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Matei Caragiale: Die Krale vom alten Hof

DIE DREI PILGERFAHRTEN

"C'est une belle chose, mon ami, que les voyages ..."

Diderot

ein freund seit jeher, so war er mir vorgekommen, obwohl ich vor jenem jahr — 1910 — nicht einmal sein dasein auf der welt geahnt hatte. er war etwa gleichzeitig mit den ersten blättern in Bukarest aufgetaucht. von da an war ich ihm immer und überall begegnet.

von anfang an hatte es mir vergnügen gemacht ihn zu sehen, mit der zeit hatte ich sogar die gelegenheit gesucht. es gibt naturen die durch irgendetwas, manche ohne zu wissen was eigentlich, in uns eine lebhafte neugierde wecken, weil sie unsere phantasie dazu anregen kleine romane über sie zu ersinnen. ich habe mir wegen der schwäche die ich für solche naturen hatte vorwürfe gemacht; hätte ich dafür bei dem vorfall mit Sir Aubrey de Vere nicht beinahe teuer genug bezahlt? diesmal überlagerte sich der neugier ein neues, alles beherrschendes gefühl: eine seelische nähe die bis zur ergriffenheit ging.

geschah das weil der mann so bezaubernd traurig war? möglich, bei ihm sagten schon die augen soviel. ein wenig tiefliegend unter der wölbung der brauen und von seltenem blau schien ihr blick, der unsagbar sanft war, umflort von sehnsucht die erinnerung an einen traum zu verfolgen.

sie verjüngten auf seltsame weise diese gestalt, an der nichts sonst ihr alter verriet, erhellten die klare stirn, machten das edle aussehen vollkommen, das ihm die matte blässe des fahlbraunen und hageren, von einem spitzbart, der weich wie maisseide war und sogar deren farbe hatte, verlängerten gesichts verlieh. von ungefähr der gleichen farbe war auch die kleidung die er für gewöhnlich trug, und alles war bei ihm sanft, weich, geschmeidig, sowohl die tracht wie die bewegungen und die redeweise. er war ein müder, ein scheuer oder ein sehr stolzer. immer allein, glitt er, schlich er fast durchs leben, bemüht sich in der menge zu verlieren! es war aber zwischen ihr und ihm soviel unvereinbares, daß seine äußerliche einfachheit, die sichtlich gewollt war um unbemerkt zu passieren, gerade das gegenteil erreichte, ihn noch mehr in die augen fallen ließ und ihm ein noch fremderes ansehen gab.

fremd war er dennoch nicht. einem rumänen glich er auch nicht: zu gut sprach er rumänisch, ebenso wie französisch, vielleicht mit etwas mehr mühe. wir waren oft tischnachbarn gewesen, heute in einem der gasthöfe erster klasse, morgen auf der veranda irgendeiner schenke. ich war dankbar sooft ich ihn in meiner nähe hatte, der ort aber an dem seine traurigkeit in mir einen so tiefen widerhall fand daß sie ihn mir als ein zweites selbst erscheinen ließ war der Cischmegiu, der Cischmegiu von damals, einsam und verwildert.

unter hohen bäumen, in der abenddämmerung, führte der unbekannte seine melancholie spazieren. er schritt schwer aus, indem er sich auf seinen kirschholzstock stützte, wanderte langsam durch die alleen, rauchend, und blieb manchmal in gedanken verloren stehen. aber welcherart konnten diese sein, daß sie, wenn sie ihn überfielen, ihn zu tränen rührten?

die sterne waren lange aufgegangen wenn der träumer sich schließlich ohne eile entschloß aufzuberechen. er ging zu abend essen. gegen mitternacht erschien er wieder in irgendeiner kneipe, wo er blieb so lange es ging, bis zum zapfenstreich. dann verweilte er noch auf den gassen in erwartung der morgendämmerung.

ich sagte daß ich ihm überall begegnete. ich hatte mich so sehr an ihn gewöhnt daß ich ihn an tagen wo ich ihn nicht sah vermißte. als ich ihn einmal am bahnhof erblickte wie er den zug nach Arad bestieg ergriff mich ein kindischer schmerz bei dem gedanken daß mein unbekannter freund, der mann der den himmel, die bäume, die blumen, die kinder mit wehmut ansah, für immer abgereist sein könnte...

ich würde ihn schwerlich vergessen haben, da die erinnerung an ihn fest mit dem Cischmegiu verbunden war, dem ich sogar zur zeit der großen regen, die vor dem erscheinen des kometen jenes sommers fielen, die treue gehalten hatte. in der wilden frische des feuchetrunkenen laubs und der völligen verlassenheit enthüllte der park gegen abend, wenn es sich zeitweilig aufhellte, ungeahnte schönheiten. und am herrlichsten aller abende hatte ich auf der großen brücke über den see die angenehme überraschung meinen freund wiederzufinden.

an das wacklige geländer gelehnt, richtete er den blick auf das weiße blinken des aufgehenden abendsterns. als er mich mit einer brennenden zigarette sah, trat er auf mich zu und bat um feuer, und dieses feuer genügte um jedwedes eis zwischen uns zu schmelzen. ich erfuhr daß auch ich für ihn kein fremder war: wir trafen uns so oft. er hatte nur die gelegenheit abgewartet meine bekanntschaft machen zu können, und er dankte den umständen daß sie sie ihm gerade an jenem abend gegeben hatten.

vor dem Schönen, erklärte er, wird die einsamkeit bedrückend. und es ist ein wunderschöner abend, mein herr, ein abend zum dichten und träumen. solche abende kommen wieder, sagt man; vor langer zeit liebten es die alten meister, manche heiligenlegenden vor ihrem geheimnis darzustellen; selten jedoch gelang es dem pinsel selbst der geschicktesten, ihr lichtes dunkel in seiner ganzen blauen durchsichtigkeit wiederzugeben. es ist der abend der vertreibung Hagars, der abend der flucht nach Ägypten. es ist als ob die zeit selbst gebannt in ihrem gang innehält, und in der flüssigen luft kein hauch, im laub kein rauschen, auf dem wasserspiegel kein kräuseln...

heute, nach so vielen jahren, meine ich ihn noch zu hören. er sprach gemessen und langsam, und lieh noch den unbedeutendsten worten den zauber seiner tiefen und warmen stimme, die er mit glücklicher meisterschaft zu modulieren und zu verhalten, zu heben und zu senken wußte. ich begleitete ihn und lauschte ihm mit wachsendem vergnügen im dunkel jenes beinah mystischen abends dessen tiefes blau er in den augen, dessen unendliche stille er in seinem ganzen wesen widerspiegelte, und ich hörte mich die ganze nacht nicht satt. doch für all das was er zu erzählen hatte reichte eine einzige nacht nicht hin, so daß wir beim abschied gegen morgen ein treffen für den folgenden abend vereinbarten, an dem es in gleicher weise verlief, und dann wieder und wieder, ohne unterbrechung fast drei monate hintereinander...

