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Matei Caragiale: Die Krale vom alten Hof

DER UNTERGANG DER KRALE

"Vous pénétrerez dans les familles, nous peindrons des intérieurs domestiques, nous ferons du drame bourgeois, des grandes et des petites bretêches."

(Monselet)

gegen den frühling zu wurden diese fahrten immer häufiger, die aufenthalte länger.

sobald er zurückgekehrt war, lud Paschadia uns zum essen ein. da ich annahm daß er möglicherweise mit Pantazi zu reden habe, mit dem er sich von tag zu tag enger verband, und über dinge die nur sie beide betrafen, hatte ich die gewohnheit angenommen, sie gleich nach dem kaffee ein, zwei stunden allein zu lassen, wie es auch Pirgu tat.

einmal brach ich mit diesem auf, jedoch nicht ohne sorge getragen zu haben mich, bevor wir die tür erreichten, darüber zu informieren wohin er sich wenden würde, um dann in die entgegengesetzte richtung zu gehen. auf einmal fragte er mich wohin ich ginge. ich sagte ihm zur Akademie.

ich wußte nicht, meinte er, daß sie wiedereröffnet ist und ich wundere mich, wieso nicht auch ich davon erfahren habe. Sie werden sich wieder die finger verbrennen, Sie werden sehen. billard ist aus der mode gekommen; vorbande und triplee spielen nur noch die haselnußhändler, und das ist schade: es waren hübsche spiele.

er hängte sich an mich um mitzukommen. ich erklärte ihm daß nicht von der billardakademie die rede war, sondern von der Rumänischen Akademie. er erkundigte sich was ich dort suchte und war sehr enttäuscht als er von mir erfuhr daß ich dorthin ging um zu lesen. er schalt mich.

— werden Sie denn niemals mehr, nene, mit den dummheiten aufhören? wie lange noch? was zermartern Sie sich das gehirn mit solcher leserei, wollen Sie so werden wie Paschadia? oder glauben Sie daß es wunder was wär wie er zu wissen wer Mohammed entbunden hat oder wie der hieß, der am Dreikönigstag zuerst das kreuz aus dem wasser gezogen hat? nichts; damit richten Sie sich zugrunde. die wahre wissenschaft ist eine andere: die wissenschaft vom leben, von der Sie keine ahnung haben; die lernt sich nicht aus büchern.

man sprach heute, bevor Sie kamen, darüber daß Sie begonnen haben einen roman über die sitten Bukarests zu schreiben, und ich hielt an mich um nicht in gelächter auszubrechen. was man nicht sagt; Sie und die Bukarestener sitten! chinesische vielleicht, denn in diesem punkt sind Sie chinese; wie wollen Sie die sitten kennen, wenn Sie niemanden kennen; verkehren Sie irgendwo, sehen Sie jemanden? außer wenn Sie nur die absicht haben uns zu beschreiben, Pascha, mich, Panta; ich weiß nicht mit wem sonst Sie zu tun haben... ah! ja, freund Poponel. nun, wenn Sie in häusern, in familien verkehrten, würde das die sache ändern, Sie würden sehen wieviel themen Sie fänden, was für typen. ich weiß einen ort.

ich kam ihm zuvor:

— bei den Arnotenen, den echten Arnotenen.

er wischte mit einer bewegung jedweden zweifel weg. und, vertraulich:

— es springt auch ein trinkgeld dabei raus, es ist großes spiel bis zum morgen; wir nehmen selbstverständlich auch die mummelgreise mit, sie mit dem geldbeutel, wir daneben, gelehrte ohne moneten.

ich gab ihm, ich wußte mehr nicht zum wievielten mal, das versprechen, mit dem ich der lästigen beharrlichkeit entging, die er seit sechs monaten einsetzte um mich in jenes übel beleumundete haus zu ziehen, und hätte um nichts in der welt geglaubt daß er sehr bald, anläßlich eines weiteren gastmahls bei Paschadia, ausgerechnet dank meiner sein ziel erreichen sollte. wenn mir später jedoch etwas leid tat, dann nur, daß ich ihm nicht geholfen hatte es früher zu verwirklichen.

der gelehrsamkeit seit einiger zeit ziemlich überdrüssig, spürte ich das bedürfnis mich zu unterhalten, zu lachen. und so wie Gorică mich damals zum lachen brachte, von mittags bis spät abends, hat er sich mir gegenüber von allen sünden freigekauft. es was als wäre er wahnsinnig geworden; wiederholt wollte Paschadia ihn hinauswerfen. es war mir noch nie vorgekommen daß ich eine so tolle fröhlichkeit an ihm sah, ausgelassen und komisch mutwillig, eine fröhlichkeit die seiner natur fremd und dennoch ungezwungen war, und deren grund er erst gegen ende beiläufig durchblicken ließ: sein vater war gestorben.

die beileidsbezeigungen die Pantazi und ich ihm eilends erwiesen, schnitt er kurz ab indem er uns bat aufrichtig zu bleiben.

— ich würde verstehen, räumte er ein, wenn ihr mich bedauertet weil Gott mich nicht früher von diesem übel befreit hat.

ha, wenn Sumbasacu Pirgu zehn, zwölf jahre vorher krepiert wäre, wenn er ihm damals die zwanzigtausend lei hinterlassen hätte, die jedem der acht kinder zukamen, die von den siebzehn, die er gehabt hatte, übriggeblieben waren, hätten wir geglaubt, daß Gore das geworden wäre was er war: eine kinderfrau bei tattergreisen? was für ein mann wäre er geworden! der glänzendste rechtsanwalt, der ruhm der rumänischen anwaltskammer. er hätte Paschadia verteidigt, den man eines sittlichkeitsverbrechens beschuldigte, und hätte ihn freibekommen indem er seine impotenz bewies. rechtsanwalt und universitätsprofessor. in mußestunden hätte er sich auch mit literatur beschäftigt, hätte die sitten gegeißelt, hätte schauspiele verbrochen — schlechte schauspiele natürlich, historische — und er stoppelte lange dialoge zwischen persönlichkeiten aus verschiedenen jahrhunderten zusammen, spielte paraderollen, zankte herum, schnaubte, brüllte. und hätte er sich nur darauf beschränkt? — nein! als verfechter der heiligsten demokratischen forderungen würde er im landrat die verteilung der güter an die bauern und das allgemeine wahlrecht verlangt haben. und auf der stelle war eine rede, nicht hohler und nicht dürrer als diejenigen die unter der kuppel der kirche auf dem Metropolitenhügel stinkend hervorgesabbert wurden, fertig. vornehm wie er war wäre er auch ins diplomatische korps eingetreten; wie! als ob es dafür unbedingt nötig wäre daß auch er sonderbare neigungen wie Poponel hätte, und schließlich und endlich, warum nicht: hatte er nicht Paschadia zur hand? aber sein süßer traum wäre das patriarchalische leben auf dem lande gewesen; er hätte sich auf den gesunden ackerbau verlegt und seinen weinberg bearbeitet...

— ausgezeichnet, sagte ich zu ihm, doch jetzt, da Sie sich als glücklichen erben sehen, was haben Sie vor zu tun?

— ich werde zuhälter in der Crucea-de-piatră, antwortete er, daß auch ich meine puffmutter hab und meine haremsdamen und meinen rausschmeißer, und ich werde kirchenvorsteher werden; später, im alter, werde ich sogar die kutte nehmen, bei meiner ehre! und er sah sich als ehrwürdigen mönch im herrn Gerasim, Gideon oder Gerontius, vorsänger im Kloster des Darvari din Icoană, der plötzlich, als die reihe zu lesen an ihn kommt, sagt: "contra" oder "passeparole", und um uns einen beweis für seine berufung zum mönchischen leben zu liefern, näselte er nach pfaffenart fast eine dreiviertelstunde lang ein übermütiges gemisch kirchlicher hymnen und weltlicher lieder: "Süßer frühling" und "Von kirschbaum zu kirschbaum", "Christ ist erstanden" und "Ma parole d'honneur mon cher", "Lobet den Herrn" und "I haram bam ba". Pantazi lachte tränen, Paschadia hatte resigniert. doch plötzlich verstummte Gore, riß erschreckt die augen auf und blieb, indem er die rechte hand mit erhobenem zeigefinger ans ohr hob, wie versteinert stehen. Pantazi bat ihn zu sagen was los sei.

— wie, hört ihr nichts? sagte er... "die posaune erschallt, man hat die trikolore gehißt". und indem er voll verzweiflung brüllte: "gebt mir, gebt mir meine waffe, ich will in der schlacht sterben, nicht als sklave in der sklaverei, gebt mir, gebt mir mein pferd!", setzte er sich rittlings auf seinen stuhl und versuchte vorzustürmen, aber er verhedderte sich im teppich und fiel auf einen kühleimer, ohne sich jedoch weh zu tun, denn er stand sofort auf, behend, und zeigte uns, leicht als ob er die dielen nicht berührte, wie er jenseits der Karpaten, zwichen Theiß und Dnjestr, die große Hora tanzen würde, die Hora der vereinigung aller rumänen, und er jauchzte und lallte: "und mit blumen auf dem hut, und mit blumen auf dem hut, sieh da, sieh da, hei, hei, hei, hei, hei!" dann verschwand er um nach kurzer zeit mit heruntergelassenen hosen und heraushängendem hemd wiederzukommen, niedergeschlagen, höchst traurig: er hatte daran gedacht daß wir ihm nicht einmal an jenem tag — dem glücklichsten seines lebens, an dem im licht einer sehr nahen zukunft, aber ach! nicht auch Paschadias, ihm alle rosen so lächelten — noch nicht einmal dann würden wir ihm das vergnügen machen mit ihm zu den Arnotenen zu gehen, den echten Arnotenen. und warum? — als ob wir nicht wüßten daß man sich nirgends netter als dort unterhielt: ein leichtes spiel, ein mauscheln, ein chemin de fer, ein poker: wo fand man das stets — bei den Arnotenen; ein leichtes getränk, ein schorle, einen cognac, eine marghilomană, wo? — bei den Arnotenen; ein sanftes mädchen, nach herzens wunsch, leicht, nun, wo? — ebenfalls bei den Arnotenen und nur bei den Arnotenen, den einzigen echten, der gebenedeiten, mit allen christlichen tugenden geschmückten bojarenfamilie. ehrlich gesagt sei Maiorică ein affe, aber frau Elvira, welch eine matrone! und die mädel, teils riesenkaterinnen, teils hengstinnen. ah! wenn wir nicht wollten, dann nur um ihn zu verletzen, ihn zu kränken, und es sei nicht schön von uns, es gehöre sich nicht daß wir uns einem bruder gegenüber so betrügen. er war beleidigt. und er hob sein hemd hoch um sich damit das gesicht zu bedecken und weinte bitterlich.

selbst wenn es ihm ernst gewesen wäre, und ein wenig war es ihm das, würde er kein mitleid verdient haben. wenn er das leichte ziel nicht erreichte, war es nur seine schuld: da er wußte, daß wir ihm nachts, wenn wir mit Paschadia zusammen waren, alle drei blind überall hin folgten, was wäre leichter für ihn gewesen als uns dorthin zu bringen ohne uns noch zu fragen ob wir wollten oder nicht und ohne uns vorher etwas davon zu sagen? vielleicht war es ihm durch den kopf gegangen, es lag ja auf der hand, doch er hatte sich gefürchtet. wir waren bei den Arnotenen gelandet, nach unsern unerschütterten weigerungen jene stätte des spiels und der käuflichen liebe zu betreten; sollte ihm das als etwas so schwieriges, so unmögliches erschienen sein, daß er sich für das opfer einer täuschung hielt als er sah daß ich damals nur ein wort aufs geratewohl hinzuwerfen brauchte: "was wäre wenn wir heute abend einen abstecher zu den echten Arnotenen machten?", damit Pantazi antwortete: "warum nicht?", und Paschadia, daß es ihm einerlei sei ob dort- oder woandershin? es war erstaunlich daß Gorică nicht vor freude völlig überschnappte; er bekam regelrechte anfälle, wimmerte, wälzte sich auf dem boden herum, schlug einen purzelbaum, und wir mußten ihm damit drohen nicht mehr zu gehen, damit er seinen entschluß aufgab den weg rittlings auf einem der kutschpferde zurückzulegen.

