Gedichte über Blumen
BLUMENWALD

Du willst uns brechen. Es ist das Geschick.

Tu es, doch warte. Tu es nicht jetzt.

Hör uns, wir wissen um dich.

Der Speichel, der deine Zähne benetzt,

Ist träg, eine Krankheit beugt dein Genick.

 

Irr sind viele, roh und feil

Viele der Euern. Der du dein Ohr verschenkst,

Seliger, hör uns, wir wissen.

Und daß die Horde denkt, wie sie denkt,

Schlägt dich am Nacken wie Schlächters Beil.

 

Gib uns, was die Kehle dir schnürt.

Denn wer das hält und gar genießt,

Dem, Offner, geschieht es,

Daß unsre Weisheit sich vor ihm schließt,

Gekugelt, wie Asseln, die man berührt.

 

Dich quält das Gezücht, das der Engel verstieß:

Nur wenn du willst, verstößt er dich mit.

Tritt über zu uns Nahen!

Es ist kein Weg und selbst kein Schritt,

Wir wuchsen und bleiben im Paradies.

 

Tritt ein und hebe zu zählen an,

Wer bei uns und nicht drüben ist,

Bei Unholden weltlos.

Und wie du beim Zählen dein Ende vergißt,

Du zählst noch, wenn das Sternall zerrann.

 

Ein schlafloser Glanz ruft es wieder herbei,

Jeden Stengel, jeden Stamm,

Im Zwang seiner Freiheit,

Jeden Huf und Hahnenkamm —

Sein Tag ist frei, seine Nacht ist frei.

 

Und wenn der Glanz die Verworfnen trifft,

Vielleicht fällt ihm dein Jammer ein —

Ja viele, viele der Euern!

Doch sind sie am Leibe der Menschheit klein,

Nicht mehr als am Leibe der Schlange das Gift.

 

Die Schlange ist unermeßlich groß,

Ihr Schweif ist tief in den Tod getaucht,

Das macht sie wissend.

Und in den künftigen Sternen raucht

Ihr Maul und züngelt, doch wagt nicht den Stoß.

 

Wie Sensen ein Wille, der nicht schreit!

Wenn er auf leisen Füßen geht

Ihr gegenüber, nenn ihn nicht jenseits,

Nicht, wenn er aus Nebelspuk Sonnen dreht

Im Grenzland an der Ewigkeit. —

 

Nun brich uns, es taut bald, fürchte dich nicht.

Auch dir fällt ein Tau, den dein Auge nicht sieht.

Und ist einmal, daß eine Schlange

Vor dir durch warme Blumen flieht,

Gedenke deiner und fürchte dich nicht.

 

Oskar Loerke