... die zu den wenigen angenehmen meines lebens gehörten. je kürzer die tage wurden, desto früher trafen, desto später trennten wir uns. wäre es überhaupt nicht mehr tag geworden damit wir immer zusammengeblieben wären: es würde mir nicht mißfallen haben; mit ihm hätte ich mich eine ewigkeit nicht gelangweilt. nichts gleichförmigeres jedoch als die art in der wir die zeit zubrachten. das essen verlängerten wir bis gegen mitternacht unter gesprächen, die wir in der freien luft fortsetzten, ruhige peripatetiker die in unbekannten vorstädten, wohin wir uns oft verirrten, wo wir vergaßen daß wir uns in Bukarest befanden, öde gassen durchstreiften. zuweilen, an offenen plätzen, blieb der mann stehen um lange den himmel zu betrachten, der gegen den herbst zu allmählich immer schöner wurde und an dem er alle sterne kannte. wenn schlechtes wetter war, gingen wir zu ihm nach hause.

er wohnte in der ruhigen Modeistraße; im zweiten stockwerk eines gebäudes das könig Carol gehörte, bei einer alten französin die ihm zwei räume, reich möbliert im überladenen geschmack von vor fünfzig jahren, vermietet hatte, einen salon zur straße und ein schlafzimmer zum hof hin, getrennt durch eine hohe glaswand. zu der fülle von ebenholz und mahagoni, von seide, samt und spiegeln — letztere von vollkommener schönheit, ohne einfassung und so hoch wie die wand — fügte die blumenliebe des mieters, die bis zur leidenschaft ging, eine unsinnige verschwendung von rosen und tuberosen hinzu, was zusammen mit den kerzen, die ich in den beiden fünfarmigen kandelabern aus silber brennen fand wann immer wir kamen, der wohnung ein gepräge von erlesenem luxus verlieh, der meinem gastgeber einen rahmen schaffte, der in solcher harmonie mit seinem wesen war, daß ich ihn in meiner erinnerung nicht von ihm trennen kann.

aber die bezauberung hatte begonnen: der mann redete...

die erzählung wallte sachte dahin, in ihre reiche girlande edle, aus den literaturen aller völker gepflückte blumen flechtend. meister in der kunst mit worten zu malen, fand er mit leichtigkeit das mittel, auch noch in einer sprache deren gebrauch er nicht mehr gewohnt war, selbst die glattesten und schwankendsten darstellungen der natur, der zeit und des raums so zu zeichnen, daß die illusion stets vollkommen war. wie unter dem bann eines zaubers habe ich mit ihm in der phantasie lange reisen unternommen, reisen wie ich sie nicht einmal hätte träumen können... der mann redete. vor meinen augen, wirklich und tatsächlich, rollte die entzückende folge der gesichte ab.

auf höhen wachten stolze ruinen in efeufalten, lagen überwuchert von giftigem grün trümmer von burgen. verlassene paläste schlummerten in verwilderten gärten wo steinerne götter in gewändern aus moos lächelnd zuschauen wie der herbstwind rostrote blätterhaufen aufwirbelt, gärten mit springbrunnen in denen kein wasser mehr spielt. der goldglanz des vollmonds ergoß sich über alte eingeschlafene städte; über sümpfen flackerten irrlichter. der lichtstrom verklärte den kot der riesigen metropolen und steckte den nebel über ihnen in brand. vor ihrem ruß und schimmel aber flohen wir eilig: am horizont blutete der schnee der gipfel in der abenddämmerung. und wir brachen auf um den wilden taumel der gipfel kennenzulernen, ließen hinter uns blühende waldwiesen, stiegen durch tannenwald, umwittert vom gemurmel der unter farnkraut verstreuten bäche, stiegen, trunken von der kalten luft, höher, immer höher. zu unseren füßen, zwischen kahlen hängen und von dichtbelaubtem hochwald bemähnten hügeln erstreckten sich täler an betten gewundener flüsse entlang, die sich in der ferne, im dunst fruchtbarer felder, verloren. ein langgezogenes rauschen erhob sich wie ein gebet. in der stille der grenzenlosen einsamkeit betrachteten wir hoch oben das kreisen der adler über schwarzen schluchten, und nachts fühlten wir uns näher an den sternen. doch bald kamen schneestürme und frost, und wir stiegen gen süden hinab, in gegenden mit lieblichen namen wo der herbst bis in den frühling dauert, wo alles, das leiden, selbst der tod den ausdruck der wollust annimmt. der duft der oleanderblüten breitete sich herb über traurige seen aus, in denen sich weiße türme zwischen düsteren zypressen spiegelten. als fromme pilger gingen wir, um uns vor dem Schönen zu verneigen, in städte der stille und der vergessenheit, durchstreiften ihre abschüssigen gassen und grasigen plätze, verehrten in alten palästen und kirchen erhabene meisterwerke, durchdrangen uns mit dem hauch der vergangenheit deren sublime überreste wir betrachteten. das schiff glitt langsam zwischen den gepriesenen küsten des jonischen und adriatischen meeres dahin; säulen von tempelruinen ragten auf lorbeerhainen. eine griechin lächelte uns von einem mit jasmin verhangenen balkon herab an, wir feilschten auf bazaren mit armenischen und jüdischen händlern, tranken in verräucherten schenken, wo frauen bauchtänze aufführten, mit matrosen süßen wein. uns verwirrte das bunte gewimmel sonnengebadeter hafenmolen, mit dem ruhigen schaukeln der mastbäume, uns entzückte das sachte schweigen türkischer friedhöfe, die weiße pracht orientalischer städte die im schatten stolzer zedern hingestreckt wie haremsdamen lagen, wir ließen uns vom zauberblau des Mittelmeeres entführen bis wir, erdrückt vom lasten seines email-himmels und benommen vom wind Libyens, zum ozean gelangten. gegen norden erstand dem erstaunten blick aus den spielen der feuchtigkeit mit dem licht eine unendliche wonne. die schrägen strahlen verliehen dem dunst einen lichten goldschimmer, zerfaserten das gewebe der nebel in alle regenbogenfarben und waren, gleicherweise, im westen schwerer purpur, lila und graue wässerige durchsichtigkeiten an den langen sommerabenden, das märchenhafte leuchten nördlicher morgendämmerungen über verschneiten gletschern. wir wandten uns dann den tropen zu, lebten mit pflanzern den traurigen traum Floridas und der Antillen, drangen auf der spur der "orchideenjäger" in das grüne dunkel der Amazonaswälder ein die von papageienflügen blinkten. nichts entkam unserm unersättlichen forschen, wir entdeckten in der weite des Stillen Ozeans verlorene paradiese, wo wir lange unter neuen sternbildern kreuzten, steuerten auf die gewürzinseln zu, die wiege uralter zivilisationen, feierten die ankunft des frühlings in Ise, tauchten unter in der geheimnisvollen verderbtheit chinesischer und indischer nächte, uns durchschauerte der betäubende duft der abende auf dem wasser in Bangkok. der heiße wind liebkoste sanft die silbernen glöckchen der pagoden, beugte die breiten blätter der platanen. wir vergaßen Europa, alles was ich sonst an ihm bewundert hatte erschien uns jetzt so kümmerlich und glanzlos. und wir zogen immer weiter, auf der suche nach weiteren horizonten, älteren wäldern, blühenderen gärten, großartigeren ruinen; befriedigung fanden wir nur dann noch wenn die schönheit oder seltsamkeit uns glauben machte, wir seien in einem traumland; aber was immer das für ein wunderwerk war, es mochte einem spiel der natur oder menschlicher anstrengung zu verdanken sein, lange hielt es uns nicht und wir brachen wieder auf, wir durchwanderten düstere gegenden und schroffe einöden, umgingen die not unfruchtbarer wüsten, das grauen stinkender sümpfe um schnellstens ans meer zurückzukehren.

das meer...

glatt wie ein teich, im schutz der küstenbuchten das türkis des himmels und das perlweiß der wolken spiegelnd, wie eine wiese im flor oder funkelnd wie ein gewimmel von glühwürmchen, schal und träge oder lebhaft, grün und gewaltig, sich schäumend zum himmel aufschwingend dessen tochter es ist — von ihm sprach er mit heidnischer frömmigkeit; wenn er nur seinen namen erwähnte, senkte sich seine stimme bebend als ob er ein geheimnis mitgeteilt oder ein gebet gestammelt hätte. zum preis dieser gewaltigen, den erdkreis bewegenden macht, des ursprungs allen lebens, ungefesselt und unbefleckt, schien ihm die menschliche sprache nicht genügend tauglich zu sein und selbst die berühmtesten dichter die es zu besingen gewagt hatten, schienen ihm versagt zu haben. der gedanke an es lag in ihm wie in einer muschel, es klang in seiner seele endlos wider, im meer, das die leidenschaft seines ganzen lebens gewesen war, wünschte er auch sein grab zu finden...

