einer innerlich heißen Fröhlichkeit betriebenen Regungen der jungen weiblichen Gestalt zugleich auf eine eigene Weise zusammengepreßt und dann wieder seltsam vergrößert und über ihre Natürlichkeit aufgebracht vor, daß es mir einesteils das Gesicht nahm, andernteils doch den Eindruck hinterließ, als ob sie stumm wäre und mit einem Tun nur für das Gesicht vorhanden. Dazu kam das erste wie in einem Wasser quirlende Singen der Vögel. Der Tanz ging ringsum außerhalb des noch schlafenden Beetes und in der Flucht der ruhenden Steine. Er war schnell und war doch in Bewegungen, die Ort hatten, und während sie nicht verweilte, eine fließende Spur hinterließen, in der die Tanzende dann wieder deutlicher auftauchte. Das Spiel wurde lebhafter und fast zitternd, wobei sie nun auch verweilte, um sich an dem Beete zu bücken und von den Rosen einen Geruch zu bekommen. Ihr Bücken war aber immer ein halbes Knien; es unterbrach ihr Tun, und ihre Beschäftigung mit den Rosen wurde anhaltend heftiger, diese wurden geschüttelt in der Art, um ein Wasser auszuschütten, und es war in der Dauer, wie um einen bleibenden Atem zu schöpfen. Es war ein Atemholen, bei dem sie die Rosen an sich zog, um sich dann bewegter aufzurichten und einen Widerstand zu beginnen, den sie in ihrem Tanze ringend bestärkte und jetzt auf einmal offenbarte, als sie plötzlich von der Bewegung hinweg einem Bildwerk zugekehrt stehen blieb, das ich bisher unter den Laubranken an der Mauer nicht beobachtet hatte, obwohl es große Figuren waren. Es war gegen die jenseitige Ecke hin an der rechten Mauer aufgebaut auf einem Sockel und war eine steinerne Gruppe, von der ich aus meinem Gesichtsfeld zuerst die Schulter und den Rücken eines gepanzerten Mannes erblickte, der stehend war, aber das eine Knie auf den Rücken eines vor und unter ihn gezwungenen Tieres gedrückt hatte, dessen Rachen weiterhin gegen die schwere Gestalt einer Frau aufgerissen war, die ich in der Folge des Werkes in seiner Mitte mit den gleich herab geordneten und tief einfallenden Falten ihres umfassenden Mantels und der großen Halskrause, in denen sie kniete, ebenfalls vom Rücken sah. Der Ritter hatte mit seinen vorgreifenden Armen die Kinnladen des Tieres gefaßt; man wußte nicht, ob er den Rachen schließen oder das Tier durch die Zersprengung seiner eigenen Gierigkeit erledigen wollte. Die Frau aber trug ihre gefalteten Hände und betete aufrecht, ohne sich in dieser sicheren Ruhe um das Geschehen hinter ihrer Gestalt zu kümmern. Nicht weit von dieser Gruppe blieb die Tanzende stehen, während ihr Oberkörper einen lieblichen, aber harten und von innen geschwungenen Takt weiterführte, der von dem Abstand der Arme und den angefügten Händen unwissend begleitet wurde. Dabei blickte sie festgehalten mit ihrem Angesicht in die Ecke, wo ich jetzt auch eine verhältnismäßig zarte Kreuzform erkannte, die noch zu dem Bildwerk gehörte und zu der die Gestalt der knienden Frau hingerichtet war. Das Kreuz war dem Angesicht des Ritters entgegengesetzt und in der Schräge stehend etwas hergewendet, so daß man den Christuskörper in dem zierlich mit Perlen gerandeten Rahmen seines Lagers deutlich sah. Auch dieser Teil war von Stein und um ein weniges höher und dabei war es merkwürdig wahrzunehmen, wie dünn der Schaft war, auf dem das abgerundete Kreuzwerk wie von einer kurzen Fahnenstange getragen wurde. Hier war nun der Blick des jungen Wesens festgehalten, als sie ihre Bewegung abbrach, um sie in einer Abwehr fortzusetzen, und dann in einem neuen Inbegriff wieder begann, der ihr von ihrem Sinne aufgezwungen wurde. Denn sie riß sich beständiger erschüttert von dieser Stelle und wiederholte schwankender ihr erstes Tun. Es ging ringsum in dem Hofe, war ein Verweilen bei den Rosen und ein neues Atmen über dem Munde zu einem gleichsam ertrunkenen Dasein, mit dem sie sich an die Erde wandte, und war doch ein Spiel über der Erde, indem es über ihrem Herzen geschürzt wurde und von einem inneren Begriffe gefesselt und von neuem dahingeführt war. Es war ein Geschehen in die Flucht und eine Bindung zu einem Wiederkommen, dem ich mit meinen Blicken beiwohnte. Das Ziel war in jener Ecke und war doch wirklicher in ihr selber, und alles erfolgte wie unter einem Vorwande. Sie stand nun wieder vor dem Bildwerk in der gleichen Bewegung. Ihr Haar schlug in den Nacken, als sie den Mund bewegte, und ihr Nacken war jetzt wie das Aufbiegen eines Vogelhalses, als ob ein solches Tierchen trinken wollte, und als ob ihre Brust von einem Worte gestoßen wäre, das sie gegen das Christbild auszustoßen hätte. Sie überwand alle Besinnung mit einem ringenden Tun, mit dem sie sich abkämpfte, und darin war etwas Schweres und fast Unerträgliches bei aller Lieblichkeit, in der es erst seine volle Entfaltung fand, so daß ich mich abwenden wollte, als auch die Gestalt, sei es durch einen Ruf, der aus dem Hause gekommen war, oder innerlich erschrocken oder ratlos mit einem Male, denn sie blickte auf die wieder gestillten Rosen, einen anderen Schritt tat und jetzt mit einem von außen abgelösten Wesen gegen die Seite zugehend, wo sie hergekommen war, unter dem Winkel des Daches wieder verschwand.

Ich kehrte mich ab unter dem überfließenden Morgenlicht, das die Vogelstimmen unaufhörlicher durchdrangen, und wieder von einer brennenden Wärme angestreift, die aus den Lüften kam, wandte ich mich in das Gemach. Es lag noch in seinem kühlen Schauer und sein steinernes Gerüst stand allein unter dem Himmel, abgehoben von der Erde. Ich suchte aber den Zugang zu dem täglich Gesetzten. Ich hob die Falltüre und kam in das Gemach mit den Pflanzen. Sie waren noch kaum in das neue Licht übergetreten; ich sah aber, daß auch dieser Raum eine Türe hatte, die zu dem Flügel des weiteren Baues leitete. Dann kam ich in den Raum, der leer war und sah die in der Schräge gekreuzten großen Holzbänder der verschlossenen Türe; und jetzt sah ich auch, daß auf einem dieser Bänder seiner Länge nach eine Lanze mit eisernen Streifen hinbefestigt war; sie diente fast wie ein langer und aufgelegter Griff. Ihr Schaft und ihr Eisen war braun und mir blieb dieser von Alter beständige und in dem noch dämmerigen Aufenthalt gehabte Anblick wie geronnen. Ich hob die letzte Falltüre und kam in das Gemach auf der Erde. Da erhob sich die Frau wieder vom Boden, indem sie stützend hinabgriff, und wendete sich zu einer Arbeit, die sie mit ihrem suchenden Blicke fortsetzte. Auch das Licht war noch auf seinem Platze, wo es brannte. Ich schloß den Zugang des Turmes und trat ins Freie. Das Mondlicht war jetzt vergangen, nur etwas Goldiges war in der Luft geblieben.

Als wir am Mittag dieses Tages — es war ein Sonntag — beim Essen saßen und die Unterhaltung der Geschwister stockte, wenn man sich manchmal besinnt, sahen wir alle zugleich durch ein schnelles Verdunkeln an den Fenstern das mächtige Geweih eines Hirsches, der offenbar auf dem schmalen Fußgange, durch den es von den Wiesen herein zwischen Hecken zu der Anfahrt vor unserem Hause vorüberführte, hereingekommen war. Alle erhoben sich eilends, um, da er durch die Scheiben mit der Decke seines Haarkleides schon verschwand, die Haustüre zu gewinnen. Bis wir herauskamen, war er auf der Straße unten, die er quer beschritt, um dann seine starken Glieder anzusetzen und mit jener eigentümlichen Bewegung, bei der das Schwere über dem Leichten liegt, den Abhang der Böschung hinaufzutreten, die zu dem offenen Wiesengarten des dortigen Hofes überging. Er setzte sich auf dem Grase in Lauf und verschwand einwärts fliehend auf kurze Zeit, bis er an dem steilen und hohen Bahndamm heraufkam, dessen Saum über das Tal der Gegend lief und wo er hinaufstieg. Oben stand er eine kurze Weile und sein Geweih zeichnete sich dunkel in der Bläue des Himmels. Seine Gestalt war groß über den Dingen und als sie hinübertauchend verschwunden war, sah man schon viele Bewohner unseres Ortes, die ihre Häuser verlassen hatten und jetzt versammelt standen, um das Ereignis zu besprechen.