 

daß ich nicht weiß wie die straßen hießen an denen die Arnotenen wohnten, braucht nicht wunderzunehmen: während der zeit von einem monat die ich ununterbrochen bei ihnen war, ereignete es sich kein einziges mal, daß ich nicht über die zaunlose hofseite hinausging, die geradewegs zum Dîmbovitza-kai führte, etwas oberhalb vom Mihai-Vodă-Kloster. es war näher und niemand sah mich.

an meinen ersten besuch bewahre ich eine unangenehme erinnerung. ich durchlebte damals eine stunde der auseinandersetzung mit mir selbst, in der ich meine eigene verkommenheit beklagte. gott, mit was für leuten war ich an jenem abend zusammen, den druck von was für händen mußte ich ertragen! der frühere tadel Paschadias hallte mir bitter, unbarmherzig in den ohren wider. ein trauriger abend, selbst wenn das nur die langeweile bewirkt hätte; Pirgu hatte alle fröhlichkeit verlassen, er spielte sich als "direktor" auf, stellte die spieltische zusammen, verteilte die plätze. Paschadia bugsierte er in eine partie Poker, Pantazi zum chemin-de-fer, beide mit je einer frau zur rechten und zur linken. im schweigen das sich vor der ersten runde einstellte, hörte man aus den unbeleuchteten zimmern, die an den weiten mittleren raum angrenzten, geflüster, unterdrücktes lachen, einen seufzer.

ich hielt den moment für geeignet mich auf französisch zu empfehlen; ein zweitesmal würden sie mich nicht mehr kriegen. ich glaubte mich entronnen, da fand ich mich an der tür plötzlich auge in auge mit dem "Herzensliebchen", der Gnädigen Masinca Drîngeanu.

du verdrückst dich damit du mich nicht nach hause bringen mußt, sagte sie, indem sie mir das behandschuhte händchen mit der innenseite nach oben hinstreckte damit ich ihr die nacktgebliebene stelle über dem gelenk küssen konnte. du liebst mich nicht mehr...

— ich gestatte Ihnen, meine gnädigste, unterbrach ich sie, mich aller verbrechen für fähig zu halten, dieses jedoch nicht! und das war meinerseits keine leere schmeichelei; wäre es wohl möglich gewesen nicht nach ihr verrückt zu sein? — und nicht wegen der schönheit die ihr geblieben war trotz ihres alters, das sie betrog, wie sie ihre beiden angetrauten männer und sie wußte nicht mehr wieviele nicht angetraute betrogen hatte, sondern weil sie einen zauber hatte dem man unmöglich widerstehen konnte, bei allem putz, allem gehabe und allem äugeln. ich ließ natürlich meine absicht zu gehen fallen und wurde zeuge eines selbst für rumänische verhältnisse ungewöhnlich warmen empfangs. die hausherrin und beide töchter stürzten sich auf die neuangekommene und wetteiferten miteinander sie zu umarmen und zu küssen. sie fragten sie gleichzeitig, durcheinander und ohne ihr zeit zum antworten zu geben, wie sie sich in Nizza unterhalten habe von wo sie vor kurzem zurückgekehrt war, befingerten sie, lausten sie, drängten sie etwas zu sich zu nehmen. ziemlich widerstrebend entschied sich "Herzensliebchen" für einen kaffee und willigte in einen Cointreau ein. sie lehnte es jedoch ab als vierte an einer partie mauscheln teilzunehmen und setzte sich mit mir an ein tischchen vor einem spiegel in dem man alles sehen konnte was im benachbarten spielsalon vor sich ging.

sie wünschte zu wissen warum ich es so eilig hatte zu gehen — irgendein rendezvous? ich verbarg ihr die wahrheit nicht. sie bekannte daß ich teilweise recht hätte: als ob sie sich neben Frosa Bojogescu oder Gore Pirgu wohl fühle!; aber was wollte ich? so sei überall wo gespielt und gelebt wird das ende vom lied. mußte ich aber darum noch etwas geben, wenn ich dafür das glück hatte die Arnotenen kennenzulernen?

sie sprach natürlich nicht von Maiorică: Maiorică war ein solcher esel! dennoch war auch an ihm etwas: eine kraft die man jedenfalls nicht umhin konnte zu bewundern. obwohl bettelarm, hochverschuldet, von seinen verwandten, die seit langem nichts mehr von ihm wissen wollten, zurückgewiesen, von anständigen leuten gemieden, obwohl man ihn schmähte und mit fingern auf ihn wies, blieb er unerschütterlich, bewahrte er sich seinen hochmut, seinen dünkel, seine anmaßung. gleichgültig gegenüber allem was nicht ihn selbst betraf, sein dasein, kümmerte er sich nicht im mindesten um seine frau und töchter; er hätte sie vor seinen augen sterben sehen können ohne sich von der stelle zu rühren, und würde aus ihrer haut geschneiderte handschuhe mit freuden getragen haben. als seiner würdige sprößlinge hätten auch die mädchen nicht gezögert sich handtäschchen aus ihm zu machen, fertig gegerbtem, haltbarem leder. dafür betete ihn seine frau immer noch an, sie liebte ihn bis zur aufopferung, bediente ihn wie eine sklavin, überschüttete ihn mit aufmerksamkeiten — oh, manchmal ekelhaften — pflegte ihn, putzte ihn heraus, obgleich sie sehr wohl wußte daß ihr "majörchen", wie sie ihn nannte, zu andern frauen ging, frauen nicht gerade aus den besseren kreisen, von denen er ohne einen roten heller und manchmal erledigt, zerkratzt und mit blauen flecken zurückkehrte. so war es ihm vermutlich an eben jenem abend ergangen: er spielte nicht, leckte sich die lippen, und sein auge, über dem eine dicke beule erkennbar war, wanderte unaufhörlich umher. wir beobachteten ihn in dem geneigten spiegel, ein arrogantes scheusal, wie er mit seinem klappernden gang um die spieltische herumstrich, sich auf die zehenspitzen stellte und seinen abgezehrten und runzligen alten zigeunerschädel über die schultern der kiebitze streckte, wir beobachteten ihn und suchten vergeblich irgendeine spur von ähnlichkeit mit dem lockigen offizierchen von der vergilbten fotografie auf einem tischchen, hübsch und zart wie er zu der zeit war als der friseur Coriolan ihn unter der bezeichnung "piccolo ma simpatico" auf dem kerbholz geführt hatte. bestimmt bekam ihm seine fühllosigkeit ganz genauso wenig wie die liebe seine bessere hälfte erschöpfte. noch jung im gesicht, üppig und blaß, bewegte sie ihren haufen schlaffen fleisches munter zwischen den gästen umher, wobei ihre hängenden brüste und dicken schenkel wackelten, scherzte, lachte, hatte für jeden ein gutes wort und ein lächeln. dennoch war es mir vorgekommen, als merke man ihr einen verborgenen ärger an, den ich mich auf das konto der untreue des gatten und der zügellosigkeit der töchter zu verbuchen beeilte. Masinca ließ mir meine täuschung nicht durchgehen: Elvira war nicht unbeteiligt am fall ihrer töchter gewesen; was die treulosigkeit betraf, so stand sie ihm bei aller liebe nicht nach, war stets "en carte" mit Maiorică, gab ihm sogar punkte vor. wenn sie unzufrieden war, mußte man die ursache anderswo suchen. im haus der Arnotenen kam es vor daß es tage ohne brot gab, ohne streit jedoch nie, und wenn es nur dabei geblieben wäre, hätte es nichts ausgemacht, aber die mädchen gerieten sich in die haare und verprügelten einander was das zeug hielt, bewarfen sich mit dem was ihnen gerade in die hand kam, kratzten und bissen einander, zerrissen einander was sie am leib hatten und fielen dann alle beide über ihre mutter her und walkten sie gehörig durch. auf ihr geschrei hin eilten die nachbarn oder passanten herbei und befreiten sie. aber Maiorică?... Maiorică, der bock — so hatten sie ihn benamst — mischte sich nicht ein, stand abseits; nur wenn er sah daß der spaß zu weit ging rannte er nach draußen und rief mit seiner näselnden stimme nach der "pullizei". der arme hatte seine erfahrungen: einmal, am zehnten mai, als auch er seine uniform angezogen hatte um zur parade zu gehen, sah er sich plötzlich von oben bis unten mit marinierten fleischbällchen dekoriert. während des einen jahrs das die Arnotenen bei ihr zur miete gewohnt hatten — was man so zur miete wohnen nennt — hatte Masinca es nicht mehr nötig gehabt ins theater zu gehen und oft nicht gewußt ob sie lachen oder weinen sollte. ah! die mädchen waren unerhört, waren schrecklich.