... er schwieg nun, den blick ins leere gerichtet. seit einer stunde spürte ich wie etwas schweres mir auf die brust drückte, mir die schläfen presste. dieser mann, vertraut mit dem scharfen wind der weite, mit dem gesunden duft des seetangs, hatte ein grauen vor offenen fenstern und lebte in einer dicken, von rauch geschwängerten und schweren düften durchzuckerten luft. spät erstarrten die flammen der kerzen und dann und wann hörte man, wie mit gedämpftem rascheln eine rose ihre blätter verlor.

es war nicht seine einzige absonderlichkeit. er erinnerte mich manchmal an jenen jungen engländer dessen traurige geschichte ich aufgeschrieben habe. er hatte die gleiche unschätzbare art reisebeschreibungen mit entlegenen historischen details zu ergänzen; auch er hatte darauf gehalten jeden winkel eines geländes oder gewässers danach zu befragen, wovon er in der vergangenheit zeuge gewesen war, und vereinigte den heutigen anblick mit dem bild von einst. es hatte ihm gefallen vor der klippe zu träumen, von der Sappho sich in die wogen gestürzt, dem strand auf dem sich der scheiterhaufen des Pompeius erhoben hatte. hier wurde die schöne Ines umgebracht, dort starb eingesperrt der wahnsinnige könig. aber während die weiten landschaften die Sir Aubrey mit einem wort zeichnete leer von menschlichem odem waren, wie nach einer sintflut, drängte sich in denen meines neuen freundes eine ganze welt, in malerischen gewändern: scheichs und paschas, emire und khane, radschas und mandarine, priester und mönche aller bekenntnisse und stände, sterndeuter, zauberer, quacksalber, häuptlinge wilder stämme, denen er zech- oder jagdgenosse gewesen war; und er mußte sie wohl zufriedengestellt und ihnen gefallen haben, genau wie seinen zahlreichen europäischen freunden, durch die art wie er sich zu geben wußte, sanft, nachsichtig, ohne dünkel und standesvorurteile, von wohlwollender, ungezwungener höflichkeit, die ihn als einen großen bojaren in der hohen bedeutung des wortes verriet, einen der letzten bewahrer dessen, was das Ancien Régime an anziehenderem und verlockenderem hatte. und ich fragte mich nicht so sehr wer jener herr Pantazi war — so schien er zu heißen — der mann mit der leidenschaft für das Schöne und der aus der quelle aller kenntnisse geschöpft hatte, der Cervantes und CamoŽns im original las und mit bettlern in der zigeunersprache redete, der ritter des russischen Sankt-Georgs-Ordens, vielmehr beschäftigte mich die ursache der Traurigkeit jenes vom schicksal verwöhnten, das geheimnis jener stillen melancholie die sein wesen so romantisch umschattete und sich im anblick so vieler himmel, so vieler meere und ufer unendlich spiegelte. nach und nach hatte deren evokation in mir einen neuen geist geweckt, einen nomadengeist voll herzzerreißender sehnsüchte, verzehrte mich das fernweh, durchfieberte mich die verlockung der aufbrüche zum unbekannten, der zauber der weiten wanderschaften, und beim gedanken daß ich bis ans ende der sklave eines flecken landes bleiben würde, verdammt mich in einem beschränkten bereich freudlos zu quälen und zu erschöpfen, litt ich entsetzlich, fühlte ich mich bis zur verzweiflung niedergeschlagen. gleich jenem zauberkräftigen speer dem einzig gegeben war die wunden zu heilen die er geschlagen hatte, konnten nur noch die erzählungen meines sonderbaren freundes mein leiden mildern, dank ihrer verlor ich mich in der welt der träume wie in einem rausch, einem rausch wie ihn der mohn oder hanf hervorrufen, die genauso die einbildungskraft anregen und von nicht minder bitterem erwachen gefolgt sind.

ich hatte also wieder freundschaft mit einem unbekannten geschlossen, innige freundschaft, wir waren ständig zusammen, sein haus stand mir zu jeder zeit offen, es war soweit gekommen, daß ich mich mehr bei ihm als bei mir aufhielt. seit dem herbstanfang ging er seltener aus, er fror sehr leicht; wenn draußen schlechtes wetter war zog er den ganzen tag über die vorhänge nicht auf und ließ kerzen brennen. er sprach dann sehnsüchtig von der villa die ihn irgendwo unter einem heißen himmel am meeresufer erwartete, in einer überfülle von laub und blumen. die blumen, wie liebte er sie! bei ihm waren die letzten rosen von Bukarest verblüht, und weil die chrysanthemen die ihren platz eingenommen hatten nicht duften, verströmten bündel von vanilleschoten in weiten kelchen ihren duft. auf tischchen lockten zuckerzeug, obst, süße getränke. der mann lebte in einer grenzenlosen gleichgültigkeit, er kümmerte sich um nichts und niemanden; in kissen vergraben rauchte und erzählte er nur, doch seine neuen erzählungen waren immer gefolgt von jenen langen grübeleien, die ihm die augen mit tränen füllten. und neben mir wußte ich von keinem anderen gast.

nun war ungefähr einen monat vor dem abend an dem die gegenwärtige geschichte beginnt in dem französischen wirtshaus wo man herrn Pantazi gewissenhaft seinen tisch in der geschütztesten ecke reservierte, um die stunde des abendessens ein großer aufruhr entstanden. was eigentlich in dem engen raum die lärmende versammlung von allem was Bukarest an großschnauzen besaß veranlaßt hatte, habe ich nicht behalten, ich weiß nur noch daß ich, des anblicks dieser abgeschmackten und eitlen gesellschaft rasch überdrüssig, mich gerade entschlossen hatte die nase über den teller zu beugen als ein auftritt stattfand der wahrlich nicht übersehen zu werden verdiente. einen augenblick glaubte ich daß sich zwei ausgehungerte raubtiere, das gedränge einer stumpfsinnigen herde von büffelkälbern ausnutzend, in eine hürde geschlichen hätten.

es war eine jener engen paarungen, die sich für gewöhnlich dem laster verdanken und so eng sind, daß man sich nach einiger zeit die die sie eingegangen sind nicht mehr allein denken kann. zweifellos war auch bei dieser das laster als bindung vonnöten, denn was sonst würde zwei so verschiedene menschen haben zusammenbringen können? der eine, bejahrt, mit gefärbten haaren und furchtbar geschniegelt und gebügelt, trug auf einem steifen aber noch schlanken körper einen kopf wie ihn unser jahrhundert zu schaffen sich nicht mehr die mühe macht, und das heftige gesicht, dessen hochmütige züge das siegel des aufruhrs und des hasses trugen, schien wirklich aus den alten zeiten wiedergekehrt. der andere, viel jünger aber verlebt und aufgedunsen, der auf ein paar dünnen nach außen gekrümmten beinen ein spitzbäuchlein wiegte, spiegelte in seinem grinsenden und großmäuligen gesicht die schmutzigste niedertracht. der erstere, sehr kühl, ließ langsam den düsteren blick über den köpfen kreisen; des zweiten lebhafte und umränderte äuglein, die vor heimtückischer bosheit funkelten, tanzten ohne unterlaß. insgesamt war der eindruck den der letztere machte nur ungünstig, und die anwesenheit des stolzen herrn bewirkte, daß seine dreiste geckenvisage umso widerlicher hervortrat.