GENANNT BONA

Den ganzen Tag hatte ich unter dem fast gläsernen Himmel gelitten, der seine unbewegliche Schönheit in den feuchten Luftglanz gegossen hatte. Er tat es mit einer Kraft, die berührt, ohne erreichen zu wollen, und es war auch die Zeit des Himmels, wo er sich abkehrt. Dann muß die Erde in ihrem Dasein härter werden. Die Bäume standen einzeln unter der Last ihrer Ausgetragenheit und selbst wo sie in Streifen verdunkelt nahe kamen, riefen sie nicht zu einer Bergung, und nur den Früchten bleibt es überlassen, daß sie ihre Reife stillen. Das Wachstum hatte die bebauten Länder gesondert und die Feldungen taten wieder Schritte zur Erde. Ich war auf dem Teppich des irdischen Zeltes, auf dem sich alles in den Abschnitten einer von sich fortgreifenden Ordnung bereinigt und darüber wandert auch die Ordnung des gewaltigen Himmels. Man ist umgeben und sieht nicht in die Höhe der Schranken und ich ging um nichts weiter, als um die dumpfe Ruhe der Bewegung in einem Gange fortzubringen, bei dem die Mühseligkeit ein fast heiteres Werk wird. Die Besinnung aber wurde auf keine andere Art frei und als der Abend da war, der mit der Macht einer aufriegelnden Entbehrung von allen Seiten des gefangenen Daseins zu pochen anfängt, als er nun Hilfe brachte, weil er auf der Erde lagert und zu uns die Fülle niederzwingt, kam jetzt nicht mehr das Bewußtsein stärker, daß es noch diese Materie des Himmels war, gegen die sich das Wasser der Augen aufgelehnt hatte. Es wird nun wie durch einen Ring in uns hineingegossen. Der Empfangende ist in seinem Innern, in der Speise seiner Lampen, um die es unversehens heller wird, ausgeglichen mit dem oberen Scheine, aus dem die Sterne kommen. Unter ihnen duldet alles seine Zusammenkunft. Die Zellen öffnen sich, aber jetzt geht der Zurückgehaltene nicht mehr auf Befreiung aus; denn „greif immer zu“, wie der Gefangene zu sich sprechen könnte, es ist jetzt nichts mehr zu ergreifen. Die Wege hatten sich vereinigt; die Erde war braun bis in die blinden Farben der Hölzer, und die Türen, die an den Häusern angelehnt waren, warteten auf Beschickung. Ich war aber derjenige, der damals ziellos wanderte und in die Beschickung ging. Ich suchte die Schwelle und trachtete nach dem Tische.

Man kann nicht mit Worten den Anteil melden, der uns ergreift, wo wir Gast sind und uns mit den Augen ergeben, noch ehe wir ergriffen haben. Es geht in den Ufern des Tages weiter und wird doch so fest durch unsere Zugehörigkeit, daß von Duldung gar nicht mehr die Rede ist. Die Ereignisse gehen an den Sinnen hinweg, aber die menschlichen Zustände haben die Kraft zu behausen. Ich sah die Türe, die angelehnt war, trat über die Schwelle, die sich ein wenig erhob, und nun war ich in der Richtung des Hausgangs, durch den ich auch das Geschehen in der Küche wußte. Denn die Türe, die ihn in seiner Breite am anderen Ende zu verschließen hatte, war zurückgefallen und ich sah das Feuer und von dem hölzernen Kübel aufwärts, der mit seinen Reifen auf den Steinen des Bodens stand, noch mehr den großen Wasserdampf, der in der Höhe auseinanderwich. Die Flammen waren eingeschlagen wie erntende Sicheln, von denen einzelne leuchteten, wenn sie hervorbrachen und auf den Mann schienen, der mit den Händen vor ihnen tätig war und sein Gesicht darüber hatte. Er beugte sich über das Gefäß, das er mit heißem Wasser füllte, und ich hatte ihn im Auge, wie er ging und das Wasser trug und keine Sorge vor sich brachte außer dieser nächsten, wie er seine Arbeit beschleunige. Das war der Vater, der in der Küche Arbeit tat, und man sah es auch daran, daß ihm die Arbeit zu dem einzigen Tun wurde, welches ihn beschäftigte. Er sah nichts, als was er bewegte, und was jetzt noch beweglicher durch ihn wurde, als er die Stimme hörte. Denn als ich die weinende Stimme einer Frau hörte und ohne zu raten an die Mutter dachte, als diese Stimme mit einer rinnenden Deutlichkeit auch zu ihm herauskam, weil ich die Türe in die Stube zu öffnen begonnen hatte, wurde er noch beschäftigter. Ich aber ging in die Stube und hörte das Jammern der Mutter in der daranstoßenden Kammer. Ich sagte schon, daß die Dinge fest werden durch unsere Zugehörigkeit und noch fester werden sie durch die aus dem Innern kommenden und schon nicht mehr an ihren Worten erkennbaren Stimmen, wenn sie von einem Menschen in die Abwesenheit führen. Und während solche Stimmen von einem Manne ausgestoßen, die selten sind, ringen mit der Maserung eines Holzes und eingestoßen durch den Spiegel der Natur sich auflehnen gegen die Festigkeit der Behausung, war diese gebrochene Stimme der Mutter, die den singenden und immer in das Reine des Jammers hinübergreifenden Ton der Frauen hatte, hingehalten von einem in das Ausschauen gehenden Gedanken und sie war dadurch noch reiner und im Abbrechen singender, wovon die Möbel im Zimmer vor meinem Eindruck gleichsam in ihre Kanten wichen und strahlten. Auch war die Dunkelheit erst im Beginne. Der Tisch der Stube stand in der vorderen linken Ecke, wo die Fenster hingingen, die schon unter der Abnahme des Abends litten und ihre Gevierte zeigten. Dieser Tisch hatte eine große Tafel, aber vollgesetzt mit hohen und niederen Gegenständen, die alle mit einem weißen Tuche überdeckt waren, hatte er ein übermäßig bleiches und ins Fremde gestelltes Aussehen und zeigte keine Zurichtung zu einem Mahle. Ich hörte den Vater kommen und drehte mich, als die Türe aufging, gegen das Fenster, vor dem auch ein kleiner Tisch war. Ich hörte den Schritt hinter mir vorübergehen und gleichzeitig wurde mir ein Sitz von rückwärts hergeschoben, auf den ich mich setzte und das Tischchen vor mir hatte, während eine Hand unter meinem linken Arme durchgriff und die Schublade herauszog, in welcher das Brot war. Vor mir hatte ich die Milch stehen, welche ich dazu essen sollte. Ich blickte mich nicht um, ob noch jemand da war; denn, wie ich jetzt zum dritten Male den Gedanken des Behaustseins aufnehme, die Zusammengehörigkeit hat eine Ordnung und das Jammern hat eine noch bestärkende Ordnung mit den Dingen, in denen es fortgreift; es gibt ihnen eine innere Grenze; es ist, als ob etwas hier herausgebrochen wäre und dieses Fehlen wird durch eine zitternde oder singende Stimme ersetzt. Und das Schweigen und das, womit sich unsere Augen ergeben und in ihren Schatten zusammenwachsen, bringt zu allem ein feststellendes Maß und die Last eines Gewichtes und es gibt ihm eine unverbrüchliche Ordnung. Es ist wie eine tote Wiege der Geduld. Es ist auch wie der Schnitt zwischen Himmel und Erde, der in seine Geborgenheit sucht, wenn es Nacht wird. Sein Gewicht fällt auf die Erde herab. Es ist dann auch wie eine Brücke, worüber man nicht geht, und sie wird das Menschliche um so mehr verbinden, je stiller und gleichsam abendlicher die ungebrauchten Stimmen im Flusse darunter hinziehen. Ich blickte durch die Scheiben, wobei ich aß, während ich allerdings zitterte, als ich schon auf dem Stuhle meinen Platz hatte und zugreifend vor mir emsig war, wodurch ich eben mein Zittern bemerkte. Ich erinnerte mich auch, daß ich die Bilder, mit denen ich mein Schweigen beobachtete, noch von dem Nachmittag her hatte, wo ich über eine Brücke gekommen war, ohne unter der Gewalt des glänzenden Himmels auf den Fluß zu achten, der in langen Ufern ging, und als die Blicke noch pochender gegen den Himmel hinauffuhren, hatte ich später um so mehr das Bild des stillen Flusses vor Augen, als ich ihn schon verlassen hatte. Sein weites Wasser war mit dem Abend gewachsen. Ich glaubte dann in seinem strömenden Gange zu schreiten, und als ich jetzt auf die Gegenwart kam, hatte ich die entfliegenden Worte vernommen, die in seinem Geräusche verborgen waren. Sie waren in diesem Augenblick deutlich geworden wie nach einem großen Falle; so wie wenn das Gewicht des Himmels auf die Erde herabgefallen und nun in seiner ersten Verstummung wäre, und sie lauteten: Mutter überall und Vater nirgends. Ich wollte, zwar von einem fortgreifenden Sinne erschrocken, dieses Geräusch nicht hören und dachte an die Straße im Abend und an die Schwalben, die unter dem hohen Gange der Luft hin- und herschießend über mir gewesen waren; manchmal fast verdrehend hatten sie ihre Körper in die Flügel gespannt und ihren Bedürfnissen genug getan. Ich dachte an ihre Flüge, die abrufend und eingestoßen in die Wiederkehr keinen Verzug erleiden; aber ihre Bilder blieben mir in der Brust wie Widerhaken. Ich erhob mich und behaust wie einer, der es nicht anders weiß und dem der Gram das Recht des Einstandes gab, sah ich nach einem Lager.