vor allem die ältere, Mima. eine die sich beeilt hatte von sich reden zu machen. sie war erst fünfzehn jahre alt, als sie in Galaţi, wo ihr vater in garnison lag, zwei jungen zur gleichen zeit, tröpfe alle beide, den kopf verdrehte. um ihre liebe auf die probe zu stellen, verlangte sie von dem einen, dem einzigen kind wohlhabender eltern, daß er seiner mutter ein paar schmuckstücke stehle, den andern, kassierer bei einem großhändler, verleitete sie zu ausgaben über seine verhältnisse, und ich vermute der schafskopf vergriff sich an der kasse. die angelegenheiten säumten nicht ans tageslicht zu kommen, und der junge von familie jagte sich aus scham eine kugel in den kopf, während der ladenjunge ein jahr im gefängnis saß. diese geschichte hatte nur für andere traurige folgen gehabt; so hatte der arme Maiorică schließlich den dünnen faden durchtrennt gesehen der ihn noch im heer hielt; die schuldige blieb stolz auf ihre tat, und war völlig zu recht zufrieden, weil sie ihr zum größten teil die beliebtheit verdankte die sie bei den männern genoß, aus der sie allerdings keinen vorteil zu ziehen wußte; es gelang ihr nur, kräftig über die stränge zu schlagen, nicht, sich auch eine gute partie zu angeln. die wohlwollenden versuche Masincas sie dabei anzuleiten waren vergeblich gewesen: Mima war nicht aus der schule der hirtin die den apfel wirft und dann davonläuft um sich hinter weiden zu verstecken, der uralten und stets neuen schule der koketterie; für sie waren der zauber der schleier, die, tödlich langsam, einer nach dem andern fallen, bis auf den letzten, das komplott im weinlaub und jene kleinen spiele von aufreizung und verlockung, die so altbekannt sind und dennoch niemals mißlingen, nur flausen und faxen dummer puten. streitsüchtig und böse, genügte es ihr einen mann zu sehen, um zu wiehern und ihm an den hals zu springen, und wenn es ihr passierte daß sie an einen geriet der unbeugsamer war und nicht erschrocken die flucht ergriff, hatte er, falls es ein ganzer mann war, keinen grund sich ihr ein zweites mal zu nähern. Masinca fand leicht das mittel mir auf die schicklichste weise anzuvertrauen, wie durch eine grausame laune des schicksals dies junge und wohlgestaltete, wenn auch etwas ungeschlachte mädchen keine vollkommene frau war: ein gewisser angeborener fehler im körperbau machte ihr die normale und völlige vereinigung unmöglich und erklärte vielleicht ihren leidenschaftlichen hang zu widernatürlichen beziehungen, die bewirkten, daß sie auch das bißchen verstand verlor, dessen sie sich erfreute; wenn sie sich eine geangelt hatte, scheute sie weder unannehmlichkeiten noch demütigungen, ja darüber hinaus nahm sie, die so geizig war, unkosten in kauf, fuhr sie mit eigenem Muskal spazieren, kaufte ihr seidenstrümpfe, parfümflakons; mit Raschelica Nachmansohn hatte sie vergangenen sommer innerhalb eines monats viertausend lei durchgebracht, geld, das sie dem einen Haralambescu geklaut hatte als er betrunken bei ihr schlief. sie gab es selbst zu; hätte man ihr etwas von scham erzählt, würde sie gefragt haben wovon sie denn leben solle. abends zog sie sich absichtlich bei aufgezogenen vorhängen aus, und wenn der pope mit dem taufwasser kam, empfing sie ihn splitternackt. nun, genug der worte; so wie sie war, mit all ihren fehlern, tratschhaft, geil, geldgierig, unzuverlässig, leichtsinnig und unbedacht, alles falsch wiedergebend und verkehrt machend, und vor allem gefährlich, im stande einen in die klemme zu bringen, hatte Mima ihren reiz, war sie sympathisch, was man von ihrer jüngeren schwester nicht sagen konnte, Tita, die so träge und dumm war wie jene aufgeweckt und lebhaft, und außer unsittlichkeit, verlogenheit und bosheit nichts mit ihr gemein hatte als die schmierigkeit — ah! es war schwer vorzustellen und noch schwerer zu sagen in welchem zustand sie waren: zu bestimmten zeiten, wenn es warm war vor allem, konnte man sich ihnen vor gestank nicht nähern, sie besudelten die stelle wo sie standen. seit einer kinderkrankheit war Tita ein wenig zurückgeblieben und der vorzeitige beginn einer taubheit hatte ihre gehässige und mißmutige wesensart noch verschlimmert; wegen ihrer fadheit war sie schließlich gemieden worden und einige spieler beklagten sich daß sie ihnen unglück bringe. und obwohl sie niemals zu irgendeinem kunden "nein" sagte, zog sie sich doch nur im dunkeln die röcke über den kopf; nach außen hin, unter leuten, hatte sie ein beinah vornehmes betragen, das sie mit sicherheit nicht von den offiziersburschen gelernt hatte die sie aufgezogen hatten; nie hätte man sie übermütig werden oder herumtollen sehen, nie schweinereien sagen und fluchen hören wie die andere. doch wo die unähnlichkeit so weit ging daß sie die ränder des abgrunds zwischen zwei rassen erreichte, das war in aussehen und gesicht. breit, schlaff und schwammig, offensichtlich opfer einer baldigen verfettung, hatte Mima eine stumpfnase, kleine grünliche augen unter zusammengewachsenen geraden brauen und eine stirn, die von widerspenstigem und dichtem kastanienbraunem haar überwuchert war, während Tita, klein und schmächtig und mit fein gedrechselten gelenken an den winzigen händen und füßen, auf schmalen schultern den kopf einer stifterin aus der phanariotenzeit trug, mit rehbraunen mandelaugen, langer adlernase und schmalen abgesetzten lippen. dennoch hatten sie etwas gemein: die stimme, deren schönheit mir aufgefallen war. bei jeder von anderem timbre, jedoch gleichermaßen flüssig und klar und die worte singend, evozierte sie sanftes wasserrauschen das vom flüstern des windes im laub begleitet wird, und vielleicht war ihr zauber nicht unbeteiligt an dem mitleid mit dem ich jene traurigen dinge hörte. ein mal mehr hatte ich in fleisch und bein den beweis dafür, welch schwere sünde in ihrer schwachheit die alten gesunkenen geschlechter auf sich laden, die sich nicht entschließen sich selber mit vorsatz auf dem Malthus'schen wege auszurotten. wieviele demütigungen und wieviel leid könnten sie sich so nicht ersparen.

was zärtlichkeit angeht, stand der aufbruch "Herzensliebchens" ihrer ankunft nicht nach. mit tränen in den augen versicherte mir die majorin daß man eine zweite freundin so wie sie im leben nicht fände. mir kam in den sinn ihr zu sagen daß es auch überflüssig gewesen wäre. aber als Masinca jenseits der schwelle war und ich noch drinnen, zog mich jemand von hinten am ärmel. es war Mima. indem sie schelmisch auf meine weggefährtin deutete, machte sie schnell mit dem mittelfinger eine allzu beredte geste und schlüpfte unter lautem gelächter ins haus zurück.

 

als ich in den hof hinaustrat, konnte ich feststellen daß bei den Arnotenen sogar das haus in dem sie wohnten liderlich aussah. einem alten quadratischen und einstöckigen gebäudeteil hatte man später auf der rückseite schräg einen langgezogenen, schmalen anbau mit zwei etagen angestückelt, der unverputzt und ohne fenster auf den baufälligen balkon geblieben war, der ihn oben von einem ende zum andern umgab und in eine art von bohlenturm mündete der mit fichtenbrettern geflickt war und die treppe enthielt. diese bruchbude, die am tage übersehen worden wäre, gewann im licht des mondes etwas geheimnisvolles, und ich war stehengeblieben um sie zu betrachten als ich plötzlich erschrocken zusammenfuhr. man hörte von dort ein bellen, das in ein langgezogenes schauerliches heulen überging und nicht von einem hund zu stammen schien.

— sie haben die alte wieder hergebracht, sagte Masinca — die mutter des majors.

die arme, gott hatte noch immer nicht das erbarmen sie zu sich zu nehmen. man wußte nicht einmal mehr seit wann sie den verstand verloren hatte. und hätte man sie wenigstens in frieden gelassen, hätte man sie nicht dauernd hin und her geschubst. ihre tochter, die reiche prinzessin Canta aus der Moldau, die stiefschwester des majors, hatte sie bald ihm, den sie immer verleugnet hatte, anvertraut, bald zu sich genommen; warum? — blieb ein rätsel; die prinzessin schien nicht ganz richtig im kopf zu sein mit ihren musikanten. Maiorică hoffte darauf daß seine mutter zu ihm kam wie auf ein geschenk; er hätte dafür auch beten lassen und nicht weil er sehnsucht nach ihr hatte — er hatte sie nicht einmal gekannt — aber er kriegte ein paar monate lang etwas geld — die prinzessin zahlte — und die unglückliche war keine last: sie stand nicht im wege und brauchte nicht bewacht zu werden, denn sie tat nichts schlimmes, das heißt sie tat überhaupt nichts, brachte kein wort heraus, rührte sich nicht, hockte zusammengekauert wie eine mumie am ende des bettes in einer ecke; nur in mondnächten, selbst wenn die vorhänge zugezogen waren, stand sie auf, lief auf allen vieren und bellte wie ich es gehört hatte. und man hätte viel darum gegeben sie nicht zu sehen... ein gespenst.

 

aber noch lebte sie, vergessen, die berühmte Sultanin Negoianu; wie in einer anderen, durch irgendeinen fluch verwandelten gestalt, war sie verdammt gewesen die stolze amazone zu überleben der es in wenigen jahren gelang, und das war damals nicht gerade leicht, die noch unvereinigten fürstentümer mit ihrer ausschweifung in schrecken zu versetzten. ich kannte ihre vergangenheit, es hatte mich gelockt das rätsel ihres betörenden lächelns auf den porträts zu ergründen — die stürmische vergangenheit die den namen des großen geschlechts von dem sie allein und als letzte übriggeblieben war mit schwerer schande befleckt hatte — ich hatte es ergründet, gleichsam als hätte ich gewußt daß ich gelegenheit haben würde es aufzuschreiben. sie war in Genf und Paris erzogen worden von wo sie im alter von sechzehn jahren mit einer art sich zu kleiden und zu geben heimgekehrt war, die staunen erregt und von sich reden gemacht hatte. ihre stattliche mitgift hatte den großvornic Barbu Arnoteanu veranlaßt, darüber hinwegzusehen und um ihre hand anzuhalten. es wurde eine zerquälte und kurze ehe; noch wöchnerin eines jungen der Maiorică werden sollte, war sie mit einem hergelaufenen subjekt nach Moldau geflohen, wo sie, gleich Bukarest, auch Jaschy bewundert hatte, wie sie sich unermüdlich auf bällen wiegte oder in gestrecktem galopp, gefolgt von einem schwarm von verehrern, übermütig vorbeijagte. um ihren verlassenen gatten zu bewegen, in die scheidung einzuwilligen, hatte sie ihm zwei güter geschenkt und sich danach mit dem ehemaligen großlogofăt Iordachi Canta verheiratet, einem russischen fürsten und erfolglosen anwärter auf das fürstentum Moldau; eine verbindung der ebenfalls kurze dauer beschieden war; das leben mit einem eifersüchtigen und knickrigen ehemann in der wilden einöde des schlosses von Pandina, verloren zwischen alten wäldern am ufer des Prut, konnte nichts anziehendes für die ungestüme Sultanin haben, die, gleich nach der geburt eines mädchens, Pulcheria, heimlich und ohne die absicht zu haben wiederzukommen, nach Bukarest zurückgekehrt war. um den preis zweier weiterer güter hatte sie sich wiederum als ihre eigene herrin gesehen, was sie von da an auch zu bleiben gewillt war. und sie hatte gelebt. ebenso freigebig was ihren körper wie was ihr vermögen betraf, hatte sie, wie in der verzehrenden raserei der tollwut, jedermann über ihn herfallen lassen, königlich, und immer noch unbefriedigt ihn sogar mit hunden geschändet. ich beschränke mich darauf den zusammenhang zwischen dieser leidenschaft und ihrer übrigens nicht allzu seltenen geistesverwirrung zu verzeichnen, deren ausbruch nicht auf sich warten ließ. an einem sonntag im herbst 1857 hatte man sie entblößt, mit fliegendem haar, am ufer des Herăstrău-sees umherirrend gefunden. ah! ja, ich war gezwungen es anzuerkennen: als er mir sagte, daß, wenn ich ein thema für einen roman suchte, ich zu den echten Arnotenen gehen sollte, hatte Pirgu mich nicht getäuscht.

 

er war der erste dem ich nach jenem abend begegnete. auf der straße vor der Ephorie trat er mir in den weg. er hatte die übereinandergelegten hände, beide mit dem rücken nach oben, ausgestreckt und bewegte langsam die seitlich abstehenden daumen.