— Sie finden nicht einmal wasser im bach, knurrte er so daß wir ihn hörten, immer ich, immer der arme Pirgu! er drückte Pantazi vertraulich und mir gönnerhaft die hand und setzte sich ohne noch um erlaubnis zu fragen an unsern tisch, sein begleiter jedoch nahm erst nach aufforderung platz und nach der unerläßlichen vorstellung, die ich mit umso größerem vergnügen vornahm als ich seit langem eine annäherung dieser beiden wesen, Paschadia und Pantazi, wünschte, die so prädestiniert waren einander zu verstehen und zu schätzen.

wir hielten das lokal bis zum tagesanbruch geöffnet. Pirgu ging mehrere male weg und kehrte jedesmal betrunkener wieder. um Pantazi, den er "nene" titulierte, zu beweisen wie sehr er ihn liebe, küßte er ihn fortwährend.

— laßt mich ihn nicht mehr küssen, brüder, bat er uns, sonst bringe ich ihn noch nach Govora.

— widerwärtiger narr, schalt ihn Paschadia, sieh zu daß wir dich nicht nach Mărcuţa bringen!

damals wäre es richtig gewesen daß zusammen mit ihm auch wir drei anderen dorthin gingen und daß man uns nicht mehr freigelassen hätte. folgten Pantazi und ich denn nicht, um mit ihm zusammen zu sein, Paschadia in seinem nachtleben, der sich seinerseits blindlings von Pirgu führen ließ? mir enthüllte sich so eine ungeahnte welt, mit schurkereien von denen ich, wenn ich nicht wirklich ihr zeuge gewesen wäre und sie von jemand anders gehört hätte, geglaubt hätte, daß sie ins reich der erfindungen gehören. Bukarest war seiner alten gewohnten lasterhaftigkeit treu geblieben; bei jedem schritt wurden wir daran erinnert daß wir an den pforten des Orients sind. und dennoch erstaunte die ausschweifung mich weniger als die torheit die in allen schichten herrschte; ich bekenne daß ich nicht darauf gefaßt war so zahlreiche und verschiedenartige narreteien grassieren zu sehen, soviel losgelassene tollheit anzutreffen. da es mir nicht gegeben war jemals jemanden zu finden bei dem nicht früher oder später irgendeine macke zum vorschein kam, den ich nicht unerwarteterweise faseln hörte, verlor ich am ende die hoffnung, ein geistig völlig gesundes menschliches wesen leibhaftig kennenzulernen. die zahl der interessanten fälle blieb jedoch begrenzt und unter ihnen hielt ich nur den Paschadias wahrhaft der untersuchung für wert.

ich habe die art und weise erwähnt wie mein großer freund ungefähr 15 jahre zuvor den langen kämpfen ein ende gemacht hatte, in deren getümmel er seinen unstern überwunden und wie er sich lebendig begraben hatte. von da an war alles was er tat so unüberlegt und zwecklos, daß man nicht umhin konnte der allgemeinen ansicht beizupflichten, die ihn für wahnsinnig erklärt hatte. dieser mann, der in dem krankhaften haß den er gegen Rumänien hegte, geschworen hatte daß er seine heimat für immer verlassen werde sobald seine wie sehr auch beschränkten mittel es ihm gestatten würden, hatte, als er reich geworden war, und vielleicht so sehr wie er nie gehofft hatte, nicht nur nicht mehr ihre grenzen überschritten, sondern sich ausgerechnet in Bukarest niedergelassen, der verfluchten stadt voll so bitterer erinnerungen. aus dem alten haus der Zinca Mamonoaia, das er bei einer versteigerung gekauft hatte, war, indem er es von grund auf renovierte und im innern allerlei seltene kleinodien anhäufte, eine prachtvolle einsiedelei geworden, wo er auf großem fuß lebte, bojarenmäßig. wie er aber lebte war unglaublich, wie er niemand. er, der seit fünfzehn jahren koch und tafeldecker hielt, aß nur am abend und dann in einer gaststätte, und hatte auch niemals seit so langer zeit zuhause im bett geschlafen. er duldete nicht daß seine diener, die auf verlangen erschienen und verschwanden, wie gespenster, stumm, sich unter einem dach mit ihm aufhielten; sie lebten behaglich in einer besonderen wohnung wo sie junge geheckt und sich verwandte oder bekannte niedergelassen hatten von denen der hausherr keine ahnung hatte, und es ist sprichwörtlich geworden wie er eines tages, als er durchs fenster bemerkte daß man aus seinem hof einen sarg trug, nicht wissen wollte wer der tote gewesen war. wenn ich alle seine schrullen von dieser sorte aufzählen wollte, würde ich nie zu ende kommen; ich werde mich aber darauf beschränken nur bei der erstaunlichsten zu verweilen: Paschadia lebte zwei leben im wechsel.

von morgens bis abends rührte er sich nicht von zuhause weg, erhob sich nicht von seinem arbeitstisch wo er zwischen büchern und papieren ohne unterlaß las und schrieb. während dieser zeit rauchte er nicht einmal, schlürfte nur ab und zu etwas starken kaffee ohne zucker aus einer tasse. ich ging ihn von zeit zu zeit besuchen und oft war das für mich ein festtag. was für eine vornehme natur, welch ein unterschied zwischen ihm und den andern, was für ein abgrund! von der nach der sitte des landes gutgeheißenen vulgarität bei ihm keine spur, nicht die mindeste — nichts balkanisches, nichts zigeunerhaftes; wenn man seine schwelle überschritt passierte man die grenze, begegnete man der zivilisation. dort war die stätte der ernsten wonnen des geistes. wie war es dann möglich daß der mann des buches und des Hofes, der die zierde der tage von Weimar gewesen wäre, eingewilligt hatte vom abend bis zum morgen am lotterleben eines Pirgu teilzunehmen, daß der wählerische abendländer mit dem verfeinerten geschmack pökelfleisch und federweißen, kuttelsuppe und tresterschnaps goutierte, daß der ehemalige, dem zauber des Mozartschen traums verfallene Wiener der Ciamparale und Bidineaua lauschte? ob ihm wohl zeitweilig der willen entglitt, war er vielleicht das verantwortungslose opfer irgendeines seltsamen wahns? ich für mein teil glaubte daß es so war und ich zweifle daß eine andere erklärung jemandem natürlicher erschienen wäre, der gewußt hätte, welch grauenhaftes erbe in dieser hinsicht auf Paschadia lastete.