Ich suchte nicht und war unbegierig, etwas, was außer mir war, zu unterbrechen. In der Stube war inzwischen das Dunkel mächtig geworden. In der Wand aber, die geradeaus hinter dem bedeckten Tische war und von da zu der Kammer der Mutter hinreichte, sah ich durch die noch dunklere Öffnung, daß eine andere Türe aufgeschlagen war. Es war nicht die Scheu, die mich abhielt, im Vorbeigehen in die Kammer der Mutter zu blicken, sondern das Dienen an dem Unabwendlichen, das keine Hilfe verlangt und sei sie auch nur, um den inneren Menschen zum Gehör zu lassen. Ich war verstockt durch eine verschlossene Anteilnahme. Und hier wird der schauende Trieb zur Verhärtung, zu dem ausgeschwiegenen Geize über der Wurzel in der Erde, eingeschlossen in die Widerhaken gegen die Schöpfung, über die der Ratschluß des Himmels nicht eintreten kann. Er kann die Erde nicht zusammenfalten und hier ist der Wanderer ärger als der Behauste. Ich trat in meine geöffnete und nächtliche Kammer und während ich mich schon entkleidete, schloß ich die Türe. Ich legte die einzelnen Stücke ab und hörte dann eine lebhafte und fast schreiende weibliche Stimme, die durch die Stube kam. Bevor sie an meiner Türe vorbeikam, sah ich durch einen Spalt hinaus und sah dann eine jüngere, kräftige und geputzte Frau, die, als sie in den Lichtschein der anstoßenden Kammer behend hineinging, noch deutlicher wurde. Hauptsächlich sah ich einen großen Federhut auf ihrem Kopfe, der, als sie laut zu sprechen und um das Befinden zu fragen anfing, nickend dazuschoß und wie ein Stück Geflügel mitsprach. Ihre Person herrschte in dem weißen Schein der Kammer. Als die an ihren Sinnen herbeigeholte Stimme der Mutter sich klagend dagegen setzte, blieb ich unangerührt und nur mit dem Gehör beteiligt, mit dem ich feststellte, wie ihre Schwäche unterliegen mußte und ihr singendes Gewärtigsein abbrach, doch nicht, wie ich bemerkte, unterworfen unter der Rede, sondern im wiederkehrenden Ausschauen nach ihren ungefaßten Gedanken. Dies nahm ich mit meiner Art von Befriedigung auf, mit dem trotzenden Unterliegen unter dem ausgegossenen Himmel, der die Erde nicht erreichen will, und, wie ich auch noch den Abend verfinsternd zu mir sagte, mit dem trockenen Spiegel der trinkenden Erde. Die Gewalt des Himmels will das Dasein und die unverbrüchlichen Bilder der Erde. Mein Schauen ging wieder in die rastlose Untätigkeit und diese schlug sich nach innen. Als ich die Lähmung besann, die in mir lag und war wie eine Erde, die leiblich getragen wurde, und mich auch, indem ich im Begriffe war, mich ungehört von dem Spalte zu wenden, bedachte, auf welche Weise ziehend die Erde ihr Gewicht zu sich nimmt, und noch nicht die Hände von der Wandung der Türe hatte, da, schon inne geworden, daß ich nicht allein war, zurückfassend um mich zu vergewissern, angeschlossen mit einem Ansprung auf meinem Rücken von dem klammernden Leibe eines starken und fast unbekleideten weiblichen Körpers, der mit mir gegen die Türe fuhr, unterdrückte ich die Lähmung fortbegriffen auch in meiner Verhärtung schneller als die Besinnung, die mich nicht laut werden hieß, und mit Ringen wehrend und annehmend die Fühlung aus den umschlungenen Hüften, trug ich die Gestalt, die mir den Rücken schwer machte und mir den Kopf, innerlich ist es gesagt, zum Herzen stieß. Denn sie hatte auch ihre Arme mit einer eigentümlich vorgeschobenen und ungezweigten Klammer, die ich nachher noch fühlte, an meinem Halse, an den Adern, die mir schlugen und sich in ihrem Pulse laut und wie Worte bewegten, in einem gegenseitigen Schlagen, das hart war und wie ein gleiches Schicksal sich verdeutlichte und wobei ich erkannte, daß die Beschwerung in sich niederkommt und nicht in der Befreiung, und so mit einem gleichermaßen in sich zurückgeworfenen Gefühle wie in einer Wunde der Entbehrung und der Umkehr wurde von dem erhobenen Wissen das Gesicht vertrieben und in die Brust gegraben. Ihre Arme schlugen wie Hufe an meinem Halse. Dieses zentaurische Wesen, das sich nicht trennen konnte, ansprengend gegen die Türe und dann noch wachsend im Gefühle des gemeinsam empfundenen Leibes, getrennt zugleich und vertieft von der erliegenden Bitterkeit und von der Überfülle niedergezwungen kam ohne die Brücke eines gemeinsamen Wortes zur Vereinigung. Der Strom hob sich in seinem Lager zwischen den unbekannten Ufern.

Die Besinnung ist wie eine Säule, die in ihren einzelnen Trommeln von oben herab auseinanderfällt. Ich fühlte den Widerhaken des Gefangenen zuerst und in eine Vergessenheit gezogen war ich daneben des Geschöpfes bewußt wie mit einem heißen Wundern und Verwundern an einer offenen Blüte. Es war alles wie aus einer Blume gebrochen, die trotzdem in die Höhe flatterte. Aber sie kam doch nicht zuvor und war vergeblich in ihrer erschütterten Bewegung, die sie aufrecht tragen wollte, und sie schlug mit ihrem Kopfe und mit einer neuen Knospe an die Säule, eine strahlende Säule über dem Wasser, von der es leise schauernd niederregnete, ehe sie auseinanderfiel und in ihrem Dasein das Gewicht der Erde hatte. Denn die Erkenntnis greift in die Natur und ist wie ein Essen vom Menschen. Und dann ankert sie in dem Geschöpfe. Aber was wird nun stärker werden, das Pochen, mit dem sich die Anschauung öffnet und das Wasser in sich hat, oder wird es wieder die Erde sein und die Einsamkeit des Verschlossenen, worin sich die Geschöpfe berufen? Und wie werden sie die Bilder befestigen, bevor sie der Mund des Elends, der verborgene unter dem Rauschen des Wassers, über die Erde getrieben? Jetzt war alles still und die Träume waren bereit, ihre Gaben mit den kostenden Sinnen zu wechseln. Sie sind über dem Wasser und der Erde, aber das Gefühl der Ferne, das sie abbrechen, ist mit in unserem Zelte und das Geschöpf duldet keine sichere Bestimmung. Und ich fürchtete die Stimme zu hören, die von einem Menschen in die Verlassenheit führt.

Am Morgen war ich ohne Tun und Sinnen in dem ringsum schweigenden Hause. Als die Türe in die dunkle Kammer vor der schon überhellen Morgenstunde brach, war mir mit dem Blicke des Gastes nach meinem Innern und zur Bewirtung gleichsam an mein Herz gesetzt, während ich die gekommenen Schritte zurücktat, nichts vergangen und es war wieder der Gedanke des Behaustseins und wie es zu einer Bestimmung kommt, der mir den Ausgang der Seele beschickte. In ihrem letzten Grunde aber hat sie keine Erinnerung. Denn es ist das Gewicht, mit dem sie auf die Erde fällt, wodurch sie den Träger belastet. Er wird wie mit einem Schnitte frei und damit sucht er in seine Geborgenheit. Es ist dann auch immer die Weite, die uns Versprechen macht, in eine größere Nähe zu kommen. So noch, wandernd schon unter der Glocke des Sinnes, kam ich in Berührung mit der jetzt ausbleibenden mütterlichen Stimme. Ich verließ die Türe der Stube und trat zu der Türe des Ganges, hörte das Gackern der Hühner und wußte, daß die Felder voll von Tätigen waren. Aber ich wußte nicht, wie der wachende Schlaf zu brechen war, in dem alles seine Aufrichtung hat, und welche Form unter die einzige Säule des Himmels führt. Als ich auf der Straße gehend zurückdachte, fiel mir auf oder es war ein Eindruck, der sich jetzt festsetzte, daß dieses Haus innen viel stärker gewesen war als außen. Und von diesem Gedanken erhob ich mich wie von einer Bewirtung. An den Bäumen, die zu beiden Seiten der Straße anfangs kamen, sah ich die Äste, da sie schwarz gegeneinandergeriegelt waren — es waren keine Obstbäume; das Licht schlug von außen in dem Laube herein, das in seine Raumorte fester zusammenschmolz und dessen Schirme um diese Zeit durchbrochen werden. Die Bäume hörten auf und das Feld war offen. Man sieht die Schnitter mit der abgehobenen Ernte weniger und alles wird auf sein Dasein verkürzt, wenn die Bewegung eine weitere Erde umfaßt. Aber die Schnitter waren wie kleine Gruppen von Behausten. Ja das Land wird breit, je mehr sie auf ihrer Erde vorwärts kommen, und um so mehr kommen sie auch unter dem Himmel zurück. Die Erde aber gerät zuletzt allein unter den Kreis des Himmels. Ein einzelner erster Pflüger war auf der großen Höhe, die den Rundblick in der Seite gegen den Wald aufhob, und fuhr mit seinem Pfluge von den Striemen weg, die näher als der Wald, ausgebrannt aus einer wachsenden Bemühung, vor diesem Morgen herlagen. Ein feuchter Luftglanz füllte die Senken, von dem auch die Ferne ihre glänzende Bewehrung hatte, und das Dasein war von allem Anteil abgehoben. Es war in keinem Geschehen mit Hilfe von einem Geschöpfe. Der Wald war wie ein leerer Krug neben dem Brunnen der Felder.