— auf weitere erfolge, Eure Schuppigkeit, meinte er unter tiefen verbeugungen, Sie sind der unsrige. Sie gedenken, Ihre milch nutzbringend abzugeben. ho, wie Sie sich bei der Masinca an die angel drängten, Sie nahmen die traube an der weinranke, mit süßem mastix, leicht. was für ein tunichtgut, Sie spielen den hahn, Sie großer kater. na, aber Sie haben noch viel zu lernen; sind ein jungstier; um es den äffchen recht zu machen müssen Sie ein schwein sein, und mit dicker schwarte. und verplempern Sie vor allem nicht unnötig zeit damit sie anzuschmachten; wenn Sie aber irgendwie unrat wittern, treiben Sie den esel weiter; Sie kennen das sprichwort: wo ein teich ist, sind auch frösche... sollten Sie jedoch bemerken daß sie den schwanz hebt, keine bange, gehen Sie weiter geradeaus, nach bocksart, damit ich Sie bis zum winter als ausgefütterten karpfen sehe.

— da habe ich Ihnen, sagte ich zu ihm, eine wahre freude gemacht, als ich Ihren traum verwirklichte und zu den Arnotenen ging.

— nachdem Sie mich sechs monate lang mit leeren versprechungen hingehalten haben. und wenn Ihr gegangen seid, auf welcher seite war der vorteil, auf meiner oder auf Eurer? Gottseidank sind Sie mit einer dame losgezogen und die tattergreise haben sich vollgestopft; Pantazi hat sich, seit ihn seine mu geboren hat, nie mit soviel geld gesehen. aber es macht nichts; jedem seine art glück, und Ihres ist außerordentlich, Gott hält seine hand über Ihr haupt.

die gleichgültigkeit mit der ich ihn anhörte entmutigte ihn nicht:

— es gibt jemanden dem Sie ungemein gefallen, jemand den Sie nicht verdienen. was sie an Ihnen findet weiß der teufel. sie will um jeden preis daß ich den mittler mache.

ich war nicht neugierig. ich versicherte ihm nur daß ich keineswegs die zahl der intellektuellen zu vermehren gedachte, die die liebenswürdigkeit des doktor Nicu über gebühr in anspruch nahmen.

— ah, grinste er, Sie sehen sich umsonst vor, dem entgehen Sie nicht. es kommt wenn Sie es nicht erwarten, abends auf der straße, im haus, im bett, zu ihrem entsetzen. muß sich denn nicht erfüllen was geschrieben steht: "und er wird in gestalt eines papageien herniedersteigen"?

aber weshalb sollten Sie so dumm sein und angst haben? nach meiner wohlüberlegten meinung ist es sogar besser wenn Sie es möglichst bald bekommen; haben Sie sich anständig behandeln lassen: adieu sorge: man steckt sich nicht zweimal an. und Sie lassen die zügel schießen. Sie werden mir von dem andern sprechen, ich weiß, aber es gibt ein mittel; so hingegen, wenn Sie wegen solcher kleinigkeiten auf all das verzichten was auf der welt am angenehmsten ist, was haben Sie dann noch vom leben?

— Sie haben völlig recht, gab ich zu. auf wiedersehen.

— was haben Sie es so eilig; erwartet Masinca Sie?

— später, jetzt suche ich Paschadia und Pantazi.

ich log nicht: seit drei tagen waren sie unsichtbar gewesen. bei Paschadia wunderte es mich nicht, er war vielleicht ins gebirge gefahren; aber Pantazi?

— nun, wenn Sie ihn finden wollen, sagte Gore, kommen Sie mit mir.

— wohin?

— hei, bravo, das fragen Sie mich? zu den Arnotenen, den echten Arnotenen.

überraschend erschien mir nicht die sache an sich, sondern der umstand, daß derjenige der dorthin, und zwar um jeden preis, hatte zurückkehren wollen, Pantazi gewesen war. das spiel kam für ihn nicht mehr in frage; er war kein spieler und selbst wenn er es gewesen wäre, was hätte jenes lausige spiel bei seinen immensen mitteln bedeutet? frauen? aber während der neun monate seit wir befreundet waren und so nahe beieinander gelebt hatten, hatte ich von keinem verhältnis, keiner noch so flüchtigen caprice erfahren — so daß, als einmal die rede auf jene puppen gekommen war, die, wie man sagt, für seeleute auf langen fahrten die stelle von ehefrauen einnehmen, und er mir versichert hatte, daß diese abscheuliche verirrung kein märchen sei, daß man sie fertig kaufen oder auf bestellung gefertigt haben könne, in gewünschter ähnlichkeit, und die teuren in Holland hergestellten nach vollkommener nachbildung des natürlichen aussehens strebten, ich unwillkürlich auf den gedanken gekommen war, ob auch er vielleicht in irgendeinem seiner übereinandergestapelten koffer in seinem schlafzimmer eine versteckte, die seiner treulosen und unvergeßlichen Wanda nachgeahmt war. und wenn nicht die frauen, bewog ihn dann etwas anderes, bei sich die ersten blumen Bukarests einsam verwelken zu lassen? die verlockung in die das schicksal sich in dieser lage kleidete um sein ziel zu erreichen blieb für mich unbekannt.

was mich betrifft muß ich ihm dankbar sein. ein langes leben hätte mir nicht völlig genügt um die menschliche seele in all der erbärmlichkeit deren sie fähig ist so zu ergründen wie jene fünf bei den Arnotenen verlebten wochen. jederzeit und für jeden weit offen, war ihr haus, eine verschmelzung von gasthaus und herberge, von spielcasino, bordell und irrenanstalt, der treffpunkt der verrufenen und verkommenen der zeit: der spieler und trinker von beruf, der auf die schiefe bahn geratenen, der gestrauchelten und gefallenen, der erfolglos gebesserten, der vom verlangen nach einem leben ohne arbeit und vor allem nach macht gequälten, bereit zu allem um es zu befriedigen, derjenigen mit uneingestandenen oder unsauberen mitteln, der entwurzelten und außenseiter, von denen manche im zuchthaus gewesen, manche auf dem weg dorthin waren, und dann der noch abstoßenderen frauen: am grünen tisch verschimmelter, schläfriger und zänkischer alter, mit händen die nach geld und karten zitterten, junger mindestens einmal geschiedener, die vor der zeit von abtreibungen und geschlechtskrankheiten verheert waren, auf der lauer nach beute und aufpassend daß ihnen keine entgehe; und zwischen den männern und frauen gab es allerlei unbeständige gemeinschaften und beziehungen, entzweiungen und feindschaften. ein ranziger dunst von ausschweifung lastete verdorrend auf der armseligkeit der einrichtung — alles was man dort sah, im klebrigen, durch die gefältelten lampenschirme aus rosenrotem papier gedämpften licht, war nicht nur häßlich und von der schlechtesten qualität, sondern auch von der sonne gebleicht, stockfleckig, staubig und verräuchert, von holzwürmern oder motten zerfressen, wackelig oder verstümmelt, zerscherbt, zerbrochen oder unvollständig — und diese armseligkeit ließ Paschadia erschaudern und brachte ihn sogar mehr auf die palme als der major, der, wenn er ihn zu fassen bekam, ihn mit der genealogie der Arnotenen verrückt machte, die gefälscht war von Brîncoveanu an, unter dessen diener man den ersten historisch nachgewiesenen vordatiert hatte um in den bojarenstand erhoben zu werden. der arme Maiorică erwies sich sogar darin als tor, denn wenn er mit seiner familie prahlen wollte, wäre es ihm mit der seiner mutter ein leichtes gewesen, die wirklich groß war und für die Walachei uralt, und deren fürstlicher stammbaum ohne bruch und zweifelsfrei bis in die mitte des fünfzehnten jahrhunderts hinaufreichte, von großban zu großban und nur mit woiwoden als schwagern. ein tor sicher, aber ein edler: er, der ohne die verschwendung seiner eltern, umschmeichelt und verwöhnt, soviel vermögen besessen hätte, und mindestens königlicher generaladjutant und vizepräsident im Jockeyclub gewesen wäre, und der, ach, da angelangt war wo er sich befand, hatte kein wort des bedauerns, des vorwurfs oder des neides, sondern trug — denn es war ausgeschlossen daß er es nicht spürte — das elend seines hauses im verborgenen und wies mit der gleichen frechen geringschätzung den spott wie das mitleid zurück. sonst war er gut und barmherzig zu den schwachen, wenn auch nicht so sehr wie seine gattin, eine polin von stolzer abstammung — den Leliwa — die kein leiden trockenen auges mitansehen konnte und immer bereit war sich den bissen vom mund abzusparen oder das kleid von ihrem leib zu ziehen um sie zu verschenken. bestimmt verdiente, wenn man gutes und schlimmes gegeneinander abwog, keiner von ihnen sein schicksal.

 

von anfang an ging ich nur zögernd zu den Arnotenen, da ich fand, daß man mir eine bedeutung beimaß, die allzuwenig den ausgaben entsprach die ich mir hätte leisten können. der verdacht daß sich dies irgendeiner lüge verdanke, die Pirgu sich auf meine kosten ausgedacht hatte, bestätigte sich: er hatte behauptet daß Paschadia und Pantazi große stücke auf mich hielten und der eine mein onkel, der andere mein pate sei. wie hätten sie mich auch nicht mit offenen armen empfangen sollen, alle im haus, und mich nicht um die wette verhätscheln — hatte seit unserer ankunft dort nicht ein rinnsal vom Paktol zu fließen begonnen? diesmal hatte der major nicht einmal bemerkt daß man ihm seine mutter wiederum genommen und nach Moldau gebracht hatte. ich weiß nicht wieso auch ich nicht dazu gekommen war sie zu sehen, und es tat mir leid. doch wurde dieser verlust wieder gutgemacht. es gab dort noch ein anderes, trotz seines zarten alters gleichermaßen sonderbares wesen.

ein kleines mädchen das mich an die bleichen und langen selleriestauden erinnerte die auf sand im dunkeln gezogen werden, ein stummes mädchen. stumm weil sie taub war — aber dann hatte sie einen anderen sinn der ihr das gehör ersetzte, denn sie wurde beim leisesten geräusch unruhig und drehte sich fragend in die richtung aus der es kam. sie ähnelte erstaunlich jener kleinen aber schmächtigen prinzessin von Preußen, die, in wachs modelliert, aus ihrem glasschrank hinter einer tür von Monbijou hervorlächelt; das gleiche ältliche und fade gesicht, die gleichen scharfen züge, die gleichen bösen augen. einsam und an menschen nicht gewöhnt, lief sie davon wenn man sie berühren wollte, und versteckte sich. als ich Pirgu fragte was mit ihr wäre, sagte er mir, daß Maiorică sie, nach der art Lots wahrscheinlich, mit einer seiner töchter im rausch gezeugt hatte. ohne mit meiner vermutung so weit zu gehen, war auch ich auf den gedanken gekommen daß es möglich war daß sich die urenkelin eine zeitlang unter einem dach mit der urgroßmutter aufgehalten habe. nicht lange nach der wegnahme der alten sah man auch das mädchen nicht mehr.