es war ungefähr ein jahrhundert vergangen seit der erste dieses namens, zu dem der beiname Măgureanu hinzugekommen war, nach einem gütchen aus einer fürstlichen schenkung, von irgendwoher aus den türkischen gebieten geflohen war, um der sühne für einen totschlag zu entgehen, sich in der Walachei angesiedelt hatte und großarmasch geworden war. ein trauriger ruf hatte den blutbefleckten mann überdauert den man nie lachen gesehn hatte. bei diesem unbekannten fremden, über den das gerücht umgegangen war daß er seine herkunft nicht verriet weil sie zu niedrig war, zeigten sich gerade im gegenteil körperlich und seelisch die kennzeichen eines hohen geschlechtes im niedergang: die stolze haltung und das edle aussehen, der dünkel, die unbeugsamkeit und grausamkeit, die trägheit, der lebensekel, die rachsucht und die kraft zu hassen, kennzeichen die er seinen nachkommen vererbte, die, wenn sie sich nicht untereinander verfolgt hätten und ständig uneins gewesen wären, noch ein mächtiges und berühmtes haus hätten aufbauen können. der glaube daß Rumänien ihnen unzuträglich sei war nicht unbegründet, obwohl auch die absonderlichkeit ihrer leidenschaftlichen und eigensinnigen, von feindseligkeit beherrschten natur, nicht nur die ungunst der umstände sie gehindert hatte, die stellung zu erlangen, die ihre kostbaren geistesgaben ihnen bestimmten. sie hatten sich als lernbegierig, angenehm im gespräch und meister der feder erwiesen, als klug und tüchtig, aber was sie taten war ohne zusammenhang, sie steckten alle voller grillen und launen, und trugen jeder in sich den keim des eigenen untergangs; und wenn jemand das schicksal der Paschadia-Măgureanu bedenken wollte, würde er sagen daß auf ihrem geschlecht ein fluch lastete der es unerbittlich dem verlöschen zutrieb, nachdem er es den schwersten heimsuchungen durch das unglück ausgesetzt hatte. entwurzelt und in fremden boden verpflanzt, hatte der sturmgeschüttelte alte stamm kläglich die letzten blätter verloren. der folternde und mordende armasch war vorzeitig umgekommen, vergiftet, sagt man, von den eigenen leuten, der zweite, der serdar, ein mürrischer jäger, hatte fast sein ganzes leben in der Vlăsia verbracht, und war, als er der wegelagerei und falschmünzerei bezichtigt wurde, für immer verschwunden, ohne daß man je wieder von ihm hörte, und sein sohn, der vater meines freundes, ein unwürdiger und feindseliger vater, spieler, hurenbock und säufer, hatte mehrere erbschaften durchgebracht und war in den klauen des wahnsinns gestorben. genauso endete auch, noch jung, sein vetter, der dichter, während von den mädchen die einzige die vor dem traualtar gestanden hatte sich in der hochzeitsnacht das haar an einer kerze anzündete und lebendig verbrannt war. die frauen die als gebärerinnen gedient hatten — die verdrießliche und mürrische griechin, die mit zusammengekrampftem mund zwischen kübeln mit orangen- und zitronenbäumchen über ihrem langen leid brütete, die boshafte und unnachgiebige serbin, die auf dem totenbett die hostie dem popen in den bart gespuckt und, ihre kinder verfluchend, ihren geist aufgegeben hatte, die bettlägerige und heuchlerische, von krebs und mißgunst zerfressene Kronstädterin — hatten jenes kranke blut noch mehr vergiftet, hatten seine verhängnisvolle mitgift von unheilbaren krankheiten und gebrechen vermehrt, doch zugleich auch den verstand derer, die aus ihm geboren waren, geschärft, jenen unfruchtbaren, vielleicht ebenfalls ungesunden verstand, der in seinem letzten sproß einen so hohen grad von beweglichkeit erreicht hatte. in ihm wohnten die seelen seiner vorfahren unversöhnt, glommen in seinem finsteren blick, grinsten in seinem düsteren lächeln; sie hatten seine entwicklung gestört, hatten verhindert daß er ruhmvoll unterging, indem sie das wunderbare gleichgewicht seiner fähigkeiten beeinträchtigten, und nur er wußte wie oft er gezwungen gewesen war gegen sie seine ganze selbstbeherrschung anzustrengen, in einem erschöpfenderen kampf als jenem gegen die äußeren gegner, und aus dem er am ende nicht gleichermaßen als sieger hervorgegangen war. eines tages, am tag der großen entscheidung, hatte er zugelassen, daß sie einen teil ihrer rechte wiederbekamen, hatte die einzige sperre aufgehoben und sich in tiefe ausschweifung gestürzt, bis zum grund, aber ich fühle mich auch verpflichtet nochmals zu sagen: seine erniedrigung hatte ihn nicht einen augenblick bloßgestellt, denn wenn abends der patrizier in die Subura hinabstieg, veränderte er nicht seine kleidung, legte auch nicht seine abzeichen ab und hatte im laster ebensoviel größe wie in der tugend. es vollzog sich dann jedoch in ihm etwas unnatürliches: allmählich verfiel er in eine so sonderbare starre, daß derjenige den Pirgu ohne widerstand hinter sich herzog, nicht Paschadia selbst zu sein schien, sondern nur sein körper, in dem allein der blick lebte, der immer trauriger und trüber wurde, als ob er ein erschütterndes inneres leiden enthülle. so, eine zigarette nach der anderen rauchend, glas auf glas schlürfend, ohne ein wort zu sprechen, würde er die ganze nacht verharrt haben. ich kannte das mittel ihn ins leben zurückzurufen; plötzlich lebte der mann auf, seine augen erhellten sich, ein trauriges lächeln erleuchtete kühl die erloschenen züge. ich hatte das gespräch auf die alten zeiten, die zeiten von einst gebracht. ich wußte daß die vision der vergangenheit, in die er sich mit leidenschaft versenkte, das einzige war, was ihn zu bewegen vermochte, von vergangenem sprach er mit mystischer andacht; der aberglaube daß seine umschattete und gealterte seele irgendwann auch andere verkörperungen durchlebt haben könnte war die einzige illusion die er sich gestattete, die einzige sentimentalität und der einzige trost. und so machtvoll war diese vision bei ihm daß sie sich sofort auch uns mitteilte — Pantazi und mir. dann begann, nicht weniger verzaubernd, eine neue reise, die reise in untergegangene jahrhunderte. wir fanden uns für gewöhnlich in dem wieder, das uns über alles teuer und heimatlich war, dem achtzehnten.

 