In dieser Ordnung, ohne die Regel aus einem bestimmten Herzen, wird die Speise der Sinne genossen. Sie haben keinen Laut und werden von den Bildern ihrer Geduld geleitet. In ihrer Mitte aber, in seiner eingeschriebenen Grenze, geht der Metzger, und während alles, was um ihn herum ist, wenn er seine Zeit geht und den zu ihm gehörigen Takt wieder gefunden hat, in die Hüften gesunken dasteht, ja alles sieht aus, als ob es von einem klopfenden Herzen an aufwärts zu leben habe und tut gut und ungeleitet, was auf diese von der Erde umfangene Weise in seine Tätigkeit fällt — es sind die Monologe der Bilder der Erde — während, sage ich dazwischen, das Umgebende gekreuzigt wie Bäume die obere Erde bevölkert, geht der Metzger und hat eine stumme Kreatur, die ihn bindet und, sage ich, mit der er vorwärts kommt, weil die Dinge nun in ihre Spannung treten. Er ist auf dem Wege und zwar, sage ich wieder, in dem Teppich einer um ihn gezeichneten Ordnung; was aber ist es dann, daß es ihm von dem Orte gibt und ihn doch nicht hindert, weil er die Natur des Tieres zwischen den Kreaturen der Pflanzen verdichtet und doch allem seine Verdichtung wieder nimmt und mit allem die Berührung hat? Er hat die Bemühung, allein und mit einer Nacktheit fortzukommen und ist unter vielem Gewande und angerührt von Rosenblättern, das sind ihm die trinkenden Lüfte, ist er gezwungen, den Weg zu machen und sein Stück vom Himmel abzuschneiden; es wird nur blutiger, aber es trennt sich nicht. Dann muß er der Einsicht zuvorkommen und es ist das Gewicht selber, das ihn nach oben zieht. Und das, sage ich, ist zugleich der Tisch, an den er zum Essen gesetzt ist, und auf die Eile kommt es an, wer zu ihr schneller ist, er der Essende, der geht, oder die lautlose Stimme des himmlischen Gesichts. Dieser Tisch der Begegnung aber ist ohne Grenze. Er ist in allem geordnet, abgeleert im einzelnen, unbestellbar in seiner Mitte und gerüstet in der Erwartung um ein herausgebrochenes Zeichen. Auch wird dabei zuletzt von jeder Erinnerung abgehoben. Denn das ist auch die wandelnde Säule und sie hat nichts zu verbergen.

Von einem Zeitpunkt ab, obgleich man die Tage des Vorwärtskommens nicht zählt und nicht auf eine Rückkehr umrechnet, kehrt sich das Erlebte um und man ist auf dem Rückwege, ja es fragt sich, ob nicht auf dem Rückwege erst die Schranke des Bewußtseins geöffnet wird, und die Härte in der zweiten Erfahrung, die man im Genusse der fortblühenden Gedanken vermeiden will, erst zu der fleischlichen Nahrung wird, die das Geschöpf in seiner Bestimmung festhält. Auf einmal stockt man vor einem Fortgang und man hält sich nicht mehr an die Frage, wo die Natur ihre Wurzel findet. Dann nimmt man das Kleid eines Geschöpfes um, mit dem man sich decken will und hätschelt den Schein der Früchte, um das suchende Tier zu entlasten. Und man würde die Schönheit des unersättigten Himmels vergessen. Aber er kommt und hat die lautlose Tiefe in seinem donnernden Blau wie an diesem Tage und dann setzt sich darunter weiter jene zentaurische Bemühung, das Geschöpf in seiner Natur zu ertragen. Er wächst über dem Schweigen. Man tut einen verborgenen Willen und bleibt in der Beklommenheit geöffnet, schweigend über dem Dienst der Erinnerung, die uns ziellos in jedem längeren Hinblick gleichsam die Schuhe der Wanderschaft nachträgt. Es ist das Gewicht, das sich auf der Erde fortsetzt. Und zuletzt, wenn man zu diesem Gewichte selber Zuflucht nimmt, ist es nur noch das Hin und Her, in dem die Sinne sterben, indem sie Kreaturen werden. Dann ist es die Fesselung in jedem Sinne und diese Richtung wird nicht abgebrochen. Aber das Gewicht steigt bis zum Halse. So war ich nach Umlauf der Zeit, in der ich gegangen war, wieder bei dem Flusse, der mich hielt und den Himmelsglanz der Tage mit der stetigen Frucht der Vergänglichkeit erfüllte, die alles in ihren Spiegel nehmen kann. Der Himmel war blau von Ruhe in dem grün wiegenden Schimmer der hier verjüngten Feldung. Es war da nicht weit ab im gartenmäßigen Abhang ein Bankhaus für den wirtschaftlichen Verkehr der Gegend. Ich kam aus der Wiese herauf in die Beete und im Umgang um das steinerne Haus dann in den Eintritt, der gleich in die Schalterhalle führte, in der Verkehr war, und sah an der Wand gegenüber, wo ein freies Fenster war, sogleich einen älteren Freund, der in diesem getrennten Winkel vor der Aussicht sitzend ein Buch auf dem Tische vor sich hatte und las. Als er mich grüßte, war er noch einen Augenblick abwesend, jedoch mit einem frohen Seufzen, mit dem er nochmals zurückblickend in die Helle des Buches, das, wie ich wußte, nichts mit diesem Orte zu tun hatte, zugleich zu mir gekehrt aufstand; entledigter, als ich es in meiner lange gegangenen Verschlossenheit begreifen konnte, der ich mich dagegen trotzen fühlte und hinwieder benommen von der Nachbrut der Tage.

„Nichts tut man lieber, als den Aufenthalt nehmen, der in den Worten ist“, sagte er mit der Miene, die ich kannte, deren Freundschaft ich aber jetzt fremd ansah wie etwas Ungenossenes, das man nicht genießen kann, wenn man die Kreatur betrachtet. Ich, weil über den leichten Einhalt schnell erbittert und dadurch noch mehr einer fressenden Verfinsterung bewußt: „Worte sind Öffnungen“, sagte ich, „aber sie sind das lose und ohnmächtige Geratter gegen die Bedachung des Himmels. Man erfährt genug, wenn man nur auf dem Wege ist.“

„Der Weg bringt die Dinge auseinander; wenn man in einer Richtung geht, wird alles weiter“, antwortete er darauf mit einem Hinterhalt, den ich fühlte, und wobei er mir vorkam wie die Bäume, die an den Seiten des Weges standen und die mit dem Kreuz ihrer Arme allen Anteil abwehren. Er schloß aber, indem er gleichsam aus dem Monolog heraustrat:

„Bricht man das Gefühl der Ferne ab, so ist man schnell bei einer Bestimmung.“ Und indem er zu seinem Buche schaute wie in einen anderen Tag, den er jetzt ablegte, fuhr er fort: „Laß uns doch aber Nahrung bekommen wie Erinnerung und begehren, indem wir einen andern Menschen genießen.“

Damit schlug er wie in die Wurzel meines Holzes, und während ich: „Nein, daß uns die Wurzeln genommen sind, dadurch hören wir Höhe und Tiefe“, rufend fast sagte, ich wurde aber stiller dabei und die Schwere der Natur kam mir nahe, fuhr ich selber, denn ich sah aus dem Fenster die grünen Felder, fort: „Was zwischen Gesicht und Ohr nicht aufgeht, das ist die Erde; zwischen Schöpfung und Geschaffenheit ist der Schmerz der Verdichtung.“

Er, indem er mit einer Trockenheit anfügte: „Ja, der Unterschied ist die Hauptsache“, nahm mir so das Bedürfnis nach der Erde wieder aus dem Munde. Er setzte aber, diesmal über alles fortblickend, hinzu: „Das Schauen ist eine Lähmung.“ Ich sagend: „Umgekehrt hat die Kreatur in der Lähmung ihren Abstand, und wer kennt diese Beharrung?“ und weil ich plötzlich jetzt an den Fluß dachte, nicht den schönen der letzten Tage, sondern den der ersten, der rauschte and den Abend bestimmte, mit Trotz und Erbitterung über das Stumme in der gestörten Melodie: — „Mutter überall und Vater nirgends“, war es mir bewußt geworden — schloß, zwiespältig wie ich es erkannte: „Der fortwährende Hingang der Erde schlummert sichtbar“, und weiter, obgleich ich nicht sprechen wollte: „Ich will die Erinnerung, die sich verdichtet, nicht lockern, denn das Thema ist uns gegeben.“ Darauf sagte er: „Wir essen vom Menschen.“

Bis hierher waren wir, obgleich jeder in seinem Teile der Gedanken gehend, mit unseren Worten beisammen, denn diese gingen nebeneinander und waren einzeln an ihrem Rande; nun aber, als wir uns sahen, war die einzelne Stimme verloren, sie war in dem Gesicht des Himmels über dem Flusse, und statt ihrer, als ich: „Der Ruf ist eingestoßen in der eigenen Maser“, flüsternd kam mir dies vor, sagte, sah ich die Trennung auf der Erde und die Säule des einen und in der Erinnerung dienenden Verstehens war geöffnet. Sie war stumm in ihrem Kerne und selbst blind von der Fülle des Gewichtes, das in ihr reifte. Und das ganz Verschlossene wandelt durch seinen eigenen Laut. Das Gewicht aber fiel heraus und war unter unseren Füßen. Ich trat in die Stapfen des Wortes und während ich seinen donnernden Fortgang ergreifen wollte, doch wieder auf mich geworfen, sagte ich: „Der Sinn läutet; er erhebt seine Glocke über der Ruhe und trifft ihre Schwäche, Himmel über Erde, die Mitte ist herausgebrochen. Der Mensch ist offen, wo ihn die Bestimmung festhält. Laß uns das Geläute, das uns fortzieht.“ Er darauf, als ob er mitspreche: „Die Glocke ist zwischen Hauch und Hunger“, dann aber mit den eigenen ruhigen Worten: „Man darf das Bild nicht suchen, wenn der Weg durch das Fleisch geht.“ Diese Worte waren wie ein Laut. Sie standen in ihrer Wache und hatten keinen weiteren Atem.

