Gedichte über Blumen
DIE GELBE KAISERKRONE

Sieh sie an und sag wie ich -

- Nein sag garnichts. Blick in dich

Oder wie ich in mich sah,

Hauch aus in dir ein ahnend "ja".

Von den Glocken, die sie neigt,

Zu dem Busch, der übersteigt

Urwaldfremd und urzeitreich,

Einer Urwelt Kronen gleich,

Unbegreiflich wild und edel,

Tanzschmuck, oder Palmenwedel

Wie von Tropenwassers Ranfte, - -

Bis hinab, wo diese sanfte

Blödigkeit der riesenhaften,

Dieser schuldlos wiesenhaften,

Opfer gleich gesenkten Schellen, -

Gelb, wie Gelb nicht gelb ist, - quellen,

Wie nur das gewachsne quillt -

Dem Schaft entblüht, - sieh, dieses Bild!

Solche Milde solcher Wildnis!

So reiche Leidenschaft im Bildnis

Dieser stillsten Welt!

Und siehe! eine Träne fällt

Oder was wie Tränen scheint:

Hast du sie so süß geweint?

Weil durch dich ein feierstündlich,

Ein trunkenes Sehnen unergründlich

Mit der feinsten Schneide glitt,

Und wo es dich so heiß durchschnitt,

Und die bestürzten Adern klopfen,

Hing und fiel dein tiefster Tropfen?

Nein, du lachst durch diesen Tau

Der Augen nun erst doppelt blau,

Und mit dem Nagel hebst du bloß

Die Glocken an, aus deren Schoß

Sich die wilde Perle löste:

Denn es hegt der keusch entblößte,

Eingewachsen um den Stempel,

Der allerheiligste, der Tempel

Ihrer Lust, der goldbestäubte,

Soviel wie Samen-Stiel und Häupte,

Gleichnisse der Liebes-Schmerzen,

Von ihm tropfend wie von Kerzen.

Laß in Stand zurück sie schnellen

Und uns nicht mit Tag erhellen

Dies Geheimnis ihrer jung

Aufgeblühten Dämmerung,

Zähle dies Geheimnis du

Ihrem größern Rätsel zu,

Das dich bittersüß berührend,

Halb berauschend, halb verführend,

Halb mit Anhauch groß und rein,

In ein brünstigeres Sein

Fremd und sanft zu sich begehrt

Und beseligt, wenns auch zehrt.

Wie der Träne dieser Rand

Deines Nagels, halbverwandt,

Nur perlmutterhafter blinkt,

Dem nun der Glockenrand entsinkt,

Also bist du ihr verschwistert

Durch dein Blut, das ihr geflüstert,

Was durch seine Gänge klagt,

Wenn, was uns die Welt versagt,

Plötzlich wortlos, kaum gestehbar,

Unbeschreiblich, unabsehbar,

Heiß und rein, unwiderstehlich,

Über alle Worte selig,

Ein Erbteil und ein Königreich -

Heiligen Paradiesen gleich,

Durch die Lücken uns erscheint:

Das Herz versagt, als ob es weint

Und begreift nicht, was es schlug -

Eine Blume ist genug.

Rudolf Borchardt