wir waren drei sprossen aus dynastien mit berühmten namen, alle drei ritter des ordens des Heiligen Johannes von Jerusalem, Malteser genannt, und wir trugen mit stolz das weiße emailkreuz auf der brust und das bekränzte abzeichen, aufgehängt am band aus schwarzem kanevas. wir waren beim versinken des Sonnenkönigs aufgegangen, jesuitenpatres hatten uns erzogen und Villena hatte uns bewaffnet. ganz jung, hatten wir, im flottenverband, im sturm einige heidnische tartanen versenkt; später hatten wir auf dem festland heldenhaft für den sieg des lilienbanners gekämpft; wir waren mit Berwick in Kehl und mit Coigny in Guastalla gewesen, nach welchen erfolgen wir unseren abschied vom soldatenleben genommen hatten; und begierig zu sehen und zu erleben waren wir als unzertrennliche Dreiheit und unaufhörlich umherziehend auf den spuren Peterboroughs gereist. von einem ende Europas zum andern gab es keinen hof, der nicht von uns, höflingen von familie, besucht wurde, unsere roten absätze hallten auf den treppen aller, die spiegel eines jeden warfen unsere hochmütigen mienen und unser undurchdringliches lächeln zurück; der reihe nach bereisten wir hof um hof; überall wohlempfangen und wohlangesehen waren wir gäste aller Hoheiten, Hochwürden und Durchlauchten, der großen, mittleren und kleinen Herrscher, der Fürstäbtissinnen, der Fürstäbte und Fürstbischöfe; in Belem und Granja, in Favorita und Canta, in Versailles, Chantilly und Sceaux, in Windsor, Amalienburg, Schönbrunn und Sanssouci, in Haga am Mälar, in der Eremitage und im Peterhof lernten wir das "süße leben" kennen. in einer tag und nacht ununterbrochenen feier vergnügten wir uns wie man sich noch nie vergnügt hatte und nie wieder vergnügen wird, genossen wir begierig alle freuden der sinne und des geistes, denn obwohl ihm die größe fehlte, war es das gesegnete jahrhundert, das letzte jahrhundert des freien beliebens und des guten geschmacks, kurz das französische jahrhundert und vor allem das jahrhundert der wollust, in dem sogar in kirchen Amoretten die stelle der Cherubim eingenommen hatten, in dem die vor verlangen schmachtenden herzen alle dem gott mit den verbundenen augen zum opfer gebracht wurden, und wir, die wir sahen wie der vielgeliebte sich zu füßen der marquise wand, wie der philosoph von Potsdam nach Kayserlinck wimmerte und die moskowitische Semiramis sich beim tode Lanskois die haare ausraufte, wir selber entgingen der süßen seuche nicht — "es war so schön abends unter den hohen kastanien" — da wir jedoch in frauen auch ein mittel und nicht nur ein ziel sahen und die politik uns lockte, machten wir öfter aus den alkoven brücken, und damit alles uns gelinge lebten wir in der gesellschaft der Erlauchten und dienten den Herrschenden. ohne uns, die heimlich in alle intrigen und ränke verwickelt waren, band und löste sich nichts: durch schmeicheleien und geschenke bestachen wir die königlichen mätressen und kaiserlichen geliebten, den beamten waren wir ratgeber und führer, wir arbeiteten je nach den umständen an ihrer beförderung oder ihrem sturz, wir führten aufträge jeder art aus: wir begleiteten Belle-Isle zur Kaiserwahl nach Frankfurt, reisten mit Richelieu zur brautwerbung nach Dresden, erhandelten in Paris bilder von Watteau für Friedrich den Großen, brachten die brillanten der Elisaveta Petrovna zum schleifen nach Amsterdam, bestellten in Malines spitzen für Brühl, und all das nicht aus habgier oder ruhmsucht, sondern lediglich aus dem bedürfnis ständig und rastlos in bewegung zu sein. unverbesserliche wanderer, stets unterwegs, leidenschaftlich aus neugierde und immer gieriger nach genuß, verströmten wir unsere seelen wie rasend in der evokation des blühendsten aller bekannten zeitalter, hatten teil an allen seinen reizen und verirrungen. auch wir waren musiknarren, wir stritten für Rameau und für Gluck und gleich jenen drei Königen beteten wir das kind an das Mozart werden sollte; auch wir hatten eine schwäche für abenteurer: Neuhof, Bonneval, Cantacuzène, die Tarakhanova, die herzogin von Kingston, der ritter von Eon, Zanovici, Trenck, erfreuten sich heimlich oder offen unserer unterstützung, den alten und verlebten Casanova brachten wir in Waldstein bei Dux unter; auch uns zog an was übernatürlich zu sein schien; der Spiegel von Saint-Germain, die karaffe Cagliostros, der eimer Mesmers, die wunderdinge Swedenborgs und Schrepfners fanden bei uns, die an nichts mehr glaubten, glauben. und ebenfalls mit aufmerksamkeit verfolgten wir die arbeiten Scheeles und Lavoisiers. allmählich hatten wir mit fast allen jenen freundschaft geschlossen deren namen zu verzeichnen die geschichte nicht umhin kann, wir wechselten briefe, wir bogen bei jeder gelegenheit vom weg ab um einen abstecher nach Montbard oder Ferney zu machen, verlängerten die bezaubernden aufenthalte bei Hoditz, in seinem schlesischen arkadien Rosswalde, vergrößerten das gefolge der Kaiserin nach Tauris, warfen in der tollheit des Venetianischen karnevals alle hemmungen ab, und, gleichfalls maskiert, fiel uns im anderen, nördlichen Venedig der von Ankarstroem erschossene König in die arme. es stand geschrieben daß das schönste aller jahrhunderte in blut untergehen sollte, und als wir einige monate darauf den kopf der Madame de Lamballe unterm jubel phrygischer mützen aufgepfählt vorbeiziehen sahen, verstanden wir daß unsere zeit abgelaufen war und daß in kürze alles was uns auf der welt teuer gewesen war der vernichtung anheimfallen würde, und wir bedeckten die häupter und verschwanden für immer.

 

laßt doch mal, nene, diese alten hüte, unterbrach uns gelangweilt Pirgu, reden wir lieber von weibern.

ich wußte dann daß streit nicht mehr fern war. Paschadia sprach Pirgu, was das schöne geschlecht betraf, jede kennerschaft ab. nicht weniger heftig behauptete Pirgu seinerseits, daß auf dem gebiet der damen Paschadia eine null sei. hätte er nach den frauen geurteilt die Pirgu Paschadia zuführte, wäre jedermann der ansicht des letzteren gewesen: nur schandweiber, herrenlose luder, abgestandenes, schales zeugs — ein wahrer jammer. aber warum gab sich dann Paschadia, der mit dem geld das sie ihn kosteten das erlesenste was auf dem markt war hätte bezahlen können, mit ihnen zufrieden und ließ es sich gefallen, daß Pirgu, dem es an geschmack durchaus nicht fehlte, ihn derart dreist schabernackte? als alter spürhund stöberte Gorică in der vorstadt mädchen auf, würdig als muster der schönheit zu dienen, köderte sie mit der aussicht auf ein leichtes und üppiges leben, unterstützte ihre ersten schritte auf dem pfad des lasters mit väterlicher fürsorge und rührte sie, wie ein wahrer vater, niemals an. ihm gefiel etwas ganz anderes. seine sinne, die gerade von dem was anmutig und rein ist abgestoßen wurden, erwachten nur in der trunkenheit und dann brauchte er verkrüppelte, zahnlose, bucklige oder dickwanstige weiber und vor allem über die maßen fette und aufgedunsene, ungetüme und tonnen die die waage am Sankt-Georgs-Tag zerbrachen, ungeheuer und unförmige riesinnen. und von den ekligkeiten denen er sich mit ihnen hingab sprach er so unflätig, daß die schweine, ja selbst die affen, wenn sie ihn verstanden hätten, sich geschämt haben würden.

spuckt nicht, feixte er, sonst verliere ich die lust. was wollt ihr, es ist meine leidenschaft, mein steckenpferd.

kaum war die sache beigelegt, da brach aus heiterem himmel von neuem streit aus. um nichts hätte Paschadia sich die gelegenheit entgehen lassen, schlecht zu machen was rumänisch war. Pantazi ergriff stets für ihn partei, doch ohne leidenschaft; bei dem einen war es der groll gegen ein geliebtes wesen das ihn verraten hatte, bei dem andern lediglich geringschätzung einer armen verwandten gegenüber. dagegen wunderte sich Pirgu selber darüber, was für ein patriot er war, und ich kann nicht vergessen, wie einmal, als ich ihn von einer versammlung von bauernschindern abholte, die alle in die nationaltracht gekleidet waren, aber kein wort rumänisch sprachen, auch ich staunte wie vor einer erscheinung, als ich ihn sah, als süßen hirtenbub aus den karpaten, die schalmei im leibgurt, wie er eine zoralie mit der theosophin Papura Jilava tanzte. ehe er mitanhörte wie das beklagenswerte ländchen verhöhnt wurde, verzichtete er lieber auf alles, stand auf und verließ uns — aber nur für kurze zeit, denn er kehrte immer zurück und nie allein. seine begleiter plazierte er, ohne je um erlaubnis zu bitten, geradewegs an unserm tisch, an dem ich auf diese weise in weniger als einem monat das schlimmste vorüberziehen sah, was Bukarest an wüterichen, tollköpfen, liederjanen und übelbeleumundeten zu bieten hatte, — den schmutz, den aussatz und abschaum der gesellschaft. wie gewöhnlich in seine nebelhaften träumereien versunken, schenkte Pantazi ihnen keine beachtung; es war nur erstaunlich wie Paschadia, dieser so hochmütige mensch, sie nicht zurückwies, sondern sie im gegenteil freihielt, ihnen sogar die hand reichte und durch gewisse geschickte fragen die er einigen stellte verriet daß er durchaus nicht so unvertraut war mit dem was in der welt vorging, wie er sich den anschein gab. er geriet jedoch jedesmal in wut, wenn Pirgu, "ah, nach soldaten, infanteristen, artilleristen" singend, arm in arm mit Poponel ankam.