 

die übergroße achtung deren ich mich bei den Arnotenen erfreute ersparte mir nicht die naturalabgabe an Mima; daher gebrauchte ich alle arten von kniffen, einige leicht zu durchschauen, um zeit zu gewinnen. eines nachmittags, als es sich ergab daß wir, sie und ich, alleine blieben, glaubte ich daß es für mich soweit sei.

sie bat mich zu sich ins zimmer, wo sie, als ob sie sich hätte baden wollen, sich des wenigen entledigte was sie am leibe trug. ich erwartete daß sie mich auffordern würde ein gleiches zu tun, doch beschränkte sie sich darauf mich zu fragen, nebenbei, ob ich sie schön fände. und gewandt und flink drehte sie sich das haar auf, machte sich zurecht, hier ein bißchen weiß, dort etwas rot, und kleidete sich von kopf bis fuß an. ich mochte nicht glauben daß die schlampige trulla von vorhin identisch mit dem geputzten schätzchen war, das ich eine viertelstunde später am arm auf der straße führte. so war sie: zu hause im schmierigen trikothemd auf der bloßen haut, den rock auf einer seite zerrissen und ohne strümpfe in filzpantoffeln; doch wenn sie — selten — in die stadt fuhr, hübsch geschmückt, etwas knabenhaft, mit immer frischen handschuhen, mit ungetragenen lackschuhen über straff sitzenden strümpfen und nur im wagen, dem besten wagen der sich finden ließ.

mit mir ging sie jedoch zu fuß, langsam, auf offenkundigen umwegen, und redete, redete, ausschließlich sie, zusammenhanglos und weitschweifig, von einer sache zur andern springend, alles durcheinanderwerfend und nichts sagend. so gelangten wir bis vor Paschadias haus, das in der dämmerung innen fantastisch beleuchtet erschien. sie betrachtete es lange, interessierte sich für alle einzelheiten seiner aufteilung, für die möbel, die diener, und stellte mir einen haufen von fragen deren zweck ich erst begriff, als sie zur letzten kam, jener verblüffenden: ob ich glaubte daß er sie zu meiner tante machen würde; sie hatte die augen auf Paschadia geworfen, er war der mann den sie brauchte, sie wollte ihn zum gatten nehmen...

 

wenn wir damals befreundet gewesen wären, wie später, würde ich ihr klipp und klar gesagt haben, sie solle sich das aus dem kopf schlagen. ich kannte Paschadia so wie ich auch Pantazi kennengelernt hatte; bei dem einen hatte ein grimmiger, mit den kindischsten vorurteilen gepanzerter snob das letzte wort, während bei dem andern bei bedarf ein geschäftsmann, der ganz genauso gewieft war wie sein onkel der wucherer und pächter, und ein nicht weniger zu fürchtender prozessierer als sein gelehrter vorfahr zum vorschein kamen. nein, um keinen preis hätte Paschadia sich dazu verstanden einen solchen schritt zu tun, und dann, abgesehen davon, gefiel Mima ihm nicht, er fand sie langweilig, ermüdend, ihm war Tita sympathisch, deren natur der seinen glich: ähnelte nicht auch sie einem jener trotzigen raubvögel, die, wenn sie zu tode getroffen sind, mit gebrochenen flügeln ihre letzten kräfte zusmmennehmen um sich noch einmal auf den siegreichen feind zu stürzen? auch ich teilte eine zeitlang Paschadias meinung über Mima, bald jedoch fand ich sie ungerecht; sie war natürlich eine kranke, eine geistesgestörte, schmutziger, böser, gefährlicher vielleicht als Masinca sie gemalt hatte, dennoch gefällig und leutselig, verlockend und süß wie die sünde selbst, beweglich und lebhaft wie die flamme und die welle. bald niedergeschlagen bis zur verzweiflung, bald voll übermäßiger freude, flackerte in ihr, wenn man sie am boden zermalmt glaubte, plötzlich unvermutet etwas höchst stolzes und freies hoch auf; verwandelte selbst ihr aussehen: manchmal lendenlahm, bleich, mit stumpfen und glanzlosen augen, und gleich danach aufrecht, rot und fein, mit feuchten lippen, funkelndem blick, schien sie jedesmal eine andere zu sein, und sogar ihr unglückseliges gebrechen verlieh ihr einen reiz mehr, sie blieb stets begehrt und nie besessen, gleich jenen dunstgeborenen feen, töchtern der luft und des wassers, die von sterblichen nicht umarmt werden können. ah, nein! zu teuer hatten die beiden elenden das glück sie zu kennen nicht bezahlt, der eine mit seiner ehre, der andere mit dem leben...

 

... und sie erbat dringend meine unterstützung damit sie ihr ziel erreiche.

ich versprach ihr mir alle mühe zu geben, gab ihr aber zugleich zu bedenken, daß derjenige der entscheidenden einfluß auf Paschadia hatte nicht ich war, sondern Pirgu. ich sah sie unter dem blauen netz mit tupfen die nase rümpfen. ich wußte daß es zwischen ihr und Pirgu etwas gegeben hatte bei dem keiner mit dem andern zufrieden gewesen war. nach außen hin gaben sie sich als die besten freunde; wenn sie sich sahen, tanzte sie vor ihm herum und sang: "nene Gore schöner mann, so beritten wie zu fuß", und er nannte sie mit der hand auf der brust und ganz unter bücklingen: "Fürstin", "Eure Hoheit", "Durchlaucht", sagte ihr daß er sich als teppich zu ihren füßen breiten und sich ihr als sklave vertraglich übereignen wolle; hinter seinem rücken ersparte sie ihm nicht den gauner und halunken, und wünschte ihm daß er ins irren- oder zuchthaus komme, während er sie mit inbrunst verfluchte, zur hure, zur paparudă und schlampe machte und Gott bat ihn nicht lahm werden zu lassen ehe er nicht wenigstens einmal dazu gekommen wäre über ihrem grabe auf einem bein zu hüpfen.

— nun, schloß Mima, schließlich und endlich, wenn es sein muß, werde ich mich wohl mit Pirgu zusammentun.

einstweilen wäre ihr das schwer gefallen, weil Gore sich bei den Arnotenen nicht mehr blicken ließ. er hatte auf die glücklichste weise die frage seines erbteils geklärt indem er es zu einem fast doppelt so hohen preis wie er gehofft hatte einem schwager verkaufte, und das hatte in seinem leben eine tiefe veränderung herbeigeführt. er war ins jahr der affen eingetreten, was man so ziemlich auch von mir sagen konnte, der ich, obwohl ich ihn früher sorgfältig gemieden hatte, jetzt dahin gelangt war ihm auf schritt und tritt zu folgen.

es war theater. wenn wir uns trafen, spielte ich den eiligen. er fragte mich, wohin des weges?, und die antwort war immer die gleiche: "zu den Arnotenen, den echten Arnotenen."

er regte sich auf: "Sie verfolgen sie wie die dohle das aas. am zaun hab ichs gefangen, am zaun hab ichs angebunden. vous devenez agaçant avec vos Arnoteano"; und weiter: "... voyons, il faut être sérieux". außer bei einheimischen rumänischen flüchen, die eine ihm teure gewohnheit geblieben waren, sprach er nur noch französisch und so laut es ging, damit alle ihn hörten. wenn ich auf der straße irgendeine dame sich nähern sah, verzog ich mich auf die andere seite; wenn ich sie auch kannte, trat ich in eine einfahrt, auf einen hof. er hingegen schrie, indem er ihr platz machte, was die lunge hergab: "regardez, mon cher, quelle jolie femme, comme elle est jolie, elle est jolie comme tout!" wenn die dame sich entfernt hatte, kam ich wieder. er empfing mich entrüstet: "mais mon pauvre ami, ne soyez pas idiot; vous êtes bête comme vos pieds!" er ließ mich stehen und ging vor, spreizte sich, hielt nach ein paar schritten an, setzte sich sein monokel auf und tat als ob er mit der spitze seines spazierstocks etwas oben an den häusern visiere, dann kehrte er zu mir um, schnaubte und zuckte mit den schultern: "mais voyons, voyons". es folgte die unausbleibliche runde durch die geschäfte auf der er um möbel für das haus das er sich in rumänischem stil zu errichten gedachte feilschte, und auf dem flohmarkt um ikonen; er sammelte sie überall wo er welche fand; in wenigen tagen hatte sich eine wand des hotelzimmerchens auf der Calea Victoriei wohin er gezogen war von oben bis unten mit unförmigen jungfrauen und dürren heiligen bedeckt, unter anderem einem Heiligen Haralambie seligen angedenkens, olivenfarben, wild und mit der pest in ketten zu seinen füßen. aber das war nichts neben dem andern, das mich, wenn ich ihn gemocht hätte, mit sorge hätte erfüllen müssen; etwas unglaublichem, und doch: Pirgu kaufte bücher. einmal traf ich ihn mit vier hübsch gebundenen bänden unter dem arm, und es ist leicht sich mein erstaunen vorzustellen als ich auf dem buchdeckel den namen Montaigne las.

— was ist los mit Ihnen, rief ich aus, daß Sie Montaigne kaufen?

— nun, antwortete er mir, mit süßlichem lächeln, jedenfalls ist Montaigne ganz nett, er hat seine vorzüge. in dieser weise gab er bei allen diskussionen mit seinen neuen freunden, renommmierten rechtsanwälten oder universitätsprofessoren, männern mit karriere und zukunft, seine meinung zum besten: die alten aus seiner zunft beachtete er nicht mehr, er tat als ob er sie nicht kenne, und es war für mich ein unvergleichliches vergnügen in das lokal zu gehen, wo Pirgu gegen mitternacht ein erlesenes mahl zu sich nahm, weil alle wüstlinge und tunichtgute Bukarests sich eigens an den tischen ringsumher eingefunden und eine traube um ihn gebildet hatten.

— wer mag das sein, bruder? fragten sie einander.

— er ist engländer, antworteten sie, ihr könnt ihn ruhig beschimpfen, er versteht nicht. und sie beschimpften ihn, und von der tür her und hinter den säulen und unter den tischen hervor hörte man rufen: "Gore, Gorică!" doch er, gleichgültig, als ob gar nicht von ihm die rede wäre, aß und trank und zündete sich teure zigaretten an, mit umso größerem vergnügen als es oft von ihrem geld war. obwohl er sich eintrittskarten in zwei große clubs verschafft hatte, ging Pirgu täglich zu seinem angestammten spielcasino um mit seinem geld zu protzen — er trug alles bei sich — und um über Paschadia, mit dem er sich überworfen hatte, herzufallen und ihn herunterzuputzen. indem sie sich fortwährend solcherart triezten, begab es sich einmal daß dieser ihm ein hübsches sümmchen abgewann. anstatt brav das feld zu räumen um seine teuren freunde, die zukünftigen minister, aufzusuchen und sie über Bergson und die Haager konferenz sprechen zu hören, bestand Pirgu darauf den verlust wettzumachen. von der schneidenden kälte Paschadias, vom grinsen und spöttischen knurren derer die er beleidigt hatte aufgebracht, verhaspelte er sich, spielte unüberlegt und verlor, verlor alles — ein vermögen. vor morgengrauen zog sich Paschadia, der den hauptteil gewonnen hatte, zurück und überließ ihn dem pack damit sie ihn auch noch um die krümel erleichterten. als er, gebeutelter als selbst seine eigenen taschen, am morgen nach hause kam, machte er sich über den Heiligen Haralambie her, den er, unter beschuldigungen er habe ihm unglück gebracht, vom haken riß und durch das fenster in den innenhof des hotels warf. ob etwa jemand geglaubt hat daß sich noch in unserem sündigen jahrhundert das wunder einer vom himmel gefallenen ikone vollzogen habe, weiß ich nicht, es ereignete sich jedoch ein anderes, auf das, ich bekenne es, ich nicht gefaßt war, das mich sogar verdroß; ich hätte nicht gedacht daß ein bettler wie er so zäh und ausdauernd sei. nicht später als am folgenden abend stellte sich Gore, versöhnt mit Paschadia, wenn nicht mit dem schicksal, und heiter, wieder kampfbereit bei den Arnotenen ein.