Fortbegriffen im Nehmen jedoch wie das Einsame ist — und es wird doch in der Behaltung eines Sinnes das Unempfängliche und das Sinnlose durch alle Gefügtheit — in der stetigen Wanderung und in der Einbehaltung meiner Gedanken sagte ich: „Das Unerwachte ist von uns empfangen. Es sucht Echo auf einem verlorenen Grunde.“ Und als ich schweigen wollte, zugeleitet währenddem aus den Gedanken, die wie auf Nebenwegen mit uns sind, rief es mir zu wie eingeblasen: Der Monolog sucht in seinen Aufenthalt. Diese Regie, mit der wir in uns sind, regelt den lauten Gang der Wanderer und bringt sie gleichsam in ihrem eigenen Echo zu Fall. Dann sucht man den Grund der Erde und weiter zwar über ihrer trockenen Schwelle mündet man in den Ausgang einer unstillbaren Ader. Und wer kennt dieses nicht, der in der dunklen Kläre eines Schattens wie geschwistert um sich sieht und dann spricht er hinaus zum geöffneten Raume; bis er den Fluß gerufen hat, oder was es nach ihm sei, die Stille. Aus einer Trennung kommt er heraus und findet sich nicht in der offenen Verdichtung; sie ist ungepaart und allein ein Ruf ist ihr einziger Raum: Mutter überall und Vater nirgends. Und wiederkehrend wie der Flug der Schwalben als mir die Sinne darüber gingen, fuhr ich fort: „Der Vater ist so weit weg wie alle die Dinge der Erde, die vor Hingabe Bewegsamkeit haben und in ihrer Beschäftigung fröhlich scheinen; die Mutter aber, um unter der tieferen Bahn des Himmels zu ruhen, muß alles Geschehen erleiden und kann nicht empfangen.“ Darauf sagte er: „An ihre Bahre kommen die Tiere.“

Das war wie eine letzte Verdichtung der offenen Erde, zu der ich gegangen war. Es war ein Schemel, bei dem man saß und es war das Grabbild der abgehobenen Säule. Ich liebte hörend die unverständige Gruppe um dieses Gestorbene; denn die Kreatur hat in dieser Hinwendung etwas, wo sie nicht zurückkehrt. Hier ist die Schwere sichtbar geworden und nach außen gewendet. Und sie bleibt stehen wie ein Schmuck des Vertrauens. Dieser ist stärker noch als die Verstummung und hat nichts Lautes und nichts Stilles. Und er gliedert die Erde. Und doch als ich es wieder wußte: es ist das Wort, das wie ein Tier zur Seite geht und in sein Hin und Her brechend, womit es lebt, sagte ich: „Die Schöpfung kann ihr Bild nicht hergeben und der Mensch, der es nimmt, ist kein Empfänger. Aber darin sucht er seinen Aufenthalt. Er handelt wie in einem verborgenen Rachen. Man muß dem Wort das Wort nehmen.“ Er: „Das ist der Sinn des Weges ohne seine Richtung und die Schöpfung will zu ihrer Geschaffenheit. Der Vater hat alles zum Schauen der Mutter überlassen und das Beständige wird zuvorkommen.“

Nun sagte ich und suchte meine Erfahrung in seinen Gedanken: „Das Wort geht fort aus dem Worte, aber die Bilder kommen zum Bilde, Weg der Schwachheit, und überall ist das Geläute des Sinnes.“ Und weiter, indem ich es im Augenblick erkannte: „Das Unerwachte geht auf dem geraden Weg und findet alles und hat es in sich; und es ist in keiner Fassung. Aber das Erwachte ist auf dem Umwege in den Gründen um die Dinge; es gibt dem Schmucke Gottes das Maß für seine Einfüllung.“ Und gegen den Sinn, als die Worte zu dieser Bestimmung kamen, wie mit Hufen schlagend: „Gott gibt sich seinen Schmuck durch das Tier.“

Darauf sagte er nun und es wurde wie eine Lehre und eine Zusammenfassung: „Die Erde wird gelockert durch die Verdichtung. Der Mensch sucht in seine Geborgenheit, wo er sie nicht hat. Das ist die Öffnung und die Bewahrung der Wege. Darin setzt sich die Erinnerung fort und wird im Schnitt verstärkt. Nun kann er das Gefühl der Ferne nicht mehr abbrechen. Die Wege nach innen gehen auswärts und die Stufen der Schöpfung nach oben gehen hinab. Alles geht durch die Gefahr seiner Umkehr. Das innere Bild ist gegenwärtig; so wird es nicht erkannt. Es will keine Begegnung und es wendet sich nicht in seiner Grenze. So aber versteht man auch die Säule; sie paart sich nicht und ist allein durch das Bedürfnis der inneren Stimme. Aber im Schnitt beginnt auch das innere Gesicht. Zwar der Sinn ist unnötig; aber das Tier lebt davon. Es handelt unter dem Gesicht; und die Menschheit schneidet aus dem Sinn ihre Begriffe. Der Pflanze ist der empfangende Einhalt gegeben. Die Begegnung in die Anschauung ist nicht in der Waage des Bewußtseins; sie ist in einer Naht unter dem Herzen. Zwischen Vorwärtsgang und Erinnerung wird die Gestalt frei. Der Weg ist die Ader. Aber die Erde entbindet dazu ihre Schöpfung. Unser ist der Zurückgang durch die Kreatur. Die Zeit erleichtert alles; aber der Metzger wartet auf das Gewicht. Das Haus ist eingerichtet, bevor wir es betreten haben. Das Tier ist ärmer als die Pflanze.“ Und abschließend sagte er: „Zuletzt ist alles gleichgültig außer der Stärke.“

Wir waren aufgebrochen in dem Bedürfnis, das man hat, eine Sache zu bereinigen und den Widerhall zu verlieren, der eine Teilung unter uns bringt, um eine Bewegung gleich einer einfachen Schrift fortzutragen. Unter dem Überfall der im Mittag schauernden Himmelshelle gingen wir auf dem Weg zum Bahnhof. Als wir dann im Wagen saßen, vielleicht daß beide von der Inständigkeit einer fortgehenden Rede still waren, oder daß die gerufenen Dinge den Anteil behalten wollten, den sie aus dem inneren Orte ziehen, wo sie zusammengekommen sind — denn die Dinge sind diesem Orte feindlich und befinden sich nur durch die Ordnung — beide schwiegen, und ich meinesteils festgehalten mit den Tieren an der Bahre der Erde, fühlte der unversiegbaren Armut nach, mit der das Vertrauen seine Zeichen gibt, und suchte, indem ich in mir fortsagte: „Und der Mensch ist ärmer als das Tier“, auch noch für diese Armut nach der aufsaugenden Kraft eines Zeichens. Denn alles Sinnen, sage ich, ist in Zweifeln, und mit Erschrecken, daß dies es war, wo das wahre Geschehen seinen Aufenthalt verläßt und die heiße Trübung sich lichtet, und daß nun das Tier noch freier würde: Offenheit der Säule, Zweig über Zweigen und nichts soll dienen, indem es in seine Gleichung zurückkehrt, trieb ich in mir weiter und dachte ich so, die Schöpfung zerstörend, daß sie keinen Atem zurückwenden kann, der in den Bildern stehen bleibt, und es war keine Bitte, sondern ich fühlte nur noch nach der Gegenwart; ich schwieg, als der Begleiter unvermittelt wieder begann: „Der Herr saß über der Schöpfung. Alsbald blickte das Tier auf die Seite. Da überließ der Herr es seinem Worte, wie es diese Abkehr fortsetzen und die Gewalt empfangen wollte, die er den Geschöpfen getan hatte. In seinen Augen behielt er das Leiden, und das Gesicht ging hinab; mit seinem Munde stieß es an die Felder. Dadurch ging das Wort aus und sah die Bilder. Das Tier aber blieb in seiner abwesenden Kreatur, bis das Wort zurückkehrte. Es sah in die Nacht des Mundes, als er versiegte, da machte es den Sprung nach vorwärts und hatte den Atem. Es wandert unter dem Hunger der Gesichte.“