unter diesem namen hatte sich eines der faktoten des ministeriums des äußeren bekannt gemacht, ein junge mit großen aussichten, der wie viele andere seiner zunft eine besondere neigung für gewisse abseitige methoden einer heiß umstrittenen schule bezeigte. Lamsdorf, Eulenburg, Mestschersky waren seine geistigen väter, und solcher gevatter hatte Poponel sich würdig erzeigt. da zu jener zeit die stadt noch nicht von zahlreichen pagen von profession überschwemmt war, galt Poponel als etwas besonderes. in seinem körper,der übrigens, was anmut betrifft, nichts zu wünschen übrig ließ, wohnte, von allen flammen Sodoms umlodert, eine frauenseele, die seele eines jener stinkenden flittchen die abends die kasernen umkreisen. ich werde mich nicht länger über ihn aufhalten; um ihn zu beschreiben, müßte ich die feder in eiter und schlamm eintunken und würde mir bei dieser beschäftigung nicht nur die feder besudeln, sondern auch den schlamm, ja selbst den eiter. und doch lag die schuld nicht bei ihm: so hatte ihn der Herr geschaffen. beim herannahen des diplomaten sank Paschadia in seine düstere apathie zurück und wartete bis er sich entfernte, um dann Pirgu bittere vorwürfe zu machen.

wie lange, antwortete ihm der, wie lange kommen Sie mir noch mit solchen abgestandenen vorurteilen? warum verfolgen Sie ihn so? Sie wünschen doch nicht etwa, daß er Ihnen den hof macht? nein? was haben Sie dann mit ihm zu schaffen? halten Sie sich nicht einen muskal gegen monatslohn? lassen Sie ihn auch sich einen türken gegen monatslohn halten. fordert von Ihnen jemand rechenschaft weil Sie den nutten und huren nachlaufen? — warum sollte er nicht den jungen, den wüstlingen nachlaufen.

gut, beharrte Paschadia, aber weshalb spielt er so die kinderfrau für Sie?

nun, erklärte Pirgu, sonst würden auch sie nicht die amme spielen.

er war ganz schön durchtrieben, verdammt noch eins. ah, wenn er gewollt hätte, mit seiner gabe, auf grobe und billige weise zu spotten, dem mangel an bildung und einem hohen ideal und mit seiner detaillierten kenntnis der welt der schläger, kuppler, und gauner, der leichten mädchen, nutten und schlampen, ihrer lebensweise und art zu reden, würde Pirgu es ohne viel kopfzerbrechen erreicht haben zu den hervorragendsten schriftstellern des landes gezählt zu werden, man würde ihn "maestro" tituliert, ihm statuen aufgestellt und ein staatsbegräbnis bewilligt haben. was für skizzen wären von ihm gedruckt worden, heilige Mutter Gottes! von ihm hätte man vorstadtkrakeel und wahlspektakel erfahren. er gab sich, vernünftigerweise vielleicht, damit zufrieden sie in die wege zu leiten, ränke zu schmieden, und darin blieb er unübertroffen. wie er die sachen drehte und wendete, wie er sie ins lächerliche zog und aus klein groß machte, wobei er seine hände in unschuld wusch, war erstaunlich; ein ganzes stadtviertel hielt er zum narren, und selbst wir drei waren wohl figuren in dem puppenspiel dessen marionetten er durcheinander warf, zerrte, hetzte, ohne sich darum zu kümmern, ob sie womöglich zerbrachen oder zerschellten. ein gefährlicherer und schmutzigerer köter war nicht zu finden, aber auch kein besserer führer für die dritte reise die wir an fast jedem abend machten, eine reise ins gelebte leben, nicht ins geträumte. dennoch, wie oft glaubte ich, mich im traum zu befinden.

 

kaum war die mahlzeit beendet, als Pirgu auch schon aufbrechen wollte. der mann hatte durst. es gab damals Gottseidank, und nicht teuer, Bordeaux- und Burgunderweine, die einem königlichen gastmahl zur ehre gereicht hätten. Gorică sagten sie jedoch nicht zu, er wollte einen leichteren wein, einheimischen wein, schoppenwein; entdeckte er wieder einen schauderhaften, schleppte er uns durch wer weiß welche entlegene vorstadt um uns mit irgendwelchem schimmeligen und trüben krätzer zu vergiften. als wahrer seebär trank Pantazi was man ihm vorsetzte, müheloser sogar als Paschadia, der nicht das trinken suchte, sondern lärm, licht, leute. von da brachen wir auf um eine andere sorte zu probieren; er erinnerte sich an einen tollen ausbruch, eine steillage, oder an einen hasenblut, um mit der mütze nach den hunden zu werfen. zwischen zwei kneipen tranken wir einen kaffee bei der Protăpeasca oder bei Pepi Schmarotz und plauderten noch mit den mädchen bei einem glas, solange Pirgu Paschadia oder jemand anderem ein rendezvous für den folgenden tag verschaffte. manchmal gingen wir noch ein wenig in den "club", wo Paschadia stehend und auf die schnelle ein paar runden chemin de fer spielte; das jedoch selten, da den frauen und den karten die stunden vor dem abendessen gewidmet waren. beim dritten halt begann das eigentliche gelage, auf teufel-komm-raus. um uns herum wimmelten und hasteten die finsteren nachtschwärmer der stadt. bei ihnen fühlte Gorică sich in seinem element, ließ er sich die zügel schießen. wie quecksilber glitt er von einem tisch zum andern, erregte schallendes gelächter, seine anwesenheit bereicherte das saufgelage und stachelte es an; er forderte die musikanten auf zu spielen, gab ihnen zu trinken, küßte sie auf den mund, danach bewirtete er sie mit flüchen und ohrfeigen. übrigens brach für gewöhnlich gegen morgen eine prügelei aus. unbeteiligt an dem getöse das wüst anschwoll, folgten Pantazi und Paschadia schweigend ihren träumereien, als ob sie tausende von meilen entfernt wären, das was sie zu stören schien war gerade die ruhe. und ein wenig sonderbar war wiederum, wenn es sich traf daß Pirgu nicht kam — er hatte einen fragwürdigen wechsel zu verhandeln oder war beim tardeln mit Mehtupciu hängengeblieben — und wir dann genau dahin gingen, wo wir mit ihm gewesen waren: dösten wir mit den gläsern vor uns, alles was wir sahen blieb verschwommen und leblos, denn was diese nächtliche welt beseelte war nur er, er, die verkörperung der besudelten und schmutzigen seele Bukarests selbst. daher folgten wir ihm wortlos; mit ihm sind wir, durch schnee und matsch, im schlamm der gassen ohne pflaster und ohne namen am stadtrand einhergestampft, über plätze voller müll und aas, haben, fast auf allen vieren, den dunst niedriger hütten betreten, mit lehmfußboden und genauso frisch geweißt wie die zigeunerinnen, die in roten oder gelben, zerlumpten, unter den knien nur mit einem stoffband befestigten röcken und barfuß sich dort den schlächtern und gekrösehändlern für ein paar mark, ein fläschchen schnaps oder ein päckchen machorka hingaben. und obwohl wir nicht in familien gingen, brachten wir es fertig noch tiefer hinabzusinken... dann lungerten wir auf dem platz herum, bei kuttelsuppe, bis zum morgengrauen.

das morgengrauen...

...Paschadia verzog das gesicht, schüttelte sich wie nach einem schlechten traum. ich vermied es dann, sein verkrampftes gesicht anzuschauen, seinem trüben blick zu begegnen, dessen entsetzen worte nicht ausdrücken können. ganz so, beklommenen herzens, mußte sein vorfahr, der mörder, in aller eile zurückgekehrt sein, aus furcht am hellichten tag auf der straße gefangengenommen zu werden. wir trennten uns schließlich und jeder trug seinen kadaver seines weges: Paschadia und Pantazi geradewegs nach hause, ich ins dampfbad, Pirgu zu seiner hebamme um sich mit rosenessig und opodeldok massieren zu lassen. seine narreteien, welcherart sie gewesen sein mochten, hatten bei ihm ein so natürliches ansehen bekommen, daß es in Jarcaletz, wo er mit seinen eltern wohnte, die benachbarten vorstädter nicht mehr in erstaunen setzte, wenn sie ihn morgens mit zwei leierkästen zurückkommen sahen, von denen jeder etwas anderes spielte, mit einem bären, mit kaluscharen oder regenmacherinnen, auf einem wasserkarren, einer bahre oder mit dem leichenwagen.