 

als ich eines tages gegen mittag mit Pantazi dorthinging, stießen wir auf ein junges, uns unbekanntes mädchen, das, den einen fuß nackt, auf einem stuhl saß und langsam singend einen strumpf stopfte. bei unserm eintritt hob sie den kopf und errötete bis ins weiße der augen. da sah ich wie Pantazi, totenbleich, die hand zum herzen führte; "Gott", hörte ich ihn flüstern, "wie sie ihr gleicht!"

so machte ich die bekanntschaft des "fräuleins" Ilinca Arnoteanu. ich wußte daß es noch eine tochter gab, die jüngste, die von klein auf eine schwester der majorin aus Piatra Neamţ, eine wohlhabende und kinderlose witwe, zu sich genommen und aufgezogen hatte. die sechzehn jahre Ilincas waren verhätschelt im frieden jener romantischen gegend mit geheimnisvollen horizonten verlaufen, die die guten ritter von denen man ihren namen herleitet, an ihr süßes Schwaben erinnert haben mußte. der spitzname "Deutsche", den Mima dieser "neuen" schwester gegeben hatte, paßte nicht nur wegen des ortes aus dem sie kam zu ihr, sondern auch wegen ihres aussehens. die milde sonne der Moldau hatte den matten glanz ihrer locken und die perlmutterne weiße der haut, beide fast unnatürlich, geschont; nackt hätte man sie glaube ich im dunkeln leuchten sehen. ihre eltern waren außerordentlich stolz auf sie; Elvira wurde nicht müde fortwährend ihre schönheit zu rühmen und Maiorică ihren eifer; ohne zwang, ja ohne ansporn war Ilinca immer die klassenbeste gewesen und bereitete sich darauf vor, zwei klassen in einem jahr zu durchlaufen — nicht umsonst trug sie den namen jener weisen und gelehrten fürstin, ihrer urgroßmutter von seiten der Negoieni, der tochter des fürsten Petraschcu, und dann: wer wußte nicht daß die feder eines Arnoteanu, Enaches des zweiten, den anfang der wiedergeburt der rumänischen literatur bezeichnete? sie lag in der tat den ganzen tag über mit der nase in büchern hingeräkelt da, sorgfältig ihre füße verbergend als ob sie sich schämte daß sie so klein waren. die lebhaftigkeit ihres alters mangelte ihr, sie verabscheute scherzen und lachen, und in ihrem strengen blick, der die noch kindlichen züge des mädchens herb machte, las man unduldsamkeit gegenüber dem was sie ringsum sich abspielen sah.

ich hatte zugestimmt ihr dabei zu helfen einige "fächer", in denen sie sich für weniger stark hielt, zu wiederholen. indem wir währenddessen auch noch von dem und jenem sprachen erstaunte es mich, was sie für einen klugen kopf hatte, wie gesund und klar sie urteilte. als ich ihr einmal sagte wie selten man jemanden fände der wie sie nur zum vergnügen lerne, bemerkte sie daß sie mit vergnügen lerne, doch aus notwendigkeit, um einen beruf zu haben. wie, würde sie denn nicht reich sein? sie wußte doch daß sie die einzige erbin ihrer tante war, die dank einer fetten pension jedes jahr fast ihr ganzes ansehnliches einkommen dem kapital hinzuschlug? "das ja, aber das vermögen, außer daß es verloren gehen kann, ist kein hindernis für einen beruf; im gegenteil." — "mit ihrem namen?" — "warum nicht? arbeiten ist keine schande; arbeit adelt." gerade mit ihrem namen würde sie sich als "schulmeisterin" — das wollte sie werden — noch besser ausnehmen, sie würde geschätzter und geachteter sein; geachtet: darauf hielt sie mehr als auf alles andere. sie wußte wohl, was man und was sie ihrem namen schuldete: seine noch lebhafte wertschätzung hatte sich ihr offenbart bevor sie sie kannte. bei einer prüfung hatte ein hochfahrender inspektor, verwundert über die antworten der kleinen "schülerin" Ilinca Arnoteanu, sie gefragt ob sie nicht irgendwie mit dem "historischen" geschlecht der Arnotenen verwandt sei, und als er erfuhr daß dem so war, hatte er sie "fräulein" genannt, schmeichelhafte worte für sie gefunden und sie als vorbild hingestellt; und wenn sie mit ihrer tante zur fürstin Elena Cuza ging, die ihr benachbart war, wieso bestand diese stets darauf sie neben sich zu setzen, auf den ehrenplatz? — weil sie eine "echte" Arnotenin war. ja, den großen namen der würdenträger, gelehrten und stifter, sie würde ihn mit anstand tragen; ihre schwestern wetteiferten genug ihn in den schmutz zu ziehen. ah! jene schwestern, sie fand sie natürlich zu bedauern, doch das mitleid das sie ihr einflößten hinderte sie nicht sie aufs schärfste zu verurteilen; warum hatten nicht auch sie wie sie selbst sich beherrscht, warum hatten sie nicht gegen ihre natur angekämpft? ich erfuhr daß trotz ihrer äußerlichen reizlosen kühle — vogelmilch auf eis — das heiße blut der großmutter sich frühzeitig auch in ihr geregt hatte; sie hatte wallungen entsetzlicher gefühle gehabt, die pein der grausamen nächte kennengelernt wenn ihr armes fleisch sich, ganz glühend vor begierde, in sich selbst gedreht hatte, sie war krank gewesen, hatte geglaubt wahnsinnig zu werden, aber sie hatte der schande alles vorgezogen. da sie vermutlich fand daß sie in ihren enthüllungen zu weit gegangen war, wechselte sie linkisch das thema und fragte mich ob ich glaube daß sie beide prüfungen bestehen würde. mit großer ruhe antwortete ich ihr: keine einzige. vor der ersten würde sie verheiratet sein und vor der zweiten das land verlassen haben.

 

die sache war entschieden. in dem augenblick da Pantazi sie erblickt hatte und so lebhaft von ihrer ähnlichkeit mit der Wanda von einst ergriffen worden war, war seine alte leidenschaft wieder erwacht. diese verliebtheit, einzig in ihrer art, entwickelte sich nicht allmählich, vom aufkeimen bis zur reife; sie brach mit einem mal aus, jäh, verheerend, und Pantazi versuchte nicht einmal ihr widerstand zu leisten, er ließ sie immer tiefer gehen, bis zum grund, und fand eine wonne darin sich anzustacheln und zu leiden. ständig dachte er an sie, redete nur von ihr, bat mich von ihr zu reden, ganz gleich was, sogar schlechtes, aber von ihr mußte es sein. und er trank. zwar nicht mehr als gewöhnlich — das wäre auch schwierig gewesen — aber jetzt ließ er sich sternhagelvoll laufen; wohl zweimal mußte ich ihn huckepack zu ihm hochtragen. spätnachts ging er mit mir verstohlen das haus der Arnotenen umkreisen, näherte sich bebend dem fenster des zimmers wo seine vielgeliebte schlief. was er ihr zu sagen vorhatte, wundervolle dinge, und gut, oft ergreifend ausgedrückt, das sagte er mir; sie mied er, wenn er sich ihr gegenüber fand, verlor er die fassung, stammelte etwas unverständliches und floh, denn er hatte angst sie nur anzuschauen. da er jedoch sein geheimnis niemandem als mir anvertraut hatte, ging die angelegenheit in dem wachsenden tohuwabohu bei den Arnotenen unbemerkt durch. und zweifellos wäre sie auch nicht weiter fortgeschritten, wenn ich mir nicht, angetrieben von der lautersten freundschaft für beide und überzeugt das allerbeste zu tun, in den kopf gesetzt hätte sie ehelich zu verbinden.

eines abends, als er nüchtern war und sich wieder angeschickt hatte mir lang und breit zu erzählen wie sehr er sie liebe, sagte ich ihm geradeheraus daß ich daran zweifele. es käme ihm nur so vor; wenn es wirklich so wäre, hätte er sich bis dahin wenigstens verlobt. wieso zögerte er sich zu entdecken und offen um ihre hand anzuhalten? ich fand daß er das glück nicht zu schätzen wußte nach über dreißig jahren seinem wiederverkörperten liebestraum, und diesmal in vollendung, in einem wesen gleichen standes mit ihm zu begegnen. ja, wenn es etwas ernstes gewesen wäre, hätte er keinen augenblick gezaudert seine sämtlichen reichtümer diesem bezaubernden kind, das an seinem lebensabend hell wie der junge mond beim sonnenuntergang aufgegangen war, zu füßen zu legen. und hätte er vor allem andern bedacht, daß Ilinca, bald sogar, einem anderen angehören könnte; mit ihrer schönheit, ihrem namen und ihrer stellung, würde sie da wohl lange unverheiratet bleiben? als Pantazi, der mir bis dahin wie dumm zugehört und sich darauf beschränkt hatte mich nach papageienart nachzuäffen, das hörte, fuhr er plötzlich hoch und nahm sich zusammen. ich hatte in seinem herzen die saite der eifersucht anklingen lassen, hatte das tiefe menschliche gefühl geweckt, daß es weniger schmerzhaft ist etwas nicht zu haben als daß es ein anderer hat, die frau vor allem. der prozeß mit Ilinca wurde ebenso gewonnen; am folgenden tag hatte ich ihr gegenüber seine sache zu vertreten. ich erteilte umständlich und ehrlich über meinen freund auskunft, zählte alle vorteile auf, die in der folge für sie und die ihren aus der heirat die ich ihr angetragen hatte entstehen würden. sie hörte mich mit ihrer gewohnten kühle an, bat aber nicht um bedenkzeit und erklärte mir, daß sie, wenn meine aussagen was seinen reichtum betraf nur zur hälfte wahr wären, bereit sei anzunehmen. da ich die einwilligung der eltern und der tante ebenso erhielt, bestand keine gefahr mehr daß ein hindernis auftrat; ich täuschte mich nur insofern ich glaubte daß die angelegenheit im stillen vonstatten gehen würde, ohne verdruß, hatte ich doch in meiner rechnung Pirgu ausgelassen.