„Ja“, sagte ich, als er schwieg, und es war wie zwischen einem Hauche und einem Hunger, und, zu einer Einmütigkeit nicht gewillt, während ich ohne Sehen durch das Fenster blickte, sondern aufgehalten von einer Stummheit des Gesprochenen, als es nun vor mir war, und vor einem schrecklichen und dann aber noch mehr schreckhaften Ausbruch, als ich wie mit Hunger einem Lächerlichen nachsann, dahin gestoßen, weil das Gesicht die Geduld hat um die Niedrigkeit der Bilder des Tieres, und wie kommt dies zu einer Bestimmung, und als ob eines das andere verschlucke, gehalten, indem ich zurückdachte, daß das Tier sich abwendet, „das ist statt eines Wankens unter dem immerwährenden Gesichte“, durch diese Verschränkung, gestoßen so und gehalten, tragend und als ob mir das Gesicht gehalten wäre von einer starken Mittlerin, mithineingetrieben durch das unversiegbare Tor der Armut, weil nur der Mensch das Gleichnis aushalten kann, das ihn bewegt, aber so wartet man auf die Schwere, und sie verbirgt ihn nicht vor dem geringeren Leben, und er muß wahrlos sein, „Ja“, sagte ich und ich sah die schnelle Gestalt des Wassers. Denn wir kamen jetzt an einer Höhe von der Seite über der Stadt hergefahren, wo es durchfloß. Und zwischen Hauch und Hunger, wie das eine das andere verschlang, vorbietend um zu leben, denn das Eilende ging durch das Stille wie Geschwister: brauche dich in deiner hungrigen Gewalt, sagte ich zu dem Sinnbild des Wassers, um jenes andere, das nicht wurzeln kann, zu ergründen, und das Gleichnis, das sich aufgerichtet hat, niederzulegen auf die Erde. Denn nichts ist schwerer als die Aneignung und das Gesicht kann nicht dienen. Es geht dahin in seiner Ordnung, das wandernde und das volle, ausgestoßen von seiner Grenze, das durch Begegnung nicht Begegnung sucht und die Schwester nicht kennt. Begierig allein zu einem Dache verfolgt es die Bilder der Geduld. In ihrer Mitte aber, in seiner eingeschriebenen Grenze, geht der Metzger und hat eine stumme Kreatur, die ihn bindet und, sage ich, mit der er vorwärtskommt, weil die Dinge nun in ihre Spannung treten. Sie sind in ihrem Anblick bestimmt und dann kehrt die Kreatur nicht mehr zurück in ihre Mitte. Unbewegt und in der Empfängnis geordnet bedürfen sie keiner Behausung. Und mit der Bestimmung in der Erde rufen sie die Glocke des Himmels. Ich sah hinab auf die Stadt, auf die jetzt mitten im Nachmittag eine Verfinsterung fiel. Die Luft schien dunkel vor Bläue. Aber was gebaut war und damit in seine Regel trat, hatte eine Zeichnung seiner Flächen und seiner Umrisse wie im Wasser, wo es nicht verfloß. Es hing in seinem Anker vor dem Lichte. Denn je mehr etwas geregelt ist, desto mehr scheint es offen. Ein Turm aber stand vor dem Falle der Regeln wie ein hoher Verschluß. Der Blick ging vor seiner Mitte hinab, welche in drei Würfeln hinabstand, und der unterste, dessen Breite das Schiff hinter sich deckte, war wie ein einziger Stein, abgemessen bis auf das kleine Tor, wo in der Tiefe das Maß des Gefälles gebrochen war und die Strömung sich sammelte. Um so mehr lief dann der Blick mit den weiteren Bauwerken, mit ihren Türmen, Zieren und Erkern, und war mit ihnen in einer starren Heiterkeit, im Untätigen hängend wie Girlanden. Alles ruhte in seiner freien und tätigen Stille, in der die Augen die einzige Empfindung hatten. Bis wir auf dem Bahnhof anlangten, da wo auch die Stadt anstieg, und uns verließen. Die Luft schien dem einzelnen Gänger wieder heller.

Noch glänzender war das Blau jetzt und glasiger, mit einem Dach in der brennenden Lichtseite hochgeschoben, wo die Sonne über einer Hügelbildung trieb. Der Weg von der Stadt ging näher unter dieser und man befand sich mit dem Grün in der Bläue, ausgehoben aus ihrem Grunde. Ein Wandern aber war, je mehr man ging, in der Herankunft der Natur, eines durch das andere gezogen wie mit Angeln. Ich war wie im Traume, in Besitzlosigkeit, in der der Sinn geht und in der Unfähigkeit zurückzublicken, auf dieser Straße, die schon außerhalb war, unter Bäumen, hinter denen schwärzer gegen den Lichtpunkt und mit Säumen von oben die Hügelseiten stiegen, wogegen auf meiner anderen Seite das Tälchen mit Gärten war, an denen die Straße ihre Führung hatte. Das Wandern aber war, wie ich sagte, in einer gefesselten Empfindung. Indem man so geht und mit nichts als mit der Wahrnehmung geschwächt das Schweigende füllt, man kommt in sich zurück, nicht fühlend, daß man wartet, die Berührung dahin ist aufgehoben, alle Dinge sind in dieser Erwartung, aber sie treten nicht aus sich und sind ganz mit sich in Berührung, bis an ihre äußere Grenze, daß man zum Beispiel die Rinde der Bäume sieht, sie ist überall und von ihrem Halse hinab ein Fluß ohne Wasser, indem man so geht und die Einsicht hat, die man trägt und in der man nicht fragen kann, denn sie ist an der Stelle des Eilenden, sie ist unter vielem wie mit Hufen und treibt es aus seiner inneren Grenze und es sind ihre Gesichte, während doch alles dagegen seinen Zustand verstärkt und an seinem Rande ein Seufzen wird, hier aber hat es seine Aufrichtung, denn die Natur hat keine Höhe, nämlich, sage ich, damit sie eine sichere Bedeckung erkennt, sie ist nicht mit sich unter einem Hause, so betritt man ein Gebiet, wo das Wort unter einem hungrigen Joche frei wird. Zum Beispiel ist es das Wort Hingabe. Rufe es an, sagt man, daß es eine Beschwichtigung trägt, von der es nämlich das Echo trägt, um mit der gebundenen Kreatur zu eifern, und man erlebt die Stelle, etwas zu beschreiten, von wo der Anteil eines Menschen ausgeschieden ist. Aber das geschieht mit einem Seufzen und vor einer Verstummung. Und wie soll man dies beschreiben, wo die Beschreibung selber ohne die Klage des Sinnes vor sich gehen muß, frei von seiner inneren Grenze und mit dem Gesichte nach außen gekehrt durch alles. Aber das sieht man, daß in dieser Schwäche vor dem Gesichte das Wort stirbt, außer daß es noch eine Leibhaftigkeit trägt, und darin ist etwas Paariges und es ist das Ereignis von einer Paarigkeit. Wie kann dies, sage ich jetzt zum Beispiel weiter, nur siegen über den Kummer des Brotes? Und dann bin ich mit der Erinnerung zu Hause wie mit Wein. Und man sieht also, daß der Wein näher ist, bis die stumme Kreatur wieder kommt, die beides auseinanderhält und die ihre Klage erhebt, als ob sie lobe, als eine Figur, die an ihrem Rande zu einem Seufzen wird, gesättigt von ihrer schweigenden Fülle. Sie gibt sich hin, je weniger sie sich hingeben kann und erkennt ihre Hingabe nicht und fesselt die Dinge. Dann ist alles getrennt und es zirkuliert nicht um das Brot. Aber was ist dann das Unverwandte in den Gesichten? Und hier hat die Wanderung ihre Grenze und die Umkehr, wo sie in sich bricht und es ist ihre Wunde unter dem Herzen. Also geschlossen in sich auf dem Wege und fortgezogen durch den Hauch der Stille in ihrem Kreise die Erkenntnis war es, die mich führte, und sie ging ohne Schranken, so daß ich, als die Blätter an den Ästen plötzlich bewegt waren, aufschauend und als unter einem steigenden Surren die Stille noch näher trat, weiterblickend gewahrte, daß die Luft nicht mehr auf der Erde stand; sie hatte ihren Fuß aus den bepflanzten Gärten genommen, so daß alles auf dieser Seite noch deutlicher war. Die Sonne aber hing mit finsterer Pracht über den Säumen und ihre Leuchte war über das Tal gehoben.