 

aber das traurige leben der vergnügungen in dem wir versumpft waren hatte wenigstens eine erfreuliche folge. binnen kurzem verband eine edle freundschaft Pantazi und Paschadia. innerlich hatte sie, wie ich glaube, stärker als ihre kenntnisse und ihre höfliche art die traurigkeit einander nähergebracht, obwohl die des einen blau und lind war wie jene abende die, wie man sagt, aus vergangenen zeiten wiederkehren, und die des andern eine schwarze und grenzenlose gehenna. da Pantazi fast immer die ausgaben der nacht übernahm, und auf eine weise die von seiten Paschadias keinen widerstand zuließ, entschloß sich dieser seinerseits ihn zu bewirten, aber nicht im gasthaus, sondern bei sich zuhause. zum erstenmal waren die leinentischtücher aus Holland, die teller und das bleikristall aus Böhmen, das feuervergoldete silber aus den schränken und truhen hervorgeholt worden. ich fühlte mich weit entfernt von Bukarest, und mir schien jenes mahl die feier der rückkehr Paschadias von langer wanderschaft zu bezeichnen, seiner lösung von Pirgu.

dieser, obwohl geladen, war nicht gekommen. nach tisch hatten wir uns in ein zimmer begeben, das im kostbarsten wiener rokoko gehalten war und ganz, wände wie möbel, mit safrangelber seide ausgeschlagen, deren silbergewirkte muster seerosen darstellten, den Kaunitz-salon, wie wir ihn nannten, weil er mit einem prachtvollen porträt des staatskanzlers im mantel eines Ritters vom Goldenen Vlies geschmückt und nach einem der empfangsräume seines alten gartenpalastes in Mariahilf eingerichtet war. Paschadia war dafür geschaffen in jener aristokatischen umgebung zu leben, die seinem wesen und seiner seele so sehr entsprach, bei ihm war der gelehrte und denker einem abscheulichen bauernschinder aufgepfropft, dessen ganze räude, wenn es ihm widerfuhr daß er wie damals mit einem seinesgleichen zusammenkam, der in der lage war sie wahrzunehmen, zum vorschein kam. stumm vor entzücken wurde Pantazi nicht müde die edle würde der haltung, die strenge beherrschtheit der bewegungen und der rede, die bitterkeit jenes lebhaften, eisig funkelnden sarkasmus zu bewundern, der kälter als schnee, beißender als essig, giftiger als eisenhut war, und noch begreife ich nicht wie er sie sich hatte aneignen können, denn wenn es wahr ist, daß es jahrhunderte braucht um sie hervorzubringen, und die sitte ein exklusives vorrecht des geblüts bleibt, woher dann jener reinste tropfen blauen blutes, der den makel der vermischungen verdeckte und unerwarteterweise in ihm eine so stolze blüte trieb; welche geheime verwandtschaft verband ihn mit jenen berühmten würdenträgern der vergangenheit, mit deren bildnissen er sich zu umgeben liebte und von deren halsstarrigkeiten, angewohnheiten und geschmäckern er derart erfüllt war, daß sie selbst, wären sie ins leben zurückgerufen worden, sich eher in ihm als in ihren eigenen nachkommen wiedererkannt hätten. damals aber habe ich verstanden warum man ihn "raka" gerufen hatte, mir wurde bewußt, wie ungeheuerlich und befremdlich er den freigelassenen und bastarden vorgekommen sein mußte, die sämtlich über ihn hergefallen waren um ihn zu zerreißen und zu vernichten.

und während der abend sich niedersenkte und das gespräch nahezu eingeschlafen war, fuhr mir unwillkürlich alles was ich über Paschadia gehört hatte durch den kopf. was hatte man nicht alles an verleumdungen über ihn geschwatzt! sein plötzlicher übergang von blanker armut zum reichtum erhitzte noch nach so vielen jahren die gemüter: bald stand er im dienst einer fremden macht, bald bezahlte man ihn teuer dafür, daß er angelegenheiten von großer wichtigkeit nicht an die öffentlichkeit brachte — übrigens wußte man außer von jenem haus in das er unmengen von geld gesteckt hatte, von keiner art von vermögen unter der sonne, von keiner einnahmequelle, und räuberhauptmann oder falschmünzer wie sein großvater war er doch wohl nicht, oder — wer weiß was sonst. wiederum sagte man daß eben von dem serdaren sein wohlstand herrühre. dieser hätte, als er, sehr reich und allein, das greisenalter erreicht hatte, und fühlte daß sein ende nahe sei, seinen enkel zu sich in das ferne land wo er unter anderem namen lebte gerufen und ihn zum erben eingesetzt. es stimmt daß in der verworrenen lebenschronik meines freundes blätter fehlten, während ganzer jahre war er verschwunden gewesen, hatte ihn niemand gesehen, hatten die leute ihn für tot gehalten. das geheimnis in das er sich stets zu hüllen geliebt hatte, hatte bewirkt daß neue gerüchte aufkamen; beispielsweise hatte man gemunkelt, daß er in seiner verrammelten, von gärten umgebenen wohnung eine frau versteckt oder gefangen hielt, eine frau die nicht ganz bei sinnen war; manchmal hörte man nachts schreie, die von dort kamen. ein anderes ereignis — der unter sonderbaren umständen erfolgte selbstmord einer bekannten Bukarestener persönlichkeit, dessen gattin, wie es hieß, unerlaubte beziehungen zu Paschadia unterhielt — hatte der erbarmungslosen verleumdung gelegenheit gegeben ihren höhepunkt zu erreichen: man hatte gemunkelt, daß er, auf frischer tat ertappt und in die enge getrieben, nicht gezaudert hatte, zu der kette der untaten seines geschlechtes ein blutiges glied hinzuzufügen. solche geschichten, selbst wenn sie auf dem rahmen der wahrheit gestickt worden wären, hätten mich nicht allzusehr interessiert; was meine neugier erregte war etwas anderes, gerade das was dem blick aller anderen entgangen war. oft genug kündigte Paschadia an, daß er für einige tage ins gebirge fahren werde, aber welches jener geheimnisvolle Horeb war, von wo er mit frischen kräften wiederkehrte, wußte niemand und fragte sich niemand. es wäre natürlich gewesen zu vermuten, daß die eiserne natur, die ganze wochen lang von vierundzwanzig stunden höchstens zwei schlief und auch die nicht im bett, in der balsamischen luft der höhen und ihrer tiefen einsamkeit frieden und ruhe suchte, und ich hätte mich auf diese vermutung beschränkt, wenn ich nicht vor längerer zeit, als kind, bei meiner tante von einer alten dame, einer entfernten verwandten Paschadias, gehört hätte, daß dieser von zeit zu zeit anfälle, fürchterliche wutausbrüche hatte, sie aber kommen fühlte und sich vorher alleine einschloß und verborgen blieb bis sie vorbei waren. zwischen diesen dingen hatte sich in meinem kopf eine verbindung hergestellt an die ich nicht denken konnte ohne zu erbeben.

als ich mit Pantazi von dort wegging, fand ich es zum erstenmal sonderbar, daß ich von diesem anderen, dem mann der mir als ein freund seit jeher erscheinen war und manchmal sogar als ein zweites selbst, noch nicht einmal wußte wie er wirklich hieß: in der bekränzten chiffre die man auf einigen seiner sachen sah, fehlte gerade der anfangsbuchstabe des namens unter dem er bekannt war. ich war jedoch weit entfernt davon unzufrieden zu sein; zu dem vergnügen mich der freundschaft zweier so einzigartiger wesen zu erfreuen, kam das für mich unschätzbare hinzu mich zwischen zwei geheimnissen zu befinden, die sich, wie zwei einander gegenübergestellte spiegel, unendlich vertieften. ich fragte mich nur, ob sich von ihnen mir jemals etwas enthüllen würde?