 

seit er zu den Arnotenen zurückgekehrt war, schien er von allen furien gehetzt. er ging, er kam, trat herein, hinaus, durch alle türen, man hätte meinen mögen daß er nicht einer allein war. pointeure brachte er jetzt massenhaft mit, mannschaftsweise. auch hatte er große zuneigung zu Maiorică gefaßt den er nicht mehr in ruhe ließ, den er liebkoste, küßte, dem er die zunge in den mund steckte. gegen abend gingen sie zusammen aus und kehrten um mitternacht ganz ebenso wieder, jedesmal ausgelassener. mit uns redete er nur noch von Maiorică, er bewundete ihn; wir stellten uns nicht vor was für ein wüstling er war: er hatte einer göre von nur fünfzehn jahren, einem süßen fratz — noch jungfrau — den kopf verdreht; und er redete Pantazi, der die augen niederschlug und die farbe wechselte, zu, nicht etwa zurückzustehen, denn ihn hatte Gott ja nicht wie Paschadia entbunden. bald hatte Maiorică seine mühelose eroberung brennend zu büßen und derselbe Gore, der sie ihm verschafft hatte, vertraute ihn der pflege doktor Nicus an.

aber was bedeutete diese niederträchtigkeit neben der die genauso geheim wie die heirat Ilincas und zur gleichen zeit in die wege geleitet wurde? ich erfuhr es sogar von Pirgu, bei einem vorzüglichen tresterschnaps, an der mündung des platzes, eines morgens nach dem gelage. faselte er oder machte er sich über mich lustig? — denn bis dahin hatte ich geglaubt daß solche sachen nur in groschenromanen vorkommen; ich vergaß daß wir an den pforten des orients sind. da er die frau als bloße ware und nur als das betrachtete, hatte er in Ilinca eine besonders wertvolle gesehen und sich ans werk gemacht, und die umstände waren ihm günstig. trotz all des vielen geldes, das seit unserer ankunft bei den Arnotenen in umlauf gekommen war, waren diese wegen ihrer verschwendungssucht eingeschränkter als vorher, entsetzlich eingeschränkt, während Paschadia, den das glück im spiel nicht einen augenblick mehr verließ, nicht mehr wußte was er mit seinem geld anfangen sollte. Pirgu hatte sich ausgerechnet, daß er aus der kombination dieser sachlagen großen vorteil ziehen könnte, und mit seinem kupplerischen geschick war es ihm gelungen Elvira zu überreden ihre tochter zu verkaufen, und Paschadia sie zu kaufen, zu einem preis der ungeheuerlich war wie die sache selbst, und von dem er den löwenanteil einstreichen würde. jetzt kam ich hinter den zweck des ausflugs den man in kürze zu den klöstern in der umgebung der stadt zu machen beschlossen hatte; in einem von ihnen, einem nonnenkloster, wo uns für die nacht obdach gewährt werden würde, sollte Ilinca, betrunken gemacht, wehrlos Paschadia als beute überlassen werden. die ausführung dieses niederträchtigen plans zu vereiteln war, nachdem ich einmal von ihm wußte, ein kinderspiel, und ich wollte es so tun daß alles in schweigen und vergessen begraben bliebe, wie es auch geschehen wäre wenn nicht, gleich nachdem wir uns getrennt hatten, Pirgu Pantazi getroffen und es ihm ebenso wie mir gebeichtet hätte. ich war den umständen dankbar, daß sie mich nicht bei dem zugegen sein ließen was wenige stunden später folgte. bei den Arnotenen hörte man vor dem mittagessen, zu dem Paschadia ausgerechnet von Pantazi eingeladen worden war, aus dem salon, wo sie allein beim aperitiv geblieben waren, plötzlich gebrüll, püffe, poltern, krachen von umgeworfenen gegenständen und zerbrechendem glas, und ich glaube daß man sich mühelos vorstellen kann was für gesichter diejenigen schnitten, die, als sie herbeigelaufen waren, dort Paschadia und Pantazi in der verbissensten prügelei verkeilt sahen, einander mit händen, fäusten, füßen bearbeitend und sich auf dem boden herumwälzend, wobei bald der eine, bald der andere obenauf war. und Pantazi war der zerzausteste und abgerissenste mann der je, wie ers dann tat, um die hand eines mädchens anhielt, selbst einer echten Arnotenin.

von alldem setzte mich, noch ganz verwirrt, Pirgu in kenntnis, nachdem ich von den beiden kämpfern jeweils ein briefchen empfangen hatte; jeder bat mich, ihm im hinblick auf eine bewaffnete auseinandersetzung mit dem anderen als zeuge zu dienen und einen zweiten zu finden. es wurde mir leichter als ich geglaubt hätte das treffen zu verhindern. ich kannte die angst die Paschadia trotz seines bruchs mit der gesellschaft vor deren meinung hatte, so daß ich nicht fehlging, als ich ihm die schwere verletzung vorstellte, die das bekanntmachen der hintergründe jener "affäre", die man nicht bloß "ehrenhandel" nennen konnte, seinem ruf eines "monsieur" zufügen würde, genausowenig wie Ilinca, als sie, auf meinen rat hin, beharrlich den verzicht auf das duell als erstes verlobungsgeschenk forderte. mehr als an meinen verdruß hatte ich daran gedacht daß Paschadia eine unglückliche hand haben könnte und dem armen mädchen alles verdürbe. unterdessen hatte diese ihrer tante aus Moldau geschrieben zu kommen. statt einer langten jedoch zwei an.

die große weiße und rote flagge war auf dem Pandinapalast eingeholt worden. mit ihrem gefolge von, wie sie sagte, "sauberen viechern" — einem papagei, zwei hunden und drei katzen — und "unsauberen" — einem französischen dienstmädchen, einem italienischen kammerdiener, einem zigeunerkoch und zwei musikanten, der eine tscheche, der andere deutscher — war die prinzessin Pulcheria nach Bukarest abgereist. zwei tage vorher hatte Dospinescu, ihr alter verwalter, vier große hotelzimmer ausgeräumt um sie alsdann mit ihrem reisegepäck zu füllen, zwei Bösendorfer gemietet und einen muscal für den tag und einen für die nacht gedungen.

capricen einer großen dame. doch gebührte es sich selbst über ihre anderen weniger harmlosen hinwegzusehen, denn sie war auch eine große künstlerin. ihr musikalischer salon in Paris und besonders die erlauchte unterstützung die viele von jenen, komponisten oder virtuosen, deren ruhm später unstreitig und allgemein anerkannt worden war, als anfänger bei ihr gefunden hatten, hatte den namen der prinzessin Canta dem vergessen enthoben, ihn in der geschichte der musik der zweiten hälfte des vergangenen jahrhunderts auf einem ehrenplatz verzeichnet.

sie war — erfuhr ich — die älteste freundin Pantazis. 1863 war der fürst Canta, als er aus verschiedenen gründen nach Bukarest kam, einige monate mit seinem töchterchen bei der fürstin Smaranda aufgenommen worden, wo die bojarenschaft sich gedrängt hatte die kleine Pulcheriţa klavier spielen zu hören. im gleichen alter wie ***, hatten sie dort wie bruder und schwester gelebt, und beide rührte die erinnerung an jene zeit, und sie sahen sich noch einmal so wie sie damals waren: sie hochgewachsen und dunkel, kühn und keck, er schmächtig und blond, schüchtern und sanft. nachdem er das land verlassen hatte, war sie die einzige person unserer guten gesellschaft gewesen zu der er die verbindung aufrecht erhalten hatte, sie hatten einander geschrieben, sich in Mailand, Bayreuth, Paris getroffen. er hatte sich deshalb verpflichtet gefühlt, sie unverzüglich zu benachrichtigen als er sich entschlossen hatte ihre nichte zur frau zu nehmen.

er hatte sie bei Milcov empfangen. sie hatte ihn in seiner neuen aufmachung kaum erkannt und die geschichte seines namenswechsels prächtig gefunden. und sie war ungeduldig Ilinca kennenzulernen. die lange unterredung der tante mit der nichte hatte ein völlig unerwartetes ergebnis: beim abschied versprach die prinzessin, deren zeitweilige ehe, ebenfalls mit einem Canta, aus einem anderen zweig, kinderlos geblieben war, ganz eingenommen Ilinca feierlich sie zu adoptieren.

die freude mit der ich diese botschaft aufnahm verdarb mir teilweise eine andere. um ihrer tante gefällig zu sein, hatte Ilinca eingewilligt die hochzeit nicht im Mai abzuhalten, dem Marienmonat, was eine verspätung von fast drei wochen bedeutete, die Pantazi höchst unangenehm war. seit einiger zeit war er stets besorgt, unruhig, verstört.

eines abends wünschte er zu zweit nur mit mir bei ihm zuhause zu speisen. etwas besonderes hatte er mir nicht zu sagen. spät gingen wir zusammen aus und stiegen in eine droschke die sich scheinbar zufällig an der straßenecke befand, jedoch auf ihn wartete; ich bemerkte, daß der kutscher uns, ohne angewiesen zu sein, aus der stadt brachte, wohin weiß ich nicht. ich war an solche spazierfahrten gewöhnt; im jahr davor war es gegen den herbst zu oft vorgekommen daß wir nachts aufs freie feld hinausfuhren, um von irgendeinem hügel aus am rand des horizonts den Fomalhaut zu betrachten. doch in jener düstern nacht schienen keine sterne und kein mond, der himmel war ganz bedeckt, und dennoch sah man fast wie am tag, unterschied alles, die bäume schienen sogar von innen erleuchtet zu sein. an einer biegung befahl Pantazi anzuhalten und bat mich auszusteigen und ihm zu folgen. weiter weg erhob sich mit klaffenden fensteröffnungen und ohne dach eine ruine.

— die teufelsherberge, sagte Pantazi. allein hier im Ilfov sind mehrere, alle mit ihren schaurigen räuber- und gespenstergeschichten; in dieser habe ich einmal nachts bei fackelschein ein gelage abgehalten.

ich bemerkte daß wir jetzt zu dritt waren; wie aus dem erdboden war eine zigeunerin aufgetaucht, eine alte, zerlumpte zigeunerin. nachdem sie mit Pantazi ein paar worte in ihrer sprache gewechselt hatte, hockte sie sich hin und begann, indem sie bohnen auf einen teller warf, wahrzusagen. wie Pantazi ihren worten lauschte, wurde sein gesicht gleichsam wächsern, während seine augen schimmerten wie zwei blaue perlen. als die zigeunerin sich erhob, gab er ihr eine goldmünze und wir fuhren zusammen ab.