Ich blickte nach dem Ende. Denn in der Straße, die sich gehoben hatte, weil aber nach den Gärten noch ein Park kam, der zu den Bäumen nach der freieren Hügelseite griff, räumlich noch tiefer erschien und mit einer Ruhe geladen, eingeschlossen gleichsam in die Nachbrut der Tage, war der Ausgang wie ein Tor, zugeschlagen von einem strömenden Wasser. So befand es sich im Schauen, daß selbst das Gehör erfüllt war mit Stimmen, bis nach der Ungewißheit, die man hat, unter Rufen und im Vergessenen eines augenblicks erreichten Ortes inne zu sein, ich wirklich heitere Frauenstimmen hörte und gleichzeitig mit Eilen aus dem Parke an drei farbigen Gewändern drei kommende Gestalten unterschied, die einander durch die Türe ablösend jede mit gleicher fester Lebendigkeit in Gegenwart trat, und von denen die letzte, als sie das Gartentor geschlossen hatte, sich mit der zweiten die Hand reichte und in dieser Verbindung gehend die dritte vor dieser schwesterlichen Paarung unter den hohen Kronen als in einer einzigen Gruppe daherführte. Nur nach der Farbe erschienen sie zuerst geteilt, indem der Vorausgehenden, welcher in dem erfassenden Rot ihres glockigen Kleides eine Düsterung sichtbar und umringend antwortete, die beiden welche folgten, sie gleichsam tragend, die eine das Grün der verdüsterten Erde milder zu sich hob und die Dritte ebenbürtig an der Seite von dem verirrten Himmel die gleichbleibende Farbe entgegenbrachte. Ihre Gürtel gingen wie von einer zur andern gleich um ihre Körper, welche stattlich waren, und ich konnte gewissermaßen daran bei ihrem Gange gehalten, noch keiner im Schauen den Vorzug geben, als ich, schon durch diese Art des Ganges in seinem einmütigen Verhalte außer Beziehung gebracht, ihnen nahe war, so daß mir der aufmerksame Blick, den man nach Sinnverlorenheit an eine Begegnung anders setzt und der schon nicht mehr Neugier ist, sich vergaß, — ich wie gesagt, außer Beziehung zugewandt der Vorausgehenden, wie sie heiter aber wie zu Abwesenden sprechend sich rücklings wandte und, während ihre Gestalt in ihrem Kleide vorwärtsging und sich gleichsam verließ oder preisgab unter ihrem Gange, ihr Kopf rückwärts fast zwischen die Köpfe der anderen gelegt sprach und wie ich selber in dieser Wendung mit abwesend war, — ich sah nur dieser beiden jungen Frauen heiterernste Antlitze, aber auf diese Weise getrennt. Und auch diese Trennung, als ob man alles wie auf eine Karte setzte, mußte noch eine andere werden, die sich ganz und vollends gegen mich kehrte; denn ich selber gefestigt in meiner Aufmerksamkeit noch mehr, wodurch, als ob nur ihre Leiber gingen, der Wandel ihrer Leiblichkeit an mich kam und Ohr und Augen nur Begleiter waren, wurde in dieser Aufmerksamkeit jählings verwandelt, weil, wie nun die Karte sich wendet, ihr Gesicht, nämlich weil jetzt die Vorausgehende ihr Gesicht auf meine Seite kehrte, blind war und nicht nur das, sondern gleichsam in seinem Ausdruck über alle Schönheit hinaus verloren und ohne Trümmer verdunkelt; wie zwei Stirnbogen, die blind in eine Unbewußtheit zusammenflossen, unvergießbar und überall vorhanden. Ja, sage ich, Auge und Ohr gerieten außer Geliebtsein und waren nirgends, und während diese gleiche und gehende Frauengruppe an meiner Linken vorbei, ich aber, nicht umzuschauen wagend, doch nicht vorwärts ging oder den Einhalt wollte, denn alles war in diese zwei Tore und in ihre Mitte unsichtbar gezeichnet, ging das Ereignis weiter und kam mit Vorgang von meiner Rechten, daß mit erschrockener Wendung die Straße wieder vor mir lag, die unversehene neue Gestalt eines jungen Weibes, dem ich ohne Erkennungen, die mir entfielen, und ohne Willen, den ich dazutat, gleichsam das Blinde tragend die Züge der Vorigen mitgab, mich im gleichen Gefühle wundernd, daß sie nicht taumelte, die vielmehr schon vor mir gegenwärtig ohne Schein und Hilfe die Mitte ihrer Bewegung bestimmte, wie sie abgeschnitten von allem unter der zunehmenden Nacht des Himmels wandelte, bis ich, und es war wie eine Angel, inne wurde, daß hier die Erde in ihre Erfüllung tritt, und es war die Schwere, die in sich niederkam auf dem Wege, daß sie es war, worin der Mund verstummte und die in der Nacht ihres Daseins die Vereinigung gebracht hatte. Das Gesicht ging hinab und der Mund stieß an die Felder. So entstehen die Bilder und es wird in den Wein der Erinnerung das Brot getaucht. Sie aber ging, innerlich ist es wieder gesagt, weil ohne in der Berührung zu wissen, mein Gefühl so von ihr angezogen war, obgleich sie aufrecht ging und ohne Wanken, wie eine Sichel und so strebte sie dem Ausgang entgegen. Sie war schon, als auch ich die Straße beenden wollte, vor dem Tore der Luft, das wie Wasser floß. Dort griffen die Kronen und die tieferen Äste einer großen Pappel und einer Akazie von den beiden Seiten in sich gehoben zusammen und ihre dunkle Fülle in einem Umarmen hinauftragend entließen sie unter sich die Gestalt, die in ihrem Ausgang verschwand.

Das Nächste, was geschah, trug nur noch zu einer Befestigung dieses abgeschlossenen Daseins bei. Gegend und Himmel, als ich unter dem vorigen Tore war und aus dem sicheren Schirme trat, waren verändert und der Anblick über dem Felde war durch eine furchtbare und unnatürliche Helligkeit entstellt. Die Hügel, welche hier eingesunken waren, gehörten zu einer Weide der Tiere. Einzelne Büsche bildeten einen regungslosen Bestand. Aber die Luft hatte mit dem Lichte einen schauernden Bund; das Gras schien zu sterben und das Wasser eines Baches lag bloß. Er kam nach links von vorne über die gestreckte Halde und war wie aus der Scheide gezogen. Ich ging unter dem Himmel gegen die kurze Höhe, während auch der Himmel sich hob und während sein Gerüste eben noch, nicht in den Überhang gegangen, sein Dach auf das Dunkel gebaut hatte, in dem der schweigende Traum des Nachmittags geschützt war, und während es eben noch schien, als ob er die steigende Last seines Anblicks beließ, dessen Blau wie Schiefer zusammenkam und ohne Eile war, so daß ein Blitz wie eine Reifblüte darauf adern konnte, jetzt, schon nicht mehr schmetternd, laut und überall im Gesicht, als er über die Höhe fiel, war er von allen Zügeln entlassen. Er schien nicht mehr über der Schöpfung und war jeden Augenblick das Neue, das in keinem Ausdruck erfüllt von der Fassung, in der es stockt, oder von der Erde, in der es übergeht, die Stärke abhebt, und war doch hinter seiner Stärke und eben dadurch in keiner Ankunft. Er hing selber in seiner wachsenden Verstrickung. Und darin war kein Geschehen, es sei denn, daß der ungezähmte Abraum, indem er sich höher aufschlug, in seiner eigenen Braue niederkam, oder es sei auch, daß von seiner unfühlbaren Wallung, von der die bloße Kälte um den Stehenden griff, das Schwache allein, randlos wie es niedergekommen, sich gegen das Schwächere setzte, und das Schwächere war wie ein Körper ganz nach außen gehalten. Denn was war das für ein Klang, durch den alles Herumstehende sich wie ein Fremdes berief und die Entfremdung wuchernd vermehrte? Es war aufgerichtet und stand dunkel unter einem Falle, und es war auch ein Rufen, aber das nicht gehört werden konnte und keine Zurückkunft hat in eine Mutter. Diese aber lag wie Schlummer unter dem tieferen Umkreis des Himmels. Denn sie ist wie Erde und diese am ruhigsten unter einer Überlast. Und es war eigentlich die stumme Kreatur, die allein zu einer Antwort berufen wurde. Aber darin lag eine Verzögerung und es konnte nur geschehen durch einen weiteren Hingang. Denn was über ihr war und es thronte, war unerkennbar und der Himmel entbehrte jeglichen Zeichens, das ruhig war. Aber darin war eine Kraft vor jeder Eiferung oder Umkehr. Es hing alles an einem weiteren Schritte. Und die Hoffnung schlug im Unbekannten wie ein Riese.

Ausdauer, warum kann sie nicht anders geschehen als durch Ablenkung? Größe, und sie harrte mit Forderung in diesem Bilde — aber ich will mich nicht damit beschäftigen oder nur gleich dem Tiere oder wie der Gefangene aus der Inständigkeit seiner Zelle ausweicht, oder mit den pochenden Hufen in der Verzögerung vor der Kraft, weil diese ungebrochen ist, in der sie ihre Ohnmacht entschuldigt, und daß die Erkenntnis hingehalten werde — Größe kommt nur zustande durch Abgezogenheit. Und wieder wird das Innere bleibend werden durch die Ausflucht des Tieres. Denn umsonst beruft der Anblick die äußerste Ferne für seine Nähe und das Blut trägt zwischen Hauch und Hunger die geöffnete Blindheit. Öffnet man nun das Thema wie einen Gedanken, der seinen Ort verläßt und seine Bezichtigung fruchtbar macht durch das Paarige: Antlitz über der Erde, Spiegel in der abgewendeten Fülle, so kommt man auf die wartende Wunde der Blindheit; man weiß, es ist das Geheimnis des Tores und hier kommt es zu einer Bestimmung. Aber man hätschelt das Bedürfnis der Worte, um den zentaurischen Gang zu entlasten, der seine Getriebenheit hat in einem Echo vor der Erkenntnis: Damit der Mensch das Gleichnis aushalten kann und im Sinne hat alles einen langen Ausgang. Aber der Abbruch des Menschen bleibt gegen die Schöpfung gerichtet. Denn was ist dies für ein Laut, in dem sich die Entfremdung beruft und ein Inneres frei wird in der Abkehr der Dinge und der Sinn wird rein gehalten, nicht nach einem Begriffe zu trachten? Dann beginnt das Wagnis, sich auf das Ungehörte zu verlassen, das stärker ist als jeder Laut des Donners, indem es in seine immer größere Schwächung tritt. Und darin ist nun die Eiferung vor jeder Umkehr. Das ist etwas anderes als die Trägheit und das Gesetz des Ganges und schon mehr als die Schwäche vor der Tat und die Ehre vor dem Überliefertsein, denn diese wird jetzt gefordert durch ihre Hingabe in die Anschauung und es ist der Weg selber durch seine Fortsetzung in der Ausflucht. Ich rede jetzt von diesem anderen Wesen der Erkenntnis. Am meisten zum Begriffe gedrängt hat es seine Reinigkeit in nichts als in der Hoffnung, bis man die Fessel ablegen kann, die in dem Hause ist. Und diese letzte Armut ist nicht fühlbarer als das ganze Dasein.

