Aloysius Bertrand: Gaspard de la Nuit. Erstes Buch: Flämische Schule

DER TULPENHÄNDLER

Die tulpe ist unter den blumen was der pfau unter den vögeln ist. Die eine ist ohne duft, der andere ohne stimme: die eine ist stolz auf ihr kleid, der andere auf seinen schwanz.

(Der Garten seltener und sonderbarer blumen)

Kein laut, außer dem knistern des vélins unter den fingern des doktor Huylten, der die augen von seiner mit gotischen illuminationen übersäten bibel nur wandte um das gold und den purpur zweier gefangener fische an den feuchten wänden einer glasglocke zu bewundern.

Die türflügel drehten sich: es war ein blumenhändler der, die arme mit verschiedenen tulpentöpfen beladen, sich entschuldigte die lektüre einer so gelehrten persönlichkeit zu unterbrechen.

"Meister, sagte er, hier seht Ihr den schatz der schätze, das wunder der wunder, eine zwiebel wie sie nur einmal jedes Jahrhundert im serail des kaisers von Konstantinopel blüht!

Eine tulpe! rief der verärgerte alte, eine tulpe! dieses symbol des stolzes und der wollust die in der unglücklichen stadt Wittenberg die abscheuliche ketzerei von Luther und Melanchthon hervorgebracht haben!"

Meister Huylten hakte die schließe seiner bibel ein, steckte seine brille ins etui, und zog den vorhang vom fenster, der dem blick eine passionsblume in der sonne freigab, mit ihrer dornenkrone, ihrem schwamm, ihrer geißel, ihren nägeln und den fünf wunden Unseres Herrn.

Der tulpenhändler verneigte sich ehrerbietig und schweigend, verwirrt von einem forschenden blick des herzogs von Alba, dessen portrait, ein meisterwerk Holbeins, an der wand hing.

 

 

(I, 5)