— es ist sonderbar, murmelte er mit dumpfer stimme, aus bohnen lassen sich nur todeszeichen erkennen.

ich verbarg meine entrüstung darüber, daß ein mann wie er solch dummen aberglauben hege. und ich zählte wieviele tage es noch bis zum monatsende waren. ich hatte begonnen die trauungsformalitäten in die wege zu leiten, und der anwalt der prinzessin hatte es mit denen der adoption eilig. die wachsende gleichgültigkeit die Ilinca bei all dem an den tag legte hatte mich schließlich genauso verärgert wie ihre beleidigende art sich zu betragen und zu reden, sowohl fremden wie auch ihren angehörigen gegenüber, und ich hegte den verdacht daß sie nicht aufrichtig war, als sie mir mit dem lächeln ihrer großmutter auf den porträts sagte, daß es, wenn aus allem nichts würde, für sie nur ein verlorenes schuljahr bedeutete und daß sie ohne sonst etwas zu bedauern nach Piatra zurückkehren würde. sie hatte von Pantazi keinerlei juwelen annehmen wollen, denn was konnte, wie sie meinte, neben denen der fürstin Smaranda bestehen? sie hatte ihn nur gebeten ihr einen fotoapparat zu kaufen. er wurde das werkzeug dessen sich ihr schicksal bediente um sich zu erfüllen. eines morgens, nachdem sie im karren der milchfrau ein kleines mädchen gesehen hatte, wie es scheint drollig angezogen, hatte Ilinca es sich bringen lassen um es zu fotografieren. das mädchen, kaum vom scharlach genesen, steckte sie an. am anfang so leicht daß man glaubte sie würde wieder auf die beine kommen, brach die krankheit plötzlich mit solcher macht aus, daß Ilinca trotz der ärzte aus Bukarest und derer die man in aller eile aus Wien herbeibrachte, trotz der million die man demjenigen versprochen hatte der sie retten würde, starb.

noch am morgen ihres todes bat Pantazi mich durch einige zeilen für das begräbnis zu sorgen. er wußte nicht daß er etwas verlangte was über meine kräfte ging. ich brauchte jemanden der mir hülfe und ich kannte keinen erfahreneren als Pirgu. ich machte mich also auf die suche nach ihm, doch das war keine leichte sache. von Duschumea nach Vitan, von Geagoga bis zum Obor durchstöberte ich, eine droschke nach der andern wechselnd, der reihe nach und mehrere male alle schlupfwinkel, ohne ihm auf die spur zu kommen. von allen die ich nach ihm fragte hatte nur Haralambescu ihn am vortag gesehen, abends, auf dem rummel, betrunken wie ein schwein, mit einer barfüßigen im neunten monat schwangeren frau. um zwei uhr nachmittags gab ich die suche auf und entschloß mich mein herz in die hand zu nehmen und den traurigen auftrag selber auszuführen. aber da ich seit dem vergangenen abend nichts zu mir genommen hatte und spürte daß mich die müdigkeit übermannte, ging ich vorher zu Capscha um mich bei einem kaffee und kirsch zu erholen. und wen erblickten meine augen dort? Gore, Gore Pirgu in person. aufgebracht und im gesicht schwarz vor wut, fluchte er ärgerlich.

— ich dachte, sagte ich ihm, daß ich Sie nach dem erfolg von gestern abend zufriedener finden würde. er grinste breit:

— sie war "di granda", sie hätte beinah auf mir gekalbt, bei meiner ehre! und während ich meinen kaffee und kirsch schlürfte, erklärte ich ihm worum es sich handelte. ich brauchte ihn nicht zu bitten, damit er alles übernahm. ich gab ihm freie hand und hatte mich über nichts zu beklagen. Ilinca wurde fürstlich beerdigt, wie die kaiserinnen von Byzanz, als wir sie zwei tage darauf, dem schönsten des mai, mit sämtlichen blumen Bukarests zur letzten ruhestätte geleiteten. was mir bei jenem begräbnis auffiel, war nicht die vielleicht von gewissensbissen vergiftete verzweiflung der tante aus Piatra, auch nicht der sicherlich doppelte jammer der eltern, die zugleich mit ihrem kind auch die letzte hoffnung auf eine besserung ihres schicksals verloren, nicht einmal die unverschämt zufriedene miene der schwestern, die die verstorbene beneidet hatten und sie haßten wie auch sie sie verachtet hatte — was mir auffiel und mir zugleich sorgen machte war die abwesenheit Pantazis. bevor Pirgu seine ansprache beendet hatte, kehrte ich in die stadt zurück, mehr und mehr von dem gedanken beherrscht daß Pantazi sich das leben genommen hätte. doch als ich an den niedrigen fenstern des französichen gasthofs vorbeiging sah ich ihn durch die geöffneten jalousien an dem tisch sitzen den man ihm für gewöhnlich in der geschütztesten ecke reservierte, wie er ruhig und mit appetit aß und trank. und von da an betrat er das haus der Arnotenen nicht mehr und erwähnte Ilinca niemals, als hätte es sie gar nicht gegeben.

*

... seit drei monaten hatten Pantazi und ich das leben vom vergangenen jahr wiederaufgenommen, die bis nach mitternacht ausgedehnten mahlzeiten, die streifzüge bis zum morgen durch unbekannte vorstädte mit öden gassen. das laub rauschte jetzt herbstlich und war dicht wie nie, schien mir; und schwer, sozusagen als wenn der gang der zeit wahrhaftig schleppender würde, waren die überwältigenden abenddämmerungen. als ich einmal mitten in einer einschlief, hatte ich einen traum der der schönste meines ganzen lebens blieb.

es schien mir als ob jene drei Krale vom Alten Hof, in der kapelle der bösen leidenschaften, als äbte des allzu heiteren ordens, zum letzten mal die vesper abhielten, eine stumme vesper, die vesper des jüngsten tages. in langen mänteln, mit dem pallasch an der hüfte und dem kreuz auf der brust und außer dem scharlach der absätze nur in gold und grün, grün und gold gekleidet, gebunden und gehüllt, warteten wir darauf daß unser aufenthalt auf der erde ein ende nehme. ein sanftes glockenläuten verkündete uns daß die göttliche gnade sich auf uns niedergesenkt hatte: durch stolz entsühnte würden wir die erhabenen stätten wiedergewinnen. über dem chorgestühl nahmen unsichtbare schildknappen die wappenbanner ab, und eine nach der andern erloschen die sieben altarlämpchen. und wir wandten uns alle drei auf eine brücke die in den sonnenuntergang gespannt war, über immer gewaltigere bogen ins leere. vor uns hopste in der bunten tracht eines possenreißers, feixend und grimassen schneidend und ein schwarzes tuch schwenkend, rückwärts, Pirgu. und wir lösten uns auf im purpur des untergangs...

 

ich befand mich unter dem eindruck dieses traums, als ich eines tages, da ich ins café ging um neuigkeiten zu erfahren, hörte daß Paschadia gestorben war. sein tod hatte aufsehen erregt, aber nicht an sich, sondern durch die weise auf die er sich zugetragen hatte. in der letzten zeit lebte Paschadia, den man nirgendwo mehr sah, mit Raschelica Nachmansohn zusammen. die brutale raserei mit der diese einer gewissen art der wollust frönte und die den beinamen "vampir" rechtfertigte den ihr Gorică gegeben hatte, war allgemein bekannt. sie hatte sich mit erbitterung auf die freiwillige beute gestürzt, und viel war nicht nötig gewesen um sie zu erledigen; mit dem letzten tropfen der manneskraft war auch das blut hervorgequollen und das herz hatte aufgehört zu schlagen. ihrer großen ahnin Judith würdig, hatte Raschelica nicht die fassung verloren, hatte ihr haar aus den noch warmen händen des toten gelöst, sich sorgfältig angekleidet und sich unerschüttert zum polizeikommissar begeben um ihn zu bitten maßnahmen wegen des fortschaffens der leiche zu treffen, was auch, mit billigung der behörden, in aller stille geschah — denn war in dieser lage der skandal nicht überflüssig? — so daß wie gewöhnlich beim morgengrauen Paschadia zum letzten mal nach hause zurückgekehrt war. ich ging gleich dorthin. als ich mich ohne freude der wohnung näherte, erhob sich in der stille des abends eine rauchsäule über die bäume des blumenlosen gartens. die treue hand hatte ihre schuldigkeit getan; in seiner gehässigkeit war es dem mann gelungen, nach seinem tode das raffinierteste aller verbrechen zu verüben. ich bedauerte den untergang jenes großartigen werkes, aber nicht auch den des autors. Paschadia verlosch auf dem höhepunkt seines lebens; der ärger, das wachen, die ausschweifung hatten seinen körper aufgezehrt ohne jedoch im geringsten seinen geist zu beeinträchtigen der sich bis zuletzt seine ganze kühle klarheit bewahrt hatte, funkelnd wie ein stern in kristallenen frostnächten. und er hatte außerdem das glück zu sterben bevor er gezwungen gewesen wäre nach dem krieg, im alter, aufs neue die demütigung der armut zu ertragen, bevor er das vielleicht noch schmerzhaftere brennen der enttäuschung und der widerlegung spürte, zu sehen daß nicht er, sondern Pirgu recht gehabt hatte, Pirgu selbst als vielfachen millionär zu sehen, mit mitgift verheiratet und mit abfindung geschieden, Pirgu als präfekten, abgeordneten, senator, bevollmächtigten minister, der einem unterausschuß für geistige zusammenarbeit der Vereinten Nationen vorstand und seinen aufgrund einer subskription oder "enquête" nach Rumänien gekommenen ausländischen kollegen eine üppige und sibaritische gastfreundschaft in seinem historischen schloß in Siebenbürgen erwies. ich habe Paschadias leichnam nicht gesehen; als ich kam brachte man gerade die siegel an, während seine sterblichen überreste seinem willen gemäß in aller eile von Jancu Mitan fortgeschafft und irgendwohin außerhalb Bukarests gefahren worden waren, vielleicht ins "gebirge".

 

für Pantazi, der schließlich auch seinen laden in der Bărăţie verkauft hatte, gab es keinen grund seine abreise weiter hinauszuzögern. am abend davor speiste ich zusammen mit ihm in dem wirtshaus in der Covaci-straße. nicht weit von unserem tisch präsentierte Raschelica, schöner und gleichmütiger als je, ihren neuen verlobten, eine art frosch mit glotzaugen, untersetzt und stämmig. die musikanten vergaßen nicht jenen langsamen walzer zu spielen der eine der schwächen Pantazis war, den wollüstigen und traurigen walzer, in dessen wiegen sehnsüchtig und unendlich schwermütig eine so herzzerreißende leidenschaft flackerte, daß selbst die lust ihm zuzuhören mit schmerz gemischt war. sobald die saiten ihre bittere enthüllung zu singen begonnen hatten, war der ganze saal verstummt. immer verhaltener, immer tiefer, immer leiser, von wehmut und enttäuschungen kündend, verirrungen und qualen, gewissensbissen und reue, klang, in sehnsucht ertrunken, das lied aus, erstarb, schluchzend bis zum schluß, verloren, ein zu später und vergeblicher ruf.

Pantazi wischte sich die feuchten augen.

ich ging mit ihm die ganze nacht auf und ab, um gegen morgen wieder auf dem blumenmarkt beim Alten Hof anzulangen. neben der einfriedung der kirche mit dem grünen turm glimmte zaghaft ein schwaches licht das uns anzog. jemand hatte es am kopfkissen einer toten angezündet, die anständig auf einer binsenmatte ruhte. wenn man es mir nicht gesagt hätte, würde ich nicht geglaubt haben daß es Pena Corcoduscha war; wie hätte ich in jenem sanften antlitz mit den feinen zügen die grauenerregende furie vom vorigen jahr wiedererkennen sollen? im lächeln ihrer bläulichen lippen und dem blick ihrer offen gebliebenen augen lag eine verzückte zärtlichkeit; die frau die aus liebe wahnsinnig geworden war schien glücklich gestorben zu sein: vielleicht hatte sich ihr in jenem kurzen augenblick des todes, der ewigkeiten umschließt, wirklich der stolze garderitter gezeigt, in dessen wesen sich vereint der glanz zweier kaiserkronen widerspiegelte. am abend begleitete ich einen rasierten gentleman mit kurzem backenbart, im eleganten reiseanzug, bis zur grenze — einen fremden. wir saßen im speisewagen an einem tisch, auge in auge, und wußten einander nichts zu sagen. die nacht senkte sich diesmal schnell hernieder. und ich erinnerte mich an jenen, der aufgehört hatte zu sein, an den mann der mir wie ein freund seit jeher vorgekommen war und oft sogar wie ein zweites selbst, an Pantazi, als er mich fragte was wir noch trinken sollten.