Der Himmel war jetzt wie eine Halle und während ich seine gestandene Fügung mit einer offeneren Seite und auch nach der Richtung des herangekommenen Dunkels dazwischen fast mit der Bläue von Spiegeln sah und hinunterging, soweit sich der Umblick nicht änderte, — tiefer gingen die kleinen Hügel nicht, aber doch so, daß man verborgen war oder daß man eine Flucht des Tales sah, — und während ich am Ende des Ganges mit vermehrtem Ausblick bei dem Bache seinem Lauf entgegen die Gestalt des jungen Weibes plötzlich wieder erblickte, die in der Weide stand mit Pferden, wo ein Gumpen oder Weiher war vor einer Bucht von hochbewachsenen Hügeln, fielen jetzt die Donner und die Blitze gleichzeitig wie Kugeln. Schon vor kurzem hatte in das Lautlose mit einem Schlage das Gewitter begonnen, dessen Schälle verschlungen, bevor sie umkreisten, von der abbrechenden Stille, die in dem Augenblick der erneuten Schläge ihrem Takte folgt, die Räume erfüllten. Aber auf das Gras war noch kein Tropfen gefallen und dieses stand überall starr oder zitternd. Um so deutlicher war gleichsam durch den lauten Himmel verstärkt, der herableuchtend das Augenlicht zerstückte und die wider sich gelockte Erde durch Abstände anfiel, das Bild jenes Aufenthaltes bei den Pferden mit der Gestalt auf der einen Seite des Wassers, dessen Spiegel eben noch milchig geblendet sich mit einem Male verzerrte, neben ihm hergestellt vor der schützenden Ausflucht der Hügel und Bäume, die mit der Eigentümlichkeit ihrer Farbe ihre Umrisse in der klaren Finsternis anhielten, bis, eben wie ich ihre Ruhe sah, in heftigster Bewegung wie herabgestürzt sie über die Schwelle der Tiefe fuhren, und als ich ihr Rauschen hörte, war der Sturm auch bei mir und in die Wassermassen, die auf die Erde fielen, schlug der Hagel. Ein Ruf, den ich ausstoßen wollte, vom Winde in den Mund zurückgeschlagen, so daß er zu einem Horchen wurde, ein Trommeln ebenso auf der Erde, das dem Aufruhr der Donner in die Zäume fiel, wovon die Blitze frei wurden, die Verschlingung, in der die auftauchende Erde ein Antlitz suchte und dazu sich selber bot, indem der Himmel seine Ruhe ihr ahnend behielt, der Einhalt selber wurde zu einem hungrigen Gesichte, das überall ausweichend doch nur in eine Richtung suchte. Das Mittel der Empfindung war selber im Spiele und es war die Richtung zu einer Angel. Aber die Gestalt, wenn sie erschien, war in einer schrecklichen Blöße. Sie kehrte gleichsam ihre Geburt hervor und der Blick öffnete sich durch das Verdichten. Unfähig zu verweilen und unter die steinerne Brücke gegangen, die über das Bett des Baches führte, behielt ich in das Verweilen eingeschlossen immer die Richtung. Ein Blitz kam wie ein Widerhaken, als ich rufen wollte, und ein Wiehern kam daher, als ich eben mit diesem die ganze Stelle übersah und mehr als die Gestalt ein Roß von der anderen Seite erblickte, das mit einem Sprung von vorne schon im Wasser den Bug seines Halses erhob, und der Strahl stand darauf in einer einzigen Aufrichtung sich verkrümmend. Ich sah ihn außerdem, und er war wie der Hauch aus dem nunmehr aufgerichteten Maule, nach aufwärts als zu seinem Ursprung verschwinden. Die nächste Zeit war wieder ausgefüllt mit der Blindheit des nächsten Geschehens und seines benehmenden Verlaufs, worin das Nachgefühl, ebenso wie es begierig wurde, verstummte, und mit dem ich auch das Anwachsen des Wassers, weil es nirgends mehr haftete, und den angeschwollenen Lauf des Baches feststellte, bis dieser einsackend wie unter einem Tore sich hob und ich mit Aufmerken, weil die Hufe gegen meine Stelle oder gleichsam gegen meine Augen schlugen, den Leib des Pferdes erkannte, der ruckweise angehalten auf einmal an mir vorbeizog.

Als die Möglichkeit war, den Platz zu verlassen, ging ich, denn man geht mit der unbestimmteren Qual in die geringere Ausflucht, ohne mich der bleibenden Gestalt mehr zu vergewissern, als daß ich sie in der Ahnung behielt und von ihr eine schweigende Bestimmung in meinem Fortgang wußte, mit dem Laufe des Baches fort und dem toten Leibe des Pferdes nach, von dem ich immer noch die im Zufall der Bewegung gegen das Gesicht schlagenden Hufe vor Augen hatte und dessen dunklen Körper in der lebendigen Strömung, zumal wenn das Wasser sich krümmte und da es jetzt bald zwielichtig wurde, ich auftauchen erwartete. Ich ging aber ununterbrochen den Windungen nach und auf dem Ufer hin, das bei einem Hofe zu einer Straße wurde, vor welcher der Bach durchfloß, wo ich zuerst an der Scheuer anlangte und hinten herumgehend durch eine mit Dornen ausgesteckte Lücke, die in der Mauer war, in das Innere blickte. Ich sah auf der Tenne, die aufgeräumt war, den Rumpf mit den starren Gliedern, die nach der Seite standen. Niemand war außerdem anwesend, aber das Tor der Scheuer, wodurch das Licht den allein gelassenen Körper nicht mehr erreichte — er war dadurch groß mit besonderer Deutlichkeit —, stand offen. So zuerst ausweichend und auf dem Umwege gehend war mein Verlangen, das doch nicht eigentlich nach dieser Tatsache und ihrer Beendigung, so sehr ihr Anblick an mich fiel, getrachtet hatte, sondern, indem es hier gleichsam vernichtet wurde, weiter ging, kühner oder befestigter; und ich darum an mich gewiesen, wie eines das andere tötet, rein durch den Fortgang, denn kein Bild hält das andere auf, ging um die Scheuer weiter nach dem Hofe vor, wo ich in einer kleinen Stube unter der Einfahrt Eintritt nahm. Um den Tisch, wo eine Klosterschwester im Mittelpunkte war, und an der Wand saßen Mädchen, die bei ihrer Handarbeit ihre Unterhaltung verfolgten. Es war alles in keiner stummen Empfindung, so daß ich dabeisein konnte, wodurch ich aber auch empfand, daß eine Spannung war, die mich eben dabeisein ließ. Aber diese Spannung war in heiteren Worten, und als ich die Schwester — es war das erste, was mir im ganzen deutlich wurde — sagen hörte: „Ja der Himmel ist ein Verhängnis“, lächelnd sagte sie es und ich sah, daß sie dabei für sich war, kam ich für mich zu der Bemerkung, daß sie sich gerne mit dem Spiele dieses Wortes beschäftigte. Ich war dadurch selber wieder der Gefangene, der nach einem Worte geht; ich hörte die wechselnden Stimmen, die sich eifrig verwirrten und wieder klingend in ihre Teile liefen, indem ich dabeistand, und ich hatte doch nur den einen Gedanken, — als es mich von der Wärme, weil man nach dem Hagel ein kleines Feuer im Ofen hatte, oder, und dies war wie aus einer verborgenen Kehle und von einer anderen Stimme, weil sie wild und ein Wiehern war, schaudernd anfiel, — und es war doch nur ein Echo und etwas Ungebrauchtes, es geschah unter ihrer Heiterkeit wie unter dem dumpfen Schlage von Hufen, und dabei hörte ich, daß auch die Stimmen der sprechenden Mädchen etwas Ungebrauchtes hatten, das in ihrer Hingabe schlief, und es war dann in allem wie ein Holzton, und ganz von der Begierde angefallen war ich in der äußersten Schwäche. Da sagte auf einmal eines der Mädchen, das ein Krüppelchen war, mit seiner sehr klaren und darin sehr ruhigen Stimme, während alle zu ihm hinblickten: „Ja die Pferde! Es gibt kein Tier, das überall dabei sein kann und so wenig weiß, warum es dabei ist, als die Pferde. Man sieht es an ihren Füßen.“ Darauf sagte ich, indem ich den Versuch machte, laut zu sprechen: „Ich habe das Pferd in der Scheuer gesehen.“ Niemand ging jedoch darauf ein, sondern eine einzelne Stimme von der Seite her sagte nach einer Weile: „Bei den Leuten wird sie Bona genannt.“ Und dann, als ich weder in diesem Augenblick fester fragen noch ein nächstes Wort erfassen konnte, das weiter ging außer diesem Gesagten, während doch alles weiter ging, kam wieder das Krüppelchen entgegen, aber daß ich es wie gesagt nicht sofort verstand, und mit dahingehenden Worten, die wie Verse klangen, nämlich: „ungeschützt geht ein und aus Erinnerung und Sinn und Haus“. „Wer“, wollte ich, als hier alles stiller und jedes in einem Sinne bei sich war, nochmals fragen; aber die Gegenwart oder auch die Abwesenheit überkamen mich so, daß ich, wie ich in diese Stube getreten war, rücklings nach der Türe griff und in meinem Teile fortging. Und das war der Gedanke, der mir nachfolgte und jetzt auf meinem Wege vorausging: Die Schwäche ist die Schwester des Gesichts, sie trägt das Mark des Vertrauens, in ihm spürend den Atem des Tieres.